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Full text: Berliner Leben Issue 10.1907

Frau Gräfin. 
Gesellschaftsskizze von Anna Behniscli-Kappstein. 
(Nachdruck verboten.) 
Die Gräfin Rosetli hatte ihren Dienstagsempfang. Der 
Fahrstuhl, der zu ihren Appartements im Kaiserhof hinauf 
führte, war ununterbrochen in Tätigkeit. Der Führer, der 
ihn bediente, kniff die Lippen zusammen, als banne er ein 
Lächeln, wenn er die Gäste beschied: „Zweiter Stock rechts 
Zimmer 165“. Der Page, der auf dem teppichbelegten 
Korridor die Garderobe verwaltete und die Anmeldungen 
besorgte und der sonst die Ergebenheit selber war, steckte 
heute so eine dummdreiste Miene auf, wenn er bestellte : 
„Frau Gräfin lassen bitten“ — und dabei die „Gräfin“ mit 
Nachdruck betonte. 
„Der Graf soll Berlin schon verlassen haben“, flüsterte 
der pensionierte Major mit dem lahmen Bein der kleinen 
rotblonden Baronesse zu, neben der er die Salonschwelle 
überschritt. Er sagte es sehr unbefangen, aber die Baro 
nesse lächelte doch malitiös. 
Die schöne Gräfin gab sich heute noch lebhafter als 
gewöhnlich; sie sprühte förmlich. Der Major, der ein 
Haudegen war, wurde beinahe irre. „So sieht doch keine 
verlassene Frau aus.“ — „Das lernte sie doch beim Theater“, 
versetzte die Baronesse, „und das Rotauflegen“ auch. Ich 
finde, dass sie trotzdem heute alt aussieht. 
„Er hat sie geprügelt“, tuschelten zwei Herren in der 
F ensternische. 
Sie schaute sehr festlich aus in ihrer weissen Chiffon 
toilette, die Hals und Arme frei liess, sehr frei, und ein 
gut Teil minder hochmütig als sonst. Uebrigens hatte sie 
auch Grund stolz zu sein auf die Carriere, die sie weniger 
ihrer Tugend als ihrer Klugheit verdankte. Wenn man 
sich in den vornehmen Kreisen, in denen sie wider Er 
warten festen Fuss gefasst hatte, ihren Lebenslauf erzählte, 
so fing man damit von hinten an; denn seine unbekannten 
Wurzeln lagen in wohltätigem Dunkel, und man forschte 
ihnen trotz aller Neugier nicht nach aus Furcht den Um 
gang mit der ebenso geistreichen und liebenswürdigen als 
eleganten Frau verlieren zu müssen, die sich wie keine 
Rivalin zum Mittelpunkt der Gesellschaft zu machen ver 
stand. Ihr Gatte war ein einwandsfreier Kavalier mit ein 
flussreichen Beziehungen zu den Höfen. Dass er Besitzungen 
an der afrikanischen Mittelmeerküste hatte — oder doch zu 
haben behauptete —, verlieh dem Italiener einen beson 
deren exotischen Charme. Ob er sonst noch etwas besass, 
war nicht festzustellen; während der Saison, die man in 
Berlin verlebte, wusste man zu repräsentieren; im Sommer 
zog man sich auf die „Familiengüter“ zurück, und was die 
nicht einbrachten, das wurde in Monte Carlo auf nicht 
mehr ungewöhnlichem Wege erobert. Die Gräfin wieder 
verfügte über ein eigenes Relief, weil sie eine geschiedene 
Fürstin war, und der grösste Schmerz ihres Lebens blieb, 
dass sie nun auf den Titel Durchlaucht verzichten 
musste. Bei der Durchlaucht hörte bei vielen Freunden 
und Gönnern des Grafenpaares schon das Gedächtnis auf. 
Immerhin wussten die meisten, dass Gräfin Virginias ver 
flossener Fürst sie direkt von der königlichen Bühne in 
sein Palais geführt hatte, nachdem sie als erste Liebhaberin 
Gobert Belling 
der weltberühmte Clown, z. Zt. Apollo-Theater, Berlin. 
einen glänzenden Namen und noch glänzendere Juwelen 
errungen. Dass er das getan, war eine Gefälligkeit gegen 
eine noch höher gestellte Persönlichkeit; man wusste es 
auch, aber eben dadurch war Virginia gut lanciert. 
Die Gäste kamen und gingen, Ministerfrauen, Generäle, 
Schriftsteller und Künstler, Geldaristokratie. Die Jungfer 
reichte Konfekt und Tee; die Gräfin hielt mit königlicher 
Würde Cercle, entschuldigte den Gemahl, der in Familien 
angelegenheiten auf einer Reise in die Heimat abwesend 
sei, und bestrickte alle Welt mit ihrem kleinen süssen 
Lächeln, das niemals aufmunterte und doch nichts abschlug. 
„Frau Gräfin sahen einfach bezaubernd aus beim Roten- 
Kreuz-Fest“, schmachtete eine fette Rittmeisterswitwe, die 
jeden Dienstag bei der Gräfin schmarotzerte. 
„Die Gräfin sieht immer bezaubernd aus“, korrigierte 
eine alte Wirkliche Geheimrätin, die die Nebenbuhlerin um 
die Gunst der Gräfin gern verdrängt hätte. 
„Und wie Frau Gräfin das Fest wieder arrangiert hatten“! 
fuhr die Rittmeisters Frau fort, ohne den Einwand zu be 
achten, „Es ist doch die einzige Veranstaltung in Berlin, 
die es sich zu besuchen lohnt. Frau Gräfin werden sich 
unsterblich machen durch diese Kostümfeste.“ 
Die Gräfin lächelte zerstreut. 
Die verheissene Unsterblichkeit war schwer zu über 
bieten. Die hagere Rätin blinzelte so lange mit den kleinen 
wasserblauen Augen, bis eine Träne der Rührung darin 
erschien. Dann reichte sie der Wirtin verzückt die Hände. 
„Und wie Sie sich aufopfern, teuerste Gräfin! Alles für 
den guten Zweck. Jeden Winter dieses grosse Wohltätig 
keitsfest; welche Selbstverleugnung gehört dazu es vorzube- 
reilen und zu leiten — und immer bei Stimmung, immer 
für alles bereit in ihrer bekannten Güte . . .“ 
Gräfin Virginia lächelte noch zerstreuter, fast ungeduldig, 
„Mein Gott, lassen wir doch das Fest, es ist ja schon acht 
Tage her.“ 
„Noch in acht Wochen werden wir von diesem einzigen 
Abend schwärmen“, flüsterte die ölige Offizierswitwe und 
hob die Blicke zur Decke. Und auch Frau Gräfin müssen 
sich doch gern erinnern . . . dieser Andrang, diese Kauf 
lustigen an den Buden . . .“ 
Ein rundlicher Kommerzienrat mit ausrasiertem Doppel 
kinn fing die letzten Worte auf und trat herzu. In der 
Tat gnädigste Gräfin, wollte mir schon die Frage erlauben, 
wie Sie mit den Resultaten zufrieden sind. Der Ertrag 
muss — nach dem flüchtigen Ueberschlag, den ich mir 
gemacht habe —“ 
Er war Komiteemitglied und unterstützte die winter 
lichen Wohltätigkeitsunternehmungen der Gräfin jährlich 
mit einigen tausend Mark. Er durfte sich die kaufmännische 
Neugier erlauben. 
Das begehrte Lächeln der schönen Frau spielte von 
den Mundwinkeln bis zu den Augen, doch die Augen 
lachten nicht mit. Unter der Rosenfarbe ihrer Wangen 
wurde sie um einen Schein blasser; aber sie versetzte 
gleichmütig, nur mit etwas kurzem Atem: „Ach, lieber- 
Krohn, wenn Sie wüssten, wie umständlich die Abrech 
nungen sind — mit den einzelnen Lieferanten, mit der 
Musik ... es ist zum Verzweifeln. ... Vor drei, vier 
Wochen wird sich der Ertrag kaum übersehen lassen.“ 
„Na, dass es sich um neun- bis zehntausend Mark 
Reinertrag handeln muss, liess sich doch schon am Fest 
abend abschätzen. Vielleicht lässt sich noch mehr heraus 
schlagen, wenn man den Leuten ihre Rechnungen ein 
bischen beschneidet.“ 
Im Gesicht der Gräfin versteinerte sich das Lächeln; 
ihre Augen blickten gross und starr. Eine kleine unauf 
fällige Pause. Dann nach einer gewaltigen Anstrengung 
eine spielerische Kopfbewegung, ein leichter Tonfall: „Da 
sieht man, dass der Herr Kommerzienrat keine Ahnung 
hat, was Damentoiletten kosten. Die Kostüme der Libellen 
allein, und dann die Dekorationen zum Rosenmärchen, —• 
ich sage Ihnen, die verschlangen ein kleines Vermögen. 
Kaum auf die Hälfte der Summe darf ich rechnen für 
meine Schützlinge.“ 
Unter den dichten Brauen des Handelsherrn blitzte ein 
scharfer Blick hinüber. Virginia fing ihn auf mit einem 
Biegen ihres weissen Halses; sie atmete stark, und der 
Blick lief an den schlanken Linien hernieder in das 
wogende Spitzengekräusel auf ihrer Brust. Der Mann war 
abgelenkt von seinen Geschäftsinteressen. Das Geschmeide 
schimmerte an ihren Fingern und in ihrem Haar; sie hatte 
heute mehr davon angelegt als sie sonst zu tragen pflegte. 
Und sie wollte, dass man die Kostbarkeiten bemerkte, ihre 
Hände nestelten an ihnen, ihre Blicke hefteten sich darauf. 
Heut lag ihr alles daran, nicht nur als vornehme, sondern 
auch als reiche Frau zu gelten. 
Die Kammerjungfer trat heran und flüsterte, eine Ge- 
sehäftskarte in der Hand. 
„Ein ander Mal“, beschied die Herrin nervös.“
        
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