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Full text: Berliner Leben Issue 10.1907

weilen. Künstlerlaune, gnädige Frau. Uebrigens freut 
er sich unendlich auf die Bekanntschaft mit Ihnen. 
Sie sind bereits glückliche junge Mutter, wie ich hörte. 
— Aber was ist Ihnen denn, gnädige Frau?“ 
Henny war feuerrot aufgesprungen. 
„Es ist so dumpfig hier — ausserdem — ich muss 
jetzt nach Hause — sie warten ja alle auf mich.“ 
„Nur einen Moment, gnädige Frau. Ich besorge 
sofort eine Taxe.“ . . . 
Sie sass im Wagen, sie wusste nicht wie. Er 
neben ihr. 
„Nun sind Sie mir gewiss recht böse?“ fragte er 
während der Fahrt mit demütiger Impertinenz. 
„Weshalb denn?“ Sie sprach ganz mechanisch. In 
ihren Ohren sauste und brauste es, ihr Herz klopfte 
zum Zerspringen vor einer ganz unerklärlichen, nie 
gekannten süssen Bangigkeit. 
„Nun wegen meines Geständnisses.“ 
„Ach nein — denn —“ Henny wusste nicht, woher 
sie auf einmal den Mut fand — „denn ich habe Ihnen 
ja auch eins zu machen. Sie haben mich zuerst be 
handelt, wie ein Baby, das ärgerte mich, und darum 
tat ich, als ob ich verheiratet wäre. Ich bin aber gar- 
nicht Frau Rechtsanwalt Fechner, sondern meine 
Schwester ist es.“ 
Sie wandte sich ab, um den Triumph in den Teufels 
augen nicht blitzen sehen zu müssen. 
„Das habe ich ja schon längst gemerkt“, flüsterte 
er innig, „und ich bin dem gütigen Schicksal ent 
schieden dankbar.“ 
Sie erglühte. 
„Aber bitte, erzählen Sie Axel nichts davon. Sonst 
hat er sofort Oberwasser.“ 
„Nein, gewiss nicht. Sie mögen ja diesen Herzen 
knicker nicht leiden. Wenn er aber garnicht so ein 
gebildet, launenhaft und anspruchsvoll ist, wie Sie ihn 
sich ausmalen, sondern ein ganz einfaches natürliches 
Menschenkind — z. B. so wie ich — werden Sie ihn 
dann auch schlecht behandeln, hm?“ 
Ne — ein. Dann — dann nicht. Aber das ist 
wohl ausgeschlossen.“ 
Der Wagen hielt mit einem plötzlichen Ruck. 
„Grüss Gott, Axel!“ ertönte die Stimme des Rechts 
anwalts vom Balkon herunter. „Alter Junge, bist Du’s 
denn wirklich?“ . . . 
Wie elektrisiert aus dem Wagen springen und zur 
Haustür hinein die Treppe hinaufjagen war für Henny 
das Werk weniger Sekunden. Oben angekommen flog 
sie der noch ahnungslosen Schwester um den Hals. 
Aber Kind — um Gotteswillen! Was ist denn los?“ 
„Lena, ach Lena! Er ist da — der Herzens 
knicker.“ 
Bei der Damenkapelle. 
Skizze von Max Wundtke. 
(Nachdruck verboten.) 
Die letzten Klänge der Brautschaupolka fluteten 
mit zündendem Rhythmus durch den weiten, von 
elektrischen Glühbirnen taghell erleuchteten Saal. Die 
Mitglieder der Damenkapelle, die im Hintergründe auf 
einem Podium fronte, in blütenschneeweisenGewändern 
und mit grünen Schärpen und Haarschleifen, legten 
ihre Instrumente beiseite, steckten die Köpfe zusammen 
und tuschelten mit einander. Einige winkten und 
lachten auch wohl in das Publikum hinein und da war 
eine, die hob ein Glas Bier hoch und trank einem 
Herrn zu, der nicht weit von ihr an einem Tische sass 
und lachend sein Bierglas ebenfalls hochhielt. Nur 
die erste Geigerin, neben der Dirigentin, ein feines 
Gesicht, von tizianblonden Haaren an Schläfen und 
Ohren halb versteckt, sah teilnahmlos vor sich hin. 
Die Kolleginnen kannten die blonde Ilka zur Genüge 
und Hessen sie gewähren; sie war nie so recht eine 
von den ihren. Am Anfang, als sie, ein neuengagiertes 
Mitglied, in die Kapelle eingetreten, hatte sie unter 
allerhand Vorwänden die Gesellschaft sofort nach 
Schluss der Konzerte verlassen; aber das wollte sich 
der jetzige Gastwirt nicht gefallen lassen. „Die Kapelle 
wird mir teuer genug“, remonstrierte er, dafür muss 
sie mir nach dem Konzert ein paar spendierfrohe junge 
Leute Zusammenhalten. Wenn das pikanteste Mädel 
der ganzen Gesellschaft gleich hinterher nach Hause 
gehen will, bleiben die jungen Herren auch nicht mehr 
im Lokal und dann geht mein ganzer Verdienst zum 
Kuckuck. Ich bestehe also darauf, dass das Mädel 
hierbleibt und sich mit Gästen unterhält. Da ist doch 
nichts Schlimmes dabei.“ So musste die blonde Ilka 
sich fügen und hatte sich schliesslich darein gefunden. 
Aber „etwas Apartes“ behielt sie immer an sich. 
Ilka war heut ganz besonders nachdenklich. Ein 
paarmal suchte ihr Blick den dichten Tabaksrauch zu 
durchdringen, der wie ein blauer Schleier über dem 
Saal lag, als spähe sie nach jemand aus; aber da sie 
niemand entdeckte, griff sie in die Tasche und holte 
ein zerknittertes Briefchen hervor. Zärtlich glättete sie 
es und begann zu lesen, zum so und sovielten Male . . . 
Die schweren, ungelenken Züge mussten ihrem 
Herzen doch sehr wohl tun; denn zuweilen flog ein 
recht tiefinnerliches Lächeln über ihr Auge. Ach, es 
war ja auch die Mutter, die da so verzeihend und 
lockend ihrem verirrten Kinde schrieb. Verirrten 
Kinde . . ? Nun ja; das war ihre Meinung; aber Ilka 
dachte anders darüber. Es musste ihr wohl ein Stück 
von dem Erbteil ihres Vaters im Blute stecken, der 
auch so ein herumziehender Vagant gewesen und nir 
gends Ruhe finden konnte. Aber er war frühzeitig 
gestorben, und das Mädel — zu Hause hiess sie Marie, 
den Namen Ilka hatte sie erst später als „Künstler 
namen“ angenommen, — war sich selber überlassen 
geblieben. Die wildeste Hummel des ganzen Städtchens 
war sie; trotzdem hatte sie jeder gern. Da fügte es 
der Zufall einmal, dass sie in der Wohnung des Schul 
lehrers eine Geige in die Hand bekam. Nun war ihr 
Schicksal entschieden. Von nun an war ihr ganzes 
Sinnen und Trachten von der Musik untrennbar, und 
ihre Begabung hielt mit ihrer Leidenschaft gleichen 
Schritt. Es dauerte nicht lange, da war sie soweit, dass 
sie von dem Schullehrer nichts mehr lernen konnte 
und nun begann ihr suchender Blick in die Ferne zu 
schweifen. Die Mutter mochte von der Schwärmerei 
für Musik und dem Drange nach draussen bei ihrer 
Tochter nichts wissen; deren Wunsche, in die Haupt 
stadt zu ziehen und das Violinspiel gründlich zu er 
lernen, widersetzte sie sich mit Zähigkeit. Da machte 
die Marie kurzen Prozess. Eines schönen Tages war 
sie verschwunden, ein Zettel teilte der Mutter mit, dass 
sie in die Welt gegangen sei und nicht eher zurück 
kehren werde, als bis sie eine grosse Künstlerin ge 
worden sei. 
Im Grunde genommen war es weniger das heisse 
Verlangen nach der Kunst, was die blonde Ilka aus 
dem Elternhaus getrieben, als das ungestüme Blut, der 
Drang nach Abenteuern. Dabei war sie aber nicht 
etwa leichtsinnig; sie hatte wirklich ihre Grundsätze 
und Hess sich von den besten Absichten leiten, und 
als sie in der Residenzstadt merkte, dass das Vorwärts 
kommen nicht so leicht war, wie sie sichs vorgestellt 
hatte, da wäre sie gern wieder in die Obhut der Mutter 
zurückgekehrt, wenn nur ihr Stolz nicht gewesen wäre. 
Nun hatte sie der Zufall in diese Damenkapelle ver 
schlagen, und das Leben dabei war ihr zu neu und zu 
wechselnd, um es ihr nicht reizvoll erscheinen zu 
lassen. Und noch etwas war, das sie dabei festhielt. 
Eine laute, ausgesprochene, und eine leise, unaus 
gesprochene Hoffnung . . ., beide innig verwoben 
mit einer jener Männergestalten, die auf gewisse leicht 
entzündliche Frauenherzen geradezu verheerend wirken, 
während sie der Menschenkenner nur zu oft mit der 
Bezeichnung „nichtssagend“ abzutun pflegt. Ilka hatte 
„ihren Fritz“ hier in diesem Lokal kennen gelernt. 
Seine Methode, die blonde Ilka zu gewinnen, konnte 
nicht zweckentsprechender sein. Er spielte sich als 
erfahrenen Musikkenner und als besonderen Bewunderer 
ihres Talentes auf, sprach von seiner Freundschaft mit 
ausgezeichneten Geigern und fand es unverantwortlich, 
dass ihr Genie auf diese Weise verkümmern sollte. 
So hatte er Ilka völlig für sich gewonnen, und all ihre 
Träume vom Glück der Künstlerschaft und vom Glück 
der Liebe rankten für sie um ihren Fritz. Der glaubte 
an ihre Kunst; der hatte versprochen, für ihre Aus 
bildung zu sorgen und ihr den Weg zum Ruhme zu 
ebnen; der betete sie an und würde sie später zu seiner 
Frau machen. Was verlangte sie mehr vom Glück? 
Nein, so lebhaft auch die Sehnsucht nach der mütter. 
liehen Liebe wieder in ihr erwacht war . . . nun sie
        
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