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Full text: Berliner Leben Issue 10.1907

man, in Berlin sei sie kaum wieder so vollendet gesungen 
worden, als von diesem Künstler der Kehle . . Ein frisches, 
ansprechendes, weiches Organ, leicht bis zum B hinauf 
reichend . . — Auch die Primadonna der Komischen Oper 
Maria Labia kann sich über die Erfolge ihrer Berliner 
künstlerischen Wirksamkeit nicht beklagen. Bei ihrem 
ersten Auftreten in dem Musikdrama „Toska“ jubelte ihr 
das Publikum zu und die Presse lobte — man möchte 
sagen in Oktaven von tiefem c— bis zum hohen c— ihre 
Stimmittel und schauspielerische Darstellung, die freilich 
ein seltener Zauber körperlicher Formen unterstützt — und 
jetzt wieder hat sie als „Carmen“ ihren Ruf um vieles 
gefestigt, ihren Ruhm ausserordentlich erhöht. — Wir 
machen einen Abstecher ins Reich der Wissenschaft und 
bringen eine leider kürzlich verstorbene Capazität der 
medizinischen Chemie. Geh. Medizinalrat Professor Dr. 
Oskar Liebreich, Direktor des pharmakologischen 
Instituts der Universität, hat in der Arzneimittellehre 
ganz Hervorragendes geleistet, er war der erste Mediziner 
gewesen, der das Chloralhydrat zur Anwendung gebracht. 
— 1832 wurde es von dem Gelehrten zuerst dargestellt, 
1869 entdeckte er dessen schlafbringende Wirkung. — 
Zu den Kunststätten, die der fröhlichen Muse geweiht, 
schon bei Saisonbeginn der Theaterlotterie ihren Treffer 
zogen, gehört das Thaliatheater in der Dresdener Strasse. 
Die Direktoren Jean Kren und Alfred Schönfeld 
haben in den Sömmerferien Szenen, Akte und Musik 
einlagen gesät, um jetzt im Herbst mit einem erfolgreichen 
Stück die herrlichsten Lorbeeren und musikalischen Kassen 
rapporte zu ernten. Sie haben „Ihr Sechs-Uhr-Onkel“, 
einen Schwank mit Gesang in 3 Akten geschrieben und 
haben ihn mit ausserordentlicher Wirkung zur Aufführung 
gebracht. Von den Darstellern masculini und feminini 
generis hatten sich Sondermann, Rieck, Junkermann und 
Helene Ballot, Emmy Wehlen, Johanna Junker-Schatz be 
sonders hervorgetan. — Die Wochenmärkte haben sich 
merkwürdigerweise mehr in Berlin W. als in den ärmeren 
Vierteln der Hauptstadt erhalten und zu den frequentier 
testen, sowohl seitens der Verkäufer, als auch des kaufenden 
Publikums rechnet der Wochenmarkt am Winterfeld 
platz. Von dem mannigfaltigen Leben eines Marktes legt 
unser Bild ein beredtes Zeugnis ab. Blumengeschäfte, 
Schlächtereien. Porzellanhandel unter für den Tag erbauten 
Zelten sind reichlich vertreten, und in bunten Durcheinander 
die vornehme Rentiere, das chike Dienstmädchen, die be 
schürzte Arbeitersfrau mit Korb und Taschen, um preiswert 
und gut einzukaufen. Dass bei einem solchen „Konkurs“ 
‘— hier im Sinne — solchem Zusammenlauf, die hohe 
Polizei und der städtische Beamte nicht fehlt, das braucht 
schon deswegen nicht betont zu werden, als sie auf dem 
Bilde mit der nötigen Grandezza genügend Bervortreten. — 
Unsere Seiten 10 und 11 stehen im Zeichen- hervorragender 
Skulptur. Es erschliessen sich unseren Blicken vier Ateliers 
bekannter Berliner Meister und es bietet sich fast in jedem 
Atelier uns der Reiz, zu beobachten, wie diese Meister an 
ihre Schöpfungen die letzte Hand legen. An einer Kaiser 
büste arbeitet Professor Johannes Boese. Der noch in 
den besten Jahren sich befindende Künstler hat schon viel 
Ruhm geerntet; seine Werke zeichnen sich aus durch scharfe 
Charakteristik verbunden mit einer zum Ausdruck gelangenden 
lebendigen Seelenmalerei. — Ein „Kaiser Friedrich“ prangt 
uns im Atelier des Professors Ernst Herter entgegen* 
Ernst Herter, in Berlin am 14. Mai 1846 geboren, Schüler 
von Fischer, Bläser und Alb. Wolf, wirkt hier als 
Lehrer an der Akademie. Unter seinen zahlreichen Arbeiten, 
die eine grosse formale Begabung verraten, sind besonders 
der „Sterbende Achill“ in der Nationalgalerie, die „Helm- 
holtzstatue“, der „Loreleibrunnen“ als Heine-Denkmal in 
New-York zu nennen. — Eine herrliche, ebenso von 
klassischem Formenzauber, als auch von tiefer, seelischer 
Stimmung sprechende Arbeit ist das eigenartige Werk» 
das uns im Atelier des Professors Wilhelm Haverkamp 
fesselt — ja geradezu gefangen nimmt. — Mehr der Dar 
stellung und Wiedergabe körperlicher Formen des zarten 
Geschlechts wendet sich der Berliner Bildhauer Arthur 
Lewin-Funcke zu, um innerhalb dieser Peripherie aller 
dings Meisterhaftes zu leisten. Formschönheit und Anmut 
einen sich bei seinen Akten zu einem eindrucksvollen Ganzen 
und hoheitsvollen Keuschen. — Figuren altägyptischer Zeit, 
Reliefs und Zeichnungen aus dem Lande Pharaos glaubt 
man zu sehen, wenn man den Uebungen in der Tanz 
schule Raymond Duncans beiwohnt. Es ist Tatsache, 
die Bewegungen, so naiv und einfach wirkend, sind 
durch die Lehrkunst unserer sonstigen — auch der be 
rühmtesten Tanzmeister noch nicht hervorgebracht worden. 
Welche Plastik? . . Welche Seele? . . Welche Historie? 
Welche Naivetät? . . Die einzelnen Gruppen stellen Szenen 
aus „Alkestis“ dar, welches Stück — in der Hauptsache 
aus Tanz und Chorgesang bestehend — im nächsten Monat 
an einem hiesigen Theater zur Aufführung gelangt. — Ein 
Universalartist ist Sylvester Schaffer jr., der zurzeit 
im Apollo-Theater auftritt und in seiner Vielseitigkeit 
das Publikum so intensiv unterhält, wie es sonst kaum ein 
halbes Dutzend Artisten zu Wege bringen, die zusammen 
ein Programm bilden. Er tritt als „Jongleur“ auf, produ 
ziert sich als „Schnellmaler“, reitet auf einem prachtvollen 
Fuchs die „hohe Schule“, beweist als „Kunstschütze“ eine 
fabelhafte Treffsicherheit, spielt in der Maske von „Sara- 
sate“ und „Strauss“ vorzüglich „Violine“, belustigt das 
Publikum als „musikalischer Excentrik“ und stellt wunder 
volle Bilder „olympischer Spiele“. Man möchte fast 
sagen: Ein Chamäleon der artistischen Kunst! Sylvester 
Schaffer jr., ein Enkel des Gründers der' Artistendynastie 
Schäffer, und Sohn des Sylvester Schäffer, der in vierzig 
Jahren Berufstätigkeit Gold und Ehren in Fülle gesammelt 
hat, führt solchermassen im wahren Sinne des Wortes, die 
Tradition des Plauses aufrecht haltend, die Kunst des Gross 
vaters und Vaters fort. — „Einst und jetzt“ — nicht 
der Titel eines Romanes, oder zweier historischer Zeit 
gemälde im Contrast — und doch, wenn wir unser Auge 
die Bilderserie streifen lassen, ein Titel, der tausend Romane 
und mehr umfasst, der im Nu ein Stück Entwicklungs 
geschichte uns vor der Seele lebendig werden lässt, die 
für Deutschland ein Stück Weltgeschichte bedeutet. Die 
Friedrichstrasse zwischen der Jäger- und Fran 
zösischen Strasse 1865 — Friedrichstrasse, Ecke 
Leipzigerstrasse jetzt! D. h. also, Berlin vor dem 
70er Kriege — eine Art grosse Provinzialstadt — nach dem 
Kriege eine Weltstadt und mit die grösste Stadt Europas. 
D. h. vor dem Kriege noch ein Kleinbürgergemeinwesen 
mit Strassen, in denen sich eine Droschke und ein Mensch 
wie Wundererscheinungen ausnehmen, eine Stadt, die noch 
keine Kanalisation kannte, wo in Gräben das Schmutz 
wasser abfloss, mit Bohlen bedeckt, die bei Platzregen auf 
Reisen gingen und umherschwammen . . und nach dem 
Kriege, wo jeder Pflasterstein einen Menschenroman er 
zählen könnte, wenn es noch welche in der Friedrichstrasse 
gäbe, wo Palast an Palast Wunderwerke moderner Industrie 
in Schaufensterauslagen feilbieten, wo sich das Strassen- 
leben mit den daher- und dahinsausenden Autos, Autobus, 
Privatautos usw. und dem Gewirr der nervös eilenden 
Fussgänger zu „orgienartiger“ Erscheinung ausgebildet hat. 
— In der Tat ■— Berlin ist eine Grossstadt und was mit 
ihm in Berührung kommt, wird gewissermassen infiziert — 
kriegt seinen Stempel aufgedrückt. Davon gibt uns einen 
Beweis das neu erstandene Familienbad Wannsee, 
das Ereignis des Sommers 1907. Berlin im Bade? Stadt 
bahn und Autoomnibus giessen besonders am Sonntag einen 
unermesslichen Strom Berliner, nach Seewasser Dürstende, 
aus; am Ziele geben sie sich nach mehr oder weniger um 
ständlichen Vorbereitungen, teils mit Humor, teils mit 
Anstand der Erquickung in den spielenden Fluten des 
Wannsees hin. — Zum Schluss wenden wir uns noch 
einmal den weltbedeutenden Brettern zu und bringen die 
Szene aus einem Werke, das von dem bekannten hier in 
Berlin domizilierenden Schriftsteller Georg Okonkowski 
und dem noch bekannteren in Berlin geborenen Lustspiel 
dichter Curt Kraatz verfasst, in Pyrmont aufgeführt 
worden ist. Das von Humor durchtränkte Werk heisst 
„Die gelbe Gefahr“ und wird demnächst hier zur 
Aufführung gelangen. Ernst Körner, der Direktor des 
Fürstlichen Schauspielhauses setzte es mit grossem Geschick 
in Szene und die Darsteller — meist Berliner — gaben 
ihr Bestes um dem Schwank zum durchschlagenden Erfolge 
ZU verhelfen. Bernstein-Sawersky.
        
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