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Full text: Berliner Leben Issue 10.1907

Ein Mann soll in einem Schreibtisch den Brief 
finden, welcher den Beweis der Untreue seiner Frau 
enthält; — er zieht die Schublade auf, kein Brief darin! 
was nun? 
Ein Anderer soll seinen Gegner niederschiessen, er 
greift in die Tasche und merkt, dass er den Revolver 
nicht bei sich hat. Den Totbestimmten zu erwürgen 
ist nicht immer angängig. 
Dass solche Fehler nicht vorfallen können, indem 
die notwendigen Requisiten stets vorhanden sind, dafür 
hat der Requisiteur, ein zum Beschaffen und Verwalten 
der Requisiten angestellter Beamter, zu sorgen, dass 
sie aber auf dem richtigen Platze liegen und im Be 
sitz der richtigen Person sind, ist Sache des Inspicienten. 
Begleiten wir den Vielgeschäftigen einmal ein Stück 
auf seinem Berufswege. 
Es ist Abend, um einhalb acht geht die Vor 
stellung an, etwas vor sieben erscheint der Inspicient 
im Theater. 
Die Decoration des ersten Aktes ist bereits aufge- 
baut, es ist ein bürgerliches Zimmer, die Möbel stehen 
auf der Bühne und die nötigen Requisiten sind da. 
Der Inspicient nimmt sein Scenarium — — — von 
diesem später — und inspiciert die Bühne. Die Möbel 
stehen richtig. Vorn links auf dem Tisch hat ein 
Strickzeug zu liegen, es liegt da, auf dem rechts muss 
ein Album mit einer bestimmten Photographie liegen, 
es ist vorhanden. In einem Kleiderschrank hat ein 
Regenmantel und ein Gewehr zu hängen, beides ist 
am Platze, Schreibpapier in einer Schublade, eine Wein 
flasche nebst zwei Gläsern in einem Servierschränkchen 
ist gleichfalls da. Die Bühne ist in Ordnung. Es ist 
jetzt sieben geworden — er geht zu den elektrischen 
Glocken und gibt das Siebenuhrzeichen; ein längeres, 
einmaliges Glockensignal. Das gilt den Darstellern und 
dem Hauspersonal. Dies Zeichen wiederholt sich um 
Einviertel, wo zweimal geklingelt wird und um halb 
also zu Beginn der Vorstellung, wo ein längeres kurz 
unterbrochenes Läuten den Anfang der Vorstellung 
anzeigt. 
Hat der Inspicient das Zeichen gegeben, so inspi 
ciert er die in dem Stück gebrauchten Requisiten, alle 
jene möglichen und unmöglichen Dinge, die die Dichter 
in ihren Stücken verwendet haben wollen und die von 
der Aalangel bis zum Zwirnzwickel so ziemlich alle 
Gegenstände umfassen die Menschenhände angefertigt. 
Nun erscheint der Regisseur, der direkte Vorgesetzte des 
Inspicienten, der künstlerische Leiter der Vorstellung. 
Auch er hat sich eigentlich zu überzeugen, ob alles in 
Ordnung, er begnügt sich aber gewöhnlich mit der 
blossen Frage nach diesem Zustand. 
Es ist halb acht. 
„Anfängen!“ sagt der Regisseur „ist alles da?“ 
Der Inspicient, der sich vorher überzeugt hat, dass 
alle in dem Akt oder wenigstens in den ersten Scenen 
auftretenden Schauspieler zur Stelle sind, bejaht diese 
Frage und gibt mit einer Schlagglocke das Zeichen 
zum Hochziehen des Vorhangs. Dieser hebt sich. Die 
Bühne ist leer, nach der Vorschrift des Autors. Kaum 
ist der Vorhang „hochgegangen“, wie man beim 
Theater sagt, eilt der Inspicient schon in eine Ecke, 
wo an einer Art Galgen drei Stahlstangen von ver 
schiedener Länge, zwei, anderthalb und einen Meter 
Länge hängen und beginnt mit einem hölzernen 
Hammer bald laut, bald leise dagegen zu schlagen. 
Das ist das vom Dichter vorgeschriebene Glockenläuten. 
Sobald dies beendet, ergreift er mit der Linken einen 
bereitliegenden Schellengürtel nnd mit der Rechten eine 
Peitsche worauf er, den Gürtel schüttelnd und mit der 
Peitsche knallend mit gebogenen Knieen auf die Mittel 
tür zutrabt. Das ist ein ankommender Schlitten. An 
der Mitteltüre stehen ein Herr und eine Dame. 
Auftreten ruft der Inspicient, der zu klingeln aufge 
hört hat und die beiden gehn hinaus. Der Inspicient 
läuft ins Conversationszimmer, in welchem sich die 
Schauspieler aufhalten und sagt: 
„Herr Müller, Sie sind der Nächste!“ 
Nachlässig erhebt sich der Gerufene und folgt dem 
Inspicienten, ohne sich von der drohenden Stellung, 
die dieser angenommen hat, weiter abschrecken zu 
lassen. Der Inspicient steht nämlich, den Kopf gegen 
die Decoration geneigt, in der erhobenen Hand einen 
gespannten Revolver haltend, neben der Mitteltür. 
Lautlos folgt er dem auf der Bühne geführten Dialog, 
bis die Worte fallen: 
„Siehst Du, liebe Eulalia, die Wärme dehnt aus 
und die Kälte zieht zusammen, deshalb sind auch die 
Tage im Sommer lang und im Winter kurz.“ 
„Bumm!“ Der Inspicient hat den Revolver losge 
drückt. Es war sein Stichwort, der Schuss musste 
fallen, denn der eine Darsteller hat mit den Worten: 
„O Gott, ich bin getroffen!“ zusammenzubrechen. Der 
Inspicient legt den rauchenden Revolver aus der Hand 
und lauscht wieder auf den Dialog. „Den Mörder 
wird die Rache Gottes treffen!“ tönt es auf der Bühne. 
„Ihr Stichwort!“ sagt der Inspicient zu dem an der 
Tür stehenden Müller und eilt weiter, weil von der 
anderen Seite Hundegebell kommen muss. Während 
der Inspicient bellt, tritt Müller auf. 
Der Unermüdliche hat in der Zeit, in welcher 
Müller seine Scene spielt, den nächsten Schauspieler 
benachrichtigt, dass die folgende Scene die seine sei, 
nun holt er sich ein paar Theaterarbeiter und ein paar 
Schauspieler zusammen, die auf ein Stichwort Hurra 
schreien müssen, während er zugleich dafür sorgt, dass 
der Schauspieler auftritt. So geht es weiier durch das 
ganze Stück. Kanonendonner, Zephyrfächeln, Wellen 
rauschen, Bergstürze, Herdenglocken, Sturmmarsch, 
Wind, Regen, Schnee, Blitz, Donner, Grabgesang und 
Hochzeitsjubel, Gläserklirren, Rüdengekläff und Flöten 
spiel alles, alles ist das Werk des Inspicienten, und 
wenn er auch nicht alles selbst zu machen im Stande 
ist, so sorgt er doch dafür, dass alles zu rechter Zeit, 
in rechter Weise und am rechten Orte vor sich geht. 
Dabei schickt er jeden S hauspieler hinaus und sorgt, 
dass jeder die richtigen Gegenstände bei Uch hat. 
Dass er dies alles nicht ohne Hilfsmittel verrichten 
kann ist selbverständlich, dei klügste Kopf, dergiösste 
Gedankenkünstler der Welt wäre nicht imstande, sich 
nur die vielen Stichworte zu behalten, noch weniger 
aber, was auf das Stichwort folgt, Verwechselungen, 
Fehler, Missverständnisse wären unvermeidlich. Um 
diesen allem vorzubeugen, hat der Inspicient das 
Scenatium. Dasselbe ist ein schematisch eingeteiltes 
Register-Verzeichnis aller in dem Stück vorkommender 
Handlungen, Stichwörter. Auftritte und an der Hand 
deseiben ist es dem Inspicienten n öglich, die Vor 
stellung zu leiten. 
Trotz der grossen Uebersichtlichkeit dieses Hilfs 
mittels, vergeht beinahe keine Vorstellung, in der nicht 
ein kleinerer oder grösserer Fehler vorkäme. Die An 
forderungen sind zu grosse, die beinahe automatische 
Aufmerksamkeit lässt doch mitunter nach, die Unacht 
samkeit der Darsteller oder der Leichtsinn der Theater 
arbeiter lässt hier und da eine Lücke entstehen, dazu 
kommt, dass die Besoldung des Inspicienten eine 
schlechte, seine Behandlung nicht die hervorragendste 
ist, so dass sich bessere Elemente nur ungern ent- 
schliessen, diesen Beruf zu wählen. 
Nächst dem Souffleur ist der Inspicient der allge 
meine Sündenbock, passiert etwas, sei es auch was es 
sei, immer ist der Inspicient daran schuld und es ist 
merkwürdig, mit welchem Raffinement die Schauspieler 
dem Inspicienten die von ihnen gemachten Fehler auf 
zubürden verstehen. 
Es ist kein erfreuliches Amt, das des Inspicienten, 
der Erste auf jeder Probe und der Letzte, der Erste 
des Abends im Theater, der Letzte, der es verlässt, 
Mühe, Arbeit, Anstrengung, peinlichste Pflichterfüllung, 
angespanuteste Aufmerksamkeit, nervenaufreibende Ar 
beit und keinen Dank, keinen Lohn bei knappester Be 
zahlung. Keinen Applaus, keine freundliche Aner 
kennung der Presse belohnt den Inspicienten für seine 
schwere, aufreibende Mitarbeiterschaft an dem Gelingen 
eines Stückes, aber gewöhnlich noch Aerger und Hunds 
lohn, denn eine Premiere, in der alles klappt, gehört 
zu den grössten Seltenheiten. 
Selbst der Humor, der seinem tieferstehenden 
Collegen, dem Souffleur, so manche trübe Stunde er 
heitert, bringt selten einen helleren Schein in seinen 
Beruf, schon darum nicht, weil es gewöhnlich ein von 
ihm gemachter Fehler ist, der diesen Humor unfrei 
willig hervorzaubert. Aber es gibt auch Inspicienien- 
anektoten bei denen der Inspicient nicht die leidende 
Rolle spielt. — 
So steht ein sehr berühmter Künstler, gleichzeitiger 
Direktor des Theaters, an der Mitteltür und fragt den 
neben ihm stehenden Inspicienten: 
„Wie ist mein Auftrittsstichwort?“ 
„Das geht Sie garnichts an!“ antwortete der Ge 
fragte.
        
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