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Full text: Berliner Leben Issue 10.1907

Der Drachenraub 
Humoreske von Thomas Menten. 
(Nachdruck verboten). 
Der Drache im Odenwald war von dem ewigen 
Bewachen seines Schatzes total nervös geworden und 
beschloss, sich Jemand zur Ablösung zu suchen. Auf 
seinem Flug über die Lande gewahrte er eine Anzahl 
ältlicher Matronen, die ganz gewiss jeden vom Schatz 
zurückgeschreckt hätten — aber dazu besass er einen 
zu regen Schönheitssinn! Endlich sah er in einem 
Burghof eine schöne junge Frau, die hielt ihrem schnauz 
bärtigen Gemahl einen Sermon, dass ihm Sehen und 
Hören verging; hierauf schritt sie zum Hof, trieb alles 
an die Arbeit und verabfolgte einem Stallbuben eine 
Schelle, die ihn über den ganzen Hof fegte, — da 
lächelte der Drache wohlgefällig „Dieund keine andere! 
Ich werde sie mir schon ziehen!“ Und als Frau Ker- 
hildis mit Gemahl und Gefolge zur Sauhatz ritt, erscholl 
mit eins ein gewaltiges Brausen, feuerschnaubend fuhr 
der Drache herab, packte sie um den schlanken Leib 
und flog davon. Einen Moment waren alle starr vor 
Entsetzen, dann ein Schreien und Toben und alle zu 
gleich schossen Pfeile und Bolzen nach dem Untier — 
das aber war hoch über ihnen und trillerte nur höhnisch 
mit dem Schweif! Der Ritter fluchte, der Kaplan betete 
und der Stalljunge hinten flüsterte: „Da hat ein Drache 
den andern geholt!“ 
Jetzt zeigte sichs klar, welche Verleumdung es war, 
dass Ritter Gero sein schönes Ehegemahl oftmals zu 
allen Teufeln gewünscht haben sollte — er war ganz 
untröstlich über ihren Verlust! Gewaltig raufte er sich 
die Buschhaare und trank des edlen Rheinweines soviel 
er nur vermochte zur Stillung seines Grams — aber 
ganz umsonst! Alle Ritter und Edlen der Umgegend 
kamen, den trauernden Gatten zu trösten: sie tranken 
ihm zu in Rüdesheimer und Burgunder, in Gutedel 
und Malvasier und er tat ihnen in allem Bescheid, 
aber sein Schmerz und sein Durst wuchsen ins uner 
messliche! Dem alten Kellermeister sträubten sich die 
Haare als ob aller Trostversuche seine Fässer sich 
merklich leerten und eines Morgens, als er Ritter Gero 
den Frühtrunk brachte, wagte er bescheidentlich eine 
Wallfahrt als Trost gegen den Gram vorzuschlagen. 
Da fuhr der Ritter zornig auf: „Was da Wallfahrt! 
Bin ich ein Mönch, ein Pfaffe? Und ist mein Schmerz 
nicht so gewaltig, dass ich nur mit Hilfe dieses wenigen 
Weines mein Leben friste?“ Damit ergriff er den 
mächtigen Humpen „Ha Kerhildis — dass dich der 
Satans-Drache holen musste!“ „Ach Gott, ich will 
sie dir ja gern zurückbringen“ quakte da eine 
matte Stimme vor ihnen. Der Ritter erstarrte: ihnen 
gegenüber auf dem Felsen kauerte kläglich der Drache 
und sprach: „Ja, mit tausend Freuden bringe ich sie 
dir zurück!“ und er sah den Ritter wehmütig aus einem 
Auge an — das andere war verbunden. „Zurück?“ 
stammelte Ritter Gero und der Humpen entsank ihm 
— so gewaltig kann jähe Freude wirken! Der Keller 
meister fing den Humpen auf, der Drache aber klagte 
„Ich halte es nicht mehr aus! So etwas habe ich in 
meinem Leben nicht gesehen!“ Er stöhnte jammervoll 
„Da sieh mal wie sie mich zugerichtet hat! Die Hälfte 
von meinen Schuppen ausgerauft, und mein Auge braun 
und blau gehämmert!“ Er hob das Tuch und starrte 
den Ritter beweglich an: „Ich bin gewiss ein geborner 
Drache, das weiss ich, aber solch einer denn doch 
noch lange nicht!“ Der Ritter sah tiefsinnig auf 
den armen Lindwurm der fortfuhr „Dass du dich nach 
der Frau so gesehnt hast, ist sehr viel! Ich hätte sie 
dir so gern gleich mitgebracht, aber sie schrie auf mich 
ein: Da wo ich sie hergeholt, solle ich sie genau wieder 
hintragen! Also lass satteln, ich hole sie ohne Ver 
zug.“ „Ohne Verzug“ ächzte der Ritter und sank auf 
die Steinbank — der Drache sah schier vergnügt aus 
seinem einen Auge — dem Kellermeister aber schlotter 
ten die Kniee „Und unsre leeren Fässer! Allerheiligste 
Jungfrau!“ Der Ritter von Mannstein, der herbeigeeilt 
war zuzuhören, liess ein Stöhnen hören, dass die Mauern 
erbebten, Ritter Gero aber tat einen gewaltigen Zug 
und sprach dann: „Die Freude, mein teures Ehegemahl 
wieder zu erhalten, hat mich schier überwältigt“ — 
der Drache blinzelte — „so bringe sie, aber zugleich 
zur Sühne für den frechen Raub die Hälfte deines 
Schatzes!“ „Wie?“ fuhr der Drache auf „bin ich nicht 
gestraft genug? Du solltest mir etwas geben, dass 
ich sie dir solange abgenommen! Vom Schatze gebe 
ich nichts!“ „Gut, so behalte Schatz und Kerhildis“ 
sprach der Ritter voll Seelenruhe. „Allmächtiger! Sie 
behalten!“ Der Lindwurm erschauderte bis in die 
Schwanzschuppen, dann seufzte er: „Du sollst ihn 
haben — aber dafür erzähle ich Frau Kerhildis, wie 
die Freude auf sie dich übermannte! Freue dich, 
Ritter Gero!“ Damit fuhr er hohnlachend von dannen. 
„Du Satans - Höllenvieh !“ schrie der Ritter und 
schleuderte den leeren Humpen hinter ihm drein, dann 
wandte er sich kummervoll zum Mannsteiner „Dieter, 
ich habs verrufen . . . nun krieg ich den Drachen 
wieder . . .“ Aber der klopfte ihm auf die Schulter 
„Getrost alter Freund, schau mich an — auch ich hab 
einen Drachen daheim, aber mein Lebtag hat mir noch 
keiner einen Schatz dazu gebracht!“ 
c 
Der Inspicient. 
Enthüllte Geheimnisse aus der Coulissenwelt von Karl Pauli. 
Nachdruck verboten. 
Zu den Unsichtbaren vom Theater, dessen Wirken 
der Zuschauer nur spürt, dessen Person er aber in 
seinem Berufskreise nie von Angesicht zu Angesicht 
erblickt, gehört vor allem der Inspicient. 
Und dass man ihn nicht sieht, nicht sehen kann ist 
gut, sehr gut, denn könnte man ihn in der Ausübung 
seines Amtes sehen, so wäre es wohl um jede Illusion 
geschehen, da durch sein Walten die ernstesten Hand 
lungen anstatt gesteigert zu werden, der Lächerlichkeit 
verfallen würden. 
Man denke z. B. an die Scene in Wallenstein: 
Auf der Bühne stehen Wallenstein und seine Generale, 
Thekla, Max Piccolomini im verzweiflungsvollen Schmerz 
sich von der Geliebten losreissend. Eindringende 
Pappenheimische Kürassiere füllen den Hintergrund. 
Die Stimmung ist hochtragisch. 
Und hinter der Scene; mitten unter den Pappen 
heimern und Cavalieren in der Tracht des dreissig- 
jährigen Krieges, steht ein beweglicher, nervöser Herr 
in Civil — ach steht, ein Inspicient steht nie, geht, 
läuft, schiebt herum, mit dem Kopf der Musik das 
Zeichen gebend, dass sie anzufangen hat, in der Rechten 
mit einem Degen an die Klinge eines anderen schlagend, 
den ihn ein Pappenheimer entgegenhält, mit der linken 
Hand die Kürassiere auf die Bühne schiebend, dabei 
mit lebhaften Affekt von einem Bein aufs andere 
springend und währenddessen mit unermüdlicher Aus 
dauer das Wort Rhabarber ausrufend; — das ist die 
Tätigkeit des Inspicienten, hinter den Coulissen die 
Wirkung der Scene auf der Bühne zu erhöhen. Und 
er erhöht sie, aber nur weil die Ursache dem Zu 
schauer verborgen bleibt und nur die Wirkung seine 
Sinne beschäftigt. Ja und wie und auf welche Weise 
erhöht die vielseitige Geschäftigkeit die Wirkung des 
Bühnenbildes? 
O in ganz erheblicher. — Da ist zuerst das Wort 
Rhabarber, wie sinnlos klingt das und doch wird Volks 
gemurmel durch nichts besser veranschaulicht als wenn 
eine Anzahl Personen dieses Wort mit eintönigem 
Silbenfall schnell hintereinander aussprechen. Das 
Trampeln — es sieht beinahe albern aus — und wenn 
es (geschickt gemacht wird, gleicht es täuschend dem 
unruhigen Schritt mehrerer Pferde — ich kannte einen 
Inspicienten, der eine halbe Schwadron trampeln 
konnte. — Das Schlagen von zwei Degenklingen 
gegeneinander ahmt Waffengeklirr nach. Für all das, 
für jedes Geräusch hinter der Scene, überhaupt für 
alles, was die technischen Vorgänge während der Auf 
führung betrifft, hat der Inspicient zu sorgen. 
Es ist ein schweres, verantwortungsreiches, undank 
bares Amt. Von Anfang jeder Probe, jeder Vorstellung 
bis zum Ende hat der Inspicient die Vorgänge sowohl 
auf der Bühne, wie hinter den Coulissen mit unge 
teiltester Aufmerksamkeit zu beobchten, nichts darf 
ihm entgehen, da er für alles verantwortlich. 
Er hat dafür zu sorgen, dass der Schauspieler richtig 
auftritt, durch die richtige Tür, bezw. von der richtigen 
Seite kommt. Er hat dafür zu sorgen, dass der Dar 
steller die richtigen Requisiten, Gegenstände, die 
während des Stückes gebraucht werden, bei sich trägt 
oder auf der Bühne vorfindet. An einem Requisit kann 
oft das Schicksal eines Stückes hängen.
        
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