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Full text: Berliner Leben Issue 10.1907

dem er vier Jahre als Gesandter in Paris verbracht hatte. — 
Dem Senior der Berliner theologischen Fakultät und einem 
Jubilar machen wir im Wirkl. Geh. Rat Excellenz Pro 
fessor Dr. phil. Bernhard Weiss unsere Reverenz. Vor 
Kurzem beging dieser Gelehrte, nachdem er wenige Wochen 
vorher zum 80 Geburtstage den Titel eines Wirklichen 
Geheimen Rates mit dem Prädikat Excellenz erhalten hatte, 
das 50 jährige Jubiläum als Universitätsprofessor. Am 
4. Juli 1857 wurde er zum ausserordentlichen Professor 
an der Albertina zu Königsberg ernannt und ist heute 
Wirklicher Ober-Constistorialral und Dirigent der Neu- 
testamentlichen Abteilung des Theologischen Seminars. — 
»Der Sommer“ in eigenartig bildlicher Darstellung ist 
eine der hervorragendsten Arbeiten des Professors Ernst 
Roeber, die in der letzten Zeit seines erfolgreichen 
Schaffens das Licht seines Ateliers und der Kunstwelt er 
blickt haben. Ernst Roeber, ein anerkannter Berliner Kunst 
maler hat wie in vielen seiner anderen zahlreichen Pracht 
gemälde auch in diesem zu eindringlich-impressionistischer 
Wirkung phantastische in Gestalten umgesetzte Stimmung 
und landschaftlichen Zauber vereint. — Das Wort 
„impressionistisch“ genügt, um eines anderen Malers zu 
gedenken, der ebenfalls in Berlin seinen Sitz hat — aber 
darüber hinaus — in ganz Deutschland, in der ganzen ge 
bildeten Welt seine Verehrer . . . Ich spreche von keinem 
Geringeren, als Professor Max Liebermann, dem ersten 
und bedeutendsten Vertreter des Impressionismus und der 
Freilichtmalerei in Deutschland. Der Naturalismus, anfangs 
als ein Kultus des Hässlichen verschrieen, wird unter seinen 
Fländen der überzeugende Ausdruck für die intimsten Schön 
heiten der umgebenden Welt. Eine fascinierende, geradezu 
geniale Schärfe der Beobachtung machen seine Bilder wie 
die »Netzeflickerinnen“, „Frau mit Ziegen“ zu unbestrittenen 
Gipfelleistungen der neuen Deutschen Kunst. So ist auch 
das Gemälde, das man jetzt in seinem Atelier zu sehen 
Gelegenheit hat, in Form und Seelenausdruck von grandioser 
Realistik und unheimlichstem Zauber. Grosse Ehren wurden 
dem Meister anlässlich seines sechzigsten Geburtstages zu 
Teil, den er rüstig gegen Ende vorigen Monats feierte. — 
Aus dem Kunstviertel der Ateliers ziehen wir uns ins 
Privatleben zurück, ohne doch darum der Kunst den Rücken 
zu kehren. Wir betreten die Häuslichkeit eine der kunst 
sinnigsten Damen und begrüssen die Gattin eines der kunst 
sinnigsten Männer Berlins. Das ist Frau Bürgermeister 
Dr. Reicke. Wenn unser Bürgermeister trotz seiner einen 
Menschen voll und ganz in Anspruch nehmenden amtlichen 
Tätigkeit, doch noch die Müsse findet — d. h. Augenblicke 
der Stimmung, um in Form epischer Zeitgemälde, lyrischer 
Stimmungsbilder, dramatischer Seelenkonflikte auf dem 
Altäre Apollos zu opfern, so verdankt er das wesentlich 
seiner Gemahlin, der Muse seiner Künste, die ihm kommunalen 
Aktenstaub von seinem Rücken bürstet, den Bilanzstift aus 
der Hand nimmt, den Beamtenrock ihm abstreift, wenn er 
ihr — wenn er sein Heim betritt. Hier ist Stimmung und 
Kunst, hier ist Milieureiz und Liebe zu Hause — in diese 
Räume dringt kein Hass, kein Hader der Stadtverordneten 
und kein Zwist der Parteien . . Thermometer und Barometer 
fallen in Berlin täglich um die Wette — man weiss nicht, wer 
siegt — täglich wird es kältet, täglich der Himmel grauer — 
aberden Berlinern draussen scheinen dieseheimatlichenLeiden 
keine Kümmernis zu bereiten, zum Mindesten laborieren 
die Berliner im Bad Nenndorf — wie unser Bild Berlin 
im Bad Nenndorf recht markant zeigt — nicht an Regen 
wetterstimmung und Frostunbehagen. Wie fröhlich spielt 
sich das „Kinderfest Berliner Kinder“ ab? „Vergnügte 
Berliner und andere Gäste“ scheinen sich auch momentan 
ihrer grau in grau daliegenden Heimat wegen keine grauen 
Haare wachsen zu lassen — und von Weltstimmungsschmerz 
kann man sicher nicht bei der „feschen Berlinerin“ sprechen, 
die sich uns in der reizenden Bad Nenndorfer Landestracht 
präsentiert. Ja, sogar der Minister von Podbielski teilt 
unserem Bilde nach zu urteilen, trotz seines Rheumatismus, 
die allgemeine Stimmung, die den Kurort beherrscht. 
Warum auch nicht — was geht ihn noch Berlin an . .? 
Er lebt jetzt sich, seiner nächsten Umgebung, seiner Häus 
lichkeit und Viehzucht, seit er der „politischen Schweinerei“ 
den Rücken gekehrt. Bad Nenndorf ist übrigens ein „König 
liches“ Bad — nicht nur bildlich, auch wörtlich, es liegt 
bei Hannover und ist seit 66 in preussischem Staatsbesitz. 
Schwefel-, Sool-und Schlammbäder —- in Nenndorf befindet 
sich die stärkste Schwefelquelle Europas — rufen die Gicht 
kranken, Rheumatiker und Ischiasleidenden aus aller Herren 
Länder herbei, und sie fühlen sich in diesem Bade gut auf 
gehoben, floriert der Kurort doch und bietet nach jeder 
Richtung das Beste, unter der tatkräftigen Leitung des 
Königl. Badeinspektors, des Herrn Major a. D. Rietzsch, 
Ein herrlicher Ausflugsort, nicht nur für Berliner, zu denen 
„so manche zarte Bande“ die Polizei knüpfte, sondern auch 
für Naturfreunde und Andere „des Treibens müde“ ist Tegel, 
der Nachbarsort Berlins und dessen partielle Beleuchtungs 
fabrik — indem er die Berliner Gasanstalt — und dessen 
Trinkwasserquelle — indem er die Berliner städtischen 
Wasserwerke in seinem Schosse birgt. Einen selten land 
schaftlichen Reiz bietet der Tegeler See mit seiner wald 
reichen Umgebung, und das Ziel mancher Wanderfahrt 
»per Auto“ und „pedes apostulorum“ sind das „Schloss 
Tegel“ und das „Humboldt-Denkmal“ — Wir wenden uns 
auf Seite 10 dem Kapitel Jugendbildung zu, die wahrlich 
Dank der Erkenntnis, dass auf Kraft und Ausbildung der 
Jugend die Stärke unserer Zukunft beruht, eine grosse 
Rolle im Berliner Leben spielt. Das Charlottenburger 
Jugendheim in der Bismarkstrasse ist vor 15 Jahren 
von Frau Kommerzienrat Hedwig Heyl ins Leben ge 
rufen worden. Nicht weniger als 360 Knaben gewährt es 
jetzt während der Nachmittagsstunden ein Heim; die Knaben 
fertigen während dieser Zeit ihre Schularbeiten an, lernen 
ihr Mittagsmahl selbst zu bereiten, erhalten allerlei Hand 
fertigkeitsunterricht und werden solchermassen den schlechten 
Einflüssen der Strasse fern gehalten. Im Sommer arbeiten 
die Kinder auch auf dem Feld, und hier besitzt ein jedes 
sein eigenes Beet. — Eine Stätte harmlosen, ungekünstelten 
Frohsinns, die von den Anwohnern mit liebevoller Freude 
aufgesucht wird und auch das Wohlgefallen des einmal hier 
her verschlagenen Westenbewohners erregt, ist die grosse 
Spielwiese im Treptower Park. Am Rande der grossen 
Wiese sitzen auf dem Rasen oder auf mitgebrachten Feld 
stühlen neben ihrem Kinderwagen die Arbeiterfrauen, wie 
die Frauen der kleinen Beamten und Angestellten der Um 
gebung. Sie halten hier ihre Sommerfrische, lassen die 
nacktbeinigen Kinder in Sandhaufen buddeln oder auf den 
Rasen umherspringen, und die mächtigen Taschen mit Ess- 
Vorräten, die Blechkannen mit Kaffee beweisen, dass man 
sich für ein langes Verweilen eingerichtet hat. Mehr in der 
Mitte der Spielwiese herrscht das laute Leben der sich in 
ihrem Element befindenden, spielenden Jugend. Kleine 
Mädchen drehen sich artig im Kreise und singen ein lustiges 
Tanzlied, Jungens schiessen Purzelbäume im Gras oder 
vertreiben sich die Zeit mit dem in diesem Jahre beliebten 
Tambourinspiel. Der Spielplatz war übrigens im Jahre 1896 
zur Gewerbeausstellung in einen See umgewandelt worden, 
der als solcher Abends in der Farbenpracht bunter elek 
trischer Lämpchen leuchtend den Clou der Ausstellung 
bildete. — Berlin gleicht einer Riesenschlange, von der der 
Marktschreier oder Besitzer eines Zoologischen Gartens auf 
den „Vogelwiesen“ aüsschreit: „Hier ist zu sehen die Boas 
konstriktor — ein Riesentier von Tejel bis Pankow —- und 
wenn’se ausjewachsen is, wächst’se immer noch . .!“ Für 
Berlin braucht das nicht einmal im Scherz aufgefasst zu 
werden, denn ist der Zeitpunkt eingetreten, dass das Be 
bauungsterrain der Spreezentrale vergeben und bebaut ist, 
dann werden die Vororte in dem Masse der Expansionsnot 
wendigkeit noch mächtiger ihre Glieder ausstrecken, dann 
wird der Leib Grossberlihs an ungeahnter Fülle zunehmen. 
Wir leben in diesem Jahre in einem Baustrike, aber der 
Bebauungstrieb freier Gebäude an der Grenze Berlins hat 
nicht wesentlich nachgelassen, noch weniger die not 
wendigen Vorarbeiten zur Errichtung neuer Stadtteile. Wie 
auf unseren Bildern „Berlin, wie es wächst“, in einer 
der Entwicklung entsprechenden Ordnung und Reihenfolge 
zu sehen ist, gehören eine ganze Masse Vorarbeiten dazu, 
um einen neuen Häuserkomplex hervorzuzaubern. Die Frei 
legung des Strassengeländes: Die Bäume müssen gefällt, 
die Wurzeln müssen ausgerodet, Hecken und Büsche müssen 
beseitigt werden. Herstellung der Kanalisation: Man be 
ginnt schon gewissermassen mit den Parallelstrassen unter 
der Erde, jenen Strassen, die, den Schmutz der Oberfläche 
in sich aufnehmend, dafür sorgen, dass das Antlitz Berlins 
immer frischgewaschen wie das einer dem Bade entstiegenen 
Jungfrau aussieht . . . dass mit der späteren Gasanlage 
Berlin sich im Lichte wie eine kleine Kokette bespiegeln 
kann . . . dass mit den kommenden Rohrpostanlagen das 
sehnende Herz mit dem Geliebten auf schnellem Wege sich 
verständigen kann, ob man bei Hillern oder in der Traube 
oder Aschinger seinen „Heisshunger“ stillt. Bei diesen 
Arbeiten ergibt sich, was Reihenfolge anbetrifft, so selbst 
verständlich eins aus dem Anderen, dass man fast glauben 
könnte, eine rein mechanische Tätigkeit genüge, ein Bau 
terrain fertig zu stellen. Dem ist aber nicht so. Es geht 
nicht wie bei der „Äppelfrau“ und auch nicht wie auf 
einem Dorfe, das sich jedes Jahr um eine Hütte erweitert. 
Einen Stadtteil kunstvoll und zweckentsprechend anzulegen, 
verlangt ein geübtes, durch Sachkenntnis wohl „getrübtes“ 
Auge und der Techniker, der die Vermessungsarbeiten für 
die anzulegenden Strassen vornimmt, hat, mag der Be 
bauungsplan auch schon vorliegen, eine sehr verantwortliche 
Mission. Hat dieser Beamte seine Anordnungen getroffen, 
dann wird die Planierung des neuen Strassenzuges vorge 
nommen, Bordschwellen werden gelegt, Strassenboden ge 
stampft, Cement gemischt, Cementschichten aufgelegt, As 
phalt gestampft, gewalzt, gebügelt . . dies und dergleichen 
mehr. Wahrlich ein mächtig Stück Arbeit — mehr als 
Herkules zu verrichten hatte, da er den Augiasstall reinigte — 
und darum, welch Staunen, wenn der Berliner eines Tages 
wieder in die Gegend kommt, die er vor Wochen, man 
kann sagen, noch als nacktes Feld kannte, wo sich Fuchs 
und Raben gute Nacht sagten . . . Ein neuer Stadtteil ist 
wie in einem Märchen über Nacht entstanden — des vor 
der Tüie stehenden Budikers rotblumige Nase und bunte 
Geschäftsfirmenschilder leuchten Abends im elektrischen 
Lichte und der Schlösser und Paläste prachtvolle Kuppeln 
ragen gen Himmel empor. — Eine moderne Scheherezade — 
Je moderner der Mensch, insbesondere der Berliner in 
seinem praktischen Handeln wird, desto liebevoller nimmt 
er sich in den Formen seines Empfindungslebens oft alter 
Gebräuche und Sitten an. Besonders auf religiösem Gebiet. 
Beim Militär ist es ja nichts Neues, wenn wie hier unser 
Bild „Gottesdienst der Eisenbahnbrigade im Wald 
bei Sperenberg“ stimmungsvoll wiedergibt, im Freien 
dem Schöpfer aller Dinge Preis und Lob gebracht wird, 
für den Zivilisten ist es indess, wenigstens soweit die letzte 
Generation in Betracht kommt, eine Art Novum . . . Erst 
seit wenigen Jahren hält man jeden Sonntag Gottesdienst 
in der Königshaide bei Johannistal ab und von der „Wald 
andacht der Heilsarmee im Grunewald“ kann 
natürlich nur als einer Einrichtung der letzten Jahre die 
Rede sein, da ja die Heilsarmee erst als Kind Englands und 
der jüngsten Zeit auch in Deutschland zur Welt und zur 
Geltung gekommen ist. — Das Preussenherz weitet sich in 
den Gemächern des Schlosses Sanssouci bei Potsdam. 
Von diesen herrlichen Räumen aus hat der grosse Friedrich 
das Geschick Preussens geleitet, hier legte er oft sorgenvoll, 
aber nie entmutigt sein müdes Haupt nieder — hier lag er 
seinen musikalischen und poetischen Künsten ob und hier 
kultivierte er die Freundschaft mit Voltaire, dem Heine der 
Franzosen. Zum Schluss bringen wir im Bilde den Pracht 
bau des neuen „Oberverwaltungsgerichtsgebäudes 
in der Hardenbergstrasse,“ der noch Ende September 
seiner Bestimmung übergeben werden dürfte. — 
Bernste in - Sawersk y
        
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