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Full text: Berliner Leben Issue 10.1907

Launenhaftigkeit und Nervosität sind Eigenschaften, die 
ich nur dem Namen nach kenne. Ich bin nicht un- 
vermögend, aber da Sie in Ihrem, übrigens sehr apart 
und nett abgefassten Inserat die Geldfrage nicht streifen, 
so scheinen Sie keinen Wert darauf zu legen. Ich 
spiele Klavier und singe, beides aber nur harmlos. 
Ich kann es auch lassen, die Welt verliert nichts daran. 
Eine Laune diktiert mir diesen Brief, aus Launen sind 
oft Ereignisse geworden. Vielleicht werden Sie mir 
gefallen — vielleicht nicht. Wenn Sie es versuchen 
wollen, so antworten Sie mir unter „Hymen“, Haupt 
postlagernd.“ 
Max Kaldenberg war enthusiasmiert. Diese Frau 
schien alles zu besitzen, wonach ihn verlangte: Geist, 
Gemüt, Schönheit. — Ohne sich lange zu besinnen, 
setzte er sich an die Schreibmaschine und tippte einige 
liebenswürdige Zeilen, um eine Zusammenkunft in 
einer diskreten Konditorei des Westens bittend. Er 
kennungszeichen: weisse Chrysanthemen. Sie sollte 
einen Strauss in der Hand tragen, er wolle ein Exem 
plar ins Knopfloch stecken. 
Eine Viertelstunde vor der verabredeten Zeit fand 
er sich in der kleinen, behaglichen Konditorei ein. 
Ihm klopfte das Herz in schnellen Schlägen, wie einst 
mals, da er als Sekundaner sein erstes Rendezvous 
erlebt — oder vielmehr nicht erlebt, denn der Backfisch 
seines Herzens hatte ihn versetzt. 
Ungeduldig wartete er; er befand sich ganz allein 
im Zimmer. Immer häufiger zog er die Uhr. Schon 
waren zwanzig Minuten über die festgesetzte Zeit 
vergangen — noch immer keine Dame mit einem Strauss 
weisser Chrysanthemen. Sollte ihm, dem Vierzig 
jährigen, sich wiederholen, was dem Sechzehnjährigen 
passiert? 
Da, endlich, ging die Tür. Ein Knistern von 
seidenen Gewändern, ein fester, energischer Damen 
schritt — trotzdem er in dem kleinen Nebenzimmer 
sass und die Eintretende nicht zu sehen vermochte, 
stand es für den einsam Wartenden unweigerlich fest, 
dass es die sehnsüchtig Erwartete sei. 
Endlich! Er erblickte eine kleine, schmale Hand, 
die einen Strauss weisser Chrysanthemen trug. Hastig 
sprang er auf. „Meine Gnädigste —!“ Aber entsetzt 
prallte er zurück: seine Frau! 
Auch sie erschrak heftig, der Strauss entfiel ihrer 
Hand, galant hob er ihn auf. Unschlüssig, ob sie nicht 
lieber gehen sollte, blieb sie stehen. Er kam ihr zu 
Hülfe, „Da Du nun einmal hier bist — bitte, nimm Platz.“ 
Sie setzte sich. 
Er betrachtete sie mit prüfenden Blicken. Wie 
hübsch sie war! Die Aufregung hatte ihr das Blut in 
die zarten Wangen getrieben, was ihr sehr gut stand. 
PeinlichesSchweigen. Endlich hatte Max Kaldenberg 
seine Fassung wieder gewonnen. „Also Du hast mir 
auf die Annonce geschrieben?“ 
Madame machte immer noch ein verstörtes Gesicht. 
„Ja, allerdings; halb aus Langeweile, halb aus Neugier 
und Abenteuerlust. Hätte ich natürlich eine Ahnung 
gehabt, dass Du — nie —!“ 
Er unterbrach sie: „Sehr schmeichelhaft! Kann ich 
mir denken, hättest Dich gehütet. Uebrigens, dass Du 
so nette Briefe schreiben kannst, habe ich mir nicht 
träumen lassen. Mir gegenüber liessest Du Deinen 
Geist nie leuchten.“ 
Sie zuckte die Achseln. „Du hast mir nie Ge 
legenheit dazu gegeben. Schon von Beginn unserer 
Ehe an hast Du mich zugunsten Deiner sogenannten 
Geschäfte stark vernachlässigt.“ 
Ihm wurde etwas unbehaglich und deshalb wechselte 
er das Thema. „Liebes Kind, lass Dir sagen: so gut 
Dein Brief stilisiert ist, so unwahr ist er auch. Du 
warst so gütig, Dir Tugenden zuzulegen, die Du nie 
besessen hast.“ 
Er zog ihren Brief hervor und las: „Sanftmütig — 
edlen, zarten Sinnes — keine Launenhaftigkeit und 
Nervosität —!“ Er lachte gereizt auf. ,,Ha, wie ich 
das finde!“ 
Sie liess sich nicht irritieren, denn sie hatte ihre 
souveräne Ruhe wieder gefunden. „Mein Lieber, was 
Du da sagst, ist richtig: ich habe die Unwahrheit 
geschrieben. Aber das tue ich nicht allein, das machen 
alle Frauen so. Wenn wir uns nicht verstellen, so 
gefallen wir nicht, werden wir einfach nicht geheiratet.“ 
Er blickte sie entsetzt an. „Du meinst wirklich, 
dass alle Frauen — '• 
Sie schnitt ihm das Wort ab. „Alle Frauen sind 
so, wie die Männer sie behandeln. Du hast mich 
vernachlässigt, hast nie zu ergründen gesucht, was im 
Kopfe und in der Seele Deiner Frau vorgehe — kann 
es Dich Wunder nehmen, dass ich verstimmt, verärgert, 
reizbar, nervös wurde?! Du hast mich systematisch 
zu dem Grade der Garstigkeit und Widerhaarigkeit 
gebracht, der mich Dir schliesslich so unangenehm 
machte, dass es Dein einziges Ziel blieb, Dich von 
mir zu trennen. Jetzt wahrlich danke ich dem Zufall, 
dem ich vorhin gram war, denn er gab mir Gelegenheit, 
Dir einmal zu sagen, was ich vordem aus Missmut, 
falscher Scham und Empfindlichkeit verschwiegen. 
Du allein, Max, trägst die Schuld an der Degradation 
meines Charakters. Ja, Du allein, der Du ja auch 
keineswegs bei der Wahrheit geblieben bist.“ Sie 
entfaltete ein Zeitungsblatt und las ironisch: „Ruhig 
— solide — familienfromm! Sie lachte spöttisch. 
„Da sieht man wieder, wie wir armen Frauen von 
euch Kavalieren getäuscht werden!“ 
Sie hatte sich warm geredet, ihre Augen leuchteten, 
ihre Gestalt regte sich. Sie sah geradezu entzückend 
aus, und ihres Gatten Augen ruhten bewundernd auf 
ihr. So war sie ihm noch nie erschienen, so lebhaft, 
so schön, so temperamentvoll. 
Max überlegte. Hatte sie nicht recht? War er 
nicht der alleinige schuldige Teil, da er sie sträflich 
vernachlässigt und den Anstoss zur Entfremdung 
gegeben hat? War es nicht besser, sie um Verzeihung 
zu bitten und sich mit ihr wieder zu versöhnen? Seine 
jetzige Frau kannte er genau — wer gab ihm die 
Gewähr, dass er in einer neuen Ehe nicht komplet 
hineinfallen würde! In ihrem Briefen — das sah er 
ein — würden sich alle nett und liebenswürdig geben, 
wie seine Frau, aber nachher! Da würden ihm 
vielleicht noch viel schlimmere Enttäuschungen bevor 
stehen. Das einzige Vernünftige schien ihm nunmehr, 
nicht mehr zu annoncieren und mit seiner Kläre ein 
neues Leben zu beginnen. 
Er rang sich zu diesem Entschlüsse durch. 
„Kläre“, sagte er, „ich will Dir einen Vorschlag 
machen. Du suchst einen Mann, ich suche eine Frau 
— wollen wir es nicht noch einmal mit einander 
probieren? 
Donna Klara lächelte holdselig. „Wenn Du ver 
sprichst, Dich zu bessern — “ 
Er nickte eifrig. „Ehrenwort, das grosse. Und 
da Du behauptest, dass Dein abstossendes Wesen 
nur die Folge meiner Handlungsweise war, so steht 
nichts mehr im Wege, dass wir mit einander die 
glücklichste Ehe von der Welt führen.“ 
Und zur Besiegelung des aufgefrischten Ehe 
bündnisses küsste er sie zärtlich, was sie sich mit 
einigem Behagen gefallen liess. Dann sagte er ver 
gnügt: „Weisst Du, Schatz, ich hab’ eine Idee. Morgen 
ist unser Sühnetermin. Gut, gehen wir hin und 
bereiten wir dem würdigen Richter die Freude, uns in 
seiner Gegenwart zu versöhnen. Ihm wird das Mittag 
essen besser munden.“ 
Und in der Tat, als sie sich während des Termins 
versöhnten, war der Richter in vergnügtester Stimmung, 
denn er vermeinte, dieses glückliche Resultat der 
Macht seiner Rede zu verdanken. 
Soldatenschwänke. 
Von Roda Roda. 
(Nachdruck verboten). 
Kriegserfahrung. 
Die Küster reden von der ewigen Seligkeit, und am 
Generalstabstisch bei der Alten Post in Wiener-Neu 
stadt redete man natürlich von der Taktik. 
Wenn nun die Ansichten besonders heftig aufein- 
anderprallten und einer von den Jungen Akademie 
lehrern den Mund gar zu voll nahm, da konnte der 
alte Knötzel aus seiner Lethargie erwachen. 
Er tat das immer auf die gleiche Weise: zuerst die 
Brauen hoch, dann die linke, heile Hand — ein Arm 
fehlte ihm — mit ausgespreizten Fingern in die Luft- 
Und Alles verstummte. 
„Befehlen Herr Oberst?“ fragte Oberleutnant Römpel 
regelmässig. 
„Befehlen? — Was hab’ ich zu befehlen? — Ich 
bin ein alter Pensionist. — Nur so viel sag’ ich euch, 
meine Herren: red’s am liebsten gar nichts von solche
        
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