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Full text: Berliner Leben Issue 10.1907

Unsere Bilder. 
Denn er war unser. Zwanzig Jahre! Seit dem Jahre 
1887 führte Direktor Sigmund Lautenburg die Leitung 
des Berliner Residenztheaters. Und mit Erfolg und Ruhm. 
Ich spreche weniger von dem Kultus der französischen 
Salonstücke, die er hier in charakteristischer Darstellung 
eingeführt und deren Pflege zweifellos etwas dazu beigetragen 
hat, ein gewisses Fluidum zwischen Deutschland und Frank 
reich herzustellen, als vielmehr von den literarischen Bestre 
bungen, denen die Berliner, bezw. die deutsche Kunst so 
ausserordentlich viel zu verdanken hat. Es darf Lautenburg 
nicht vergessen werden, dass er Halbe’s Jugend zuerst auf 
die Bühne brachte und dass er seiner Zeit Ibsen eine Stätte 
des Ruhmes und der Anerkennung bereitete. Nun verlässt det 
lorbeergekrönte Theaterleiter und der auch alsDarsteller so ge 
schätzte Künstler mit seiner Gemahlin Berlin, um sich in der 
Hauptstadt seiner Heimat, in Wien, aufs Neue in den Dienst 
der theatralischen Künste zu stellen. Lautenburg übernimmt 
die Leitung des Raimundtheaters. Mögen ihm dort 
auch fürder die Musen altfreundschaftlich zur Seite stehen. 
— Ein fröhliches stimmungsvolles Bild gibt das tannen 
baumgeschmückte, wohlbevölkerte Heim ab, in dem Richard 
Skowronneck im Kreise seiner Familie am Wendepunkt 
des Jahres wohlgelaunt in die Zukunft schaut und geistig 
Arm in Arm mit Kadelburg das Jahrhundert in die Schranken 
fordert. Und fürwahr — diese Hoffnungsfreudigkeit und 
dieser Mannes-Dichtermut ist begründet, denn auf den als 
Romanschriftsteller und Dramatiker bereits oft Gewürdigten 
strömt jetzt durch „Husarenfieber“ der reichste Tantiemen- 
Regen. — Unsere Einzelportraits leiten wir mit zwei Persönlich 
keiten ein, die sich im Bereiche der Tonkunst einen geachteten 
Namen geschaffen haben. Margarete Brieger-Palm und 
Eugen Brieger, ein Ehepaar, wohnhaft zu Berlin-Schöne 
berg, locken alljährlich zu ihren Gesangsvorträgen zahlreiche 
Zuhörer nach dem Bechsteinsaal Und die Besucher erfreuen 
sich eines grossen Genusses beim Vortrag der Lieder und 
Duette, tief empfunden und klangvoll wiedergegeben von dem 
in der musikalischen W r elt so gut akkreditierten Sängerpaare. 
— Die Hochsaison im musikalischen Reiche fördert manches 
exotische Talent an das Licht inländischer Kunst. Unter 
den ausländischen Künstlerinnen begrüssen wir besonders 
Miss Myrtle Elvyn als eine sehr individuell veranlagte, 
äusserst begabte Pianistin. Die Künstlerin hat sich rasch 
bei uns und in der Welt eingeführt — sie bedeutet einen 
Fixstern in dem blauen amerikanischen Banner. — Mary 
Hagen gehört als hervorragendes Mitglied dem Opern- 
thealer des Westens an. Am 27. Mai 1876 in Wies 
baden geboren, wurde ihr, sobald sich ihre stimmliche Be 
gabung bemerkbar machte, eine gute fachmännische gesang 
liche Ausbildung zu Teil. Im Jahre 1900 wurde die 
Sängerin nach erfolgreicher Tätigkeit an vielen Provinz 
bühnen für das Berliner Centraltheater verpflichtet und war 
dann 1902 an das Theater a. d. Wien engagiert. Man lobt ihren 
frischen, klaren, angenehm klingenden Mezzosopran von treff 
licher Schulung, ihre deutliche Aussprache, sowie liebliche 
Anmut und Decenz. — August Dörschel ist seit Barnay’s 
Direktion artistischer Sekretär am Königlichen Schau 
spielhause. Diese Stellung wurde ihm übertragen, nachdem 
Paul Lindau die Leitung des Deutschen Theaters niedergelegt 
und alle mit den Mitgliedern des Deutschen Theaters abge 
schlossenen Verträge gelöst hatte. Auch den Vertrag mit 
Dörschel, der bei ihm als Dramaturg wirkte. — Gertrud 
von Hagen-Vethacke ist eine bekannte Rezitatorin und 
begabte Novellistin. In dieser Nummer des Berliner Leben 
ist sie mit der Skizze: „Postlagernde Briefe“ vertreten. — Es 
ist ein Gewinn, Professor Börmels Atelier einen Besuch 
abzustatt n Börmel ist einer unserer bedeutendsten und viel 
seitigsten Meister der Bildhauerkunst. Eine grosse Seele wird 
in seinen Werken lebendig und die Formen und Linien seiner 
Ergebnisse sind von altklassischer Schönheit. Wie originell 
in der Ausführung und doch die Idealvorstellungen des 
deutschen Volkes treffend, ist die Büste der preussischen 
Königin Luise, welchen Zauber haucht die Marmor 
gruppe, das Waldmärchen aus? Diese Giuppe „Wald- 
mäichen“ ist nach Amerika verkauft worden Das Reh 
und der Storch gehörte übrigens dem Bestand de r Boermel’ 
sehen Haustie e an. Das neuste Weik des Meisters ist 
die schlafende Quellennymplie. In diesem Werke, dai 
schon als Tonmodell entzückend wirk', vereinen sich ideale 
Sinnenfreude, Humor und entzückende Linienführung. Und 
auch die moderne Aphrodite weist alle Reize göttlicher 
Keuschheit und Formenschönheit auf. wie sie nur ein aus 
dem Innersten schaffender Dichter, voll und ganz Plerr des 
Materials, zu schaffen im Stande ist — Auf dem Grund 
stücke Schönhauser Al ee 141 fand vor eini.en Tagen die 
Einweihuug des „Frommeiheim“ statt. Als Vertre er 
hatte die Kaiserin ihren Kabinettsrat von Behr-Pinnow 
entsandt. Ausserdem war u. a. die Oberholmeisterin Gräfin 
von Brockdoiff anwesend. Das noch sehr kleine, aber 
ausdehnungsfähige Haus wird in der Hauptsache bescheidene 
Heimstätten alten Kriegern bieten. Auf der Tribüne unser s 
Bildes befindet sich Pfarrer Diestelkamp, der' die Eröff 
nungsrede hält und allen Beteiligten seinen Dank Hir ihre 
Mitwirkung ausspricht. — Das sind berühmte Männer der 
exakten Wissensi haft, Universitätsprofessoren der 
Chemie, die sich liebenswürdig und lodesverächtlich von 
unserem photog aphischen Blitz — einer S. höpfung ihrer 
eigenen Wissenschaft haben treffen lassen. Und es ist uns 
gegönnt, einen Blick in die Laboratorien zu tun, wo so 
bedeutungsvolle Versuche zum Wohle der Menschheit ge 
macht werden, beeinflussend unser kulturelles Leben in 
kaum geahntem Masse Direktor des I. chemischen Instituts 
der Universität ist Geh Regierungsrat Professor Dr. 
Emil Fischer. Der Gelehrte, 1852 zu Euskirchen ge 
boren, zählt zu den fruchtbarsten Forschern auf dem Ge 
biete der organischen Chemie. Es gi lang ihm, die Kon 
stitution der Zuckerarten festzustellen und die Syntese des 
Tiaubenzuckers auszultihren. — Geh. Reg.-Rat Professor 
Dr. W. Nernst hat sich als Physiker einen weit über 
die deutsche Grenze gehenden Ruf erwoi ben. Er wurde 
am 25. Juni 1864 zu Brühen geboren, s'udierte in 
Zürich, Berlin, Graz, Würzburg. Seine Arbeiten 
betreffen hauptsächlich das Problem der galvanischen Strom 
erzeugung und die Theotie chemischer G eichgewichte. 
Durch die Herstellung der Nernstlampe drang sein Name 
in Laienkreise. — Geh. Reg.-Rai Dr. phil Siegmund 
Gabriel ist Abteilungsvorsteser am I. chemischen Institut 
der Universität. Wir sehen den bedeutenden Gelehrten, 
dessen wissenschaftliche Werke in Fachkreis.n hohe An 
erkennung geniessen, in seinem Laboratorium, teoretisch- 
praktischen Unterricht seinen Schülern erteilend — In 
seiner Gelehrtenstube zeigt unser Bild Geh. R' gierungsrat 
Professor Dr phil. Hermann Wichelhaus Sinnend 
blickt das geistige Auge dieses berühmten Ch mikers in die 
Ferne, seinen grossen Kenntnissen und ausserordentlichen 
Erfahrungen Form zu geben und sie als Basis zu weitei en 
Studien und zur Fortentwicklung seiner Wissenschaft der 
Mitwelt zu überreichen. — Auch in diesem Heft bringen 
wir interessante Szenen aus dem Berliner Strassenleben. 
Ein grosser Genuss ist dem Berliner das Mittags-Concert 
im Lustgarten. Sobald die Wache aufgezogen, schwenkt 
die Kapelle nach dem Lustgarten ab uni lässt hier ihre 
Weisen erschallen. — Sehr eigenartig wirkt der Strassen- 
verkauf Unter den Linden. — Die-es Geschäftskleinlebeu 
im Rahmen wehstädtischen Verkehrs und h storischer 
W'elten. Wenn die Verkauf, rin am Morgen neben der 
Universität „Zuckersüsse Apfelsinen“ preisbietet oder an 
einen kleinen zwölfjährigen Berliner Jungen sich mit der 
Offerte wendet: „Salzstange gefällig, Herr Doktor?“ Sehr 
originell wirkt auch das Bild zweier Eilboten, die es durch 
aus nicht eilig haben. — Als vorzüglicher Portraitmaler 
gilt Professor Hanns Fechner, in dessen Atelier eine 
ganze Reihe herrlicher Kunstwerke das Auge des Besuchers 
erfreuen. Besonders sind es die Kaiserportraits, die von 
der scharfen Charakterisierungsfähigkeit des Malers, von 
dessen Farbensinn und Zeicheukunst beredtes Zeugnis ab- 
legen. —■ Seit das Cabaret in dem Berliner Kunstleben als 
Faktor zu zählen begann, hat sich entschieden das Variete, 
vom Cabaret beeinflusst, in seiner deklamatorischen Kunst 
gehoben. Und es gelangten Künstler zu Ehre und Ruhm, 
die bald am Variete, bald am Cabaret das Berliner 
Publikum entzückten. Zu den weiblichen Künstlern 
gehört in allererster Linie Josefine Dora. Sie war 
es, die den echt österreichischen Soubrettentypus auf die 
noiddeutsche Ebene verpflanzte und durch ihre echte 
Wiener Art Erfolge auf Erfolge errang. — Georg 
Kaiser begann seine Bühnentätigkeit Mitte der achtziger 
Jahre. Er vei tritt das Fach der Bonvivants und Komiker 
gleich erfolgreich und zeigt besondere Begabung für 
den mimischen Couplet-Solo-Vortrag. — Eine sehr be 
gabte Cabaretsängeiin ist auch Paulette van Roy; sie 
tritt im Passagetheater auf und erfreut sich daselbst all 
abendlich grosser Erfolge. — Eine Pe sönlichkeit im Berliner 
Variete-Kunstleben ist Martin Bendix — im Volksmund 
nicht anders als der „urkomische Bendix“ genannt. Sein 
derber trockener Humor, den eine originelle Mimik unter 
stützt, wirkt anziehend, sowohl auf die grosse Masse, als 
auch auf das vornehme bessere Publikum, das wohl seiner 
Zeit aus Berlin W. zu seinen Vorträgen pilgerte, Und noch 
heute ist er immer der Star desjenigen Varietes, an dem er 
sich befindet. — Sowohl an Varietes, als auch Cabarets hat 
sich Pepi Weiss als Soubrette grosse Erfolge errungen. 
Sie wiikt auf dem Podium sehr humoristisch, sehr ausge 
lassen und versteht es, wie keine, ihr Publikum hinzu- 
reissen. — Ein vorzüglicher Komiker ist Theodor 
Fra.icke. Seine [Vorträge sind von Geist und Humor 
durchtränkt und seine Vortragsform hat künstlerische 
Qualitäten. — Seit Gründung des Cabaret „Roland 
von Berlin“ hat sich Paul Schneider-Duncker als 
Coupletsänger und Humorist einen grossen Namen er 
worben. Er bildet die Hauptattraktion des Roland’schen 
Cabaret und geniesst die Freundschaft aller derjenigen 
Berliner Lebemänner und -Damen, deren Nerven die Nacht 
ruhe lästig ist und die zwischen Mitternacht und Morgen neben 
Sekt und Austern auch noch Kunst schlürfen wollen. — 
Anny Wünsch ist beliebt durch ihre reizende Vortrags 
weise und ihren Charme, den ihre Person aushaucht. — 
Einen grossen Erfolg erzielte im Theater des Westens- 
„Cousin Bobby“, Opeiette in 3 Akten von Carl 
Milloecker. Die flot e wohlklingende Musik schmiegt sich 
prächtig dem von Humor getragenen Libretto an und welche 
künstlerische und lebendige Einheit die Regie Grevenbergs, 
schuf, davon legt gewiss das Finale des II. Aktes Zeugnis- 
ab, das wir hier bildlich bringen. — Es ist immer wieder 
interessant, sich das alte Berlin, Berlin von anno dazumal 
öder dessen charakteristische Bauten zu vergegenwärtigen. 
In unser schnelllebigen Zeit, wo die Spitzhacke tagtäglich an 
der Arbeit ist, werden wir da gewahr, dass die gewaltige- 
Expansion unserer Stait wohl was Imponierendes an sich 
hat. dass aber die moderne Bauart an künstlerischer B.deutung, 
an Stilform meist weit hinter den Bauten zurücksteht, die- 
unsere Vorfahren errichtet haben. Sind das nicht wahre 
architektonische Kunstwerke — diese drei Tore — das 
Hamburger, das Oranienburger und das Rosentaler- 
Tor? — Und wo finden wir noch heute eine so eigen 
artige Anlage wie die Sommerstrasse und Stadtmauer 
vor dem Jahre 1868? — Wir kehren ins moderne Beiliner 
Leben zurück und begeben uns an einen Restaul ant-Stamm- 
tisch wo die markantesten Persönlichkeiten der Kunst- und 
Schriflstellerwelt ihren Frühschoppen zu sich nehmen. Das ist 
der Künstlerstammtisch bei Siechen, den Eingeweihten 
unter dem Namen „Dalldorf“ bekannt. Unter den Gästen be 
finden sich die Henen Patry, Pategg, Dr. Kastan , etc. -— 
Das Konservator ium Klindw orth-Scharwenka beging am 
18. und 19. Dezember v. J. die Feier seines 25jährigen Be 
st.hens durch zwei Festkonze te im grossen Saal der Phil 
harmonie und im Beethovens ial DieLeitungdieserKonzertelag- 
in den Händen des jetzigen Direktors Kapellmeister Robei t 
Robitschek, welcher das junge Orchester zu glänzenden. 
Leistungen herangebildet hat e. Berns te in-Same rsky.
        
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