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Full text: Berliner Leben Issue 9.1906

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fangenen. Mir ward ein schlanker, junger Fant zu teil, 
flachshaarig, milchbärtig, von schönem Wuchs, — ein 
Herzogskind, geübt in den Waffen, aber untauglich zu 
schwerer Arbeit. Er war wohlgeübt in der Kunst, die 
Laute zu schlagen, süsse Weise zu singen und tosenden 
Heldensang. Er sang von König Artus und seiner Tafel 
runde, von König Alfred und seinen Helden. Es waren 
eigene, weiche, seltsame Klänge, lichtvoll, voll Wohllaut, 
nicht so rauh und so stürmisch und düster wie die Sänge 
unserer Skalden. Wenn er sang, so sass Edith, das Haupt 
geneigt, gestützt in die schöne Hand, und reichliche Tränen 
flössen über ihre blassen Wangen. Sie dachte der Heimat, 
ihre sehnende Seele flog hinüber zur weissen Küste der 
Briten-Insel. Dann gebot ich dem Barden zu schweigen 
und liess einen unserer Skalden kommen, dass er singe die 
Heldentaten unseres Volkes. 
Edith, die Sanfte, die Reine —- sie hatte Feinde unter 
unseren Nachbarn — sie konnte sich an unsere Weise nicht 
gewöhnen, man betrachtete sie als Eindringlin und gab ihr 
Schuld, dass ich mir nicht mein Gemahl ausgesucht hatte 
aus den Töchtern der Edelinge. So hinterbrachte man mir, 
dass Edith den jungen Athelwulf in ihren Frauengemächern 
empfinge, damit er ihr vorsänge die süssen Weisen ihrer 
Heimat. Man liess auch durchblicken, dass meine Ehre 
dadurch Schaden gelitten hatte. Ich war rasend vor Zorn, — 
überzeugt, dass der Verdacht auch schon Schuld sei, durch 
bohrte den Jüngling mit dem Schwerte, als ich ihn fand, 
wie er bei Edith zur Harfe sang. Dass ihre Frauen zu 
gegen waren, achtete ich nicht, ich schleifte sie an den 
Haaren aus dem Gemach, schleppte sie auf diesen Felsen, 
auf dem wir stehen und forderte das Bekenntnis ihrer Schuld. 
Weinend umfasste sie meine Knie, schwur heilig und teuer 
bei dem Christengott, den sie verehrte, sie sei schuldlos. 
Aber ich glaubte ihr nicht. Ich glaubte den Verleumdern, 
die mich beschwatzt hatten. Ein Blick in ihre blauen 
Kinderaugen hätte mich überzeugen müssen, dass sie wahr 
sprach, — aber ich war blind vor Eifersucht, und wie 
rasend schleuderte ich sie vom Felsen hinab in das bran 
dende Meer. 
Ich stürmte nach Hause. Die heulenden Kammerfrauen 
rauften ihr Haar und schlugen die Erde mit der Stirn, sie 
schwuren, Edith sei unschuldig, nie hätte Athelwulf ihr 
Gemach betreten, ohne dass sie dabei waren, nie habe er 
etwas anderes getan, als die süssen Weisen gesungen, nie 
sei etwas sträfliches geschehen! 
Finster verliess ich das Gemach und mein Haus, — da 
begegnete mir der Knecht meines Nachbars Olaf, der mir 
zuerst den Argwohn in die Seele geträufelt hatte. Er liess 
mich rufen, — er werde sterben und wolle mir noch etwas 
anvertrauen. Von böser Ahnung getrieben, betrat ich seine 
Hütte, — ich fand ihn auf seinem letzten Lager, ein Keiler 
hatte ihm auf der Jagd mit scharfem Hauer die Todeswunde 
geschlagen. Das Sprechen wurde ihm schwer. Er sagte, 
— Edith sei unschuldig; Neid und Missgunst hätten ihm 
die Verleumdung eingegeben. Ich hätte das Schwert her- 
vorreissen und seinem Todeskampf abkürzen mögen, Aber 
er war ja wehrlos, — ich wandte mich um und verliess 
Prinzessin Friedrich Karl t. 
das Gemach, ohne ihn eines Wortes, eines Blickes zu 
würdigen. Ich ging hinunter zum Meeresstrand, ich rief 
Ediths Namen, wie ein verwundeter Stier lief ich das Ufer 
entlang, ich schrie und rief und zerraufte mir Haar und 
Bart. 
Da! — auf dem Kamme der Wellen etwas weisses, es 
kommt näher — dem Ufer zu — eine weibliche Gestalt 
in weissem, schimmernden Lei lengewande Ich sprang in 
die Brandung, fasste den Körper in meine Arme und trug 
ihn ans Ufer. Ich sah in das weisse starre Gesicht — — 
Edith! Eine klaffende Wunde an der Stirn, die grossen 
blauen Kinderaugen starr zum Himmel gerichtet. Selbst 
starr wie die Tote stierte ich in das blasse Antlitz, — dann 
versuchte ich, die geöffneten Augen zuzudrücken, — ver 
gebens. Vorwurfsvoll blickten sie auf gen Himmel. Ich 
liess meine Knechte kommen und den Körper mit allen 
Ehren bestatten. Und seit jener Zeit stehe ich hier oben, 
wenn der Sturm braust und die Wogen branden. Und ich 
suche meine irrende Seele. Meine irrende Seele ist Edith. 
Wie ihre starren Augen gen Himmel blickten, aber ihr 
Leib durch die Fluten irrte, bis sie ans Ufer gelangte und 
in der Erde Schooss ihre Ruhe fand, — so meine Seele; 
— ich blicke sehnend, gen Himmel, eingehen möcht ich 
zu Allvaters Saal, mir die Adern öffnen, wie es die Alt 
vordern taten, aber ich irre weiter, durchs Leben, — die 
Schuld zwiefachen Mordes drückt mich, — ich und meine 
Edith müssten dereinst dem Meeie entsteigen, zeigen müsste 
sie sich mir und mir winken — versöhnend. Dann will 
ich hinauf gehen auf diesen Felsen und die Reise antreten 
zu Allvaters Saal. 
Er schwieg und starrte hernieder auf die brandenden 
Wogen des Fjords. 
Ein Jahr war vergangen. Unten am Strande sammelten 
sich die Scharen der Männer, Weiber und Greise. Die 
Wikinger sollten zurückkommen von England, — und 
wunderbare Kunde brachte ein Boot, das vorausgeeilt war: 
Nicht kriegerische Eroberungen hatten die Helden gemacht, 
— friedlich hatten sie sich vertragen. Man hatte ihnen 
Schätze gebracht in reicher Fülle und Vieh und Waffen» 
man hatte sie aufgenommen als Gäste, und mancher junge 
Degen hatte sich ein Weib genommen, nicht in Gewalt, 
sondern in Minne und Frieden. 
Die Schiffe mit den Drachenköpfen kamen in Sicht. 
Schilder, Lanzen und Schwerter sah man blitzen im 
Sonnenschein. 
Aus dem ersten Schiff stieg Harald, — an der Hand 
ein siis ; es, junges Weib mit langem, wallenden Blondhaar 
und grossen blauen Kinderaugen. Sie neigte sich hold. 
Am Ufer ihr zunächst stand Knut der alte Recke. 
Seine Augen weiteten sich, seine Lippen öffneten sich. 
„Edith!“ rief er. 
„Woher kennst Du mich, ehrwürdiger Held?“ fragte 
sie betroffen. 
„Ja“ sagte Harald „sie heisst Edith — sie ward mein 
in Minne — sie wird das Glück meines Lebens sein“. 
Da umarmte der Alte das junge Weib und küsste sie 
auf die Stirn. „Meine irrende Seele!“ raunte er. Sie 
aber verstand ihn nicht. 
Als das Fest der Wiederkehr gefeiert war, bestieg Knut 
mit seinen Ileergesellen den Felsen ob dem Fjord und 
-sprach kurze Abschiedsworte zu . ihnen, dann sagte er: 
„Allvater s»i gelobt! — Ihr Schwertjungfrauen traget 
den alten Einherier hinauf zu Wallhall — ruhig rastet dort 
meine irrende Seele ! “
        
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