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Full text: Berliner Leben Issue 9.1906

Unsere Bilder. 
„Alles fliesst“, sagt der Grieche und das alte, klassische 
Wort charakterisiert nicht minder das buntfarbige Leben des 
modernen Spreeathens. Auch bei uns ist nur der Wechsel 
beständig und wahrlich mehr als irgendwo in dem Reiche 
der Musen, dem wir gemäss unserer Bilderreihenfolge als 
bald unsere Aufmerksamkeit zuwenden. Wieder hat eine 
Metamorphose an zwei Kunststätten, die berufen sind, in 
der ersten Reihe zu figurieren, die Öffentlichkeit vielfach 
beschäftigt, wiederum sind die Direktionsposten zweier 
Theater von neuen Leitern besetzt worden. Herr Alfred 
Schmieden übernimmt zu Beginn der nächsten Saison, 
am 1. Juli 1906 die Leitung des Neuen Theaters; Ludwig 
Barnay, folgte dem ehrenvollen Ruf, als Direktor in den 
Tempel der Kgl. Schauspiele emzuziehen. Herr Schmieden 
steht im 81. Jahre. Er hat seine Ausbildung als Darsteller 
und Regisseur am Meininger Hoftheater genossen und war 
in Innsbruck, Bonn, London und zuletzt in Berlin am Lust 
spielhaus tätig gewesen. Der neue Direktor gehörte vor 
seiner Theaterlaufbahn der deutschen Armee als Offizier an. 
Interessant ist es, dass Schmieden momentan noch an der 
Berliner Universität immatrikuliert ist und im nächsten Früh 
jahr seinen Doktor zu machen gedenkt. Hofrat Barnay hat 
seit seiner künstlerischen Tätigkeit am Berliner Theater dem 
Theaierleben offiziell fern gestanden, zuerst genoss er in 
Wiesbaden, dann hier, das otium cum dignitate und es 
schien wirklich, dass er mit seiner Biographie, die er in 
der Zeit seines Privatlebens herausgab, seine öffentliche, 
künstlerische Tätigkeit beschlossen hätte Indess, wie man 
beim Theater zu sagen pflegt, so ist es auch im Leben „es 
kommt immer alles anders“ und so sehen wir heute den 
einst so beliebten Künstler und Direktor an der Spitze des 
ersten Theaterinslitutes Deutschlands aufs Neue seine künst 
lerische Tätigkeit fortsetzen. Wie verlautet und wie sich 
wohl auch schon aus dem Titel ergibt ist Barnay mehr 
Machtbefugniss und Ellenbogenfreiheit zugestanden, als bis 
her üblich war, und so ist umsomehr bei den hervor 
ragenden artistischen Fähigkeiten des neuen Leiters zu er 
warten, dass er das Institut auf ein der Stellung des 
Theaters angemessenes Niveau erhebt. — Wir wenden uns 
dem gesellschaftlichen Leben zu und schenken einer Reihe 
von Persönlichkeiten unsere Aufmerksamkeit, die in den 
letzten Wochen vornehmlich. in der Öffentlichkeit hervor 
getreten sind. An der tote befindet sich Hans Heinrich XI, 
Fürst von Pless, Graf von Hochberg nud Freiherr, zu 
Fürstenstein, dem der Kaiser anlässlich eines Jubiläums zum 
Herzog von Pless erhoben. Der Fürst feierte die fünfzigste 
Wiederkehr des Tages, an dem er nach dem Tode seines 
Vaters die Verwaltung seines riesigen schlesischen Güter- 
komplexes übernahm. Fürst von Pless, der ältere Bruder 
unseres früheren Generalintendanten Graf von Hochberg, 
.gehört zu den reichsten Magnaten Deutschlands. — Die 
Persönlichkeit, welcher das folgende Portrait angehört, ist 
allerdings weniger aktiv im Laufe der letzten Zeit in 
die Oeffentlichktit getreten, der Staatsminister von 
Thielen, von einer schweren Krankheit heimgesucht, 
wurde durch den Tod aus diesem Leben abberufen. 
Thielen, schon einige Jahre pensioniert, hatte sich um das 
Eisenbahnwesen sehr verdient gemacht, seinen Fähigkeiten 
ist es vielfach zu verdanken, dass die preussische Staats 
bahn im In- und Auslande bezugs Sicherheit und Schnellig 
keit einen hohen Ruf geniesst. — Im grossen Generalstab 
bat ein sehr wichtiger und einschneidender Personen 
wechsel stattgefunden. Herr von Schlieffen ist in den 
Ruhestand getreten und Generalleutnant Graf Helmuth 
von Moltke ist vom Kaiser zum Chef des Generalstabes 
ernannt worden. Ueber die Bedeutung dieses Strategen, 
an den naturgemäss als den nahen Verwandten des ver- 
.storbenen Feldmarschalls doppelte Anforderungen gestellt 
werden, wird viel gestritten, doch soll sich der oberste 
Kriegsherr auf dem letzten Kaisermanöver von den glän 
zenden Fähigkeiten des neuen Chefs völlig überzeugt 
haben. — Einen grossen Verlust brachte das neue Jahr 
der gesellschaftlichen Welt Berlins. Der braunschweigische 
Gesandte am preussischen Hofe Freiherr von Cramm- 
Burgdo'rf, Bevollmächtigen zum Bundesrat, ist am 81. De 
zember in den Ruhestand getreten, um fürder fern vom 
öffentlichen Leben an der Seite seiner Gemahlin, einer 
geborenen v. Tschirschky in Ruhe seine alten Tage zu 
verleben. Freiherr v. Cramm-Burgdorf ist Gesandter seit 
dem Jahre 1888 und eine in der Berliner Gesellschaft 
sehr beliebte Erscheinung. An zahlreichen humanitären 
und künstlerischen Veranstaltungen hat sich der Gesandte 
stets mit regem Eifer beteiligt. Er ist Ehrenmitglied' der 
Genossenschaft Deutscher Bühnenangehöriger; vor Jahren 
war er Intendant des Hoftheaters in Gera. — Die Lust und 
Freude „die Büchse hinauszutragen, dem Wilde nachzu 
jagen“, verlässt den echten Deutschen auch dann nicht, 
wenn der Wechsel grossstädtischen Treibens seine Zeit 
überreichlich in Anspruch nimmt und ein grosses Mass 
seiner Freiheit absorbiert. Hailoh — beschaut Euch unser 
Bild auf Seite 7 — welche Männer aus dem Berliner 
Gesellschafts- und Kunstleben seht Ihr hier nicht im 
Nimrodsgewand? — Wie bekannt als Schütze ist nicht 
z. B. Herr Ad . . . und mancher andere — freilich, momentan 
lässt sich die Schiesstiichtigkeit der Herren nicht erproben, ihr 
Handwerk ist schon vollbracht, sie befinden sich „beim 
Frühstück nach der Treibjagd“. Aber es ist den 
Jägern zuzutrauen, dass sie auch beim Frühstück ihr 
Können beweisen werden. — Auf Seite 8 und 9 bringen 
wir wieder vier der Bretterwelt angehörende Persönlich 
keiten in ihrem Heim. Der Kammersänger Theodor 
Bertram ist jetzt Mitglied der Komischen Oper. Der 
„stimmgewaltige Wotan“, wie er in Künstlerkreisen vielfach 
genannt wird, hat smh nicht nur durch seinen prachtvollen 
Baryton, sondern auch durch ausserordentlichen Fleiss zu 
Ruhm und Ehren emporgeschwungen. — Eine Reihe von 
Jahren gehört Marie Götze unserem Opernhause an, auch 
ihre Kunst ist anerkannt, sie gehört mit zu den besten 
Wagnerinterpretinnen. — Ein hervorragendes Mitglied des 
„Lustspielhauses“ ist Frl. Tilly Waldegg, ihre hübsche 
äussere Erscheinung, die Grazie ihres Wesens unterstützen 
sie in ihren darstellerischen Aufgaben und so geniesst sie 
das Lob der Presse und erfreut sich einer grossen Beliebt 
heit von Seiten des Publikums. — Als Schlussbild dieser 
Seite bringen wir Josefine von Olszewski-Reinl, die 
vortre fliehe Opernsängerin am Kgl. Opernhaus", als Neu 
vermählte mit Gatten und Mutter in ihrem neuen Heim. — 
Der Januar ist enschieden die Hochsaison der Cabarets, 
dieser Enkelkinder Wolzogens, die sich erst um Mitternacht 
den Schlaf aus den Augen reiben und alsbald zur fröhlichen 
Tätigkeit erwachen. Unter diesen Liederkunststätten geniesst 
einen sehr guten Ruf das Cabaret Struwelpeter, dem 
nicht weniger als drei Vertreter aus dem kunstbegnadeten 
Hause Lieban angehören. Der Humor der in dem 
Struwelpet'rensemble zu Hause ist, lockt allabendlich zahl 
reiche Gäste heran. — Auf der Höhe steht gewiss auch 
das Cabaret Unter den Linden. „Ein zahlreiches 
Personal“ bildet hier das Ensemble und jedes einzelne 
Mitglied darf als ein hervorragender Cabarctkiinstler 
bezeichnet werden. Es seien nur Namen, wie Gusti Nora, 
Hertha Bethge, Georg Braun, G. Grassl genannt 
oder Oskar Klein, der Conferencier und Schriftsteller 
von Ruf. — Die thö dansants, Feste und Bälle bilden 
schon einen intensiven Teil der Unterhaltungen der Berliner 
Lebe- und Kunstwelt und eine Vereinigung nach der anderen 
tritt auf die Bildfläche um der Terpsychore zu opfern. Und 
auch das Cabaret „Roland von Berlin“ schickte seine Send 
boten aus und lud seine Freunde und Ve ehrer in die 
geschmückten Hallen der Philharmorr 1 < Anzahl der 
interessantesten Ballgäste zeigt unser Bild. Wir wenden 
uns auf Seite 12 und 18 den Künsten der Plastik und der 
Malerei zu. In der Hochschule für Musik ist von Keller 
und Reiner eine „ Meun i er-Ausstellung“ veranstaltet 
worden. Dieser belgische Künstler gehört in seiner 
Individualität zu den bedeutendsten Bildhauern der Gegen 
wart. Nicht Fürsten und Kriegern, sondern den Vertretern 
der Arbeit setzt er seine Ewigkeilsdenkmale und bei allem 
ICunstmass in einer solch eindringlichen Form, dass die 
Augen der Figuren Bände sprechen. Man betrachte 
beispielsweise den Kopf eines alten Bergmanns, man ver 
tiefe sich in das Gesicht eines Puddlers. In Meunier ist 
der Plastiker erstanden, der die Arbeit in seinen Werken 
zu Ehren bringt. — Zu den hervorragendsten und bekann 
testen Malern Berlins gehört Professor Heinrich Lessing, 
den wir hier in seinem Atelier bei der Arbeit aufgesucht 
haben. Sinnend sitzt er vor der Leinewand, auf der sich 
eine stimmungsvolle Gartenszene schon lebendig abhebt, 
während das Auge sriner Gattin, in dem sich Glück 
und Liebe zu paaren scheinen, wie segnend auf dem 
Haupte ihres Mannes ruht. — Die drei letzten Bilderseiten 
gehören dem Berliner Leben der Armut, des sportlichen 
Vergügens und der Arbeit an. Wir werfen zuerst einen 
Blick in die Räumlichkeiten der „Wärmehalle“. Mit dem 
Elendsten der Elenden meint es der diesjährige Winter nicht 
so schlimm, als mancher andere. Wenn auch täglich aus 
dem grauen Antlitz der Regen fliesst und die nasse Luft 
Krankheitskeime in sich birgt und verbreitet, so ist es 
immerhin doch keine eisige Kälte, welche die Glieder er 
starren macht, und dem Obdachslosen mit Frost und Er 
starrung droht. Ist in Folge dessen in diesem Winter die 
Wärmehalle auch nicht überfüllt, so kann, wie wir auf 
unserem Bilde sehen, doch von einem schlechten Zuspruch nicht 
gerade die Rede sein — sie übt auf die Armut und den 
Hunger noch immer genügende Anziehungskraft aus. Das 
ruht sich aus, das wärmt sich, das stillt den Hunger, das 
arbeitet auch in der Flickstube, um seine Garderobe wieder 
Strassen- und hoffähig zu machen. Vergnügter und freund 
licher als in den Wärmehallen sehen die Gesichter der 
Herrschaften auf der Eisbahn an der Rousseau-Insel, 
drein, die sich beim Schlittschuhlaufen unterhalten und 
amüsieren Freilich was dem Obdachlosen als Glück er 
schien, empfanden die passionierten Schlittschuhläufer tief 
schmerzlich — nur einen Tag währte der Frost und glitzerte 
im Sonnenstrahl das Eis, es ward Abend und ward Morgen 
und dann kam wieder ein warmer feuchter Tag und Eis 
und Vergnügen wurden zu Wasser. — Die letzte Aufnahme 
skizziert in lebhaften Farben das Leben und Treiben im 
Hof-P.ostamte. Auf der Uhr ist es drei Viertel 7, die 
elektrischen Lampen werfen ihren Lichtschein auf die Masse 
der eifrig arbeitenden Beamten, welche Pakete effektuicren, 
solche in Körbe packen, die Körbe nach der Vorhalle fahren, 
wo die Pakete in Postwagen verladen werden . . . Wenn 
Hermes, der Götterpostbote jetzt wieder einmal zur Welt 
käme und sähe, wie sich mit der Zeit sein Geschäft ver- 
grössert und verzweigt hätte . . .? 
Rtrnstein-Sawersky.
        
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