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Full text: Berliner Leben Issue 9.1906

den Ruf einer feinfühligen Charakterdarstellerin. — Zwei 
vielversprechende Talente sind die anmutige Naive Hella 
Eschborn und die jugendlich sentimentale Liebhaberin 
Frl. Editha Romminger, die jetzt am Königl. Schau 
spielhaus engagiert sind. Frl. Romminger begann ihre 
künstlerische Laufbahn am Bellevuetheater zu Stettin im 
Winter 1904/05. — F'ür das Königl. Schauspiel 
haus sind ferner drei hervorragende Künstler gewonnen 
wotden, die Hetren O tto Sommerstorff, Albert Patry, 
Julius Geisendörfer. Die Rückkehr Otto Sommerstorffs 
zur darstellenden Kunst, von der er, als er vom Deutschen 
Theater Abschied nahm, für immer scheiden wollte, wird 
allgemein mit Freuden empfunden werden; vielleicht wird 
er auf seine Gemahlin Frau Teresina Gessner-Sommerstorff, 
mit der er jetzt in beschaulicher Zurückgezogenheit in Graz 
lebte, vorbildlich wirken und sie anregen, ebenfalls wieder 
ein Engagement in unserer Metropole zur Freude ihrer 
Kunstgemeinde anzunehmen. — Albert Patry, einer 
unserer bedeutendsten Charakterdarsteller, besonders in 
modernen Schöpfungen, verlässt das Lessingtheater, um am 
Schillerplatz auf dem Altäre der dramatischen Muse zu 
opfern und zugleich seine grossen Fähigkeiten als Regis 
seur, die er bereits früher im Schiller-Theater bewiesen, 
wieder zu betätigen. Patry ist der Gatte der schönen Marie 
Reisenhofer. — Julius Geisendörfer, einen jugendlichen, 
aber nicht namenlosen Darsteller hat Lindau als Direktor 
des Deutschen Theaters vor zwei Jahren aus der Provinz 
geholt, hier in Berlin wusste der Künstler durch seine durch 
geistigten Darstellungen rasch festen F'uss zu fassen. — Herr 
Oskar Wagner, der Gatte der dem Ensemble des Kleinen 
Theaters angehörenden bekannten Schauspielerin F'r. Agnes 
Werner-Wagner, übernimmt, nachdem er aus dem Verbände 
des Löwenfeld’schen Schillertheaters O ausgetreten, die 
Direktion des Schillertheaters N. Der neue Leiter 
hofft das Institut als ein gutes Volkstheater im Sinne der 
früheren Direktion weiterzuführen. — Genau an derselben 
Stelle, an der am 22. Dezember 1900 der Kronprinz den 
ersten Spatentisch zum Teltowkanal Ya feierlicher Weise 
vollzogen hat, hat am 2. Juni d. J. der Kaiser, umgeben 
von seinen Gästen, mit dem festlich geschmückten Schiffe 
die über die fertiggestellte Mündung des Teltowkanals ge 
spannte seidene Schnur durchschnitten und damit eine neue 
grosse, für die Entwickelung des Kreises Teltow, der Vor 
orte Berlins und der gesamten Schiffahrtsverhältnisse in der 
Mark hochwichtige Wasserstrasse dem allgemeinen Verkehr 
freigegeben. Wo früher, zwischen der Glienicker Lake und 
dem stillen Griebnitzsee auf staubigem baumlosen Sandhügel 
alte Schuppen und Zäune sich erhoben, liegt jetzt die von 
Granitmauern, grünen Böschungen und Baumpflanzungen 
eingefasste, von schlanken Brücken überspannte Einfahrt 
des Kanals. Die Idee, zur Entlastung der Berliner Wasser 
strassen eine kürzere Verbindung zwischen Havel und der 
Oberspree herzustellen, ist schon 40 Jahre alt, aber erst dem 
Landrat des Kreises Teltow Herrn von Stubenrauch gelang 
es, durch seine Tatkraft, dem Plan feste greifbare Gestalt 
zu geben, und den Kreistag so von der Bedeutung der 
Anlage zu überzeugen, dass dieser in der denkwürdigen 
Sitzung vom 5. März 1900 fast einstimmig beschloss, den 
ganzen Bau auf alleinige Kosten des Kreises zur Aufführung 
zu bringen. Auf unserem Bilde sehen wir den Kaiser, 
die Kaiserin, Prinz Eitel Friedrich, Prinzessin 
Tiktoria; sie befinden sich auf dem Deck der Alexandra 
in der Machnower Schleuse. — Die Rubrik „Berliner An 
sichten“ zeigt uns das farbenreiche Milieu und bunte Leben 
*\ 
„In den Zelten“. Die Zelten gehören im Sommer mit 
zu den besuchtesten Konzertlokalen Berlins. Sie liegen im 
Tiergarten und die frische Luft, die man dort wenige 
Minuten entfernt von dem wildesten Grossstadtleben findet, 
die wohltuende Kühle im Schatten der alten echten, nicht 
vom „Fritz“ aus der Wohnung hinausgetragenen „Bäume“ 
wirken ebenso anziehend auf den Erholuug suchenden 
Mittelstandsbürger, als die blonde Weisse, die sich bei 
unserer strammen Militärmusik so vergnüglich trinken lässt, 
als die wohlriechenden Krapfen und Pfannkuchen, die kleine 
Konditorjungens umhertragen und verlockend offerieren. — 
F'riihjahr und Sommer stehen im Zeichen der „Kinder 
spiele“. Welch’ ein schöner Anblick, sorglos in kindlicher 
Unschuld die Kleinen sich unterhalten und spielen zu sehen. 
Und besonders im Grünen, wo sich ihre bleichen Gesichtchen 
röten und ihre Herzen kräftiger schlagen. Wird doch hier 
auch der Anblick des frohen unschuldigen Spieles nicht 
durch die Sorge gestört, dass das Kind bei seiner Vertiefung 
in’s Spiel grossstädtischen Gefahren ausgesetzt sei. — Zu den 
bekanntesten und hervorragendsten Malern der Gegenwart 
gehört Walter Leistikow, den wir sinnend, das geistige 
Auge den herrlichen Landschaften der Mark zugewandt, bei 
der Arbeit in seinem Atelier überraschen. Leistikows Grösse 
beruht in der künstlerischen Fähigkeit zu seltenem 
Zauber das geheimnisvolle Weben in der Natur mit dem 
Materialismus der Natur zu vereinen. Seine Land 
schaften sind lebendige Träume. — Vertreter darstellender 
Kunst zu Hause bringen wir auf den beiden fol 
genden Seiten. Fräulein Gertrud Eysoldt und Herr 
Alexander Moissi bilden die Hauptstützen des Reinhardt’ 
sehen Ensembles am Deutschen Theater. Frl. Eysoldt 
hat es durch eine feine, individuelle, aus dem Gemütsleben 
herauswachsende Charakterisierungskunst verstanden, sich 
das für Feinkunst empfängliche Berlin zu erobern, Ilerrn 
Moissi fördert Direktor Reinhardt in der Ueberzeugung, 
einst Berlin einen zweiten Kainz zu schenken. — Vom 
Königl. Opernhause weg ist die hervorragende Sängerin 
Fräulein Hedwig Kauffmann-F'ranzillo von Direktor 
Gregor an die Komische Oper engagiert worden. Eben 
so zählt Herr Franz Egenieff, der Herkunft nach 
ein Freiherr von Kleydorff, jetzt zum Ensemble der 
musikalischen Stätte am Schiffbauerdamm. Egenieff, ein be 
deutender Barytonist, ist Schüler der Lilli Lehmann. — 
Die teils aus dem fnsellande unserer englischen Vettern, 
teils aus dem überseeischen Lande der unbegrenzten Mög 
lichkeiten bei uns eingewanderte Sportlust breitet ihre 
Herrscherarme immer weiter und weiter aus. Der Sport 
ist die charakteristische Signatur unserer Zeit; die letzten 
Tage standen im Zeichen des „Concours hippique.“ 
Unsere Bilder zeigen mit welcher Lust und Liebe unsere 
Sportsleute bei der Arbeit sind, die das Leben aufheitert 
und den Menscheu von der grossstädtischen Nervosität be 
freit, an der er besonders im Winter bei der nie rastenden 
Arbeit erkrankt ist. Mit welchem Eifer liegen der springende 
Flerr und die springende Dame ihrer Sportpflicht ob, welch 
ein frohes, das Auge laben le Schauspiel bildet der Blumen 
korso, der am letzten Tag des Concours hippique stattge 
funden hat? Ja wir sehen sogar unseren sonst so ernsten 
Kaiser beim Concours hippique, wie unser Bild auf Seite 15 
dartut, in sorgenfreier, fröhlicher Stimmung. Lachend steht er 
vor der Hofloge umgeben vom General v. Kessel, 
General Hiilsen-Haeseler, Chef des Militätkabinetts, 
auch wohnt die Kaiserin und der Kronprinz der sport 
lichen F'estivität bei. — Zum Schluss bringen wir noch 
einige herrliche An- und Ausichten im Tiergarten. Von 
Sonnenschein überstrahlt liegt die Rousseau-Insel und 
die Landschaft „Am Neuen See“. In üppiger Fülle hat 
sich die Flora entfaltet, die Fauna wird durch Wildarten 
vertreten, die teils zu einer Gesellschaft vereint auf grünem 
Rasen lagern, teils die träumerisch plätschernden Wellen 
durchschwimmen. Und in Boten sitzen Berliner und Ber 
linerinnen und erfreuen sich auf dem Wasser des süssen 
Nichtstuns. Ein hübsches Bild gewährt der Blick auch auf 
die Kaiser Friedrich-Gedächtni s-Kirch e. 
Be niste in-Sarve rsky. 
—=*8*=— 
Irrende Seele. 
Skizze von Paul Georg Tlialer. 
(Nachdruck verboten). 
Knut der Wiking stand auf dem höchsten Schroff des 
F'elsens und schaute hinunter, wo das graue, brandende, 
gischende Meer donnernd ein langes, schmales Fjord ins 
felsige Land hineinschnitt. Der Sturm sauste über die 
F’elsen und peitschte das bäumende Meer, wühlte in dem 
silbernen, wallenden Bart, den fliegenden, schneeweissen 
Locken des alten Helden. 
Und er stand und starrte hernieder in das Meer. 
Harald, sein Neffe, jung, blondbärtig, goldhaarig, stand 
neben ihm, betrachtete ihn schweigend, schüttelte das Haupt 
und fragte endlich: 
„Oheim, — staunend betrachte ich Dich, seitdem ich 
zurückgekehrt bin von meiner ersten Fahrt. Untätig sitzest 
Du und starrst in das Feuer des Herdes. Wenn aber der 
Sturm über das Fjeld und die Schären dahinsaust, dann 
verlässt Du das Haus und klimmst die Schroffen hinan — 
und starrst hinunter in den Fjord. Was suchst Du dort?“ 
„Meine irrende Seele.“ 
„Das Wort ist dunkel, Ohm, willst Du mir nicht er 
klären?“ 
„Wohl, ich will s. Höre zu: Ich war ein junger Degen 
wie Du. Aus zog ich zu meiner ersten Fahrt. Hinüber 
gings in’s Land der Sachsen. Eine Bucht, unbewacht, 
preisgegeben jeglichem Angriff, bot den Schiffen will 
kommenen Ankerplatz. Wir legten an — wie die Sturm 
flut selbst ergossen wir uns ins Land Unaufhaltsam 
drangen wir vor, was sich uns entgegenstellte — nieder 
durch das Schwert, was sich ergab — als Sklaven weg- 
gefiihrt. Schätze erbeuteten wir, Silber und Gold in 
schwerer Menge, uni als köstlichen Preis für unsere 
Tapferkeit Weiber, herrliche sächsische Weiber mit langen, 
blonden Haaren, grossen blauen Augen und blendend 
weisser Haut. Ich trug sie hinaus aus dem Gehöft ihres 
Vaters, in das wir F'euer gelegt hatten, — düster lohten 
die Flammen gen Himmel, und kraftvoll hielt ich sie fest, 
dass sie sich nicht in das Feuer Stürze. 
Ich brachte sie heim in meine Hütte, sie wurde mein 
Weib nach dem Rechte des Siegers. Sie sass am Herde 
und weinte. Jahre dauerte es — da legte sich ihr Schmerz. 
Wiederum fuhren wir über das nordische Meer, und wie 
derum kehrten wir heim mit Beute beladen und mit Ge-
	        
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