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Full text: Berliner Leben Issue 9.1906

er von Herinine, die doch die Scheidung beantragt 
hat, wenn auch nur ein geringes Zeichen, das ihm die 
Wiederannäherung ermöglicht. Dass sie sich nicht 
gescheut hat, in seiner Gesellschaft zu bleiben, lässt 
sich auch als Beweis erklären, dass er ihr völlig gleich- 
giltig sei. Den wahren Grund, weshalb sie der 
dringenden Aufforderung seiner Cousine gefolgt ist, 
kann er ja nicht ahnen. 
Jetzt, in der eingetretenen Pause, erkennt Leontine 
erst den Irrtum ihres lieben Roberts. Sie hat ja ganz 
vergessen, ihm zu sagen, wie zufällig die Begegnung 
war und dass Hermine ihren früheren Gatten augen 
scheinlich gar nicht gesehen hatte und erst durch sie 
selbst auf ihn aufmerksam gemacht werden musste. 
„Ach nein, lieber Rob“, lächelt sie ihrem Gatten 
zu. „So weit sind wir noch nicht —“ 
Hermine will ein Wort sagen. Es ist ihr aber, als 
sei ihr die Kehle zugeschnürt. 
Erich greift zum Weinglase und spült seine Ver 
legenheit hinunter. Dann im nächsten Augenblicke ist 
er schon wieder Herr der Situation. 
„Bitte, liebe Cousine, bringe Hermine — Frau 
von Gehren — nicht in Verlegenheit.“ 
Der Pommer lässt nicht locker. 
„Ich wusste gar nicht, dass Du Dich wieder Gehren 
nennst, Hermine, ich finde den Namen Winterfeldt 
viel schöner. Er klingt so husarenmässig, so schön 
preussisch“. 
Frau von Alten empfindet Mitleid mit Hermine, der 
zwei schwere Thränen die Wangen herunterlaufen. 
Sie hat den sehnlichsten Wunsch, ihren Vetter glück 
lich zu machen, der ihr im Laufe des Abends ge 
standen hat, wie ungern er auf die Scheidung einge 
gangen sei. Sie will aber andererseits Hermine nicht 
zwingen. 
„Rob, lass’ Hermine in Frieden. Gut Ding will 
Weile haben.“ 
Auch jetzt ist es Hermine noch unmöglich, ein 
Wort zu sprechen. Sie will Einwand erheben, aber 
es ist ihr doch im Laufe des Abends die Erkenntnis 
gekommen, dass sie auf das Beisammensein Leontinens 
mit Erich, das sich als so harmlos herausgestellt, in 
der Tat unglaublich eifersüchtig wa . 
Und Eifersucht ist doch nur eine Begleiterscheinung 
einer ganz anderen Empfindung. 
Wäre es möglich — 
Ja, weshalb spricht denn aber Erich nicht. 
Da hört sie neben sich seine sonore Stimme: 
„Trinken wir auf den wohltätigen Einfluss der 
Zeit . . . Auch Sie, meine Gnädige?“ 
Die Gläser stossen aneinander. 
Erich hat sie gelehrt, dass, was selbst manchen 
Damen der besten Gesellschaft unbekannt ist, man 
sich beim Anstossen in die Augen zu sehen hat. 
„Pupille!“ 
Und wider ihren Willen sieht sie ihn jetzt mit dem 
erhobenen Glase an. 
Katsukuma Higashi, 
der Meister der Selbstverteidigungs-Lehre Jiu-Jitsu (Apollo-Theater). 
Ihre Blicke senken sich ineinander. 
Und was sie gegenseitig tief, tief in den Augen 
lesen, ist wahrhaftig keine Gleichgiltigkeit 
Erich sendet ein kurzes Dankgebet zum Himmel. 
In einem Nu ist er wieder ganz der alte. Die 
schwerfällige, schleppende Unterhaltung weiss er in 
ein lebhaftes, von fröhlichem Lachen unterbrochenes 
Gespräch zu verwandeln. Er verspottet die Altens ein 
wenig wegen ihrer dreijährigen Flitterwochen und 
weiss doch dabei Herzenstöne anzuschlagen, die 
Hermine erschauern lassen. Es kommt ihm vor, als 
sei der Monat Juli ein schwerer Traum gewesen. Sie 
ertappt sich darauf, ihn einmal mit Erich angeredet zu 
haben. Er tut, als habe er es nicht gehört, und doch 
war es ihm, als hätte er sie hier auf der Stelle um 
armen müssen. 
Längst sind rings um sie herum alle Tische leer 
geworden. Erich hat jedoch eine Flasche Sekt nach 
der andern bestellt, sodass die Kellner die späten 
Gäste nicht „schief“ ansehen. Jetzt schlägt er vor, 
noch eine Stunde Cacaret zu geniessen. 
Die unermüdliche Leontine findet das „reizend“, 
Robert sagt natürlich ja, und Herminens lauer Wider 
spruch wird gebrochen. 
Man wi'l den kurzen Weg zu den Linden zu Fuss 
machen. 
Hermine sucht den Arm Roberts zu erhaschen. 
Aber Leontine durchschaut die Absicht. Sie hängt sich 
an ihren Gatten. 
Erich bietet Hermine den Arm, als ob er eine 
Dame auf einem Hofball zu ihrem Platze zurückzu 
führen habe. 
So gehen die Geschiedenen hinter dem Ehepaare 
einher. 
Von Gedanken an Vergangenheit und — Zukunft 
sind sie zu sehr erfüllt, als dass sie ein Wort sprechen 
können. 
Es ist mittlerweile zwei Uhr geworden. Man sagt 
ihnen, dass das Cabaret in einer Viertelstunde schüesse. 
Allseitig besteht der Wunsch, sich noch nicht zu 
trennen. 
Bald darauf sitzen sie im Cafe des Hotels Victoria. 
Erich ist wieder ganz schweigsam geworden. 
Jetzt ist Hermine beredt. 
Sie will nicht sentimental sein, sie will zeigen, dass 
nicht ein zufälliges Wiedersehen, nicht mehrstündiges 
Beisammensein sie einen Schritt bereuen lassen, den 
sie schweren Herzens nach monatelangem Grübeln 
und Ueberlegen unternommen hat. 
Aber ihre Erregung wird zum Verräter an ihr. 
Niemand von den Dreien glaubt ihr die Tiraden, die 
sie auf ihre Freiheit singt, Niemand glaubt, wenn sie 
von der Liebe als Illusion spricht — ihre Augen strafen 
sie Lügen. 
Erich will sie durch kein Wort des Widerspruches 
reizen, aber Leontine lässt es sich „einfach als Frau 
und Mutter nicht gefallen,“ ihre Ideale in den Staub 
herabgezogen zu hören. 
„Man kann sich vielleicht einmal in der Liebe irren,“ 
gesteht sie zu, „aber werde erst einmal Mutter, Hermine, 
dann redest Du solchen — verzeihe — Unsinn nicht 
mehr!“ 
„Ja, ja, Mutter,“ echoete Robert. „Aber nun nach 
Hause, Kinder, es ist fast vier Uhr!“ 
Man bricht auf. 
Hermine will in eine Droschke steigen und allein 
nach Hause fahren. 
Allgemeiner Protest. 
Erich wird von dem Ehepaar Alten förmlich in den 
Wagen neben Hermine hineingeschoben. 
Altens nehmen sich eine zweite Droschke. 
Und da sitzen die Geschiedenen 4 Uhr morgens in 
einem Taxameter zusammen und fahren zu — Herminens 
Wohnung in der Fasanenstrasse. 
„Was sagte Leontine doch zuletzt — Mutter werden,“ 
fragt Erich nach einer langen Pause. 
Er hat den Arm um Herminens Schulter gelegt. 
Und dann hat er sie eng an sich gezogen und ihr 
Haar, Stirn und Mund geküsst. 
Der Mond scheint und lässt Erich deutlich erkennen, 
wie glücklich Hermine aussieht.
        
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