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Full text: Berliner Leben Issue 9.1906

gezwungen war, während „sie“ einsam und in Tränen 
gebadet zu Hause sass. Seit mehr als einer Stunde 
zermarterte sie sich schon das modern frisierte Köpfchen 
mit dem Gedanken, wie sie ihr Fritzchen von den 
Seitensprüngen aus dem Geschirr der ehelichen Treue 
heilen könne, aber kein Hoffnungsstrahl durchzuckte 
erlösend ihr sehnendes Herzchen. Da plötzlich sprang 
sie auf, ihr Gesicht überflog eine glühende Röte und 
beide Hände presste sie auf die Stelle der Brust, wo 
hin Gott Amor einzig und allein seine nichtsnutzen 
Pfeile richtet. Was war die Ursache dieser heftigen 
Erregung? Ganz einfach! ihr kam der Gedanke, — 
den eigenen Gatten zu einem Rendezvous zu bestellen. 
Gedacht — getan, sogleich setzte sie sich an ihren 
Miniaturschreibtisch und eine Viertelstunde später 
huschte sie mit einem duftenden Billetdoux und einem 
wildpochenden Herzen die Stiegen hinunter zu dem 
nächsten Postkasten, dem sie das Briefchen anvertraute. 
Wie gewöhnlich empfing sie das spät abends nach 
Hause kommende Fritzchen mit der gewohnten Zärt 
lichkeit. Ihm in das Auge zu sehen, vermochte sie 
aber nicht. Kein Wunder! Hatte sie doch hinter 
seinem Rücken einem Manne — wenn es auch der eigene 
war — ein Liebesbriefchen geschrieben! Dieses 
sündige Bewusstsein bereitete ihrem naiven Herzchen 
neue Pein. — 
Die Nacht verging, so wie Nächte zu vergehen 
pflegen und schliesslich fand die zehnte Morgenstunde 
die beiden Gatten am Frühstückstisch vereint. 
Mit potenzierter Spannung blickte sie zu ihm hin 
über, während er mit geschäftsmässiger Gelassenheit 
einen Brief nach dem andern der eingelaufenen Post 
sachen öffnete und las. Endlich kam jenes omynöse 
Billetdoux der Gattin an die Reihe. Er nahm es, 
zerriss das Kuvert und überflog gähnend die wenigen 
Zeilen. Dann legte er es beseite. 
„Was ist das für ein Briefchen von zarter Damen 
hand?“ fragte sie harmlos, aber mit der Geriebenheit 
einer echten Evastochter. 
„O nichts, Liebling,“ entgegnete er so obenhin. 
„Mein Bankier ladet mich heute Mittag wieder zu einer 
Unterredung ein — es handelt sich um den Ankauf 
neuer Aktien — und da er wenig Zeit hatte, teilte 
seine Gattin mir diese Nachricht mit.“ 
„So? Hm!“ erwiderte sie mit auscheinender Gleich 
gültigkeit, und fügte im Geist hinzu: „O, wie falsch 
seid doch ihr Männer!“ 
Bald erhob er sich, küsste — wie gewöhnlich — 
seinem Weibchen die Stirn und schritt hinüber nach 
seinem Arbeitszimmer. 
Es war erst zehn Uhr vorüber und auf Mittag 
hatte sie das Rendezvous mit dem Gatten festgesetzt. 
Es blieben ihr also noch fast zwei Stunden Zeit. Erst 
versuchte sie durch eine Lektüre ihrem Geiste Ab 
lenkung zu geben, dann durch das Studium eines 
Modejournals, aber beides blieb erfolglos. Das 
pochende Herzchen gab ihr keine Ruhe. Schliesslich 
erhob sie sich, schellte dem Stubenmädchen und 
kleidete sich mit deren Hilfe an. 
Kaum war dies geschehen, so erschien ihr Gatte. 
„Liebchen, ich kann zu meinem grossen Bedauern 
heute nicht zum Mittagessen kommen. Du weisst ja, 
ich habe eine Unterredung mit meinem Bankier“, 
sagte er zwischen Tür und Angel. 
Sie nickte nur mit dem Kopfe und biss sich auf 
die Lippe, um nicht fröhlich aufzukichern. 
„Er“ sah nicht, dass „sie“ gleich ihm zum Aus 
gehen gerüstet war, und da „sie“ nichts weiter fragte, 
sagte „er“ ebenfalls nichts und ging. 
Trotzdem es erst elf Uhr war, verliess sie gleich 
falls die Wohnung, denn die erwartungsvolle Spannung 
vor dem Kommenden Hess ihr keine Ruhe mehr. Im 
Geiste malte sie sich schon die Bestürzung des Gatten 
aus, wenn sie als die erwartete Anna, Erna, Christi, 
oder wie sie heissen mag, vor ihn hintreten würde. 
O, sie wollte ihn von seinen Seitensprüngen schon 
kurieren, und sollte sie ihn zwanzigmal zu einem 
Rendezvous bestellen müssen. 
Unter solchen Gedanken erreichte sie einen freien 
Platz, den nämlichen, der dem Gatten mittags so ver 
hängnisvoll werden sollte. Da, sie glaubte ihren Augen 
nicht zu trauen, stand da nicht ihr Fritzchen, genau 
an derselben Stelle bei der Normaluhr, wo sie ihn 
hinbestellt hatte ? Tatsächlich, eine Täuschung war 
unmöglich! Aber jetzt schon um elf, eine Stunde 
früher? Ob er die in ihrem Briefchen angegebene 
Zeit falsch gelesen hatte? Schon wollte sie zu ihm 
hinübergehen, als sie den Entschluss fasste,ihrMännchen 
ein wenig „zappeln“ zu lassen. Sie trat etwas tiefer 
in die Anlagen, die den Platz schmückten, zurück, um 
nicht gesehen zu werden und kicherte ausgelassen in 
das vorgehaltene Taschentuch. Das würde aber auch 
einen famosen Spass geben, wenn sie ganz urplötzlich 
vor ihm hintrat! 
Plötzlich entfiel das Batisttüchelchen ihrer Hand 
und grenzenlose Bestürzung Hess sie das Schliessen 
des Mundes vergessen. Eben ging ihr Gatte, den „sie“ 
zu einem Stelldichein geladen hatte, einer fremden 
Dame grüssend entgegen, nahm jene vertraulich unter 
dem Arm und schritt mit ihr davon. O, dieser Falsche! 
O, dieser schreckliche Mann! Die Tränen traten ihr 
in die Augen und ein Schluchzen machte ihre Gestalt 
erbeben. So schnell sie die Fiisse tragen konnten, 
eilte sie ihrem Heime zu. Nun war es aus und vor 
bei, mit dem Eheglück sowohl, als auch mit ihrer 
Liebe zu ihm. 
Zu Hause angelangt, warf sie sich auf einen Divan 
und weinte sich zuerst aus. Dann überlegte sie, wie 
sie sich ihrem Gatten gegenüber nunmehr verhalten 
sollte. Unter derartigen Gedanken enteilte die Zeit 
wie im Fluge. Plötzlich öffnete sich die Türe und ihr 
Fritzchen trat über die Schwelle. 
,,’N Tag, Liebchen! Warum so ernst?“ fragte er, 
auf sie zugehend. 
„Nenne mich nicht mehr Liebchen, du Schlechter! 
Mit uns ist es aus für alle Zeit.“ Heftig schluchtzte 
sie auf. 
„Aber Kindchen, was ist denn geschehen?“ fragte 
er mit der unschuldsvollsten Miene, indem er sich an 
ihre Seite setzte und seinen Arm um ihre Schultern schlang. 
„Was geschehen ist, trägst Du? Nun, das will ich 
Dir gleich sagen! Jenes Briefchen, das Du heute morgen 
erhieltst, war nicht von Deiner Geliebten, es war von 
mir. Ich “ brauste sie mit erhitzten Wangen auf. 
Trotz seiner grössten Überraschung Hess er sich 
nichts von Bestürzung merken. Schnell gefasst lachte 
er hell auf und rief: 
„Aber Kindchen, das wusste ich doch! Wer sollte 
denn sonst auch geschrieben haben. Ich war punkt 
zwölf Uhr bei der Normaluhr, und hatte es mir schon 
so schön gedacht, wenn wir im Restaurant speisten, 
aber du kamst nicht.“ 
„Tatsächlich?“ fragte sie betreten und freudigerstaunt. 
„Aber selbstverständlich, Liebchen!“ rief er be 
teuernd. 
„Wer war aber dann jene Dame, mit der Du Dich 
trafst ?“ 
„Jene Dame? Hm. Jene Dame? 
Ach Gott, was bist Du für ein Schäfchen, 
Liebling! Jene Dame war die Gattin meines Bankiers. 
Er weilte ausserhalb in seiner Villa und sandte seine 
Frau, um mich nach dort abholen zu lassen!“ 
„Was du sagst!“ rief sie überrascht, denn an eine 
solche Lösung hätte sie nie gedacht. „Und das gerade 
bei der Normaluhr?“ 
„Zufall, Kindchen! Reiner Zufall! Nun aber siehst 
Du, wohin Deine ganz grundlose Eifersucht führen 
kann,“ entgegnete beteuernd der Heuchler. 
„Ist das denn wirklich, wirklich wahr?“ 
„Du zweifelst noch?“ Rasch drückte er sie an sich 
und verschloss ihren Mund mit einem langen Kuss. 
„Und sie bat ihn im Geiste um Verzeihung, dass 
sie jemals schlecht von ihm gedacht hatte. Glaubte sie 
doch so gerne seinen Unschuldsbeteuernngen. 
„Als er wieder allein war, kraute er sich hinter 
dem linken Ohr und murmelte: 
„Donner auch! Das nächste Mal muss ich vor 
sichtiger sein.“ 
Ja, ja, so sind die Männer! — — —
        
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