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Full text: Berliner Leben Issue 9.1906

Unsere Bilder. 
„Ins fundamentum regnorum“—- zu deutsch, in variirtem 
Sinne: „Recht geht vor Macht!“ Dass es in dieser unvoll 
kommenen Welt leider nicht immer nach diesem idealen 
Grundsatz geht, beweist der von der Resignation diktierte, 
alliäglich vernehmbare, fast schon seiner Ironie entkleidete, 
meist ernst hingeworfene Satz: Macht geht vor Recht! 
Da ist es wenigstens gut, wenn in der Theorie das Recht 
vom Glanze seiner Heiligkeit noch nichts eingebtisst hat 
und wenn wir von unseren hervorragendsten Juristen und 
Rechtsgelehrten sagen können, ihr Rechtsgefühl gleicht 
immer noch einem blanken Schild, der auch nicht von dem 
feinsten Stäubchen politischer oder sozialer Macht dienender 
Parteilichkeit beschmutzt wild. Rechlsgelehrten als ein Vor 
bild aller auf dem Altäre der Themis opfernden kann Ge 
heimer Justiz-Rat Professor Dr. jur. Josef Köhler 
bezeichnet werden, der seit 1888 dem Professorenensemble 
der Berliner Universität einverleibt ist. Vorher, vom Jahre 
1878 ab, wirkte Köhler als Professor an der Universität 
Würzbutg. Seine Werke, die als Supplemente seiner 
Vorlesungen anzusehen sind, haben eine epochale 
Bedeutung. Unentbehrlich jedem Juristen, Nationalökonomen, 
Psychologen, Psychiater sind beispielsweise seine Unter 
suchungen und Feststellungen des Patentrechtes, seines von 
des Meisters Gelehrsamkeit und Dogik ghichmässig Zeugnis 
ablegenden „Lehrbuch des bürgerlichen Rechts“ und nicht 
am wenigsten verdient das interessante Werk „Veibrecher- 
typen in Shakspeares Dramen“ hervorgehoben zu werden. — 
Die Einzelportiaits dieser Nummer gehören nur Persönlich 
keiten an, die sich jüngst im Reiche der „Künste“ hervorge 
tan haben oder berufen sind, im Laufe der Zeit, in kom 
menden Tagen eine gewisse Rolle zu spielen. Eine hervor 
ragende Altistin, die ihren Gesang mit Guitarrenklängen 
selbst begleitet, ist Frh Marianne Geyer. Man rühmt 
ihre warm-timbrierte sonore Altstimme in ihrer Wirkung 
unterstützt von einem lebhaften musikalischen Naturell, und 
eine ebenso anmutig wie geschmackvoll sich äussernde 
Vortragsweise der Künstlerin. — Zum „stellvertretenden 
Direktor“ des Neuen Theaters unter Schmieden ist 
Heinrich Wallner ernannt worden. Wallner, der sich 
viele Jahre unter Direktor Neumann-Hofer am Lessingtheater 
bewährt hat, dürfte bei seinen Erfahrungen hinter 
und vor den Kulissen eine mehr als nominelle Po 
sition am Neuen Theater einnehmen. — Eine mit vorzüg 
lichen Mitteln ausgestatette Künstlerin ist Frl. Hedwig 
Gasny, die von Dresden, wo sie einige Jahre gleicher- 
massen Presse und Publikum für sich einnahm, zu uns 
herüberkommen wird. Eine feine Charakterisierungskunst 
soll ihrer Darstellung eigen sein, man rühmt ihr den Besitz 
der Fähigkeit nach, aus dem Innern zu schöpfen und 
plastisch zu gestalten. In die Pforten des „Neuen Schau 
spielhauses“ zu Direktor Halm wird sie einziehen. — Am 
Centraltheater erzielte als „Schöne Helena“ Magarete 
Lieban Gross einen grossen Erfolg. Fr. Magarete Lieban 
Gross ist die Schwägerin des Opersärgers „Lieban“ am 
Kgl. Opernhaus. — Ein Schwesternpaar, das prädestiniert 
ist, hier in der serieusen Komödie eine Rolle zu spielen, 
ist Fr. Grete Hofmann-Kraus und Elise Ilofmann- 
Somjay. Die Künstlerin Grete IIofmann-Kraus ist die 
Frau des Kammersängers Ernst Kraus und wird im 
Lessingtheater debütieren, Fr. Elise Hofmann - Somjay 
ist ans Kleine Theater engagiert. — Die Technik, 
die das Leben der Menschen und Tiere beeinflussende, hat 
besonders der praktischen Tätigkeit des Pferdes viel Boden 
abgerungen, allein, was das Pferd als Sportobjekt anbetrifft, 
so stellt es noch heute trotz Velociped- und Automobilismus 
seinen „Mann.“ Ein Reiterfest, wie wir es im Bilde „Reiter 
fest in einem Berliner Tattersall“ zeigen, bietet Sporl- 
freud en so mannigfaltiger Art, wie sie unsere Gummi- und ölfort 
bewegungsgegenstände, gleichwohl bei diesen letzteren 
unsere Geruchsorgane auch noch beschäftigt werden, nicht 
dokumentieren können. Welch’ eine Eleganz, welch’ ein 
Geschick, welch’ eine Beweglichkeit, welche Vornehmheit, 
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welch’ einen feinen Instinkt, welch' ein Feuer werden wir 
am dressierten Pferde gewahr, wenn es im Dienste der 
Sportlust eines Reiterfestes beispielsweise sich zu einer 
Quadrille in Positur setzt! — „Künstler in ihrem Heim“, 
dürfte man die nächsten vier Bilder betiteln, die uns be 
kannte Persönlichkeiten aus der Welt der Darstellenden 
und der musikalischen Künste zeigen, Ein sehr begabtes 
Mitglied des Königl. Schauspielhauses ist Frl Hanna 
Arnstaedt, der, wie wir auf unserem Bilde beweiskräftig 
sehen, alle äusseren Mittel zur Verfügung stehen, um ihrer 
Kunst Geltung zu verschaffen und das Interesse der Berliner 
Theaterwelt zu wecken. Ebenfalls seit einigen Jah. en Mit 
glied des Königl Schauspielhauses ist Frau Nuscha Butze- 
Beermann. Nuscha Butze, die Gemahlin des in der Sport 
welt sehr bekannten und beliebten Doktor juris Georg 
Beermann, hat in ihrer Tätigkeit unter Hülsen neue Lor 
beerblätter zu den alten fügen können, die man ihr in der 
Metropole so reichlich gespendet. Das gediegene Können 
der Künstlerin kommt in jeder neuen Rolle lebendig zum 
Ausdruck; ihre Innerlichkeit vereinigt sich mit einer selten 
weichen Mollstimme und der Filigranarbeit einer Ddtail- 
malerin, sodass eine Rolle, die ihr liegt, von ihr dargestellt, 
sich zu mehr als eines Dichters Geschöpf formt, sondern zu 
wahrhaftem Leben geweckt wird. — Eine der berühmtesten 
Künstlerinnen im luftigen Reiche der Töne ist die Kaiserl. 
und Königl. Kammersängerin Frl. Lula Mysz-Gmeiner. 
Ihr kräftiges, vollklingendes im Spiel spielend technische 
Schwierigkeiten überwindendes Organ, ihre Sicherheit in der 
Vortragskunst vereinen sich mit einer der innersten Natur 
entwachsenen Empfindung und elektrisieren die Hörer, die 
der Schwester Arions von der anderen Fakultät zu lauschen 
und zu bewundern gekommen. — Dr. philos. Ludwig 
Wüllner ist einer der eigenartigsten und vielseitigsten 
Künstler, die in der Metropole zu Ruf und Ruhm gelangt 
sind. Wüllner ist nicht nur ein hervorragender Sänger, 
dessen Charakterisierungskunst und Temperament von keinem 
seiner singenden Konkurrenten übertroffen werden, in seiner 
Person vereinigt sich noch das Talent eines Violinkünstlers, 
Bühnendarstellers und Conzerldirigenten. Dr Wüllner halte 
es bei der Individualität seiner Gesangskunst nicht leicht, 
sich in Berlin durchzusetzen, aber jetzt von Presse und 
Publikum anerkannt, liegt ihm das musikalische Viertel am 
Potsdamer Platz zu Füssen. — In der vorigen Nummer 
des „Berliner Leben“ führten wir unseren Lesern in Wort 
und Bild die soziale Bedeutung eines Pestalozzi-Froebelschen 
Seminars vors Auge, heute gewähren unsere photogra 
phischen Aufnahmen aus dem Hause I der Fröbel’schen 
Anstalt einen Einblick in die „Kinderschul- und Spiel 
klassen“ , wo die Seminarschülerinnen als Lehrer ihre 
theoretischen Kenntnisse in die Praxis umsetzen. Es ist für 
Kinderfreunde ein Vergnügen, die Kleinen in ihrer kind 
lichen Beschäftigung zu beobachten, zu belauschen. Die 
niedliche kleine Kapelle — Männlein und Weiblein in 
unschuldiger Gruppierung — welch’ ein origineller Musik 
chor! Die kleinen Mädchen beim Waschen der Puppen — 
welch’ein Ernst in der Auffassung ihres mütterlichen Be 
rufes! Und wie originell der lächelnde Junge, dem gewiss 
schon einige spöttische Bemerkungen über Weibergeschmack 
und -Eigenschaften über die Lippen gekommen sind! Den 
Bestrebungen des Pestalozzi-Froebelhauses in rein mensch 
licher Beziehung stehen die humanitären Veranstaltungen 
würdig zur Seile, welche auf die physische Erziehung kleiner 
Menschenwesen ihr Augenmerk richten. Es ist noch nicht 
lange her, dass man in der Welt Fürsorgestellen für Säuglinge 
errichtet hat. Das soziale Interesse der Menschen war noch nicht 
ein so grosses, so vertieftes, um sich darüber Rechenschaft 
zu geben, zu welchen Individuen solche Kinder heran wachsen 
müssen, deren Mütter in der Sorge ums tägliche Brot sich 
den Säuglingen nur unzulänglich widmen können, oder die 
in Schmutz und Elend erzogen werden. Das ist anders 
geworden. In Berlin sind Säuglingsheime eingerichtet 
worden und wie wir aus dem Titel unseresBildes Charlotten 
burger Säuglings-Fürsorgestelle ersehen, ist Char 
lottenburg hinter Berlin nicht zurückgeblieben. Und wieder 
eine andere Welt als in dem Inneren das Froebelhauses er- 
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schliesst sich unseren Blicken, wie dort Kinder mit Puppen 
spielen, sie waschen, ankleiden, so spielt man hier mit 
Kindern, wäscht und kleidet sie, aber diese Puppen leben 
und wir sehen einige darunter, deren tiefernste Blicke 
sogar schon Erdenlied und Menschenelend zu verraten 
scheinen .... — Das an Gegensätzen besonders reiche 
Grossstadtleben spiegelt sich naturgemäss auch in unseren 
Bildern wieder. Welch’ ein Sprung von einer Säuglings- 
Fürsorgeslelle nach den inneren Gemächern eines Schlosses, 
deren Pracht an den orientalischen Zauber der Märchen 
schlösser in der Scheherezade erinnern! Die rote drap d’or 
Kammer, d. h. das im Fond rote, mit Gold ausgeschlagene 
Gemach im Königl. Schloss, ist aber eines der herrlichsten 
in diesen fürstlich, n Räumen Und es stimmt — 
Schmutz, Elend und Hunger haben hier nie geherrscht — 
Arbeit hinderte nie eine Königsmutter ihr Kind zu nähren 
— ob aber darum doch nicht auch die Sorge zwischen 
diesen Pi achträumen zuweilen ihr Lager aufgeschlagen 
hat, das ist eine Frage, die wohl die Prachtwände beant 
worten könnten, die ebenso Ohren haben wie die Wände 
armer Hütten, die aber in untertänischem Respekt nur 
Herrlichkeiten und Staatsaktionen ausplaudern und Familien- 
historien diskret verschweigen. — Um die Vorgänge in der 
Welt, welche die Bretter bedeuten, zu charakterisieren, um 
die Berliner Theatererfolge der letzten Monate, insbesondere 
die Erfolge stattgefundener Opernpremieren zu markieren, 
müssen wir unser Auge nach Charlottenburg richten. Wieder 
hat Prasch, der Direktor des „Theater des Westens“, 
mit der ersten Aufführung der „vier Grobiane“ von 
E. Wolf-Ferrari den Vogel abgeschossen — sowohl nach 
der materiellen als auch idealen Seite hin. Allerdings scheute 
auch die Regie vor keiner Mühe und keinem Mittel zurück, 
um die Inscenierum zu einer, der feinen — melodiös charakteris 
tischen Musik emsprechenden — mit einem Wort zu einer 
piachlvollen zu gestalten. Zu seltener Harmonie reichen sich 
hier alle Fakultäten der musikalisch-dramatischen Künste die 
Hand, jedes unsen r Sinne gleichmässig beschäftigend, jedem 
unserer Sinne das Beste bietend . . . Wir wenden uns mit 
den folgenden Seiten der Baukunst, den Strassenbildern 
und Strassenszenen zu, welche für Berlin charakteristisch 
und seinem Wesen und Leben ein eigenartiges 
Gepräge geben. In der letzten Zeit sind in unserer 
Hauptstadt zwei neue Kirchen entstanden, die 
Melanchton-Kirche, die am 31. März in Gegenwart des 
Kronprinzen eingeweiht worden ist und die Th ab or-Kirche. 
Die Melanchton-Kirche ist eine Filialkirche der heiligen 
Kreuzgemeinde am Uibanhafen, die Thabor-Kirche liegt am 
Görlitzer Ufer, Ende der Wrangelstrasse. Sie rangiert als 
zweite Filia kirche der „Emmaus-Gemeinde“. — Die Rubrik 
„Berliner Ansichten“ füllt ein herrliches Gemälde des Schloss 
platzes aus. Ein Panorama von seltener Perspektive und 
architektonisch-historischer Bedeutung. Links sehen 
wir das „Schloss der preussischen Könige, rechts 
den Königl. „Marstall“, in einiger Entfernung den „Rathaus 
turm“, in der Mitte des Platzes denvonBegas erbauten „Schloss 
brunnen“. — Humoristischer Att sind die Empfindungen, 
welche die Bilderserie „Berliner Lehrlingstypen“ in 
uns wachrufen. Da sehen wir beispielsweise zwei „Gummi 
schieber“, wie der Berliner Volksmund die „Strassenkehrer“ 
nennt, in tief-geistiger Unterhaltung — vielleicht denken 
sie über die Lösung der hauptstädtischen Verkehrsfrage nach 
oder der eine der Gummischieber hat sich das Geheimnis 
patentieren lassen, wie man Berlin und die Welt auch von 
sittlichem Schmutze auskehren und befreien könne — wir 
gewahren den „Rollmops“ auf dem Lastwagen im eifrigen 
Studium seines Frachtbriefes — der Leh'junge eines 
„Kellerfrisirgeschäftes“ begrüsst den frohen Morgen, indem 
er das Wahrzeichen seines Berufes, den gelben Teller, vor 
dem Geschäfte für alle Welt, die beim tichaum der Seife 
ihre Haare lassen will, befestigt und der Buchhändlerlehrling, 
in beiden Armen Journale, läuft von Türe zu Türe, um 
den Abonnenten für billiges Geld Unterhaltung, Wissen 
schaft, Bildung und Kunst ins Haus zu bringen . . 
Bernstein-Sawersky.
        
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