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Full text: Berliner Leben Issue 9.1906

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Die Klavierlehrerin. 
Ein Grossstadtbild von Dora Dunckcr. 
Nachdruck verboten! 
An ihrem Fenster im vierten Stock, das auf einen 
dunkeln, schmutzigen Hof hinaussieht, sass ein junges 
Mädchen und starrte mit grossen traurigen Augen im 
Dämmer auf ein Zeitungsblatt. Die Buchstaben waren 
kaum noch zu unterscheiden, aber das machte dem 
armen jungen Dinge nichts, das in dürftiger Kleidung 
frierend am Fenster sass. Sie kannte das Inserat aus 
wendig, dessen Zeilen ihr Finger mechanisch verfolgte, 
und auf das noch immer keine Antwort kommen wollte. 
„Ein noch gut erhaltenes Klavier umstände 
halber sofort billig zu verkaufen. 
Waldstrasse 8, Hinterhaus IV.“ 
Aus der kleinen Kammer nebenan, nach der die Tür 
offen stand, kam eine grämliche missmutige Stimme: 
„Kommt denn heut wieder keine Schülerin, Marie?“ 
„Du weisst ja, liebe Mama, dass ich die Stunden 
ausser dem Hause gebe. Der Arzt wünscht es so — 
es greift Dich zu sehr an.“ 
„Aber warum spielst Du selber keinen Ton?“ 
„Aus demselben Grunde.“ 
„Ich will aber, dass Du spielen sollst“, gab die Alte 
eigensinnig zurück, „ich will, hörst Du Marie, ich bin 
nicht so krank.“ 
Das junge Mädchen stand von ihrem Platz am Fenster 
auf und trat gelassen an das Lager der schwerkranken 
Frau. 
„Beruhige Dich, liebste Mama. Ich werde gleich 
nachher spielen. Ich hatte ein bisschen Kopfweh.“ 
„Schon gut, schon gut. Dein Kopfweh wird was 
rechtes sein, wenn Du meine Schmerzen hättest! Lass 
nur, lass; ich will zu schlafen versuchen.“ 
Marie ging leise ins Nebenzimmer zurück und setzte 
sich vor das geöffnete Klavier. 
Liebkosend fuhr sie mit der Hand über die gelb 
lichen Tasten. Tränen verdunkelten ihren Blick und 
rollten langsam über die blassen Wangen. 
Nebenan begann die Kranke aus ihrem Fieberschlaf 
zu reden, lautes, irres, wirres Zeug. Das Mädchen 
hörte es nicht. Gedankenverloren sass es vor dem 
Klavier. 
Wie hatte sie gearbeitet, gespart, gedarbt, um es zu 
besitzen! Wie jubelnd hatte sie seinen Besitz begriisst! 
Nach wie heissen, schmerzlichen Kämpfen hatte sie den 
Entschluss gefasst, sich davon zu trennen! 
Der Mutter Krankheit, die Ausgaben, die das lange 
Siechtum verursachte, die Zeit und Kraft, die sie der 
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Georg Kaiser 
Apollo-Theater, Berlin. 
Pflege widmen musste — es hatte keinen anderen 
Ausweg gegeben. 
Der Ton der scharfgezogenen Klingel draussen an 
der Wohnungstür riss Marie aus ihren wehmütigen 
Träumen. 
Ein grosser, breitschulteriger Mann stand vor dem 
schmächtigen Mädchen. 
Er hielt ein Zeitungsblatt in der Hand und fragte 
laut und grob, ob es hier recht sei mit dem Klavier? 
Marie nickte stumm und liess ihn in das kleine 
Zimmer, das er, ohne den Hut vom Kopf zu nehmen, 
mit stampfenden Schritten betrat. 
Leise schloss sie die Tür zur Kammer der Mutter 
und zündete eine Lampe an, die sie, immer ratlos, auf 
das Klavier stellte. 
Der Mann sass schon davor und prüfte mit der 
breiten roten Hand die Politur des Instruments. Dann 
liess er die derben Hände auf die Tastatur herunter 
gleiten und fing an in abgehackter, dilettantischer Manier 
die Melodie eines Gassenhauers zu spielen, die zur 
Zeit in aller Leute Munde war. 
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Die Klavierlehrerin fuhr schreckhaft zusammen. 
Ein Schluchzen wollte ihr in der Kehle aufsteigen, 
aber sie unterdrückte es tapfer. 
Der Spieler brach jäh ab; sein musikalisches Ge 
dächtnis hatte offenbar nicht über wenige Takte hinaus 
gereicht. 
Er wiegte wohlgefällig das schwerfällige Haupt. 
Nachdem er das blasse Geschöpf um volle dreissig 
Mark gedrückt hatte, wurden sie handelseinig. Am 
nächsten Morgen wurde das Klavier abgeholt und mit 
schweren, stampfenden Tritten die Treppe herunter 
getragen. 
Scheu und gedrückt, als ob sie einen Verrat an dem 
Liebsten begangen hätte, schlich Marie an der leeren 
Stelle vorbei, an der das Klavier gestanden hatte. 
Der grosse graue, leere Fleck auf der schlechten 
Tapete sah sie mit hohlen vorwurfsvollen Augen 
Acht Tage später wurde mit den gleichen, schweren 
lastenden Tritten wie das Klavier, der Sarg der Mutter 
die steile Treppe hinuntergebracht. 
Wie eine Schlafwandelnde schlich die Einsame um 
her. Sie ass und trank und wusste nicht was, noch 
woher sie’s nahm. Sie gab mechanisch die wenigen 
Stunden, die ihr noch geblieben waren. Menschliche 
Stimmen, die Töne auf dem Klavier, vernahm sie wie 
aus weiter Ferne durch einen dichten, dicken, undurch 
dringlichen Nebel. 
Dann kam der erste des Monats und mit ihm das 
Erwachen aus dieser fürchterlichen lähmenden Lethargie. 
Die Lehrerin konnte die fällige Miete nicht bezahlen 
Den Erlös für das Klavier hatten rückständige Schulden, 
der Tod und das Begräbnis der Mutter verschlungen. 
Die Energie der Wirtsfrau, die nicht unbillig dachte, 
half aus der ersten Not. Zunächst galt es die Woh 
nung aufzugeben. Die Möbel behielt die Wirtin einst 
weilen zurück. Sie überstiegen an Wert freilich den 
Preis, den das Mädchen schuldete, aber die Frau stellte 
einen angemessenen Gutschein darüber aus, und eine 
Einrichtung konnte die Klavierlehrerin am Ende da, 
wo die Wirtin sie einmietete, doch nicht gebrauchen. 
Noch an demselben Tage übersiedelte das junge 
Mädchen mit ihren wenigen Habseligkeiten in ihr 
neues Heim, eine dürftige Schlafstelle bei einer Bäckers 
frau in der Nachbarschaft. Die gutmütige Person 
hatte sich aus Freundschaft für die Wirtin aus der 
Waldstrasse bereit erklärt, die junge Lehrerin gegen 
ein billiges Geld auch in Kost zu nehmen. 
Die Wirtin aus der Waldstrasse aber liess sich an 
dieser vorläufigen Fürsorge nicht genügen. 
Nachdem sie es der Schweigsamen abgelockt hatte, 
dass sie ihre Schülerinnen nahezu verloren hatte, mut-
        
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