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Full text: Berliner Leben Issue 9.1906

Palmsonntag und das Theater. 
Skizze von Marie Drach. 
Nachdruck verboten. 
Palmsonntag und das Theater! — Welch himmel 
weiter Unterschied liegt zwischen diesen zwei Worten 
und doch, von welch’ einschneidender Bedeutung ist 
dieser Tag im Theaterleben. Fast alle Stadt- und 
Provinztheater schliesseti an diesem ominösen Datum 
ihre Türen und die Wallfahrt der engagementslosen 
Schauspieler nach Berlin, dem gelobten Land der 
Theateragenten, beginnt. — Es ist ein bitter— süsser 
Moment! Bitter, denn das Schreckgespenst Hunger 
lauert vor der Türe. Süss, denn neben diesem Gräuel 
steht froh und erhobenen Hauptes die Hoffnungs- 
Göttin. — Wer weiss, was nun kommen wird?! Und 
bitter—süss kommt es auch ihm vor, dem grossen 
Mimen und Liebling der Posemuckler Damenwelt, der 
am besagten Sonntag würdevoll und frisch rasiert in 
Berlin dem Zug entsteigt. Zuerst segelt er auf den 
nächsten Schutzmann los um den »lieben Freund« nach 
dem Weg zur Friedrichstrasse und den Linden zu fragen. 
Mit wiegenden Schritten, seiner gepflückten Lorbeeren 
vollkommen bewusst, setzt er sich nun dahin in Be 
wegung. — In diesen Strassen finden sich dann um 
diese Jahreszeit ganze Schwärme engagementsuchender 
Schauspieler und Schauspielerinnen und Sänger und 
alle eilen dem gleichen Ziele zu, den Theateragenturen, 
die sich zumeist in dieser Stadtgegend befinden, alle 
mit dem gleichen Zagen, mit den gleichen Hoffnungen 
im Herzen. Endlich ist man angelangt: »Herein ohne 
zu klopfen« steht verheissungsvoll an der Türe. Man 
öffnet sie in der frohen Meinung der erste zu sein und 
findet dann, trotz der Hast, in der man hergestürzt ist, 
das Wartezimmer bereits gesteckt voll, wie bei einem 
berühmten Arzt in der Sprechstunde. Und alle haben 
ihre schönsten Kleider angetan und alle werfen sich 
voll Haltung und Selbstbewusstsein in die Brust und 
hoffen und harren, und warten und hoffen, denn »viele 
sind berufen, wenige sind auserwählt« steht in der 
Bibel. — Sie hoffen, zu diesen Auserwählten zu ge 
hören, dass ihnen vielleicht auf diesem Weg ihr Glücks 
stern leuchte, der sie in den sicheren Hafen eine? 
ständigen Theaters, am Ende gar eines Hoftheaters 
leite. Der Eingang zum Allerheiligsten, dem Privatbürau 
des Agenten ist geschlossen. — Ein leises Flüstern geht 
durch die Versammlung, geheimnisvoll, weihevollen 
Zauber verbreitend. Intendant X vom Kgl. Hoftheater 
in XX soll drinnen sein!!! — Und jeder einzelne blickt 
gespannt, sehnsuchtsvoll und verstohlen nach der ver 
schlossenen Türe hinüber und schauert leise und hofft 
voll Bangen weiter. Wer wird das grosse Loos ge 
winnen, wen wird er engagieren? — Endlich zeigt der 
Zeiger 2 Uhr, — 1 A,3! — Allmälig leert sich der Raum 
um sich morgen aufs neue ebenso zu füllen. — Und 
nun ziehen sie fast allesamt hinüber nach dem Cafe 
Westminster Unter den Linden, das sich nach und nach 
zu einer Art Schauspielerbörse entwickelt hat. — Hier 
Thidet mann im Nu ein halbes Schock alter Bekannter, 
mit denen man früher einmal irgendwo zusammen 
engagiert gewesen ist, denn aus allen Ecken Deutsch 
lands strömen sie hier zusammen. »Was, Alterchen, 
lebst Du denn auch noch?« tönt eine volle Stimme, 
etwas lauter als just nötig wäre, vom Nebentischchen 
herüber. Sie gehört dem ersten Liebhaber an, der in 
der verflossenen Wintersaison die Herzen der Frauen 
und Mädchen des Statdtheaters zu Y. in heiliger Knnst- 
begeisterung entflammen machte. Bereits die 6te 
Stunde des heutigen Tages sitzt er hier bei einer ein 
zigen Tasse Kaffee und studiert sämtliche Theaterbe 
richte sämtlicher Zeitungen. Die beiden waren im Vor 
jahr Kollegen in Wursthausen gewesen und das 
Wiedersehen ist ein sehr bewegtes. Alle zwei haben 
sich so viel zu erzählen von Triumpfen aller Art: »Seit 
wann seid Ihr hier?« fragt der Aeltere. »Kam gestern.« — 
»Ich schon vor 4 Tagen, hatte in der letzten Novität 
nichts zu tun.« — Warst Du hier schon im Theater?« — 
»Jawohl Hess das Lessing über mich ergehen, bekam 
ein Freibillet — ich sage Euch — — (der Sprecher 
war im letzten Winter Charaktervater in Hinterbugsdorf 
und ist, wie der weisse Stecknadelkopf in seinem Knopf 
loch und der mächtig grosse Uhukopf an der Kette an- 
zeigen, wohlbestallter Schlaraffe, weshalb er seine Be 
kannten nur in der zweiten Person des Plurals anredet) — 
ich sage Euch der (und er nennt den Namen 
eines ersten Berliner Künstlers) ich kann mich mit 
dieser Auffassung dieser Rolle nicht befreunden und 
dann der Mann hat ja kein Organ — ha! — Und er 
gerät in Hitze und erzählt, wie bei seiner Darstellung 
ganz Flinterbugsdorf auf den Beinen gewesen wäre, 
um ihm nicht nur Kränze, nein, sondern gleich dem 
englischen Heer im Macbeth, einen ganzen Wald von 
Lorbeeren zu Füssen zu legen: »Ich sage Euch, toll, 
toll sind sie gewesen, ich sage Euch die grosse Scene, 
wie ich das mache — ha — und Blitze schiessen aus 
seinen Augen und er räuspert sich sonor verheissungs 
voll und setzt seine Worte in die Tat um, indem er, 
dem natürlich begeisterten Kollegen, einen ganzen 
langen Satz in’s Ohr schmettert. Da, — in der Mitte 
angelangt, plötzlich tiefes Schweigen. — »Ha, a, ä — 
übrigens kennt Ihr den Meier? — Ich sage Euch, ein 
brillanter Souffleur! — Während dessen hat sich ein sehr 
kleines, sehr niedliches, blutjunges Persönchen genähert, 
das bisher an einem der Nebentische mit einigen Damen, 
augenscheinlich gleichfalls Schauspielerinnen, geplaudert 
hat. Der jugendliche Liebhaber stellt vor: »Unsere 
Naive, meine Frau.« — »Ali, Ihr habt Euch verheiratet? 
Gratuliere herzlichst! — Das ging ja rasch!« — Ja, 
schnell war es freilich gegangen, so schnell, dass 
eigentlich keines recht wusste, wie es eigentlich ge 
kommen war. —Sie hatten eben mit einander ein 
Weilchen geträumt von Ruhm und Glanz und künftiger 
Grösse und darüber waren sie, wie es vielen jungen 
Schauspielern ergeht, eines Tages als Ehepaar erwacht. 
Und nun hatten sie Luftschlösser gebaut von einem ge 
meinsamen Engagement an einem grossen Theater, wo 
man sich dann einen Hausstand würde gründen können, 
und nicht mehr heimatlos im chambre garni würde 
durch die Welt ziehen müssen. — Wie lange wird es nun 
noch dauern, bis ihnen auch diese Luftschlösser, 
gleich einer Fata-Morgana entschwinden, um der 
Trennung Platz zu machen, entweder von einander, 
oder wenigsten des einen von den geliebten Brettern. 
Glück und Unglück, Illusion und Enttäuschung, Hoff 
nung und Angst, Elend und Grösse, Halbgötter und 
über die Achsel Angesehene sind ja so eng vereint in 
der Bühnenlaufbahn. Dieses grünschillernde Licht, das 
wie ein Gliihkäferchen durchs ganze Leben des Schau 
spielers flattert, jetzt hell aufleuchtend, und im Nu 
wieder unsichtbar, das ist die Mitgift, die die drama 
tische Muse ihren Kindern in die Wiege legt. — 
Möchten diese Johanniskäferchen doch recht vielen ihren 
Weg erleuchten, möchten die Osterglocken doch recht 
vielen, die wieder wartend im Westminster-Cafe sitzen, 
die Auferstehung einläuten zum wirklichen Künstler. — 
Lehmanns. 
Nachdruck verboten. 
Lehmanns haben Equipage. 
Früher waren sie Engros- 
5chlächtermeisterseheleute, 
Und sie wohnten Berlin 0. 
Das Geschäft ist flott gegangen, 
Lehmann wurde ein Rentier, 
Und er zog mit der Familie 
Beletage Berlin W. 
Kleider, Möbel, Equipage 
Kauft man sich für vieles Geld, 
Erstens, weil man in der Lage, 
Zweitens, weil man auf sich hält. 
Elschen, Lehmanns einzige Tochter, 
Die schon immer trieb Musik, 
Fiat jetzt furchtbar teure Stunden. 
20 Mchen Stück für Stück. 
Ein Monsieur lehrt sie französisch 
Englisch lehrt sie eine Miss, 
So entfernt man für die feine 
Ehe jedes Hindernis, 
Und es findet sich ein Leutnant, 
Der das Elschen ehelicht 
Und am Gelde hat Vergnügen, 
Doch an der Familie nicht. 
Und zuweilen hört man Seufzer, 
Deren Inhalt etwa so: 
Lehmanns Geld entspricht dem Westen, 
Das Benehmen Berlin 0. A. J.
        
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