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Full text: Berliner Leben Issue 9.1906

Wolken gekreppten Chiffons garniert war, ans dem 
hie und da matt aufleuchtende Jetteigretten, vom 
gleissenden Licht des Kronleuchters getroffen,/wie 
schimmernde Tränen erglänzten. Sie war sehr 
stimmungsvoll, die Toilette, so recht auf Trauer um 
Russland komponiert. Frau Maria schwebte durch 
den Saal, umgeben von ihren beiden Trabanten, einem 
kahlköpfigen Bankier der ä la Baisse spekuliert und 
durch die russische Deroute ungeheure Summen ver 
dient hatte, und einem jungen Atlachee, den sie gou 
tierte, weil er unerreicht in der Zubet eitung der ver 
schiedenartigsten Bowlen war und der ausserdem 
sehr gut Skat spielte. Aus diesem letzterem Grunde 
sah Frau Maria in ihm einen zukünftigen Minister. 
Einem plötzlichen Einfall nachgebend, wandte sich 
die schöne Frau an den Bankier. „Wo ist denn unser 
Dichter?“ Der dicke Herr wies auf einen, in einer 
Nische alleinstehenden Herrn. Frau Maria verab 
schiedete ihre Getreuen und steuerte auf ihn zu. Der 
wirkungsvolle Prolog, den er gratis zur Verfügung 
gestellt, hatte gefallen und das Fest schwunghaft ein 
geleitet. Man musste dem jungen Mann danken, und 
was lag näher, als dass sie selbst, die Patronesse 
dieser Veranstaltung, sich der angenehmen Pflicht 
unterzog. Nun stand sie dicht vor ihm, doch er sah 
sie nicht, da er, tief in Gedanken, auf den Boden 
starrte. Mit einem Blick umfing Frau Maria den 
Dichter. Ein hübscher, junger Mann, etwas übermässig 
schlank, auch das Gesicht reichlich hager, die Wangen 
geradezu eingefallen — Gott, junge Dichter können in 
diesen teuren Zeiten nicht alle Tage Fleisch essen! — 
aber interessant, ungemein interessant. 
»Herr Surkmann!« 
Er blickte auf, ein flammendes Rot schoss ihm ins 
Gesicht. »Gnädige Frau?« 
Sie entledigte sich ihrer selbstgewählten Mission: 
»Nehmen Sie herzlichen Dank für Ihre vornehme, 
wundervolle Dichtung, die Sie uns in so uneigennütziger 
Weise gespendet haben.« 
Der Dichter verbeugte sich, dass die uneigennützige 
Weise darauf zurückzuführen war, dass er die wunder 
volle Dichtung von einem Dutzend Redaktionen zurück 
erhalten, verschwieg er wohlweislich. Diej'iyige Frau 
winkte, sie gingen in den einsamen Nebenraum und 
setzten sich. Der Kellner flog herbei, mit einem un 
hörbaren Seufzer bestellte Hans Surkmann eine Flasche 
Wein für drei Mark, das war die billigste Sorte, die 
auf der Karte verzeichnet war, und viel mehr betrug 
sein gesamtes Barvermögen nicht; Aussenstände hatte 
er nicht aufzuweisen. 
»Schreiben Sie viele solcher herrlichen Gedichte?« 
eröffnete Frau Maria das Gespräch. 
Der junge Mann seufzte, diesmal hörbar. »Ach, 
nein, gnädige Frau, man will doch leben.« 
»Also Romane?« forschte sie weiter. 
Er nickte. »Ich habe zwei Romane veröffentlicht, 
die reissenden Absatz fanden — als Makulatur. 
Nein, gnädige Frau, ich schreibe populäre Artikel, etwa 
wie »Das Briefpapier der Königin« oder die »Lieblings 
zitate unseres Reichskanzlers« oder »Das Leben an 
deutschen Fürstenhöfen« und ähnliche hochwichtige und 
poetische Sachen.« 
Frau Maria Hardung warf dem Schriftsteller, der 
sein Schaffen so wehmütig persiflierte, einen innigen 
Blick zu, aus dem Mitleid und Anteilnahme sprachen. 
Sie überlegte. War dieser junge Mann, der ein ent- 
schicdenesTalentbesass, nicht ebenso derUnterstützung, 
wenigstens aber der Förderung bedürftig, wie die 
russischen Opfer? Sie schwankte einen Moment, dann 
kam sie zu einem Entschlüsse. Dem jungen Manne 
konnte vielleicht geholfen werden, doch es galt vorerst 
ihn nach seinen Verhältnissen zu befragen.« 
»Verzeihen Sie« — sie stockte, fuhr dann aber 
mutig fort — »es ist nicht müssige Neugier, die aus 
mir spricht! Sie sind nicht vermögend?« 
»Ich bin es nicht, gnädige Frau, mein Vater verlor 
sein Kapital an exotischen Staatsobligationcn, die wir 
Kinder als Rechenpapier benutzten. Er kam auch nicht 
wieder hoch, denn seine Energie endete an der Grenze 
seiner Bequemlichkeit. Und er war ein Phantast; das 
einzige Erbteil, das ich von ihm übernommen habe.« 
Immer lebhafter wurde das Augenblicksgefühl der 
reichen Frau. Sie befand sich zwischen den Dreissig 
und Vierzig — mehr nahe den letzteren —, in einem 
Alter also, da mit der schwindenden Schönheit die 
Angst auftaucht, in der Gesellschaft nicht mehr zu 
dominieren. Ihren Einfluss vermochte sie aber zu 
wahren, wenn sie über einen berühmten Mann als 
dekorativen Trabanten verfügte. Ihr Gatte war nicht 
eifersüchtig, wusste, dass sie ihr Herz auf kalt und 
warm stellen konnte, wie einen Eisenbahnabteil, würde 
also ihren Kalkül nicht durchkreuzen. Wohl befand 
sich auf dem Feste ein bekannter Dramatiker, aber 
seiner war sie nicht sicher. Besser ein Rettungsball 
in der Hand, als eine Lustyacht im Hafen. Eine 
charmante Idee kam ihr. 
»Haben Sic bereits ein Theaterstück geschrieben?« 
HansSurkmann lächelte. »Ich kenne keinen deutschen 
Schriftsteller, der cs noch nicht getan hätte.« — 
Frau Maria geriet in Eifer. »Grossartig! Superb! 
Geben Sie mir das Stück; Ich werde es nicht lesen, 
aber empfehlen. Mein Mann ist nämlich mit einem 
Theaterdirektor sehr befreundet.« Sie verschwieg, dass 
diese Freundschaft sich nur auf die Gagetage erstreckte, 
an denen der Direktor für hohe Zinsen Geld lieh. Das 
war ja auch nebensächlich. 
Frau Marias blaue Augen funkelten vor Freude. 
Herrlich—köstlich! Sie würde den jungen Mann lan 
cieren; und auf seine Dankbarkeit durfte sie rechnen. 
Er erschien ihr nicht intelligent genug, um undankbar 
zu sein. So war ihr Einfluss für lange Zeit gesichert, 
denn die Entdeckung eines Theaterdichters gilt heut 
zutage mehr, als die Entdeckung Amerikas. Dass 
dieses ihr unbekannte Werk Erfolg haben würde — da 
ran zweifelte sie nicht. Zum ersten verfügte sie über 
einen ausgedehnten Bekanntenkreis, dessen Ergebenheit 
sie sicher war; des ferneren besass jener Theater 
direktor glänzende Schauspieler, und drittens inscenierte 
er die Stücke, der Mode folgend, mit wuchtigen Pomp 
den ihm sein Pump ermöglichte. Wenn er es unter 
nähme, das Opus aufzuführen — der Erfolg würde nicht 
ausbleiben. 
Ihrem Impulse gehorchend, reichte Frau Maria 
Hardung ihrem Gegenüber die Hand, die er ehrfurchts 
voll küsste. Ich erwarte Sie zu meinem Five O’clock- 
Tea — Mittwoch zwischen fünf und sieben. Vergessen 
Sie Ihr Stück nicht.« 
Noch ein huldvoller Blick, dann erhob sie sich und 
rauschte davon. 
Hans Surkmann bezahlte den Wein und gab dem 
Kellner ein fürstliches Trinkgeld: fünfundzwanzig 
deutsche Reichspfennige. Wehmütig beguckte er sein 
Portemonnaie. Ein einsames Zehnpfennigstück führte 
darin ein beschauliches Dasein. Es reichte just für 
die Elektrische, die ihn nach dem äussersten Norden 
bringen sollte, wo er ein bescheidenes Zimmerchen be 
wohnte. Aber so schlaff der Geldbeutel, so voll war 
seine junge Seele von stolzer Hoffnung. Er fühlte, 
der heutige Abend bedeutete einen Wendepunkt in 
seinem Leben. Aufgeführter Dichter! Das heisst Ruhm 
und — Geld. 
Er stand auf, verliess das Fest und schlenderte 
hinein in die sternenklare stille Vorfrühlingsnacht. Es 
war empfindlich kühl, er schlug den Kragen seines 
dünnen Ueberziehers hoch und beschleunigte den 
Schritt. Da stellte sich ihm ein armes, zerlumptes 
Weib in den Weg und winselte um eine kleine Gabe. 
Er blieb stehen, ein kurzer, harter Kampf entspann 
sich in seinem Innern. Herz und Kopf schlugen sich 
so erbittert, wie einstens Russen und Japaner. Der 
Kopf dozierte: »Welch’ ein blöder Dummerjan wärst 
Du, wenn Du Deinen letzten Nickel opfern wolltest. 
Das Weib vor dir macht er nicht reich, Dich aber so 
arm, dass Du nicht einmal die Strassenbahn benutzen 
könntest.« Sein Herz rebellierte: »Da kommst Du 
nun von einem Wohltätigkeitsfest zum Besten der 
Russen und willst hartherzig gegen eine Deutsche sein. 
Ich pfeife auf die internationale Wohltätigkeit, wenn 
die nationale darüber zurückgedrängt wird. Steht Dir 
die Armut, die Du siehst, nicht näher, als jene, von 
der Du nur hörst? Du hast im Dienste der Wohl 
tätigkeit getanzt und gedichtet, und nun, da die Armut 
schüchtern bei Dir anpocht, willst Du Dich ihr hart 
herzig entziehen, Deine Ohren verstopfen und Deine 
Augen verschliessen? Netter Wohltäter, der Du bist!« 
Und wie immer bei Hans Surkmann unterlag der 
Kopf. Der hoffnungsselige Dichter zog sein Porte 
monnaie, und mit einer grossartigen Gebärde über 
reichte er der armen Frau sein Zehnpfennigstück. Ein 
leises »Vergelt’s Gott!« und im Dunkel der Nacht war 
sie verschwunden. — 
Dies geschah in demselben Augenblick, da Frau 
Maria Hardung den schlanken Sektpokal grüssend 
neigte und im Ballsaal mit dem berühmten Dramatiker, 
den sie endlich an sich herangezogen, auf gute Freund 
schaft anstiess. Ihr junger Schützling war damit für 
sie erledigt.
        
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