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Full text: Berliner Leben Issue 9.1906

stattfinden sollte. Ob darüber die Eltern sich gefreut 
haben mögen, möchte icli bezweifeln, aber wir Jungens 
freuten uns unbändig darauf, wussten wir doch aus 
früheren Jahren, welch abwechschmgsreiches Leben 
das Militär in ein Dörfchen bringt, und manch humor 
volles Erlebnis wurde jetzt in den Unterhaltungen 
wieder aufgefrischt. 
Der heiss ersehnte Tag kam endlich heran, und als 
wir zu Hause in den Hof einfuhren, wimmelte dieser 
schon von Dragonern, die vor wenigen Minuten aus 
der Gefechtsübung zurückgekehrt sich nun so bequem 
wie möglich einrichteten. 
Bei Tisch spiach einer der Offiziere den Wunsch 
aus, am Nachmittage zu jagen. Dieser Vorschlag klang 
in meinen und meines Bruders Ohren wie Musik, wahr 
scheinlich auch in denen der übrigen drei bei uns ein 
quartierten Offiziere, denn er wurde einstimmig mit 
grossem Beifall aufgenommen. 
Gegen 4 Uhr, nach dem Kaffee, brachen wir auf. 
Wir wollten eben den Hof verlassen, da erblickte 
der Eskadron-Chef, Rittmeister Graf Reichenstein seinen 
Wachtmeister im Gespräch mit einem Unteroffizier. 
»Heda, Wachtmeister!« 
»Zu Befehl, Herr Rittmeister!« Die dicke, minde 
stens 200 Pfund schwere, im 24. Dienstjahr stehende 
«Mutter der Eskadron« kommt in ihrem schnellsten 
Tempo heran. 
»Herr Rittmeister befehlen?« und er reisst die 
Hacken zusammen, dass die Sporen klirren. 
»Ich befehle garnischt! Wünsche aber, dass Sie 
mit uns auf die Jagd gehen. Sind doch ein brillanter 
Schütze auf dem Scheibenstand, also zeigen Sie mal 
den Hühnern, wo ihr Herz sitzt.« 
»Aber Herr Rittmeister, die Leute müssen die 
Karabiner . . .« 
»Nichts da! Vizewachtmeister Müller soll die Auf 
sicht übernehmen und den Appell abhalten.« 
»Zu Befehl, Herr Rittmeister, aber die Pferde 
müssen . . .« 
»Donnerwetter, machen Sie keine Flausen, Wacht 
meister. Soll alles Müller übernehmen, verstanden? 
Sie sollen auch mal ein Vergnügen haben. Passen Sie 
mal auf, wird famos. Der Herr Oberamtmann hat 
noch’n paar Flinten im Schloss, also holen Sie mal mit 
seiner Erlaubnis die beste hervor und schliessen sich 
uns an. Ich bitte darum.« 
»Zu Befehl, Herr Rittmeister!« antwortet der Dicke 
und macht eine stramme Kehrtwendung, um die Mord 
waffe zu holen. Selbstverständlich begleiten ihn mein 
Bruder und ich, um ihm das beste von den zurückge 
lassenen Gewehren herausznsuchen und ihn mit Jagd 
tasche und Patronen zu versorgen. 
Inzwischen haben sich die vier Offiziere unter 
Führung meines Vaters ein gutes Stück vom Hofe ent 
fernt, wir müssen uns also beeilen, sie einzuholen, wo 
bei der dicke Herr schon tüchtig pustend in Schweiss 
gerät. 
»Da hat mir mein guter Rittmeister mal wieder ’ne 
schöne Suppe eingebrockt. Wenn dieses Laufen ein 
Vergnügen ist, dann will ich mein Lebtag nie vergnügt 
sein. Aber er Iiess mich ja absolut nicht los.« So 
stöhnt in abgebrochenen Sätzen der des Gebens nicht 
gewöhnte Wachtmeister, während wir ihn zu trösten 
und für die bevorstehende Jagd durch fesselnde Bilder 
zu interessieren suchten. 
Wir erreichen die Herren, als sie gerade am Saume 
eines Waldes in Abständen sich verteilen und schliessen 
uns ihnen an. — 
Das Getreide ist eingeheimst, die Felder sind leer, 
ln langer Reihe gehen wir durch Kartoffel- und Riiben- 
äcker, über Wiesen- und Kleebreiten, vor uns die flüch 
tigen, fermen Hunde, die in regelrechten Zickzackgalopp 
revierend die Hühner suchen. Plötzlich wirft Juno 
die Nase in die Luft, trabt, immer langsamer werdend, 
30 Schritte gegen den Wind; die langbefahnte Rute, die 
vorher noch als Zeichen des feurigen Temperaments 
der Hündin bei jedem Galloppsprung hin und herge 
schwenkt wurde, macht nur noch leichte, pendelnde 
Bewegungen, bis endlich das edle Tier fest vorstehend 
mit keiner Muskel mehr zuck 1 . Nur der Fang kaut 
gierig die süsse Witterung. Die Hühner stehen auf, 
es knallt, und ruhig sucht und bringt die Hündin das 
gefallene Wild. Jetzt wird ein Hase hoch, Juno setzt 
sich. Sie äugt zwar mit lüsternem Blick dem Davon 
eilenden nach, allein sie rührt sich nicht vom Fleck, — 
ein Wink, und weiter sucht sie in anderer Richtung 
und hat den Hasen vergessen. 
Mit solchen Hunden Hühner zu suchen, ist ein 
Hochgenuss, eine Waidmannslust, nach der sich der 
Jäger schon wochenlang vor Aufgang der Hühnerjagd 
sehnt. Nicht aber unser Wachtmeister, der stolpernd 
und schnaubend immer weiter hinter der Schützenlinie 
zurückgeblieben ist. Wir haben es garnicht bemerkt 
in nnserm Eifer, nur der Rittmeister muss sich wohl 
hin und wieder nach ihm nmgesehen haben, denn jetzt 
poltert er los: »Herr Wachtmeister!« 
»Herr Ritt — — Ritt Herr Ritt — —« 
Die Luft muss dem Dicken wohl ganz ausgegangen 
sein, denn er bringt nichts mehr heraus. Er setzt sich 
aber in Laufschritt und — mehrmals stolpernd und 
fallend steht er schweisstriefend und hochgerötet vor 
seinem lächelnden Chef, Gewehr bei Fuss. 
»Aber Wachtmeister, ich bitte Sie um alles in der 
Welt: nicht diese dienstliche Haltung! Auch nicht 
solch dienstliches Laufen, wenn ich mal rufe. Bitte, 
immer bequem. Wir sind doch jetzt nicht im Dienst, 
sondern in schönstem Privatvergnügen. Wollte Sie 
nur bitten, nicht blos am Laufen, sondern auch am 
Schiessen teilzunehmen. Haben Sie denn schon was 
heruntergeholt?« 
»Nein, Herr Rittmeister.« 
»Haben Sie überhaupt schon mal Feuer gegeben 
heut» ? 
»Nein, Herr Rittmeister.« 
»Na, ist auch kein Wunder, wenn Sie immer einen 
Kilometer hinter der Schützenlinie hergehen und wir 
Ihnen alles vor der Nase wegknallen. Also bitle von 
nun an mit uns Schritt zu halten und — mit zu schiessen. 
Tun Sie mir den Gefallen.« 
Und weiter ging es über Stoppelfelder und Kartoffel 
äcker. 
So oft auch ein Volk sich erhebt, der Wachtmeisler 
kommt nie zum Schuss. Er ist wirklich ein Pechvogel. 
Entweder stolpert er im günstigsten Augenblick über 
eine Furche, oder er ist im Moment so erschöpft, dass 
er ausserstande ist, das Gewehr an die Backe zu reissen. 
Endlich aber kracht es doch einmal zur Linken des 
Rittmeisters, als gerade eine Kette aufsteigt. Ver 
wundert hinüberschauend sieht er seinen Wachtmeister 
in voller Figur am Boden liegen und unter gewaltigen 
Anstrengungen sich erheben. Wieder gestolpert, ge 
fallen! Und dabei ist der Schuss losgegangen und — 
hat wahrhaftig ein Huhn heruntergeholt. 
»Na, sehen Sie, gleich der erste Schuss ein Treffer? 
Bravo! Sie haben uns anderen blos aus Bescheiden 
heit nichts wegschiessen wollen. Erkannt! Gegen Sie 
ist ja Nimrod selber nur ein Waisenkind gewesen.« 
Der Dicke pustet und schüttelt sich, sagen kann er 
nichts. — 
Wir haben die Felder abgetrieben, soweit wir es 
vorhatten, und treten den Heimweg an. Das Resultat 
ist ein selten gutes, und jeder ist stolz auf seine reiche 
Beute. Selbst der Dicke hängt mit leuchtenden Augen 
»sein Huhn« an die Tasche, aber von dem Vorschlag, 
es ausstopfen zu lassen und als ewige Erinnerung an 
den schönen Tag zu bewahren, will er nichts wissen. 
Er will es lieber gebraten morgen verspeisen und meint, 
das habe er redlich verdient. 
Auf dem Rückweg ist er wieder ganz kleinlaut. 
Schämt er sich? Oder ist er allzu ermattet? Aber wir 
gehen ja plaudernd alle im langsamsten Tempo. Viel 
leicht zählt er im Leisen einmal alle Purzelbäume nach, 
die er in diesen wenigen Stunden geschossen, und 
denkt: Wär’ jeder Fall ein Huhn! — Doch nein, dann 
hätte er jetzt furchtbar zu schleppen. 
Auf dem Hofe nähert sich ihm der Rittmeistnr und 
fragt: »Na Wachtmeister, hatte ich nicht recht? War’s 
nicht famos?« 
»Herr Rittmeister, sind wir noch ausser Dienst?« 
»Aber gewiss, reden Sie nur frei von der Leber weg.« 
»Dann schwöre ich bei allem, was mir lieb und 
heilig ist« — und er hebt tatsächlich die Hand wie zum 
Schwure — »dass diese erste auch meine letzte Hühner 
jagd gewesen ist!«
        
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