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Full text: Berliner Leben Issue 9.1906

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Die alte Frau war auf einen Stuhl gesunken. Ihre 
müden Beine zitterten und konnten die Last des 
Körpers nicht mehr tragen. Sie stützte die Hände auf 
die Kniee, das gab dem Körper etwas Festigkeit. Das 
gesprächige Stubenmädchen plauderte sorglos weiter. 
„Na, und wie das so kommt! Eines Tages traf sie 
einen sehr schicken Herrn in der Elektrischen. Andern 
Mittags erwartete er sie an der Flaltestelle und sprach 
sie an. So wurden die Beiden bekannt . . . Das 
Fräulein war bald in den Herrn bis über die Ohren 
verliebt. Der hatte nun leichtes Spiel .... Kaum drei 
Monate später zog das Fräulein in diese Wohnung. 
Zwei Jahre lang dauerte das Glück. Eigentlich eine 
hübsche Zeit für derartige Liebeleien. 
Und dann kam’s anders! Der Herr ver 
heiratete sich nämlich . . . 
Was das Fräulein damals geweint hat! Es half aber 
nichts . . . Zuerst schickte der Herr noch Geld. Das 
hörte aber auch auf. Und jetzt will das Fräulein alles 
verkaufen und Klavierunterricht geben . . . Wer weiss 
ob ihr’s glückt. Der Kummer nagt an ihr. Sie ist 
bleich und mager, kaum wiederzuerkennen. Auch ein 
böser Husten quält sie seit einiger Zeit. Schliesslich 
muss aber jeder wissen, was er tut Aber 
ich stehe und schwatze, ohne daran zu denken, was 
Sie herführt. Gefällt Ihnen das Pianino?“ 
Einen Augenblick war es ganz still in dem Zimmer. 
Mit gemessenen, sonoren Schlägen kündet die grosse 
Standuhr die Mittagsstunde. 
Frau Dillinger nickte. Es würgte und zuckte ihr in 
der Kehle. 
„Einen Augenblick, Madame; das Fräulein ist im 
Schlafzimmer. Ich werde sie rufen“ .... 
Mit müdem, weltfernen Blick lehnte sich Frau 
Dillinger in den Stuhl zurück. Träumte sie? Oder war 
es Wirklichkeit, grausame Wirklichkeit? Alle diese 
eleganten Möbel, die prächtigen Portieren und Kunst 
gegenstände, die sie wie durch einen nebelhaften 
Schleier ringsumher bemerkte, wären also .... Nein, 
nein, sei mochte es nicht ausdenken. Befand sie sich 
denn überhaupt bei Erna? Erna, ihre frische, blühende 
Tochter, sollte sich hier in Gewissensbissen und 
Kummer verzehren? 
Was wusste sie aber eigentlich von dem Leben 
ihrer Tochter, seitdem sie vor' jetzt drei Jahren das 
kleine Briefchen mit den verhängnisvollen vier Zeilen 
bekam ? 
An einem Abend war’s. Sie entsann sich genau. 
Erna hätte schon längst vom Konservatorium zurück 
sein müssen. Statt ihrer kam der Postbote. Vier 
Zeilen schrieb Erna nicht mehr. Was hätte sich auch 
weiter zu ihrer Entschuldigung sagen sollen, als dass 
sie sich liebten? Sie und Eberhard. Und dass sie 
ganz in dem Banne dieser Liebe stand. 
Ein dickes Buch, statt der vier Zeilen, hätten ihre 
Mutter damals auch nicht überzeugen und versöhnlich 
stimmen können. 
Adolf Philipp, 
Seitdem hatte Frau Dillinger nichts von Erna gehört. 
In dem Stadtviertel kannte man die beiden Frauen. 
Man fragte nach Ernas Verbleib. Dieser Pein wollte 
die schwer geprüfte Frau entgehen. Sie zog fort. In 
einer anderen Stadtgegend mietete sie eine neue 
Wohnung, ohne ihre Adresse zu hinterlassen. 
Aber vergessen konnte sie nicht. Der Schmerz, 
der Kummer frass sich tief ins Herz. Manchmal war 
es sogar Hass, grimmiger Hass gegen Erna, den sie 
empfand. Und nun gar erst verzeihen? Oh, wer ihr 
gestern von Verzeihung gesprochen, er wäre eines 
harten Wortes gewiss gewesen. 
Und doch war dieser unversöhnliche Schmerz und 
der Flass gegen ihr eigenes Fleisch und Blut nur ein 
Missklang ihres gequälten, einsamen Herzens. Ein 
falscher Ton in der Symphonie der Mutterliebe, der 
entstand, weil die Unrechte Saite angeschlagen wurde 
und der wieder dem volltönenden Akkord Platz machen 
musste, wenn der richtige Augenblick kam. 
Wo waren jetzt ihre strengen Vorsätze geblieben? 
Wo ihre unversönlichen Gedanken? . . . Weggeweht, 
wie trockenes Laub vom Baume! Und in dem Mittel 
punkt des neuen Lebensweges, der sich ihrem geistigen 
Auge eröffnete, stand das Bild Ernas, der leidenden, 
Trost am Mutterherzen suchenden Tochter .... 
Frau Dillinger schreckte auf. Eine Tür wurde 
hastig geöffnet. Mehr sah sic nicht. Eine dunkle 
Wolke legte sich vor das Auge der alten Frau. Wie 
aus weiter, weiter Ferne klang ein Schrei, ein einziges 
Wort, an ihr Ohr. 
„Mutter!“ 
Ein mattes Lächeln erhellte das Antlitz der Greisin. 
„Erna .... mein . . . .“ 
Wie ein Hauch kam es von ihren Lippen und 
dünkte doch dem vor der Ohnmächtigen knieenden 
Mädchen ein machtvolles Erlösungswort aus schwerem 
Traum. 
Das alte, mürrische Klavier in seinem dunkel 
braunen Werktagskleid blickt noch immer aus seiner 
Ecke missmutig in das freundliche Stübchen Frau 
Dillingers. Ob es überhaupt den prächtigen klang 
schönen Nachfolger erhalten wird, wie ihn die Witwe 
erträumte ? 
Vorläufig nicht. Denn die alte Frau hat jetzt 
wieder für Zwei zu sorgen. 
Nahe dem Fenster, im Lehnstuhl, sitzt Erna. Sie 
ist noch schwach und bleich und muss sich schonen. 
Ihre Mutter arbeitet aber doppelt. Nach wie vor geht 
sie zu ihren Schülern. Es bringt doch etwas mehr ein, 
als wenn sie zuhause unterrichtet. Aber später, wenn 
Erna erst wieder kräftig ist, wird sie die Schüler über 
nehmen und ihr Mütterchen ausruhen lassen. 
Von dem Gelde, aus dem Verkauf der schönen 
Möbel Ernas hat Frau Dillinger nichts genommen. 
Jede Erinnerung an die Vergangenheit sollte aus 
gelöscht werden .... 
Das Geld gab sie den Armen. 
Seine erste und letzte Hühner- 
jagd. 
Skizze von Pani Georg Tlialer. 
Schon Wochen lang hatten wir uns auf die Herbst 
ferien gefreut, denn in den »grossen Ferien« hatten 
wir zur Freude beobachtet, dass in diesem Jahre die 
Rebhühner in ganz aussergewölmlich grosser Zahl 
unsere Fluren bevölkerten. Mein Bruder und ich — 
damals beide Primaner eines 8 Meilen vom väterlichen 
Gute entfernt:n Gymnasiums — schwärmten ganz be 
sonders für die Hühnerjagd, sind doch die damit ver 
bundenen Strapazen und Aufregungen weit mehr ge 
eignet, ein junges feuriges Blut zu befriedigen als das 
stille Wartenmüssen auf dem Anstand, bis es einem 
Lampe oder einem Bock einfällt, sich liebenswürdigst 
in die Nähe zu wagen. 
Aber nicht nur der Gedanke an die Hühner Hess 
unsere Herzen höher schlagen, der Vater sollte während 
dieser Zeit auch reichlich Einquartierung bekommen, 
da das diesjährige Korps-Manöver in unserer Gegend
        
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