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Full text: Berliner Leben Issue 9.1906

Farbe eines brünierten Gewehrlaufes und sagte: Miau! — 
Gespeist zu haben! Es -war recht gut, blos etwas angebrannt! 
Vier oder fünf Tage später besuchte mich Schnauzi 
wieder. Ich bot ihr Zucker an, den wies sie aber zurück 
— so ging sie diesmal leer aus und rügte mein Vergehen 
mit einem sehr ärgerlichen Abschiedsmiau. 
Am nächsten Abend ging ich durch die Neunkirchner 
strasse ins „Rössl“. Vor der Auslage eines Delikatessen 
händlers blieb ich zufällig stehen und guckte hinein. Ha, 
was gibt es da für Herrlichkeiten für dich, o Schnauzi! 
Wie könntest du die bescheidene Konservenbüchse verachten, 
die dich vor einigen Tagen so sehr entzückte, wenn man 
dich da mitten hineinsetzte! 
Wie ein Gesicht stieg ein Bild in mir auf, worin 
Schinken, Schnauzi, Wursthäute und Tee keine Nebenfiguren 
waren. Ich ging in das Geschäft hinein und kaufte eine 
Unmenge von jenen Fieischsorten zusammen, die meiner 
Ansicht nach Lieblingsspeisen des Katzengeschlechtes sind. 
Dann trollte ich mich — nach Hause. Heute wollte ich 
einmal zu Hause essen. 
Als ich heimkam, war Schnauzi nicht da. Wäre ich 
meinem ersten Antrieb gefolgt — das „Rössl“ hätte mich 
an jenem Abend dennoch unter seine Gäste gezählt. Ich 
überlegte aber ein paar Minuten, fand,' dass ich noch immer 
ziemlich günstige Aussicht hätte, meinen Gast bei mir zu 
begrüssen, und blieb. 
Peter zündete die Lampe an, machte Feuer und deckte 
den Tisch. Ich zog mir eine bequeme Bluse an und beschloss, 
anstandshalber mit dem Essen noch zu warten. Inzwischen 
schrieb ich einen langen Brief an Mama und sah ein paar 
Mal vor die Türe. 
Schnauzi kam nicht. So putzte ich denn etwa die Hälfte 
der vorhandenen Vorräte auf, trank meinen Tee und legte 
mich schlafen. 
Am anderen Tage, gerade als ich den Säbel aus der 
Ecke nahm, um zum Abendessen zu gehen, ertönte Schnauzi's 
feines „Miau!“ vor der Türe. Mit lächerlicher Hast eilte 
ich, zu ölfnen und freute mich, dass ich Gelegenheit hatte, 
ihr den Rest der gestrigen Herrlichkeiten aufzutischen. 
„Wärst du gestern gekommen, Schnauzi!“ sagte ich ein- 
über das anderemal bedauernd. 
Sie bedauerte es ebenfalls. Wir feierten, obwohl ich 
eigentlich das Beste schnöderweiie schon gestern vertilgt 
hatte, ein wahres Schlachtfest. Dann setzte ich mich zum 
Feuer, Schnauzi sprang auf meine Knie und schnurrte sich 
in Schlaf. Ich las dabei ein sehr interessantes Buch, das 
seit anderthalb Jahren uuaufgeschnitten auf meinem Tische 
gelegen war. 
Am Mittwoch beim geselligen Abend blieb ich bis zehn 
Uhr. Dann empfing ich Schnauzi und schrieb wieder an 
Mama, die mir inzwischen geantwortet hatte. 
Ich fand meine Wohnung gar nicht heimlich und nahm 
mir vor, Peter am Morgen wegen seines geringen Ordnungs 
sinnes entschieden ins Gewissen zu leden. Das tat ich denn 
auch wirklich, kaufte mir einen rotseidenen Lampenschirm, 
ferner zwei Teppiche und nagelte die Photographien, welche 
bisher zerstreut herumgelegen waren, zu einer Gruppe an 
die Wand. 
Als ich soweit gerüstet war, lud ich den soliden Kadetten 
zum Abendessen, und wir verbrachten wiederum einen recht 
gemütlichen Abend zu Hause: Schnauzi, der Kadett und ich. 
Ich glaube, ich hätte den Kadetten noch öfter eingeladen, 
allein Schnauzi wandte, wetterwendisch wie die Weiber alle 
sind, ihre Gunst so auffallend dem Gaste zu, dass ich mir 
vornahm, ihr nie mehr Gelegenheit zu dergleichen Abtrünnig 
keiten zu geben. 
Auf meinen zweiten Brief hatte mir Mama erwidert, es 
freue sie, dass ich ihr nun öfter schriebe. Und ob ich 
noch immer nicht das stille Glück des eigenen Herdes . . . 
u. s. w. Und ob ich nicht etwas deutlicher schreiben 
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könnte — sie hätte die Kritzelschrift diesmal so schwer 
entziffeit. Ach Mama — wenn Du wüsstest, dass Schnauzi 
bei mir gesessen, als ich Dir schrieb, und sich damit unter 
halten hat, nach dem beweglichen Federstiel zu haschen! 
Schnauzi kam mit einem blauen Bändchen um den Hals. 
Ich fütterte und zärtelte sie tüchtig und empfahl mich dann 
mit der höflichen Entschuldigung, dass ich im Hotel de 
l'Europe Rendezvous mit Herren des Regiments hätte. Dort 
fand ich es aber sehr fad und kam bald nach Hause. 
Schnauzi "war nicht mehr da. 
Erst spät Nachts kam sie vor meine Türe und bat mit 
ihren sanftesten Tönen um Einlass. Ich öffnete ihr, und 
sie verbrachte den Rest der Nacht auf dem Divan, mit 
meiner Tischdecke zugedeckt. 
Irgendwo bei mir im Schreibtisch musste ein Päckchen 
Briefe von Stefi liegen, das wusste ich, von altersher mit 
einer roten Schnur gebunden. Ich suchte nach dem Päck 
chen und knüpfte die Schnur meiner Katze um den Hals. 
Schnauzi besah sich im Spiegel und fand, dass sie die hell 
rote Farbe besser kleide als das langweilige Blau. 
Zwei bis drei Wochen machte sie sich selten und liess 
mich allein trotz des schönsten Schinkens und der appetit 
lichsten Wursthäutchen. Ich ahnte etwas. 
Richtig, am Nikolaustage brach e sie mir ein seltsames 
Geschenk. 
Es war in der Dämmerung, als sie vor der Tür erschien 
— mit einem armen, blinden, kohlschwarzen Kätzchen 
im Maul! 
Das hatte ihr der Storch gebracht. 
„Sie hat drei im Ganzen,“ rief Jemand vom Gange her, 
„die anderen zwei sind grau. Nun hat sie eines zum Herrn 
Oberleutnant geschleppt!“ wunderte sich ein Dienstmädchen. 
„Ja, sie kommt beinahe jeden Abend zu mir,“ ant- .-. ■ 
wortete ich. 
„So was! Und die Gnädige und ich haben uns oft 
gedacht, wo die faule Katze herumstieichen mag!“ 
„Wem gehört sie denn?“ 
„Der gnädigen Frau Helmreich!“ 
„So, so!“ 
Also der hübschen, blassen Witwe im zweiten Stock, 
deren Kleider immer so vornehm nach Seidenfutter rauschen, 
wenn sie über die Treppe geht, dachte ich und staunte 
und — ärgerte mich, dass Schnauzi jemand Anderem gehörte 
als mir, ihrem Nährvater, ihrem Beschützer und Quartier 
geber. O Schnauzi, ich habe dich gefüttert, gekleidet — 
denk’ an die rote Schnur — gewärmt, und nun gehörst 
du, elende Heuchlerin — Revanche für den „elenden Geiz 
hals“, für den du mich bei deinem ersten Besuch ansahst 
— der Frau Ilelmreich, der hübschen blassen Witwe! 
Das müssen wir. . . ja müssen wir anders machen! 
Schlag elf Uhr am anderen Vormittag machte ich Besuch 
bei der „Gnädigen“ unter dem frechen Vorwand, auch die 
beiden Grauchen sehen zu wollen. 
Die Gnädige war sehr gnädig und nahm die Art, wie 
wir bekannt geworden, von der lustigen Seite. 
„Mein seliger Mann hat die Mausi sehr gerne gehabt.“ 
„Mausi?“ fragte ich zerstreut. 
„Nun ja, die Katze!“ 
„Ach so! Ich nenne sie immer Schnauzi.“ 
Wir sprachen dann viel — über die Katze. 
Als ich meinen Besuch später wiederholte, sprachen wir 
wieder viel — von mir und der Katze. Die Gn; ’ige Sprach 
auch von sich selber und erklärte, nie me heiraten 
zu wollen. 
Am nächsten Tage kam das Dienstmädchen mit der 
Katze auf dem Arm. An der roten Schnur hing ein Brief. 
Ich möchte heute zum Tee kommen. 
Wir sprachen wieder von uns Dreien. Frau Ilelmreich 
nannte die Katze nur mehr „Schnauzi.“ 
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Bei einem Nachmittagskaffee in der folgenden Woche 
bat ich die junge Witwe, mir die Katze zu schenken. 
„Es ist mir schrecklich, Ihre Bitte nicht erfüllen zu 
können!“ 
„Gnädigste Frau, wenn Sie bedenken, dass es Schnauzi 
war, die mich den Krallen des Wirtshausteufels entriss und 
dass ich ohne meine Schnauzi wiederum in seine Macht 
zurückfallen werde . ..“ 
„Nein, nein .. . bester Herr Leutnant, die Katze kann 
ich nicht entbehren,“ wehrte sie. 
Ich dachte an die graugelben Öhrchen meiner Schnauzi 
und wagte es noch einmal, das Herz der Witwe zu bestürmen. 
„Ich versichere, dass mich erst Schnauzi lehrte, das 
Glück einer stillen Häuslichkeit zu schätzen...“ 
„Mein Gott... heiraten Sie! Dann linden Sie alles 
Glück .. . “ 
„Ohne Schnauzi?“ rief ich entrüstet. 
Die Witwe wurde rot. 
Abends sann ich nach, was da zu tun wäre, und fand 
eine befriedigende Lösung Ich schrieb auch Mama darüber. 
So lange aber mein Paradepallasch nicht neu vernickelt 
ist, kann ich die Lösung nicht durchführen. Für Donnerstag 
hat mir ihn der Schweitfeger bestimmt versprochen. 
Unsere Bilder. 
Die Bedeutung des Geheimrats Bernhard Frankel 
im Reiche Aeskulaps haben wir in der vorigen Nummer 
des Berliner Leben, den alten, aber so rüstigen Herrn im 
Bilde zeigend, zu würdigen versucht, sehen wir ihn nun 
heute in der Lungenheilstätte Belzig anlässlich der 
Feier seines 70. Geburtstages, so wird uns lebhaft vors 
Auge geführt, wie dessen G össe auch allgemein anerkannt 
und der Arzt als Menschenfreund geachtet und geschätzt 
wird. Es waren die Mitglieder des Damenkomiles des 
Berlin-Brandenburger Ileilstätten-Vereins unter 
Vorsitz der Frau Geheimrat von Leyden, die am 
11. v. Mts. eine eihebende Feier zu Ehren des Mitbegiiinders 
und Jubilars veranstalteten. Wie rührend wirkten und von 
welcher Zuneigung sprachen vor Allem die Ansprachen, und 
die eigens zu dem Fest gedichteten Voiträge der Patienten? 
Aber auch die Worte des Geheimrat von Leyden und des 
der Feier beiwohnenden Landrats v. Tschirschky waren 
inniger Natur und von erhebender Bedeutung. Mit einem 
Wort — ein Fest, das ebenso den Jubilar ehrte, wie 
diejenigen, die das Fest arrangierten. — Ein ganz seltenes 
und originelles Bild bringen wir alsdann unsern Lesern. 
Es zeigt Botho von Hülsen, den am 30. September 1880 
verstorbenen General-Intendanten der Königlichen Schau 
spiele und Vater des jetzigen Bühnen-Ilerrscheis. Hülsen, 
der am 10. Dezember seinen 90. Geburtstag gefeiert hätte, 
ist umgeben von allen damaligen Grössen der hiesigen 
Theater. Die Aufnahme fand im Jahre 1860 statt. — Auch 
unseie Einzelportraits die sich den Jubiläumsbildern an- 
leihen, gehören Persönlichkeiten an, die in der Welt, welcl e 
die Bretter bedeuten, eine Rolle spielen. Herr P. Gris- 
wold und Fräulein Maria Ekeblad sind Mitglieder der 
„Königl. Opet“, denen das Stimmenmaterial in Verbindung
        
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