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Full text: Berliner Leben Issue 9.1906

Der Menschenkenner. 
Novelette von Ernst Georgy. 
(Nachdruck verboten.) 
Die letzte Runde war gemacht, die Skatpartie für 
heute beendet. Die Herren erhoben sich und ver- 
liessen die von Zigarrenqualrn durchzogene Bibliothek, 
um sich in das Esszimmer zu begeben. Dort war 
eine zierliche, mit Blumen geschmückte und reichlichst 
bestellte Abendbrottafel vorbereitet. Das Dienst 
mädchen in Hamburger Tracht bot Wein, Bier und 
Tee herum und verliess, nachdem alle mit Getränken 
versorgt waren, das Gemach. Ohne sich nötigen zu 
lassen, langten die Gäste zu, speisten, tranken und 
plauderten. Der Hausherr, eine wahre Reckengestalt 
mit klugem, gutmütigem Gesicht und langem Barbarossa 
barte, blickte behaglich von einem zum andern. Dann 
nahm er einen tiefen Zug aus dem Seidel, wischte den 
Schaum von dem buschigen Schnurrbarte und meinte 
schmunzelnd: „Nicht wahr, dass müssen Sie doch der 
Lore lassen da=s sie eine famose Hausfrau ist? Und 
die Pietät, die sie unseren Junggesellenangewohnheiten, 
wie Skatabende etc. etc. angedeihen lässt, ist doch 
auch anzuerkennen?“ 
Alle stimmten ihm lebhaft bei und lobten die tadel 
lose Haushaltsführung, den feinen künstlerischen Ge 
schmack und die Liebenswürdigkeit der abwesenden 
Wirtin. 
Erfreut über diese aufrichtigen Lobspenden, fuhr 
der Gatte fort: Ja, ich bin glücklich, wirklich glücklich 
mit meiner Lore. Und das doch nun sclioh über sechs 
lange Jahre! — Ich sollte dies nicht erst so betonen, 
weil Sie Alle es selbst fühlen und merken können. 
Aber mir ist es immer, als müsste ich £s vor Ihnen 
immer wieder aussprechen. Denn gerade Sie mit 
Ihren Warnungen und Ihrer Skepsis haben mir die 
Frühlingssaat meiner jungen Bräutigamsliebe oft genug 
mit Meltau bedeckt!“ 
„Hört, hört, Karl wird poetisch. Man merkt ent 
schieden den Einfluss der schriftstellernden Frau!“ 
bemerkte Doktor Raschmut ironisch. „Gewiss, lieber 
Karl, Sie haben Grund zu triumphieren, weil gerade 
Ihnen das Leben einmal zufällig Recht gegeben hat. — 
Wir aber als Ihre Freunde hatten damals nicht minder 
Recht in unserer kühleren Objektivität. Kein Mensch 
in der ganzen Stadt glaubte, dass eine Heirat zwischen 
Ihnen, der vollsäftigen Kraftnatur, und der blassen 
hyperschlanken Schriftstellerin, die doch nur aus Nerven 
und Geist bestand, möglich wäre. An eine Ehe, so 
gar eine glückliche, hätte niemand auch nur zu denken 
gewagt. Und, offengesagt, Karl, wie sie möglich ge 
worden, ist mir ein Rätsel?“ 
„Auch ich hätte hundert gegen eins gewettet, dass 
Sie schon nach einem Jahre geschieden worden wären, 
Karl“, warf der Justizrat Valton ein, „und mir werden 
Sie doch Blick und Erfahrung nicht absprechen. Ich 
konnte mir einfach Frau Lore im Hause und als 
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Gattin nicht vorstellen. Jedoch, ich bekenne mich 
gern überführt, schon in Ihrem Interesse, lieber Freund! 
Im Leben lassen sich eben keine Regeln aufstellen. 
Man muss auch als Jurist lernen, alle Erfahrungen 
zeitweilig über Bord zu werfen und von Fall zu Fall 
urteilen!“ 
„Auf daß es die nächsten sechs Jahre ebenso gut 
weitergehe, prosit, meine Herren!“ Der Socius des 
Hausherrn hob sein Glas und stiess mit den übrigen 
an. „Burkert, Sie sind eben, was ich Ihnen täglich im 
Geschäft wiederhole, ein Filou. Mit Ihrer unerschütter 
lichen Gemütsruhe, Ihrer Heiterkeit und Ihrer fabel 
haften Lebensklugheit bekommen Sie das Personal, 
die Kundschaft und mich herum. Wir sind aber auch 
normale einfache Menschen. Erklären Sie mir nur 
einmal im Leben, lieber Associe, mit welchen Mitteln 
Sie Ihre geistreiche, komplicierte Gattin gebändigt 
haben?“ 
„Los, Burkert, vor dem Teilhaber darf es keine 
Geschäftsgeheimnisse geben. Und wir wollen lernen?“ 
drängte Valton. 
„Haben Sie beim Weibe die Peitsche nicht ver 
gessen oder halten sie sich an Hypnose, Magnetismus 
oder irgend einen Liebestrank, Karl?“ neckte der Arzt. 
„Sie sind hier unter lauter guten Freunden, die sich 
schon oft den Kopf über Sie zerbrochen haben. 
Plaudern Sie einmal aus der Schule, belehren Sie uns, 
denn Donner und Doria, wir sind doch auch ver 
heiratet und auch nicht dumm; aber wir stehen bei 
Ihrer Ehe oder vor ihr wie der Jüngling vor dem 
Saisbilde!“ 
„Aber warum soviel Worte, meine Lieben, Sie haben 
garnicht nötig, mich so zu bedrängen. Ich entschleiere 
Ihnen das Geheimnis willig und ohne jegliche unan 
genehme Folgen für Sie,“ behauptete Karl Burkert ge 
mächlich. „Sie sind eben auch ein wenig in den 
Fehler des Schiller’schen Jünglings verfallen, Sie 
erwarten und grübeln zuviel. Sie suchen Kniffe und 
Pfiffe, wo keine sind. Unsere Ehe ist wie jede andere 
auf gegenseitigen Kompromissen erbaut“. 
„Nein, Karl, nicht wie jede andere, das bestreite 
ich! Bei Ihnen müssen mehr nötig gewesen sein als 
bei uns. Wir haben Durchschnittsfrauen geheiratet. 
Sie aber eine Künstlerin, ein Phantasiegeschöpf'“ 
„Da haben Sie die erste falsche Prämisse,“ erklärte 
Burkert vergnügt. „Sie alle suchen in der Schrift 
stellerin von vornherein die Ausnahmenatur. Sie 
behandeln meine Frau danach, geben sich einen 
geistigen Ruck, wenn Sie mit ihr plaudern. Sie be 
sprechen ihre und anderer Leute Werke, philosophieren 
mit ihr, tragen Respekt zur Schau, feiern sie “ 
„Ja, Kuckuck, das verlangt Frau Lore, und das 
kann sie schliesslich als eine unserer gefeiertsten 
Dichterinnen. Mit Banalitäten darf man ihr jedoch 
nicht kommen, nicht wahr?“ 
„Ganz recht, Raschmut, aber entweder finden wir 
das Alltagsleben banal oder wir messen seinen Er 
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scheinungen zu grossen Wert bei. Ich habe mich da 
bei auf der Mittelstrasse gehalten, auch in meiner Ehe. 
Ich schätze ein gutes Mahl und ein sauberes Gemach, 
ohne in Raserei zu verfallen, wenn Lore einmal beruf 
lich verhindert war, beides auf gewohnter Höhe zu 
halten. Wenn Eure Frauen krank oder durch die 
Kindererziehung überlastet sind und dann und wann 
nicht alles beim alten Schnürchen ist, tobt Ihr auch 
nicht gleich los, nicht war? 
„Wie kommt das dazu? Erkläre mir, Graf Orindur, 
diesen Zwiespalt der Natur?“ 
„Sofort! Ich gehe logisch vor! Ich habe meine 
Frau, trotz ihres Talentes, nie für eine Ausnahmenatur 
gehalten. Und je länger ich sie und ihre sämtlichen 
Kolleginnen beobachte, umso mehr sehe ich, dass ich 
recht hatte. Diese Künstlerinnen sind nicht anders als 
die Durchschnittsfrauen — “ 
„Nanana? Was reden Sie, Burkert, warum schreiben, 
malen, singen unsere besseren Hälften nicht?“ stritt 
der Justizrat. „Die Kunst verlangt schon ein ganz 
anders gesteigertes Empfindungsleben!“ 
„Das haben temperamentvolle Frauen immer!“ 
„So? Nun, und der Geist, das Talent der Frau 
Lore, das aus ihren Büchern doch spricht?“ 
„Erkenne ich gewiss an“, erklärte er ruhig. „Geist 
haben auch talentlose Menschen. Und das grosse 
Talent meiner lieben Gattin habe ich stets unter 
Krankheitserscheinung registriert. Lore ist das beste 
Normalgeschöpf, bis plötzlich der Rausch über sie 
kommt. Dann ist es aus mit ihr! Ein beinah patho 
logischer Vorgang!“ 
Eine hitzige Debatte über diese kühne Behauptung 
entspann sich. Besonders der Arzt und der Jurist 
legten sich für das Für und Wider ins Zeug. Noch 
in vollem Streit begab man sich in das Wohnzimmer, 
wo Zigarren, Feuerzeug und Getränke wieder bereit 
standen. — An der Wand hing ein lebensgrosses 
Porträt der berühmten Frau. Der Teilhaber von ihres 
Gatten Geschäft blieb davor stehen und betrachtete es 
sinnend: 
„Nein, Burkert,“, sagte er, „wenn Ich dieses sehn 
suchtsvolle Antlitz hier anschaue, diese hypersensitive 
Persönlichkeit mit den suchenden Augen, der über 
reizten Phantasie, die aus den nervösen Zügen und 
Händen spricht, dann leuchten mir Ihre Argumente 
nicht ein. Wenn Sie neben dieser Frau glücklich ge 
worden, so liegt das an Ihrer Liebe und Ihrem Pflegma. 
Ich begreife es? Aber was ich nicht verstehe, ist, 
dass Frau Lore es neben Ihnen wurde. Diese Frau, 
deren ganze Phantasie so besonders stark arbeitet, 
muss doch, wenigstens so sagt mir mein einfacher 
Menschenverstand, von Zeit zu Zeit — — wie soll 
ich sagen? — also: Wünsche haben, innere Stürme 
erleben, Anregungen suchen! Ganz natürlich, weil 
sonst ja ihr Talent einschlafen, unfruchtbar werden 
würde“.
        
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