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Full text: Berliner Leben Issue 9.1906

Kurt hatte zugesagt, denn er wollte, wie er sagte, 
Fritz schon „heraushauen“ aus der Affäre und so 
trafen sie sich um 1 Uhr auf dem Nollendorfplatz. 
Kurt wartete schon, als Fritz per Droschke heran 
geprescht kam und seinen Freund bat, er möchte doch 
immer Vorgehen, er käme gleich nach, müsse nur noch 
schnell etwas besorgen. Kurt kneift das rechte Auge 
verständnisinnig zu und rief dem abfahrenden Fritz 
nach: „Nicht wahr, Bambergerstrasse 115, zwei 
Treppen?“ Fritz nickte und so machte sich denn Kurt 
auf, die lieben Verwandten seines Freundes zu be 
suchen. Hoffentlich fiel ihm unterwegs irgend etwas 
ein, das er ihnen über das Nachkommen des Neffen 
vorsohlen könne. 
Frisch und keck trat er in das Haus ein, stieg die 
zwei Treppen auf dem roten schalldämpfenden Smyrna 
läufer empor und klingelte. Während der Wartezeit 
holte er ein Paar Visitenkarten aus einem Täschchen 
heraus und übergab sie dem öffnenden Dienstmädchen. 
Er musste seltsamerweise ziemlich lange warten, 
bis das Mädchen zurückkam. „Die Herrschaften lassen 
bitten.“ Kurt trat in den behaglich eleganten Salon ein, 
der seinem Ermessen nach mit der vcn Fritz ge 
schilderten Derbheit und Geradheit, sowie der finan 
ziellen Lage der Verwandten eigentlich kontrastierte. 
Da tat sich die Flügeltür auf und hereinspaziert kam 
eine reizende alte Dame in schwarzem Taffetkleid, ein 
jovial aussehender alter Herr mit geheimrätlichen 
Exterieur und zuguterletzt ein Mägdlein, köstlich anzu- 
schaun, mit blitzenden blauen Augen, blonden Haaren 
und lockenden Grübchen, die sie nicht unterdrücken 
konnte, da sie strahlend lächelte. 
Kurt verbeugte sich tief, führte die Hand der alten 
Dame ehrfurchtsvoll an die Lippen, drückte dem alten 
Herrn bieder die entgegengehaltene Rechte und gleich 
falls mit einem kleinen Nachdruck dem Töchterlein des 
Hauses. 
Nun setzte sich Kurt, der nie in Verlegenheit um 
ein Gesprächsthema war, legte sogleich los und er 
zählte von seinem Freunde, von der gemeinsamen 
Heimkehr, dem Heimatfieber, dem Urlaub, kurz alles, 
was er so momentan auf Lager hatte. 
Er schloss seine lange, ergiebige uild rhetorisch 
seiner Ansicht nach meisterhaft gehaltenen Rede mit 
den klassischen Worten ,, und nun sagte Fritz, 
ich möchte nur immer vorgehen, er käme gleich nach; 
er muss wirklich im Augenblick kommen, er hatte nur 
noch eine kleine dienstliche Abhaltung.“ Das „dienst 
lich“ betonte er scharf, um seines Sieges ganz gewiss 
au sein. Stolz sah er sich im Kreise um, als wollte 
er prüfen, welchen Eindruck seine Rede gemacht hatte. 
Dass er im Verlauf derselben ungefähr zwanzig Mal 
das Wort „Fritz“ genannt hatte, war ihm nicht aufge 
fallen, wohl fiel ihm jetzt aber auf, dass ihn alle er 
staunt und lächelnd ansahen. In seiner Befangenheit 
sah er fortgesetzt nach der Uhr, und behauptete steif 
und fest: „Fritz sagte, er sei in einer kleinen Viertel 
stunde da, er muss unbedingt dienstlich irgendwo fest 
gehalten sein.“ 
Da ergriff der alte Herr das Wort und 
ihm, dass es ihm eine Freude war, ihn 
lernen und er hoffte, dass er während seines ocm.,.. 
Aufenthaltes noch öfters die Freude habe, ihn bei sich 
zu sehen. 
Auch die alte Dame bestätigte die Aufforderung 
ihres Mannes und setzte schüchtern hinzu, sie habe 
stets für die Marine geschwärmt, ja sogar — und da 
bei röteten sich ihre gepuderten Wangen — in junger 
Mädchenzeit für einen Leutnant zur See geschwärmt. 
Diese Exkursion in die Vergangenheit trug ihr ein 
eifersüchtiges schelmisch es,,Du, Du!“ ihres Eheherrn ein. 
Nur das Töchterlein sagte keinen Ton und Kurt 
hätte so gern auch von ihr etwas gehört. 
War das die von Fritz beschriebene alte Jungfer, die 
Frauenrechtlerin? War das überhaupt die alte dicke 
freigebige Tante, der dickköpfige bramarbasirende 
Onkel? Kurt kamen doch schon Bedenken über die 
Urteilskraft seines Freundes Fritz. 
Erwollte sie doch gleich mal examinieren und begann 
ein Gespräch über Frauenemanzipation, Reformkleidung, 
Mädchengymnasien, Mutterschaftskassen, Säuglings 
heime und ähnliches. 
Das Töchterlein wurde rot und röter, die Mama 
rückte scheinbar beunruhigt auf ihrem Fauteuil hin 
und her und der alte Flerr räusperte sich andauernd. 
„Ja wofür interessieren Sie sich denn am meisten, 
gnädiges Fräulein?“ 
„Ich schwärme für Tennis und für das Theater. 
Papa ist so gut und besorgt uns öfter Billets zum 
Opern- oder Schauspielhaus“. 
„So so aber Fritz sagte doch, dass —“ 
„So sagen Sie mal, mein lieber Herr Kapitänleut 
nant“, begann jetzt der alte Herr schmunzelnd, „wer 
ist denn eigentlich Ihr Freund Fritz?“ 
Grosse Pause. — Kurt sah die Augenpaare lächelnd 
und fragend auf sich gerichtet, er war starr, die hier 
fragten ihn nach seinem Freunde Fritz, nach ihrem 
Neffen und Vetter? 
„Frechheit stehe mir bei“, dachte Kurt, laut aber 
entgegnete er überlegen: „Ja sind Sie denn nicht der 
Rittergutsbesitzer Weiden?“ 
„Nein, Verehrtester, mein Name ist Gerlach, Vor 
tragender Rat im Kultusministerium“. Nun war die 
Reihe des Starrseins an Kurt, er erhob sich schleunigst 
und stammelte entschuldigend aus: „Aber Fritz sagte 
doch . . . .“ Weiter kam er nicht, der alte Geheimrat 
klopfte ihm wohlwollend auf die Schulter und fiel ihm 
ins Wort: „Ein Etage höher, da wohnt Herr Ritter 
gutsbesitzer Weiden, Sie haben sich nur in der Anzahl 
der Treppen geirrt“. 
Kurt, dem als geschulten Soldaten nun nur noch 
ein gesicherter Rückzug übrig blieb, fand viele Worte 
der Entschuldigung und der Bitte, ihm dieses kleine 
Versehen nicht übel nehmen zu wollen. 
„Aber im Gegenteil“, versetzte hierauf die Geheim 
rätin, „da wir so unvermutet Ihre werte Bekanntschaft 
gemacht haben, so werden wir uns stets freuen, Sie 
wieder bei uns zu sehen, kommen Sie nur recht bald 
wieder und erzählen Sie uns viel von Ihren schönen 
Reisen“. 
„Aber von Frauenemanzipation will ich nichts 
hören“, bemerkte das liebliche Töchterchen und 
schelmisch sah sie zu Kurt auf. Dieser dankte herz 
lich für das bewiesene Wohlwollen, versprach bald 
wiederzukommen und nie mehr über Frauenemanzipa 
tion zu sprechen. Er versicherte dies hoch und heilig 
und mit einem heissen Blick auf die niedliche Geheim 
ratstochter. 
Nach allseitigem Verabschieden stieg er eine Treppe 
höher, um sich endlich mit Fritz zu vereinigen. Kopf 
schüttelnd stieg er langsam die Stufen empor und 
sagte halblant vor sich hin: „Aber Fritz sagte doch“ . .
        
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