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Full text: Berliner Leben Issue 9.1906

finden sich, als Japanerinnen kostümiert, in ihrem 
original-japanischen Zimmer und nehmen in japa 
nisch-charakteristischer Kniestellung aus japanischem Por 
zellan ihren japanischen Tee ein. Ob nicht manche echte 
Japanerin diese Pseudojapanerinnen ob ihrer japanischen 
Reize beneiden möchte? — Im Berliner Theater werden 
durch die Gewalt kontraktlicher Abmachungen Ferdinand 
Bonns Künste und die -des englischen alle Welt in Ver 
zückung versetzenden Privatdetektivs eine Weile ausge 
schaltet werden, vom 30. November bis 12. Dezember 
gastiert Lucie Vierna an dieser „Kunststätte“. Lucie 
Vierna hat bereits in Süddeutschland und Oesterreich ein 
erfolgreiches Gastspiel absolviert, in Berlin werden wir sie 
als „Cameliendame“, als „Magda“ in der Sudermann’schen 
„Heimath“ und als „Liselotte“ in dem. an der Spree noch 
nicht aufgeführten Stobitzer'schen Lustspiel „Liselotte“ vor 
aussichtlich bewundern dürfen. Die vier weiteren 
Einzelportraits, die wir in dieser Nummer des Berliner 
Leben bringen, gehören insgesamt Mitgliedern des König 
lichen Schauspielhauses an. An erster Stelle befindet 
sich Hans Lortzing, dem begreiflicher Weise jetzt als 
des berühmten Komponisten Lortzing Sohn besondere Auf 
merksamkeit geschenkt worden ist. Auf speziellen Wunsch des 
Kaisers wurde Lortzing ans Schauspielhaus engagiert. — 
Maximilian Werrack befindet sich schon mehrere Jahre 
am Königl. Schauspielhause, allein nicht seiner Begabung 
gemäss beschäftigt, konnte er nur weniger in den Vorder 
grund treten. Das ist anders geworden, seit Ludwig Hertzer 
gegangen. Werrack übernahm dessen Rollenfach und lenkte 
alsbald die Aufmerksamkeit der Berliner Kunstwelt auf sich. 
— Vom Wiesbadener Hoftheater ist Hermann Vallentin 
am Königl. Schauspielhaus engagiert worden. Vallentin 
übte vor Jahren als Mitglied im Lessingtheater schon einmal 
seine darstellerische Kunst hier mit Erfolg aus. Seine jetzige 
Berufung nach Berlin ist auf die Initiative des Herrn von 
Hülsen zurückzuführen, der seine Wiesbadener Lieblinge 
möglichst in seiner Nähe wissen will. — Karl Platen 
kam von Bielefeld nach Berlin. Er ist ein vielversprechendes 
Talent, und hat seihst in kleineren Rollen, durch seine 
grosse Charakterisierungsfähigkeit es verstanden sehr vor 
teilhaft aufzufallen. — Die Seite 7 schmückt ein Bild, das 
der Lortzingfeier gewidmet ist. Wir sehen neben den 
zahlreichen, eine grosse Rolle in der Kunst- und der wissen 
schaftlichen Welt spielenden Persönlichkeiten der Lortzing- 
schen Familie und dem geschäftsführenden Ausschuss des 
Lortzing-Denkmal-Komitees den Bildhauer Professor 
Gustav Eberlein mit Gemahlin, der das Denkmal 
geschaffen. Die Feier gibt uns ein erhebendes Bild davon, 
wie selbst in der Zeit des blühendsten Materialismus das 
Ideale noch seine Pflege findet, aber auch Gedanken 
der Trauer und des Schmerzes schleichen sich in unsere 
Seele ein. Man bedenke, Lortziog musste in Armut 
sterben, die Hinterbliebenen hatten keine materielle Nutz- 
niessung von den Werken des Meisters und jetzt leben fast 
alle Operntheater von den Lortzingschen Opern. — Ein 
Bild seltenen Familienglückes bietet das Heim eines unserei 
bedeutendsten Kritiker der Metropole und dessen Gattin, 
einer hervorragenden Künstlerin im Reiche Melpomenens 
und Thaliens. Professor Dr. Afred Klaar übt schon seit 
Jahren das literarische Richtamt an der Vossischen Zeitung, 
ln seinen Essays vereinen sich künstlerische Vornehmheit 
mit kritischer Schärfe, Formrundung und Formflüssigkeit 
mit gelehrter Sachlichkeit und sachlicher Tiefe. Professor 
Klaar lebte vor seiner Berliner Tätigkeit in Prag, wo er 
als Lehrer der Hochschule, als Begründer mehrerer die 
deutsche Literatur pflegender Vereine zugleich der Kunst 
und dem Deutschtum diente. — Frau Professor Klaar ist 
uns als Künstlerin unter dem Namen Paula Eberty 
bekannt. Ihr Mann lernte sie in Prag kennen, als sie als 
Mitglied des Keinhardtschen Ensemble eine lournee nach 
Prag machte. So lange Frau Eberty in Berlin domiziliert, 
gehört sie der Direktion Brahm an und mit Hilfe ihrer 
feinen Charakterisierungskunst, der sich ein bedeutender 
Humor iSellt, ist sie eines seiner geschätztesten und 
Heinrich Seidel -j\ 
beliebtesten Mitglieder. Auch Dr. Jon Lehmann ist ein 
Schriftsteller von Ruf. Vor wenigen Wochen ist er am 
Königl. Schauspielhaus mit seinem Lustspiel „Das Lied vom 
braven Mann“ wieder an die Oeffentlichkeit getreten. 
Dr. Jon Lehmann hat sich auch als Herausgeber einer 
Breslauer Zeitung Verdienste um die Literatur erworben. 
— Die komische Oper ist unaufhörlich bemüht, 
durch Neuengagements oder durch Gastspiel be 
deutender Gesangskräfte nicht nur das Interesse 
des Publikums wachzuhalten, sondern zu steigern und zu 
vermehren. Das ist ihr in reichem Masse wieder dadurch 
gelungen, dass sie die k. u. k. Hofopernsängerin aus Wien 
Fr. Frida Felser hier gastieren liess. Die Künstlerin 
singt z. Zt. die Carmen und erfreut sich eines ausserordent 
lichen Erfolges. — Gleicher Erfolge darf sich auch Frl. 
Lola Artöt de Padilla rühmen, die mittels ihrer ent 
zückenden Stimme als Mitglied des Gregor’schen Ensembles 
alle Kunstfreunde Berlins für sich gewonnen hat. Ihre 
Mutter, Frau Desirde Artöt zählte zu den berühmtesten 
Sängerinnen Sie war vermählt mit dem ebenso berühmten 
BarytonisLn de Padilla. Bis vor kurzer Zeit lebte sie als 
Gesangslehrerin in Paris, jetzt bei ihrer Tochter in der 
deutschen Metropole. — Seit einer Reihe von Jahren besteht 
ein Verein in Berlin, der alleinstehenden Arbeiterinnen 
Abends ein Heim bietet. Für billiges Geld gibt es dort 
zu essen und zu trinken und es fehlt nicht die Gelegenheit, 
wie unser Bild „Aus dem Arbeiterinnenheim Kott 
buser Ufer 83“ zeigt, sich dort zu unterhalten durch 
Handarbeit, durch Lektüre, durch Musik . . . Freilich — 
auch die beste Einrichtung — sie dürfte nicht im Stande, 
sein, alle Wünsche der Interessierten zu erfüllen. Wie das 
Mädchen im Schlafzimmer am Fenster sitzt und träumerisch 
von der Nachtluft ihre Wangen fächeln lässt . .? Wer 
stillt ihr im Herzen die sehnende Pein — den wogenden 
Schmerz in der Brust . . .! Berlin ist eine Musikstadt im 
wahrsten Sinne des Wortes. Die Musikerbörse des 
Vereins Berliner Musiker in der Kaiser Wilhelmstrasse 
bietet nun die geeignete Stelle, wo sich Angebot der Kunst 
und Nachfrage reguliert und wo sich täglich zwischen 10 
und 1 Uhr Vormittags die Künstler einfinden, um sich zu 
Konzerten, Tanzmusik etc. engagieren zu lassen. Einer 
unserer allerersten und bekanntesten Porträtmaler ist 
Professor Julius Kraut, der Maler der vornehmsten 
Berliner Gesellschaft. Vertreter der Kunst und des Militärs, 
der Politik und der Diplomatie klopfen an seinem 
Atelier an und man muss gestehen, er hält sie in dem 
Leben so nahe kommenden Porträts fest, dass sie in 
gewissem Sinne nimmermehr das Atelier verlassen. — Auch 
Professor Johannes Boese, von dessen herrlichen Bildwerken 
wir einige Abbildungen bringen, gehört mit zu den besten 
Künstlern der Gegenwart. Nicht nur die Siegesallee 
schmücken eine Anzahl Kunstwerke dieses Bildhauers, auch 
viele andere Städte der Welt haben die Kunst Boeses in 
Anspruch genommen, um mit seinem Werk ihre schönsten 
freien Plätze zu zieren. Welch’ ein Werk klassisch 
hoher Formschönheit, welche monumentale Grösse liegt 
beispielsweise in dem hier photographisch wiedergegebenen 
Werk „das Erbbegräbnis für Hamburg“? — Unter der 
Rubrik „Berliner Ansichten“ bringen wir das Bild vom 
Kgl. Schloss an der Kaiser Wilhelm-Brücke. Es ist mit 
der älteste Teil des Schlosses, der sich hier in seinem 
mittelalterlichen Baustil von dem übrigen Schlossbau abhebt 
und mit dem rankenden Epheu an seiner Mauer Gedanken 
und historische Erinnerungen in unserer Seele emporsteigen 
lässt. -— Mädchen, die nicht allein für Tanz und Putz Sinn 
haben, sondern auch noch für ernste Bestrebungen Zeit 
finden, verdienen die Achtung, ihrer Mitbürger und 
-bürgerinnen und gewiss auch deren Förderung in ihren 
Wünschen und Hoffnungen. Aus unserem Bilde „Sitzung 
der Vorstandsdamen der Berliner Mädchengruppe des 
Deutschen Schulvereins“ lässt sich leicht erkennen, wie jede 
der Idee dienen will, wie jede ihr das innerste zuwendet und 
für sie zu leben und zu wirken sucht. — Zum Schluss bringen 
wir noch aus Anlass des Gastspiels der berühmten Tragödin 
Eleonore Düse, das vom 6. bis 13. November d. J. statt 
findet, einige Bilder der Künstlerin in Rollen, mit denen sie 
bei uns in Deutschland Erfolge erzielt und so oft Triumpfe 
gefeiert. Bemstein-Sawirthy. 
„Fritz sagte . . . 
Humoreske von A. G. Schulz. 
Nachdruck verboten. 
Sie waren crew Kameraden und beide vor kurzem 
in die Heimat zurückgekehrt, Fritz Uhde war als 
Kapitänleutnant in Neu-Guinea gewesen, Kurt Wieden 
feld in gleicher Charge hatte vor Kamerun gekreuzt. 
Nun hatten sie beide drei Monate Urlaub und be 
absichtigten zuerst Berlin unsicher zu machen. Wenn 
man sich so zwei Jahre lang unter Malayen und 
Hottentotten umhergetrieben hatte, so schmeckte die 
Kultur in der Gressstadt doppelt köstlich und mit 
grossem Behagen atmeten sie Berliner Luft. 
Fritz hatte Kurt gebeten, ihn zu einem alten Onkel 
zu begleiten, damit er seinen Pftichtbesuch so bald 
als möglich hinter sich hätte, die Tante sei schrecklich 
gutmütig und freigebig, die Cousine aber alt und 
Frauenrechtlerin.
        
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