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Full text: Berliner Leben Issue 9.1906

trunken? — Doch was lag daran! Jeder ging seinen 
Weg weiter. Auch der Verrückte. Er taumelte dahin, 
mit den Armen gestikulierend, einmal winselnd wie 
ein Hund, dann lachend wie ein wütender Teufel. Er 
bog um die Ecke zum Pimler-Peer und schritt hart am 
Rande des Quais dahin. 
Wollte der Mensch ins Wasser? Aus einer Jolle, 
die sich, angekettet an einem Holzfloss, schaukelte, 
tönte ein rauher Zuruf. Ein Mensch sass dort, die 
Ellenbogen auf den Knieen, die Backen zwischen den 
Fäusten und rauchte. Mit schielenden Augen beobachtete 
er die schwanken Schritte des Menschen auf der Quai 
mauer und schrie ihm warnend, fast drohend zu, als 
jener mit seinem einen Fuss über dem Wasser schwebte. 
Der Mann im Mantel blieb stehen, und der im Boot 
sah wie jener die sein Gesicht verhüllende Kapuze zu 
rückriss und in die Luft starrte. Der Schiffer fuhr mit 
einem Ruck empor, die Pfeife fiel ihm aus dem Munde 
und seine Glieder begannen zu zittern. 
Welch’ ein Gesichtl Struppiges Haar über einer 
schweissenden staubigen Stirne, — ein menschliches 
und ein dämonisches Auge mit zerfetztem wimperlosen 
Lid und höhnisch glotzendem Blick, — von der Stirne 
bis zum Halse ein flammender breiter Strich, der die 
hohle bleiche Wange in zwei Teile riss und den Mund 
winkel hinabzog bis zum Halse, — und in diesem von 
der Laune eines Teufels entstellten Gesicht der Aus 
druck satanischen Welthasses. 
Dem einsamen Mann im Boot sträubten sich die 
Haare, als über die stillen Wasser ein Gelächter 
schallte, wie er noch niemals einen Menschen hatte 
lachen hören. 
Erst als die spukhafte Gestalt sich umwandte und 
mit schwerem schleppenden Gang in die Finsternis 
hineinschritt, atmete er auf — und als er sich, immer 
noch ein wenig zitternd, auf seinen Sitz niederliess 
und kopfschüttelnd nach seinem Pfeifenstummel suchte, 
da war er überzeugt, entweder Satan selbst oder 
wenigstens einen von dessen nächsten Verwandten 
gesehen zu haben. 
Es war schon so spät, dass an einigen Fenstern 
die Lichter erloschen, als Brompton in einem Hause 
der Hollywood Road, Little Chelsea, vier Treppen 
emporstieg und an eine Tür pochte, an der eine Karte 
befestigt war mit der Aufschsift „Rose Green“. 
Er knurrte einen Fluch, als nicht sofort Antwort 
tönte und klopfte nochmals — und zwar stärker, als 
man gewöhnlich an der Tür zum Zimmer einer weib 
lichen Person klopft. 
Ein schwacher Ruf, aus dem man den Schrecken 
heraus hören konnte, bat um Eintritt. 
„Sie sind Miss Rose Green?“ 
„Ja“. 
„Ich bin Brompton“. 
„Brompton — — ah mein Lebensretter — 
Und zwei anämische Hände ergriffen die seinen, 
ein blasses, verkümmertes Fabrikarbeiterinnengesicht 
beugte sich darüber und bedeckte sie mit Tränen und 
Küssen. Er zog seine Hände schnell zurück. 
„Sie sind ganz allein, Miss?“ 
„Ich habe niemand auf der Welt“. 
„Gut, so werden Sie meine Frau. Wollen Sie?“ 
Einen Augenblick richteten sich die Augen des 
Mädchens auf das verhüllte Gesicht des Fremden, mit 
überrascht-bangem Ausdruck. Dann blickte sie zu 
Boden, ohne zu antworten. 
„Nun?“ drängte Brompton. 
„Ich kenne Sie nicht. Doch Sie müssen ein edler 
Mensch sein — ja, ich will es“. 
„Gut, so küssen Sie mich!“ sprach Brompton und 
zog seine Kapuze zurück. 
Rose Green schrie nicht auf, sie wich auch nicht 
zurück — doch ihre Augen schlossen sich und ihre 
Lippen und ihr ganzer Leib begann zu zittern. 
„Ah, Miss, ich gefalle Ihnen nicht. Nun, ich will 
Sie nicht zwingen. Leben Sie wohl“. 
Er schritt zur Tür, fasste dabei in seine Tasche 
und warf ein kleines Päckchen auf den Tisch. An 
der Tür wandte er sich nochmals um. 
„Wissen sie, Miss Green, die Narbe erhielt ich, als 
ich Sie aus dem brennenden Hause riss. Vor zwei 
Stunden kam ich aus dem Hospital“. 
Er schloss die Türe und stolperte hinab. Ein Auf 
schrei tönte — die Türe wurde aufgerissen — ein 
unverständlicher Ruf zitterte durch das Haus — 
Doch Brompton war schon unten, und als die 
Haustüre krachte, wankte Rose Green in ihr Zimmer 
zurück. Ihr Blick fiel auf das Päckchen, das der 
Fremde auf den Tisch geworfen hatte. Mit zitternder 
Hand griff sie danach. Es war eine Brieftasche mit 
vielen Tausendpfund-Noten. 
Rose war sehr bestürzt — wozu das viele Geld —? 
Dann aber tröstete sie sich — es war ja sicher, 
dass der Mann wiederkommen würde — morgen — 
übermorgen — 
Tiefe Nacht über London. Bedrückend und 
unheimlich lagerte sie dort, wo die rauchenden Schlote 
der Fabriken gen Himmel ragten, wo dick und undurch 
dringlich die Finsternis über schlüpfrige Gassen und 
verdächtige Winkel eine Hülle warf, um geheime, 
entsetzliche Dinge zu verbergen, die sich irgendwo 
in diesen Labyrinthen abspielen mochten, — wo trübe 
Wasserläufe zwischen elenden Häusern hinschlichen 
und zähen Schlamm an die faulenden Pforten häuften 
— wo nachts das Verbrechen einherschritt und der 
Boden verpestenden Atem hauchte wie von Blut und 
Lastern 
Durch die Finsternis schritt ein Mensch, laut und 
wuchtig, mit tappenden Schritten. Er sah nicht rechts, 
nicht links, sah nicht die Blicke, die aus verborgenen 
Winkeln nach ihm schossen, seine Kraft und seine 
Baarschaft taxierend; er sah nicht die huschenden 
Gestalten, die lautlos vor und hinter ihm quer über 
den Weg glitten. Er merkte auch nicht, wie sich aus 
der Finsternis eines Torwegs ein weibliches Wesen 
löste und ihm folgte, leise wie auf unbekleideten 
Füssen. 
Erst als das Weib an seine Seite trat und ihren Arm 
unter seinen schob, wandte er, ohne zu erschrecken, 
den Kopf. 
„Was willst du?“ 
Das Weib hob ihr Gesicht zu ihm empor, so dicht, 
dass er ihren Atem roch und ihre Augen sah. Dann 
wusste er, wer sie war, zu welcher Klasse sie gehörte. 
„Wilde Hunde“ hatte er sie früher genannt und 
mit dem Stock nach ihnen geschlagen, wenn eine an 
ihn herankam. Jetzt lachte er; es war ein leises, 
heiseres Lachen voll Bosheit. 
Er wehrte ihr nicht, als sie neben ihm herschritt, in 
seinen Arm geklemmt. Willig lies er sich führen, als 
das Weib auf ein nicht weit entferntes trüb-rötliches 
Licht hinsteuerte. Dieses Licht war eine schmutzige 
Laterne mit rötlichen Scheiben, die über dem Eingang 
einer elenden Kneipe hing. 
Eine dicke giftige Athmosphäre quoll aus dem 
Hause heraus. Der Mann im Mantel blieb plötzlich 
stehen, als besänne er sich auf was. 
„Was willst du — Scheusal?“ schrie er, gegen das 
Weib gewandt und stiess sie von seiner Seite. Dabei 
verschob sich seine Kapuze und das rote Flackerlicht 
der Laterne fiel auf sein Gesicht. 
Das Weib prallte zurück und kreischte laut auf. 
„Hu — hu — zu Hilfe! — der Teufel —!“ 
Im Flur der Schänke wurde es lebendig, dunkle 
Gestalten torkelten hervor. Vorauf ein baumlanger 
Kerl, der eine Brechstange schwang. 
„She-ass, was schreist du?“ 
„Der Teufel — dort —“ wimmerte das Weib, in 
den Knien schlotternd. 
Der lange Kerl mit der Eisenstange lachte roh auf. 
Aus dem finstern Loche das den Verbrecher ausge 
spien, tönte das Gelächter mehrstimmig wieder — hell 
und gellend, heiser, tückisch-leise und roh-brüllend — 
„Wo ist der Teufel? Hier ist Tom Hunter, der 
sich vor dem Teufel nicht fürchtet!“ 
Dann entstand ein Getümmel. Mehrere Menschen 
drängten sich um den mit dem Mantel. Fäuste fuhren 
durch die Luft, Messer blitzten durch die Finsternis, 
eine Eisenstange sauste — ein dumpf-harter Krach —- 
und feucht-warme Materie spritzte den taumelnden 
Teufeln ins Gesicht 
ln der Ferne ein schriller Pfiff. Die Meute stob 
auseinander, nur zwei blieben, Tom Hunter und das 
Weib, das er She-ass genannt hatte. 
Einige Sekunden flüstern sie, dann schleifen sie, 
hurtig und geräuschlos wie ein Paar geschäftige Teufel, 
einen schweren Gegenstand durch den schlüpfrigen 
Schlamm, die Gasse hinab, bis dorthin, wo leise 
gurgelnd die trübe träge Flut des Wasserlaufs sich hin 
schob. — 
Am nächsten Tage veräusserte Tom Hunter, genannt 
„the old black-pudding“, mit scheuem Blick eine schwer 
goldene Uhr mit dem Monogramm „E. B.“ — 
Und Miss Rose Green erwartete Brompton. Sie 
wartete lange — tage- und wochenlang. Sie wartete 
noch, als der Körper Bromptons, von der giftigen 
schwarzen Lake längst in Atome aufgelöst, sich als 
schwarzer schrrutziger Schlamm an die faulenden 
Pfosten sinkender Bauten angesetzt hatte und in Form 
von Millionen fressender Pilze langsam — langsam an 
dem Zusammenbruch der finsteren Höhlen des Lasteis 
arbeitete. 
Unsere Bilder. 
Berlin betrauert einen heimischen und einen deutschen 
Dichter. Vor wenigen Tagen ist Heinrich Seidel im 
Kreiskrankenhause zu Gross-Lichterfelde, wo er sich 
einer schweren Operation unterzogen halte, im Alter von 
64 Jahren aus dem Leben geschieden. Zu dem kleinen 
Kreise der Dichter, die man wie Jean Paul, Reuter u. a. 
als „echt deutsch“ bezeichnen kann, wird man auch Heinrich 
Seidel zählen müssen. Mit dem Dichter ist uns aber auch 
ein bedeutender Ingenieur verloren gegangen. Seidel hat 
den Entwurf zu der gewaltigen Riesenhalle des Anhalter 
Bahnhofs geschaffen. — „Das Leben gehört den Leben 
digen,“ sagt unser Altmeister Goethe, nnd so schütteln wir 
unsere Trauerstimmung ab und begrüssen eine Persönlich 
keit, deren Bedeutung mit dem Besitztum des kostbaren 
Lebens so eng verknüpft ist und dessen Mission uns be 
sonders lebendig vors Auge treten wird, wenn sie am 
17. d Mts. ihren 70. Geburtstag feiert. Ich spreche vom 
Geh. Medizinalrat Prof. Dr. Bernhard Frankel. Die 
segensreiche Tätigkeit dieses Gelehrten und Menschen 
freundes kann nicht geschildert werden, sie ergibt sich auch 
schon daraus, wenn wir betonen, dass er als der be 
deutendste Spezialarzt für ITalsleiden geschätzt wird und 
dass Fränkel der Begründer der „Lungenheilstätte zu Belzig“ 
ist. — Es ist ein in seiner exotischen Eigenart und künst 
lerischen Einheit sehr interessantes Bild, das den Verehrern 
und Freunden der Königl. Opernsängerin Frl. Destinn 
in den Blättern des Berliner Leben zu sehen Gelegenheit 
gegeben wird. Frl. Emmy Destinn und Frl. be-
        
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