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Full text: Berliner Leben Issue 9.1906

Der Mann mit der Teufelsfratze. 
Von Heinrich Tiaden. 
Nachdruck verboten. 
Es war noch nicht so sehr spät am Abend, doch 
dichtes ziehendes Gewölk machte die Erde finster. 
Dem Winde entgegen, der von der Themse her brauste, 
stapfte schweren schnellen Schrittes ein Mensch. 
Es bedurfte eines besonderen Blickes, um das Ge 
schlecht des Menschen zu erkennen, denn er trüg 
einen Mantel, der bis auf die Erde reichte — wie ein 
Frauenmantel, und hatte die Kapuze tief in die Stirne 
gezogen. Doch die Schritte des Menschen waren 
stark und wuchtig, wie kein Weib schreitet. Und 
wer es für der Mühe wert fand, einen Blick in das 
halbverhüllte Gesicht zu werfen, würde zwar dieses 
nicht erkannt, jedoch bemerkt haben, dass der Mensch 
eine kurze Tabakspfeife im Munde hielt — er war 
demnach ein Mann. 
Als er um die Ecke der Queens Road in die 
Chelsea Bridge Road einbog, stiess er mit einem 
anderem Mann heftig zusammen. 
Beide fluchten, am wütendsten der mit dem Mantel. 
„Verdammt, Sie sind ein —“ 
„Hoho, Brompton, willst du dein Maul halten!“ 
„Ah — Pole —“ 
„James Pole, wie du siehst. Warum hängst du 
denn dein holdes Antlitz zu wie eine Nonne?“ 
Unter der Kapuze tönte ein Laut wie das wütende 
Geknurr eines Raubtiers. 
„Weisst du nicht, Pole, woher ich komme?“ 
„Da ich nicht allwissend bin — “ 
Brompton wiess mit der Hand auf das Riesenge 
bäude, das ganz in der Nähe seine finsteren Mauern 
gen Himmel reckte. 
„Wie — aus dem Chelsea-Hospital? 1 
Brompton nickte. 
„Ja — acht Wochen war ich dort.“ 
Pole lachte laut und spöttisch auf. 
„Hab’ ich dich nicht immer gewarnt? Das sind 
die Folgen deines Leichtsinns.“ 
Brompton machte eine Gebärde des Unmuts. 
„Rede keinen Unsinn, Pole, es war nicht deshalb. 
Hast du denn nichts gelesen oder gehört — damals —? 
Menschen und Zeitungen haben doch die Sache genug 
breitgetreten.“ 
„Ah — ja doch — ich erinnere mich .— dein Name 
stand in der Zeitung. Ein Raubmord — oder Ueber- 
fall — oder so was —“ 
„Nein, ein Fabrikbrand.“ 
„Richtig so wars. Du hattest irgend etwas Helden 
haftes vollführt bei der Affaire. Man rühmte dich und 
umgab deinen Namen mit einer Gloriole. Das erschien 
uns allen sehr merkwürdig, da die Welt bisher wenig 
Ursache hatte, deinen Lebenswandel rühmlich zu 
finden.“ 
„Pah, was das betrifft •“ 
„Na ja, lass nur gut sein. Aber — was wars doch 
gleich, das den schönen Namen Everhard Brompton 
populär machte?“ 
„Ich holte ein junges Mädchen aus den Flammen — 
aus dem dritten Stock.“ 
„Richtig — Donnerwetter — wie kamst du eigentlich 
dazu, wegen einer wildfremden Person solchen Edel 
mut zu beweisen?“ 
Brompton lachte rauh auf. 
„Edelmut — Unsinn! Ich war betrunken.“ 
„Na, höre, das ist doch beim Teufel nicht die Tat 
eine i mkenen.“ 
, f >' Alkohol macht mich zum Prahlhans. Mir 
Alice Rejane 
danseuse espagnole, (Apollo-Theater, Berlin). 
„Ich bin auf dem Wege zu ihr. — Sie hat heute 
Geburtstag.“ 
lag garnichts an dem schreienden Geschöpf in der 
brennenden Fensterhöhle — aber ich wollte dem 
glotzenden Pöbel imponieren — reiner Wahnsinn!“ 
„Oho, Freund, das war kein Wahnsinn, den du 
rettetest ein Menschenleben.“ 
„Um das meinige zu ruinieren!“ schrie Brompton 
auf. „Sieh’ mich an!“ 
Er risss ich die Kapuze vom Gesicht — und Pole, 
der erstaunt aufblickte, prallte entsetzt zurück. 
„Tausend — ! — wie kam das?“ 
„Ein glühender Telefondraht! Ich sah nichts vor 
Rauch und Hitze — bog mich von der Leiter in das 
brennende Fenster hinein — hob das Mädel heraus — 
ihre Kleider wollten grad’ Feuer fangen. Und da — 
als ich mich herumdrehte — da legte sich mir der 
glühende Draht übers Gesicht “ 
Ein heiseres Winseln brach seine Worte ab — wie 
ein Krampf ging es durch seinen Leib, vom Gesicht 
bis in die Füsse, und krümmte seine Finger zusammen 
wie die Krallen eines Geiers es war, als zittere 
der ungeheure Schmerz noch einmal durch seine Nerven. 
„Damn — das ist schrecklich!“ murmelte Pole, 
„Warst früher ein verteufelt hübscher Bursche,, 
Brompton —“ 
„Und nun ein Scheusal!“ schrie der andere auf, in 
einem Ton, als wenn ein Hund aufheult. Dabei rötete 
sich das hagere bleiche Gesicht und die grässliche 
Narbe, die sich von der Stirn quer über das Auge bis 
zum Halse hinzog, begann zu brennen — — 
Es war das Antlitz eines Dämonen. 
„Hm hm hm — das nenne ich Malheur! — Armer 
Teufel — und — was sagt deine Braut?“ 
Damit reichte Brompton dem andern die Hand und 
zog dann die Kapuze wieder über die Stirn. 
Dann ging er. Pole blickte ihm kopfschüttelnd nach. 
„Na — das Wiedersehen! — Armer Teufel!“ 
Dann ging auch er. 
Vor einem hübschen Hause am Warwick-Square zog 
Brompton die Klingel. Das Mädchen, das die Tür 
öffnete, mass ihn mit einem misstrauischem Blick. 
„Miss Ethelton zu sprechen?“ 
„Wenn soll ich melden?“ 
„Everhard Brompton — kennen Sie mich denn nicht 
mehr? 
Das Mädchen machte ein dummes Gesicht und ging. 
Gleich darauf tönte auf der Treppe helles Lachen, eine 
lichte Gestalt flatterte durch das Dämmerlicht des 
Flurs und lehnte sich lachend und schluchzend an die 
regungslose finstere Gestalt im Mantel. 
„O Everhard — wie lieb, dass du kommst! — Du 
böser Junge, warum bringst du mir zum Geburtstag 
kein Bouquet? — Ach, ich war so oft im Hospital, 
doch man wollte mich nicht zu dir lassen. Und du 
sagst nichts, gibst mir nicht einmal einen Kuss 
o Everland — “ 
„Ich muss mit dir reden, Nell.“ 
„Reden —? Ja doch, komm in den Salon.“ 
„Zu den Festgästen —? Danke sehr. Ich muss mit 
dir allein sprechen.“ 
„Ach, dass du mir wieder mein Kleid zerdrückst, du 
wilder Mensch! — So komm hier herein.“ 
Sie zog ihn in ein kleines Gemach und drehte an 
den Knopf der elektrischen Lichtleitung. Dann trat sie 
lachend zu ihm und zog ihm die Kapuze aus der 
Stirn — 
Und das Lachen erstarb in ihren Augen und auf 
ihren Lippen — aus ihren Wangen wich alles Blut — 
entsetzt vor den Menschen, der ihr gegenüberständ, 
regungslos, die Arme auf der Brust gekreuzt, mit einem 
zuckenden Flammenstreifen im Gesicht, wich sie zurück 
bis zur Wand — — 
Dann stiess sie einen Schrei aus und wurde ohn 
mächtig. 
Menschen kamen gerannt. Der Vater, die Mutter, 
Dienstmädchen, Festgäste 
Und alle entsetzten sich vor dem Menschen, der in 
mitten des Zimmers stand bewegungslos wie eine 
Bildsäule — mit dem zuckenden Mal im Gesicht, gleich 
dem Geisselstreich eines rächendes Gottes. 
Alle kannten Brompton und alle wussten, woher 
dieses Mal. Alle hatten ihn gepriesen und in den 
Himmel erhoben für seine Tat. 
Doch nun er mitten unter ihnen stand, blieben alle 
stumm — sein Gesicht war aber auch zu grässlich, zu 
mal in diesem Augenblick, wo teuflischer Hohn und 
tötliche Wut in seinen Mienen zuckten. 
Und einer nach dem andern verschwand. 
Dann waren nur noch zwei im Zimmer — Brompton 
und der alte Herr, der sein Schwiegervater werden 
sollte. 
Ihre Tat war sehr edel — sicherlich, lieber 
Brompton — Sie glauben garnicht, wie ich Sie be 
wundere! — Sie verdienen öffentliche Ehrung — einen 
Orden -—.ja ja. 1— Aber — sehen Sie — meine Toch 
ter — das arm^ Kind — mit ihrem sensiblen Schön 
heitsgefühl — Sie äehen ja die Wirkung — hm, hm —“ 
Und als dem alten Herrn die Worte ausgingen, 
begann er verlegen die Daumen umeinander zu 
drehen. 
Fünf Minuten später erregte in der Grossvenor Road 
ein Mensch in langen dunklem Mantel das Erstaunen 
der Passanten. War der Mensch verrückt oder be-
        
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