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Full text: Berliner Leben Issue 9.1906

„Hoho! Wie denkst Du Dir denn das?“ 
„Wieviel Geld habt ihr noch? “ 
Die Angeredeten zogen seufzend ihre abgenutzten 
Geldbörsen und machten gemeinsamen Kassenstuiz 
So genau sie jedoch zählten und so oft sie aiuh jede 
Münze umdrehten, immer blichen es nur 21 Pfennig. 
„Mit diesem unsinnigen Reichtum willst Du unsere 
hungrigen Mäuler stopfen?“ 
„Stimmt, Euer Gnaden. — Und auch die Kehle 
befeuchten.“ 
„Und was zu trinken schaffen?“ 
„So sagte ich.“ 
„Besitzt Du ein Tischlein deck dich?“ 
„Nein, so weit reicht meine Hexenkunst nicht. 
Gebt mir die 21 Pfennig, ich gehe geradewegs ins 
Dorfwirtshaus. Ganz unauffällig folgt Ihr mir und 
setzt Euch draussen direkt unter das Fenster, an dem 
Ihr mich sehen werdet. Verstanden?“ 
„Und?“ 
„Das werdet Ihr schon sehen.“ 
„Willst Du uns etwas zuwerfen?“ 
„Damit der Wirt Lunte riecht, wie? Tut, wie ich 
Euch sagte, das weitere wird sich finden.“ 
Die Aussicht auf ein solennes Abendbrot machte 
Müdigkeit und schlechte Laune schwinden. Sogleich 
sprangen sie auf, schulterten den Stock, an dessen 
Krücke sie ihre Bündel mit den wenigen Habseligkeiten 
bängten, und Arm in Arm schritten sie pfeifend und 
singend dem nächsten Doife zu. 
Unweit der ersten Gehöfte trennten sie sich. Der 
eine, mit dem Gelde der Kameraden ausgerüstet, ging 
in das Dorf und in einiger Entfernung folgten die 
anderen. Bald hatte dieser das Wirtshaus am Markt 
gefunden und ohne Zögern trat er ein. Die ver 
räucherte Stube war noch leer, denn da es Erntezeit 
war, befanden sich alle männlichen Dorfbewohner auf 
den Feldern, und nur der Wirt sass hinter dem 
Schenktisch und schnarchte. Beim Eintritt des Gastes 
fuhr dieser erschrocken zusammen, erhob sich, und 
schob seine Wohlbeleibtheit mit gutmütigem Lächeln 
in die Mitte der Stube, wo der Handwerksbursche stand. 
„Nun, was gibt es?“ fragte er jenen. 
„Herr Wirt, ich komme aus dem Elsässischen 
herunter, und bis dort hinauf rühmt man Euere Mild 
tätigkeit. Ich bin ein freier Bursch, so frei, dass ich 
nrir erlaube, Euch für ein Abendbrot 21 Pfennig an 
zubieten.“ 
„Was soll es denn dafür geben?“ fragte lächelnd 
der Wirt. 
„Das ist’s ja eben, was mir Kopfschmerzen macht! 
Ihr müsst wissen, dass ich einen Magen aus Gummi 
elastikum besitze, der sobald nicht genug bekommt. 
Und auch meine Kehle gleicht einem bodenlosen Fass.“ 
„Für 21 Pfennig gibt es aber nicht viel.“ 
„Gebt mir soviel Ihr wollt. Ihr, als Christenmensch, 
werdet mich nicht hungrig und durstig weiterziehen 
lassen.“ 
„Nein, bei Gott nicht! Soviel Du essen und trinken 
kannst, sollst Du haben.“ 
„Für 21 Pfennig?“ 
,;Ich habe es gesagt.“ 
„Das lob’ ich mir. Herr Wirt, das war ein Wort! 
Also topp! Für 21 Pfennig gebt Ihr mir soviel ich 
essen und trinken kann?“ 
„Was ich sage, gilt. Ich habe mein Wort stets 
gehalten.“ 
„Dann lasst uns mit dem Guss beginnen!“ rief 
vergnügt der Bursche, und warf sein Ränzel auf die 
Bank. Während er sich setzte, holte der Wirt Brot 
und Speck und einen Topf voll gewässerten Weines. 
„So,“ sagte letzterer, indem er gegenüber dem 
Hungrigen Platz nahm," nun lasse es Dir schmecken. 
Gesegn’s Gott.“ 
„Dank auch schön, Herr Wirt. Gott meint es 
immer gut mit mir, was den Hunger anbelangt.“ 
Mit diesen Worten schnitt sich der Bursche ein 
faustdickes Stück Brot ab, dazu ein gleich grosses 
Stück Speck, und beai beitete beides so intensiv mit 
den Zähnen, dass bald davon nichts mehr übrig war. 
„Wer einen solchen Appeiit haben kann!“ meinte 
bedauernd der Wirt. 
„Kommt mit mir, dann könnt Ihr bald den Riemen 
enger schnüren. An Appetit ist bei uns Brüdern auf 
der Walze nie Mangel.“ 
„Das sehe ich. Das halbe Brot beinahe hast Du 
aufgezehrt und den Speck dazu. — Wie, auch der Topf 
ist leer? Na warte, ich fülle ihn noch einmal.“ 
Der Wirt erhob sich, und ging mit dem Geschirr 
nach dem Keller. 
Rasch schwang sich der Bursche aus dem Fenster, 
und der eine der Kameraden setzte sich statt seiner 
an den Tisch. Sogleich begann dieser den Rest 
aufzuessen, den sein Vorgänger an Brot und Speck 
übrig gelassen hatte. Der Wirt trat wieder an den 
Tisch, stellte das frischgefüllte Gefäss vor den 
Essenden und rief erstaunt: 
„Das ganze Brot ist weg! Wo isst Du das hin?“ 
„Alles geht in den Magen. Sagte ich Euch nicht, 
dass dieses Ungetüm aus Gummi elastikum bestehen 
müsse?“ 
„Ich kann es nicht glauben! Bist Du es denn wirk 
lich? Scheinst mir nicht so lustig wie vorher.“ 
„Nimmt Euch das Wunder, wenn man Hunger hat? 
Bringt doch eine neue Auflage, Herr Wut.“ 
„Stopp, mein Lieber! Erst sage mir wie so es 
kommt, dass Dein Anzug plötzlich die Farbe ge 
wechselt hat.“ 
„Haha! Glaubt Ihr, mein Staatskleid sei ein Cha 
mäleon? Nein, nein, Herr Wirt, das war kein guter 
Witz, denn Ihr habt Euch gründlich getäuscht. Dunkel 
genug ist es in dieser Ecke “ 
„Ich mich getäuscht? Ich weiss ganz genau, dass 
Dein Anzug vorher schwarz war." 
„Nun, ist er es nicht noch, wenn ich mich tiefer in 
das Dunkel setze? Seht doch, dort, wohin die Sonne 
auf meinen Pelz brannte, ist mein Anzug heller, das 
ist alles. Nun kennt Ihr das Geheimnis.“ 
„Ich habe es versprochen, dass Du satt werden 
sollst, aber so etwas habe ich noch nicht erlebt“, 
meinte kopfschüttelnd der Wirt und holte vom Schenk 
tisch ein neues Brot. 
Abermals ging ein grosses Stück davon den Weg 
alles Vergänglichen, und wieder war schliesslich der 
Topf geleert. 
„Ach Herr Wirt, noch ein solches Geschirr mit 
Wein, und ich bin der Seligsten einer“. 
„Eines will ich Dir noch geben, aber mit rechten 
Dingen geht das bei Dir nicht zu“. 
Kaum war der Wirt den Blicken des Gesättigten 
entschwunden, so stieg dieser gleich seinem Vorgänger 
zum Fenster hinaus, und alsbald nahm der ungeduldig 
harrende dritte Kamerad am Tische Platz. Als der 
Wirt mit dem Wein wieder eintrat, fand er jenen 
gerade beim Verschlingen der letzten Reste des Mahles. 
Mit gesteigertem Misstrauen beklopfte er den un 
gestört Essenden, fühlte nach dessen Taschen und 
besah jene Körperstelle, an der man die Beleibtheit 
sucht. 
„Nun höre aber, Du bist es wirklich nicht!“ 
„Ich soll nicht ich sein? Das wäre noch schöner!“ 
„Nein, Du bist es auch nicht. Zuerst war Dein 
Anzug schwarz, dann war er braun, und jetzt ist er 
wieder schwarz. Sag’ was Du willst — Du bist es 
nicht!“ 
„Sprecht nicht solche Sachen, Herr Wirt. Verlasst 
Euch darauf, ich habe seit meiner Geburt noch nie in 
einer anderen Haut gesteckt. — Schaut mir in das 
Gesicht! Trage ich einen Bart, oder habe ich je einen 
getragen? Schaut mein Ränzel an, das noch immer 
auf der Bank neben mir liegt, ist es ein anderes ge 
worden? Herr Wirt, Ihr habt geschlafen, und deshalb 
glaubt Ihr Wunder zu sehen“. 
„Hm, hm, Du wirst mir unheimlich, Bursch. 
Hoffentlich bist Du nun aber satt, damit Du Dein 
Bündel nehmen und gehen kannst, he?“ 
„Satt, Herr Wirt? — Ich fange doch erst zu essen 
an!“ Es war wirklich Schreck, mit dem er die Worte 
sprach. 
„Alle guten Geister! Er fängt erst zu essen an, 
sagt er, und dabei hat er schon fast zwei Leibe Brot 
und mindestens eben soviel Speck gegessen“! 
„Ich bekomme eben neuen Appetit“. 
„Ja, stehst Du mit dem Teufel im Bunde, dass Du 
nicht satt wirst?“ 
„Bald scheint es so. — Aber, Euer Wort in Ehren! 
Ihr verspracht, mich für 21 Pfennig zu sättigen. Darum 
gebt mir noch von Euerem vortrefflichen Speck 1 ,. 
„Gott soll mich bewahren! Hier, nimm Dein Geld 
zurück, mag ein anderer Dich sättigen, ich kann es 
nicht“. 
Mit dem Rücken der Hand schob der Wirt das Geld 
dem unheimlichen Gaste zu, das dieser schmunzelnd 
in die Tasche gleiten Hess. Traui igen Tones sagte der 
Filou: 
„Hungrig kam ich zu Euch, und hungrig schickt 
Ihr mich fort. Es macht aber nichts, ein guter Herr 
seid Ihr doch. Wenn ich wieder durch dieses Dorf 
kommen sollte, kehre ich abermals bei Euch ein. Und 
nun Gott befohlen!“ 
„Das mag der Allmächtige verhüten, denn Du bist 
der leibhaftige Gottseibeiuns! 
Drei solche Gäste wie Du, und ich bin ein armer 
Mann“. 
„Drei solche Gäste, sagt Ihr? Wenn Ihr in mir 
schon den Teufel seht, dann erblickt ihr in mir viel 
leicht auch noch die!“ sagte lachend der Bursche und 
schritt eiligst hinaus. 
„I Du Sackerloter!“ rief der Wirt und eilte ihm 
nach, um den Uebermiitigen durch eine fühlbare Weg 
zehrung das Fortgehen zu erleichtern. Doch an der 
Schenktür prallte er überrascht zurück: drei ganz gleiche 
Burschen, wie sein unheimlicher Gast, gingen Arm in 
Arm die Doifstrasse entlang, und als sie sich um 
wandten, und ihn erblickten, schwenkten sie lachend 
die Hüte zum Gruss. 
Nun blitzte ihm das Licht der Erkentnis auf, und 
in ohnmächtiger Wut schüttelte er den seinen Blicken 
allmählich Entschwindenden seine Fäuste nach. Die 
aber freuten sich ihres billigen Abendbrotes und über 
legten, wo sie bald wieder den unheimlichen Gast 
spielen könnten.
        
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