Path:

Full text: Berliner Leben Issue 9.1906

den Schultern. Der Verfertiger dieses Werkes, Wilhelm 
Habich, ist 68 Jahre alt und hat seit dem Ende der 
sechziger Jahre eine grosse Reihe von Bildwerken angefertigt, 
die ihm den Ruf eines hervorragenden Bildhauers ein 
trugen. — Generalleutnant von Heringen, dessen 
Porträt sich dem Modellbilde des Prinzen anreiht, 
wurde zum Kommandeur des 2. Armeekorps ernannt. 
Heringen ist eine in der Berliner Gesellschaft sehr be 
kannte Persönlichkeit, die die meisten Jahre hier zugebracht 
hat. — Der neuernannte Präsident des Reichsmilitär 
gerichts General der Infanterie Linde wurde 1848 
im Holtsteinischen als Sohn eines Pfarrers geboren, trat 
1866 in das Schlesische Eestungsartillerie-Regiment in 
Neisse, um später wiederholt zum Grossen Generalstabe 
kommandiert zu werden; 1898 wurde Linde Abteilungschef 
im Grossen Generalstabe, 1895 Kommandeur des Füsilir- 
Regiments No. 86 in Halle a. S., 1897 der 14. Infanterie- 
Brigade in Halberstadt, 1900 Generalleutnant und Komman 
deur der 4. Division in Broinberg, 1904 Korpskommandeur 
in Kassel. —• Die an Schicksal so reiche Charlottenburger 
Oper, das Theater des Westens, hat in den letzten Wochen 
wieder viel von sich reden gemacht, ein Direktionswechsel 
ist eingetreten. Aloys Prasch, der seit längerer Zeit 
leidend ist, schied von seinem Wirkungsposten und an seiner 
Stelle übernahm ein geschätztes Mitglied des Hauses, der seit 
mehreren Jahren hier tätige Tenorbuffo, Artur Below, die 
Direktion. Artur Below entstammt einer reichen Berliner 
Familie, seine Frau Marga, gleichfalls eine beliebte Opern 
sängerin, ist aus dem bekannten Hause Siechen. — In 
der Gruppe Einzelporträts, die die folgende Seite füllen, 
bringen wir die Vorsteher der Akadem. Meister- 
Ateliers für die bildenden Künste, lauter Meister 
alleiersten Ranges. Artur Kampf ist Lehrer der 
Geschichtsmalerei, ebenso Wirkl. Geh. Ober-Regierungsrat 
Professor Anton von Werner, der Direktor der König!.- 
akad.-Hochschule für die bildenden Künste; Professor 
Albert Hertel steht der Abteilung der Landschaftsmalerei 
vor, der Bildhauerei Professor Ludwig Manzel; Professor 
der Architektur und Lehrer der Baukunst des Mittelalters 
mit besonderer Rücksicht auf die kirchliche Kunst ist Geh. 
Regierungsrat Johannes Otzen, Präsident der Königl. 
Akademie der Künste und in Geh.Baurat Franz Schwechten 
besitzen die antike Baukunst, der romanische Stil und die 
der Renaissance abgeleitete Baukunst, ihren Kenner und 
Gelehrten. — Der Tiergarten ist wieder um ein Kunstwerk 
und dies mal um ein wirkliches Kunstwerk reicher geworden, 
die Amazone von Professor Louis Tuaillon ist am 
Floraplatz, wenn auch ohne besondere Feierlichkeit doch 
in Gegenwart des Kaisers und der Kaiserin enthüllt worden. 
Die Statue, die eine Nachbildung des Tuaillon’schen Werkes 
vor der Nationalgallerie bildet, hat eine Höhe von 4,50 m 
und ein Gewicht von 50 Ztr. Während das Urbild künst- 
lisch grün patiniert wurde, hat das Standbild im Tiergarten 
den natürlichen braungoldenen Bronzeton und es bleibt den 
Einflüssen der Wittefüng überlassen, ihm im Laufe der 
Zeiten die Patina zu verleihen. — Am Viktoria-Luise 
platz 11 befindet sich das Atelier des bekannten Porträt 
malers Alfred Schwarz, in dessen Räume wir mit unseren 
Freunden der Farbenkünste einen Blick werfen. Schwarz 
beschäftigt sich gerade mit dem Bilde des Kaisers, den er 
porträtiert. Wenige Tage nach dieser photographischen 
Aufnahme brach übrigens Feuer in dem Atelier des Meisters 
aus und eine Anzahl wertvoller Gobelins und Gemälde 
wurden durch das verzehrende Element vernichtet, darunter 
auch Porträts, die der Künstler im vorigen Jahr auf der 
Grossen Berliner Kunstausstellung ausgestellt hatte. Die 
Familie des Malers konnte sich mit genauer Not retten. — 
Auf Seite 10 und 11 bringen wir vier Persönlichkeiten in 
ihrem Heim, die alle auf dem Altäre der musikalischen 
Künste opfern. Henry Bender, der beliebte Komiker 
des Metropoltheaters ist just im Begriff, sein Tässchen 
Mocca zu schlürfen. Das ist gewiss eine sehr wuchtige, 
ernste Beschäftigung im täglichen Leben, aber Bender weiss 
ihr einigen Humor abzugewinnen, erteilt er doch, während 
seine Frau den Dienst der Kaffee schänkenden Hebe über 
nimmt, seinem Jungen Unterricht im türkischen Tabak 
rauchen. Auch Phila Wolff, das neue Mitglied des 
Metropoltheaters scheint eben ihr Kaffee-Schälchen weggestellt 
zu haben. Frl Wolff spielt mit ihrer gut zeichnenden 
Darstellungskunst und klangvollen Stimme nicht nur eine 
grosse Rolle in dem neuen Stück Julius Freund’s, sondern im 
Reiche der Operetten überhaupt; man rechnet mit ihr — 
Vor noch nicht langer Zeit ist der Kapellmeister Leo 
Blech vom Deutschen Landestheater in Prag für 
das Königl Opernhaus in Berlin verpflichtet worden. Zu 
dem Engagement kann man dem Opernhaus gratulieren, 
denn Leo Blech, der Komponist der Opern „Das war ich“ 
und „Alpenkönig und Menschenfeind" hat sich als einer 
der begabtesten jüngeren Opernkomponisten Deutschlands 
wie auch als ausgezeichneter Kapellmeister bewährt. Blech 
dürfte hauptsächlich Dr. Muck vertreten, der bekanntlich 
nach Boston beurlaubt ist. — Zu unseren ersten Kapell 
meistern gehört auch Edmund von Strauss, der eben 
falls an der Kgl Oper mit, grossem Erfolge wirkt und zahlreiche 
Verehrer gefunden hat. — Julius Freund hat im Metropol 
theater mit seiner neuen Revue „Der Teufel lacht dazu“, 
wieder einen grossen Sieg errungen. Um uns aber in seiner Be 
scheidenheit zu zeigen, dass nicht nur die Geschehnisse seines 
Werkes interessant sind, sondern auch Alles, was sonst im 
Zusammenhänge mit dem Werke geschieht — vor der 
Probe, nach der Probe, — dass auch Peisonen wie Josephi, 
Giampietro, Frl. Massary u. a., interessant und bemer 
kenswert sind, selbst wenn sie nicht auf der Scene stehen, 
hat sich der Dichter zum Amateurphotographen ausge 
bildet und „Momentaufnahmen“ hinter den Kulissen herge 
stellt. Prost Kinder ist ein hübsches Genrebili, Freund 
hat hier in seiner photographischen Kunst eine solche Voll 
kommenheit lebendiger Darstellung erreicht, dass man 
witklich der kleinen Choristin das Glas aus der Hand 
nehmen und ihr eins — wie es allerdings nicht komment- 
mässig heisst — „aufknallen“ möchte. — In dem Bilde 
„Am Königsplatz in Berlin“ vereint sich Kunst und 
Natur zu einer herrlichen Einheit. Das ist nicht etwa eine 
photographische Aufnahme des Platzes, den wir hier im 
Bilde sehen, sondern in einer selten fein detaillierten 
Malerei hat der hervorragende Künstler Reinh. Schmidt 
das Panorama gezeichnet und künstlerisch wiedergegeben. — 
Den cireensischen und Varidtekünsten sind die beiden 
nächsten Seiten gewidmet. Eines ber beliebtesten Mitglieder 
des Cirkus Busch ist der Schulreiter und Ober-Regisseur 
Georg Burkhardt-Foottit, als bedeutende Schulreiterin 
wird Frl. Martha Mohnke geschätzt, Frl. Leris Loyal 
entfesselt als „Demimondaine-Reiterin“ mit ihrem origini- 
nellen und chiken Reitakt die Beifallsstürme des Hauses; 
nicht gering ist auch das Interesse, das man allabend 
lich dem Dompteur Peters schenkt, der in seiner 
Tiger-Ringkampf-Scene grossen Mut und Gewandtheit 
an den Tag legt. — Auch der Circus Schumann 
hat seine Capazitäten und Berliner Volkslieblinge. 
Monsieur Fernand Guichenet reitet mit grosser 
Kunst das englische und in der hohen Schule dressierte 
Vollblut Anuden. Guichenet ist Ober-Bereiter des Kaisers 
von Russland, des Grossfürsten Wladimir und ausserdem 
noch Offiziers-Reitlehrer der militärischen Reitschule in 
Saumur, Frankreich. Er ist der bedeutendste Schüler des 
Altmeisters James Fillis. — Eine perfekte Parforce- 
Reiterin, die besonders den Kenner reitsportlicher Künste 
entzückt, ist Frl. Rosa Cardinale. Mr. Henricksen 
fesselt allabendlich das Haus mit seinen, die Nerven an 
spannenden Kämpfen, den er mit einer Anzahl Tigerbestien 
aufnimmt und Albert Cottrell übernimmt als vorzüglicher 
Clown das Amt, seine ernste Umgebung zu verspotten und dem 
Witz und Humor zu seinem Rechte zu verhelfen. Und immer 
hat er die Lacher auf seiner Seite. — Im Apollotheater 
üben die plastischen Darstellungen von Fräulein Heddy 
Seldom ganz besondere Anziehungskraft auf die Berliner 
Varietebesucher aus Frl. Seldom gilt als das beste Modell 
der Berliner Künstlerschaft und zahllos sind die Werke 
erster Berliner Meister, für die sie ihren selten schönen 
Körper in den Dienst der Kunst gestellt hat. Die letzte 
Statue, die nach ihrem Körper modelliert ist, warEvcben 
von Freese, die auf der letzten Berliner Kunstaustellung 
allseitige Bewunderung erregte. — Zu einem ersten Variete 
hat sich seit Kurzem das Walhalla - Theater heraus 
gearbeitet. Täglich entzückt der bekannte Humorist Willy 
Prager mit seinen witzigen Vorträgen das Publikum. 
Frl. Emmy Kröchert erntet reichen Beifall und die 
Sisters Valentine, drei tanzende Engländerinnen, üben 
ihren Zauber aus. Unter „Berliner Strassenbilder“ 
bringen wir zum Schluss noch einige charaktistische 
Scenen und Stimmungen der Metropole. Wie man jetzt 
„Autobus“ fährtl Wie man inmitten des grossen Lebens 
Unter den Linden Siesta hält! Wie man für die höchsten 
Preise alte Kleider los wird! Und wie der Dienstmann 
im Schweisse seines Angesichts sein Brot verdient . . .! 
Reinste i n-SawersJty. 
Der unheimliche Gast. 
Humoreske von Adolf May. 
(Nachdruck verboten). 
Einen leeren Magen kann man bekanntlich meist 
ohne sonderliche Mühen wieder füllen, einen leeren 
Geldbeutel aber nicht; das ist der Unterschied. Wenn 
aber Magen und Geldbeutel leer sind, so ist das immer 
eine eigene Sache. Manchmal gesellt sich zu jenen 
beiden hilfsbedürftigen Dingen noch ein drittes hinzu, 
und das ist die Kehle, wenn sie trocken ist. Ein sehr 
bedenklicher Zustand für denjenigen, der über dieses 
Triumvirat verfügt, und ein schlagender Beweis dafür, 
dass der selige Horaz mit seinem Ausspruch „Beati 
possidentes!“ nicht immer recht hat. 
Zu solchen glücklichen Besitzenden zählten auch 
jene drei Handwerksburschen, die im warmen Schein 
der Nachmittagssonne am Strassengraben sassen, und 
mit düsteren Mienen die Blicke über die ährenschweren 
Kornfelder schweifen Messen. Es waren junge 
Burschen, denen die Zier des Mannes noch nicht auf 
der Lippe spross, und die aus diesem Grunde eine 
gewisse Aehnlichkeit miteinander besassen. Der eine 
seufzte auf und sprach: 
,,Brüder, ich habe einen Bärenhunger.“ 
,,Und mir ist die Kehle wie ausgedorrt. Eine 
staubige Schuhsohle kann nicht trockener sein,“ fügte 
der zweite hinzu. 
„Dann bin ich der reichste unter uns, denn ich 
kann den beiden Uebelständen, an denen ihr leidet, 
noch einen dritten in Form eines leeren Geldbeutels 
hinzufügen“, sprach lachenden Gesichtes der Dritte. 
„Wie kann man lustig sein, wenn Hunger und 
Durst an allen Körperstellen zwicken und zwacken?“ 
„Glaubst Du, mit einem solch’ sauertöpfischen 
Gesicht, wie Ihr beide eines macht, kommt man ins 
Schlaraffenland? Schaut mich an! Keinen Pfennig habe 
ich in der Tasche und doch mache ich mich anheischig 
bis spätestens Glock achte auch Euren Magen zu füllen.“
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.