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Full text: Berliner Leben Issue 9.1906

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Der Diplomat. 
Eine wahre Geschichte von Roda Roda 
Nachdruck verboten. 
Spät am Nachmittag des 4. September entstand unter 
der Schuljugend von Slawikowitz plötzlich eine Be 
wegung— Hälse wurden gereckt, Augen beschattet — 
und weit und weit die Strasse hinangesehen: Soldaten 
kommen! 
Das waren die Quartiermacher des Infanterie 
regiments. 
In der Dämmerung pochten Leutnant Ruby und ein 
Polizist an die Türe des Meierhofes. Der Verwalter 
selber kam öffnen, doch er winkte schon im Kommen 
ab: „Kein Quartier — bedauere sehr.“ 
„Aber um Himmels willen, wo soll ich denn dann 
Major Schmied unterbringen?“ 
Der Verwalter zuckt die Achsel — seine Sorge ist’s 
schliesslich nicht. Als der Leutnant aber ein gar zu 
klägliches Gesicht macht, rät er: „Zum Pfarrer.“ 
„Dort wohnt schon der Herr Oberst.“ 
„Also beim Förster.“ 
„Oberstleutnant! Alle, alle sind glücklich unter 
Dach, nur für Major Schmied fehlt’s.“ 
Einen Augenblick lang denkt der Verwalter nach. 
„— Es ist eigentlich eine sehr alberne Frage ... es 
müsste ja ein ungeheuerlicher Zufall sein . . . Sagen 
Sie, bitte, Herr Leutnant, ist der Herr Major ein 
Schmied mit,ie‘? — Ein Blonder? — Vierundsiebziger 
Akademiker? 
„Ja — das weiss ich nicht!“ 
„Arnold Schmied — wie?“ 
„Ganz richtig, Arnold Schmied!“ 
„Na, Herr Leutnant, den schicken Sie mir nur . . . 
das ist mein Schulkamerad!“ 
Nun sitzen die beiden Herren glücklich beisammen. 
Major Schmied wird nicht müde, den Verwalter um 
sein ruhiges Leben zu beneiden, und der Verwalter 
wieder rechnet nach, wie hoch er stünde, wenn er ge 
blieben und in die Kriegsschule gegangen wäre. 
„Ah was — Major wärst mit Ach und Krach, nix 
weiter — und abg’schossen hätten s’ Dich, wie s’ mich 
schiessen werden!“ 
„Wa—as? Abschiessen wollen s’ Dich, Kamerad?“ 
„Glaubst vielleicht, sie wer’n an alten Majorn fürs 
Heeresmuseum konservieren? Im Herbst käm’ ich 
dran — die jungen Generalstäbler warten schon — 
schwups! Morgen wer’n s’ mich liefern! — Gelt, 
Mariedl, dann heirat’st mich?“ fragt er des Verwalters 
Jüngste, die erstaunt aufgehorcht hat. 
Und am nächsten Tag ist Brigadeübung. 
Se. Exzellenz der Korpskommandant, der Divisionär 
und Brigadier haben mit ihren Stäben feierlich den 
Heldenhügel bezogen. 
Major Schmied kommandiert die Nordpartei. 
Lange, ehe das spärliche Feuer des Vortrabs knattert, 
fährt Gräfin Giulietta am Fusse des Heldenhügels vor. 
Galant tänzelt — wer hätte ihm das zugetraut? — 
Se. Exzellenz der Korpskommandant seiner Quartier 
geberin entgegen. Sie hat noch nicht den Auftritt ihrer 
Viktoria verlassen — und schon ist der Kommandierende 
zur Stelle und bietet ihr den Arm. 
„Wir werden also eine Kavallerieattacke zu sehen 
bekommen — mon eher baron?“ 
„Sie haben es befohlen:“ 
„Wie nett, dass man das so arangieren kann! Ich 
habe seit Muline keine Reiter mehr gesehen. Erinnern 
Reta Walter, f 
Sie sich noch? Muline, dass kleine Dorf in den 
Apenninen?“ 
Aber natürlich erinnerte sich Seine Exzellenz! Jeder 
Tag, jede Minute, jedes kleinste Erlebnis, das er als 
Militärattache in Rom gehabt, flammt unauslöschlich in 
seinem Gedächtnis! Erst recht das Königsmanöver von 
Muline, dass er an Gräfin Giuliettas Seite so auf 
merksam — verpasst hat. 
Sie lächelt ihn an und fächelt ihn an — und streift 
ihn mit denselben rotbraunen Augen, die immer so 
aussehen, als ob sie nur flehen oder rasen, aber nie 
mals ruhen könnten. — 
Diese Augen sind einst seine Schwärmerei gewesen. 
Weiss Gott — sie sind es noch heute — und wenn im 
Dienstreglement, 111 Teil, Abschnitt „Für den Korps 
kommandanten“ nicht das gerade Gegenteil davon ge 
schrieben wäre, er könnte um dieser Augen willen 
flehen und rasen. 
Seine Exzellenz und Gräfin Giulietta stehen jenseits 
von Divisionär Gut und Generalmajor Böse und 
tauschen römische Erinnerungen. 
Auch der Generalstabschef des Korps, Oberst von 
Posnan und der von der Division, Major Kerteschy, 
tauschen römische Eindrücke aus — aber andere. 
„Er hat nie etwas geleistet — wenigstens nicht auf 
militärischem Gebiete.“ — 
„Aber in der Diplomatie. Er soll intime Beziehungen 
zum Adel des Quirinals gehabt haben.“ 
„Das sieht man? Schau nur, wie sie tuscheln.“ 
„Und das hat halt auch seinen Wert. Ich hab’ mir 
sagen lassen, dass er in dieser Beziehung die rechte 
Hand des Botschafters gewesen ist —“ 
„ . . , die nie gewusst hat, was die linke tut, musst 
Du dazusetzen.“ 
„Du bist boshaft, Herr Oberst. Er wird ja übrigens 
demnächst eine Hofanstellung kriegen.“ 
„Na es wär’ auch schon Zeit! Das eine Jahr über 
hat er genug Schnitzer gemacht.“ 
Im gedeckten Raume eines Weissdornbusches 
rauchen Oberleutnant Krause, der Zugeteilte, und 
Reserveleutnant Löwy, der Ordonnanzoffizier, ihre 
Zigaretten. Leider fällt der Schatten, den das grosse 
Korpslicht wirft, nicht mit dem der Sonne überein — 
da müssen denn die Herren auf der Mittagsseite 
braten. 
„Ich bin ungemein gespannt auf die Besprechung.“ 
„Warum sind Sie gespannt auf die Besprechung, 
Herr Oberleutnant?“ 
„Weils heute seine erste Besprechung ist.“ 
„Hast eine Schwierigkeit, ein Manöver zu be 
sprechen — grossartig! — Ich mein’! Andere ihre 
Fehler kritisieren!“ 
„Da bist Du aber auf dem Holzweg, mein lieber 
Löwy! Eine Manöveroberleitung oder das Kommando 
führen — kann man leicht •— mit einem guten General 
stabschef; aber eine Uebung besprechen — dazu ge 
hört militärisches Wissen, oder man lällt durch.“ 
„Wie heisst — man fällt durch? Der Herr Korps 
kommandant war doch Militärattache beim Papst —“ 
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ff 
„Nu, man kann sich doch versprechen? War er 
nicht beim Papst!! — Aber in Rom war er doch, 
nicht wahr? No, also! In Rom — oder beim Papst! — 
Also wenn er Militärattache war in Rom, no, so muss 
er doch gewiss sein ein halber Diplomat —“ 
„Und?“ 
„No — und da kann er doch so herumreden, dass 
man meint, er weiss etwas, daweil weiss er en 
Schmarrn! “ 
„Wie sich das der kleine Moritz vorstelll! Haha! 
Entweder er ist ein bedeutender Militär — dann wird 
er das heute beweisen — oder er ist hm — ein 
Diplomat — und dann wird er sich blamieren.“ 
„Nu — m’r wer’n seh’n!“ 
„Jawohl, wer’n me seh’n, Pane Löwy!“ 
Gräfin Guilietta ist erstaunt zu hören, dass Seine 
Exzellenz damals keine Absichten auf die verwitwete 
Marquise gehabt haben. — Und an diese Absichten 
hat sie doch bisher so felsenfest geglaubt! — 
„Ihr Herz ist also damals eigentlich frei gewesen, 
Baron?“ 
„Frei!! —“, seufzt Seine Exzellenz und schlägt vor 
wurfsvoll die Augen auf. 
Die Suite verfolgt mit fieberhaftem Interesse den 
Aufmarsch zweier Kavallerie-Eskadronen, die — so 
lautet ja die gemessene Weisung — knapp vor dem 
Hügel zusammenstossen sollen. 
„Ah — man hat am Ende für mich geschwärmt? 
Vorbei — lange vorbei!“ flötet die Gräfin. 
Seine Exzellenz stöhnt. 
Hüben und drüben fliegen die Säbel aus den 
Scheiden — die Schwadronen setzen zum Galopp 
an — hüben und drüben tönt das Attackesignal. —
        
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