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Full text: Berliner Leben Issue 9.1906

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Unsere Bilder. 
Was der März der Natur ist, das ist der September der 
Berliner Kunst und dem gesellschaftlichen Leben. Noch 
wehen im März rauhe Winde und graue Wolken ziehen 
am Himmel dahin, aber schon stellen sich ratenweise die 
singenden und gefiederten Ausflügler aus Afrika ein, 
Blumen und Blätter stecken schüchtern Köpfchen und Spitzen 
hervor und aus der Menschen Augen leuchtet ein grosses 
Frühlingsahnen. Ein ähnliches Bild des Kontrastes bietet 
der September im Reiche der Kunst und im Leben der 
Gesellschaft. Da spannt sich noch wie ein blauer Baldachin 
der Himmel über den Blumengarten der Erde, in demant 
blitzenden Sonnenstrahlen zittert die Luft — noch ganz wie 
in der Saison morte — aber Touristen, Ausflügler, Luft 
schnapper, Weltenbummler, Mimen, denen die Nachwelt 
Kränze flicht und auch keine, ergraute Heldenväter und un 
gefiederte Sänger — sie fluten alle nach dem Strande der 
Hauptstadt zurück und rüsten sich, Genüsse bietend, Genüsse 
empfangend, auf den Wettkampf des Winters, den Freund 
des Salons und der Künste. — Zur festlichen Ouvertüre 
der Saison trugen in diesem Jahre in Folge der Tauf 
feierlichkeiten im Schlosse die höfisch-militärischen Kreise 
ein gut Teil bei, Berlin strahlte im Glanze auswärtiger 
Fürstlichkeiten. Unter den fürstlichen Gästen befand sich 
die Kronprinzessin Sophie von Griechenland, die 
Schwester des Kaisers. Als Chef des Königin Elisabeth 
Garde-Grenadier-Regiments No. 3 liess es sich die 
Kronprinzessin nicht nehmen, diesem Truppenteil in der 
Westender Kaserne einen Besuch abzustatten. Der Oberst 
von Francois an der Spitze des Offizierkorps empfing die 
hohe Frau und deren Gefolge, ihr zwei prächtige Buketts 
gelber Rosen mit Schleifen in den Farben des Regiments 
überreichend. Etwa eine Stunde verweilte die Kronprinzessin 
im Kreise der ihrem Regiment angehörenden Offiziere, dann 
fuhr sie unter herzlicher Verabschiedung nach Berlin zu 
rück. — Ueber die Bedeutung der grossen Warenpaläste, 
die immer zahlreicher in den Capitalen erstehen, wird von 
sozialem Standpunkt viel gestritten. Darüber jedoch sollten 
sich alle Nationalökonomen und Gelehrten einig sein, dass 
zur Vervollkomnung industrieller Produkte und künstlerischer 
Erzeugnisse diese Geschäftshäuser in ihrer mächtigen 
Konkurrenz ganz Ausserordentliches beilragen. So darf 
man von der Photographischen Kunstausstellung im 
Atelier Wertheim mit ganz besonders grosser Hoch 
achtung sprechen; hier hat die Photographie eine Höhe 
erreicht, auf der sie kaum der Malerei an individueller Ge- 
staltungsform etwas nachgibt. Unter den mit geschmack 
vollen Rahmen ausgestatteten Photographien befindet sich 
eine Reihe solcher, die bekannte Persönlichkeiten der 
Metropole angehören. Auf merkantilem Gebiete ist es 
Geh Kommerzienrat Wilhelm Herz, dessen Bild in 
künstlerischer Vollendung in dem Wertheim’schen Atelier 
prangt. Charakteristisch ist die photographische Wiedergabe 
der Gabriele Reuter. Kaum kann uns ein Maler trefflicher 
den tiefen Ausdruck des Auges schildern, der da Gemüt, 
Geist und Phantasie, diese für eine Schriftstellerin not 
wendige Trinität verrät — gewissermassen blosslegt? Einer 
unsere r bedeutendsten Gelehrten der Staatswissenschaft ist 
Dr. Gustav Schmoller, ord. Professor an der 
Universität zu Berlin. Zu seltener Harmonie hat der 
Photograph als Reflektor der Natur in dem Gesicht des 
Universitätslehrers Gelehrsamkeit und Willenskraft plastisch 
vereint. Nicht minder legen die übrigen Photographien, 
die wir aus dem Kunst-Atelier Wertheim reproduktiv wieder 
geben, Zeugnis von der vornehmen und mit Erfolg gekrönten 
Pflege dieser modernen — wenn wir so sagen dürfen — 
Naturkunst ab. Das Bild der in der Kunstwelt wohlbe 
kannten Susanne Dessoir ist ein Cabinetstück photo 
graphischer Schöpfung. — Natur und Kunst spiegelt das 
Bild des Geh. Regierungsrats Professor Dr. Paasche 
wider, des berühmten Nationalökonomen und bekannten 
Reichstagsabgeordneten der nationalen Partei, der noch bis 
vor Kurzem in politischen Kreisen als der kommende Leiter 
des Kolonialamtes genannt wurde. Reich an Stimmung 
ist das Bild der in Berlin wohnenden Schriftstellerin Hed wig 
Dohm, die mit Erfolg besonders der Frauenfrage ihre Feder 
gewidmet hat. — Wir begeben uns von dem photographischen 
Atelier zu einem Kunstatelier, in dem allerdings jeder 
Mechanismus ausgeschaltet ist und doch Natur und Kunst 
zu einer schönen Einheit zusammenfliesst. Professor Conrad 
Freyberg ist bei der Arbeit, an einem seiner berühmten 
Militärbilder die letzten Pinselstriche zu machen. Das geistige 
Auge des Professors blickt in die Ferne, dort befindet sich sein 
schon zu einem Kunstwerk idealisiertes Modell und ihm sieht 
der Künstler die Schönheiten ab, die vielleicht seinem Werke 
zum einwandsfreien Kunstwerke nochj fehjen. Und' in 
der Nähe sitzt seine Gemahlin und versucht mit Wohlgefallen 
sich in den künstlerischen Prozess zu vertiefen, bei dem die 
herrlichsten Schlachtenbilder, Reiterbilder und die ent 
zückendsten Tiergemälde das Licht der Welt erblicken. 
Dass Prof. Freyberg zu den geschätztesten Hofmalern ge 
hört, braucht wohl schon in Rücksicht der Pflege seines 
Kunstzweiges nicht erst besonders betont zp werden. — 
Da, wo die Berolina von hohem Postament herab auf ein 
selten mannigfaltiges Strassenbild herabzeigt, hat das Leben 
unter dem Namen „Alexanderplatz“ ein Werk geschaffen, 
das den gewaltigsten Kunstwerken der berühmtesten 
Meister nicht nachsteht. In dem Werk steckt ein Stück 
ewiges Leben und der Gottesodem hat die Figuren durch 
haucht, die hier ihren Geschäften und Bestrebungen nach 
gehen. Der Alexanderplatz gehört in der Tat zu den 
herrlichsten und lebhaftesten Plätzen der Metropole, leben 
diges Rasen- und Baumgrün des Platzes vermischt sich mit 
dem bunten Leben des elektrischen Betriebes, des Omnibus 
verkehrs, der Privatfuhrwerke,, der Stadtbahn etc. etc. auf 
den zahlreichen, hier zusammenfliessenden Strassen und 
harmonisch zu diesem Leben bilden die gewaltigen Ge 
schäftshäuser Staffage, die diesen Platz umgeben und um 
kränzen. — Als eine unserer bedeutendsten industriellen 
Unternehmungen der Kunstindustrie gilt die Königliche 
Porzellan Manufaktur. Mit Recht! Die Prachtstücke 
in dem Verkaufshaus der Leipzigerstrasse legen Zeugnis davon 
ab, zu welch’ künstlerischer Bedeutung sich diese Anstalt 
der Plastik emporgearbeitet hat. Freilich alles F'ertige lässt 
die Herstellung der Arbeit um so leichter erscheinen, je kunst 
voller sie ist, darum lohnt, will man sich ein tatsächliches Bild 
von dem komplicierten Kunstbetriebe machen, ein Rundgang 
durch die Ateliers und Ifabrikräume in der WegelyStrasse 
am Bahnhof Tiergarten. Es ist ein interessantes Stück 
Arbeit, das unter der Leitung des Chemikers, Herrn 
Dr, Koebbinghoff, zu Wege gebracht wird. Wie aus 
unsern Bildern ersichtbar ist, sind allerlei chemische Prozesse 
und Metamorphosen notwendig, ehe ein Werk als vollendet 
dem Handel übergeben wird. Da muss die Masse — die 
Porzellanerde — erst einem Reinigungsprozess unterzogen 
werden — die flüssigen Massen müssen F’ilterpressen 
passieren — in der plastischen Abteilung werden sie in 
Gipsformen eingeformt, um hierauf in Brennöfen, je nach 
dem bei einem schwachen Brand, einer Hitze von 900 Grad 
oder bei stärkerem Brand einer Temperatur von 1500 Grad 
ausgesetzt zu werden. Sehr interessant ist auch der Gas 
ofen mit kontinuierlichem Betrieb, den die F'achleute' unter 
dem Namen „Mentheim-Ofen“ kennen. In der Schleiferei 
ist die Tätigkeit eine mehr mechanische, in der „Malerei“ 
werden aber nur geübte Künstlerhände verwendet. — Mit be 
ginn der neuen Saison ist ein altes Theater, das Belle- 
Alliance-Theater, unter dem Namen „Lortzing-Theater “ 
in ein neues Stadium getreten. Es ist umgebaut und . 
renoviert worden und dessen Leiter, Flerr Direktor Max 
Garrison will versuchen, für die volkstümliche Oper die 
Gunst des Berliner Publikums zu erringen. Und nach dem 
Auspicien zu urteilen, scheint es Tatsache, dass die 
Hoffnungen nicht allzu kühne und visionäre sind —; eine 
wirklich künstlerisch abgerundete und solide Vorstellung 
war Zar und Zimmer mann, mit dem man das Theater 
und die Saison eröffnete. Die Dekorationen waren geschmack 
voll und die Regie arbeitete mustergiltig; freilich hat die 
Direktion auch Alles versucht, durch Zusammenstellung eines 
guten Ensembles eine vornehme Interpretation zu ermöglichen. 
An weiblichen Mitgliedern seien nur rühmlichst genannt: 
Frl. Johanna Martin, Helene Oberländer, Gabriele 
Benda, Mila Zeemann, Vallerie Waller, von den 
Herren Willy Schüller, Bruno Wolter, Theo 
Görger. — Auf der folgenden Seite bringen wir zwei 
Künstler verschiedener Fakultäten, die aber im Reiche der 
Kunst sehr oft zusammen genannt und geschätzt werden. 
Der eine ist Heinrich Bolten-Bäckers, den wir in 
seinem Heim nebst Gemahlin sehen dürfen, der andere 
der bekannte Operettenkomponist Paul Lincke. Bolten- 
Bäckers, bis vor Kurzem Mitdirektor des „Residenztheaters“ 
in Berlin, der Vertreter der Kölner Verlagsbuchhandlung 
Ahn, hat schon manches Libretto geschrieben, das mit 
Erfolg von Lincke musikalisch verwertet worden ist. — 
Der Beginn der Saison macht sich in einer Grossstadt 
besonders in dem Theater bemerkbar, in Bezug auf das 
Reich F'erdinand Bonns in der Charlottenstrasse, lässt 
sich das allerdings nicht sagen. Ein Theatersprichwort 
heisst: „Beim Theater kommt Alles anders; beim Bonn’- 
schen Theater ist das ganz besonders verwendbar. In der 
vorigen Saison hätte Bonn vor leerem Haus einen Winter 
schlafhalten können, als die Saison zu Ende gegangen war und 
die anderen Theater schlossen, führte Bonn das nach 
einem englischen Detektivroman Conan Doyles be 
arbeitete Stück „Sherlock Holmes“ auf, und er machte 
sich tagtäglich bei dem schönsten blauen Himmel ein aus 
verkauftes Haus. Ueber einen literarischen Wert kann 
man bei dem romantischen Stück, das sich auch der 
Kaiser angesehn, natürlich nicht sprechen, aber den 
geschickten Bau der Arbeit muss man bewundern und die 
Darstellung des die Hauptrolle spielenden Herrn Bonn, 
dessen Verwandlungskunst den gefährlichsten Scenen Er 
folge verschafft. — Das Thaliatheater setzte erst mit der 
Saison ein, aber auch dessen Stück ward ein grosser Erfolg 
bereitet. „Wenn die Bombe platzt“ ist ein mit vielem 
Humor gewürzter Schwank in drei Akten, ein — wenn 
auch kein dichterisches, aber theatralisch sehr wirksames 
Bühnenkind, als dessen Väter Jean Kren, Artur Lipp- 
schitz, Alfred Schönfeld, Paul Lincke, von dem wir 
vorhin zu sprechen schon die Gelegenheit hatten, ins 
Geburtsregister eingetragen figurieren. — Die Schlussseite 
lässt uns einen Blick in die Spezialabteilung der Fauna 
werfen, bei der es gewiss noch lebhafter und geschwätziger 
zugeht, als bei den diversen Kaffeklatschs zusammenge 
nommen, die das schönere Geschlecht zur Saison in Berlin 
Nachmittags zu halten pflegt. Ich spreche aber nicht vom 
römischen Kapitol, sondern vom Gänsemarkt auf dem 
Magerviehhof in Friedrichsfelde bei Berlin. Es ist ein 
amüsantes Bild, wie dieses schnatternde, bewegliche zu 
künftige Gänseklein verladen, sortiert, gereinigt und ge 
zählt wird Ein englisches Institut junger Backfische glaubt 
man auf einer Exkuision zu sehen. 
Berns tein-Sawersk%
        
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