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Full text: Berliner Leben Issue 9.1906

abgefunden tm ihr das Kind jelassen — natierlich, 
so’n feiner Herr will ja blos det Vergniegen haben un 
nachher keine Scheererei — un damit wär die Sache 
fertig. 
Fritz Bernstorff muss sich Mühe geben bei den 
Ausfällen der Alten seine Ruhe zu bewahren. Erst 
seine Andeutung, dass er eventuell gewillt wäre noch 
etwas für das Kind zu tun, stimmt sie milder. Sie 
sagt ihm die Adresse der Frau, zu welcher der Junge 
in Pflege gekommen. 
Eine obskure Strasse im hohen Norden I Das ist 
ja aber schliesslich natürlich. Dass sie den Jungen 
nach dem Westen in Pension geben würden, konnte 
er ja nicht erwarten. 
Mit einem unangenehmen Gefühl, das ungefähr die 
Mitte zwischen Erwartung und Furcht hält, klimmt er 
die vier Treppen des „Seitenflügels“ in die Höhe. Das 
Haus ist nicht schmutziger und nicht sauberer wie 
andere Proletarierhäuser — aber dass hier der arme 
Junge 
Er klingelt. Eine dicke, nicht unangenehm aus 
sehende Frau mit aufgekrempelten Aermeln und nasser 
Schürze öffnet ihm. Aus der Wohnung kommt ein 
starker Wasserdampf untermischt mit Seifengeruch. 
„Ich wasche jrade, aber kommen Se man rin, wenn 
Se den Jungen sehen wollen. Ick brauch mir nicht zu 
fürchten vor ne unverhoffte Kontrollje, bet mir is alles 
orndlich un propper. Sie sind woll der Vater zu det 
Kind?“ meint sie, ihn argwöhnisch von der Seite be 
sehend. 
Er überhört die Frage und tritt auf Weisung der 
Frau in die Küche, aus der ihm ein fast erstickender 
Qualm entgegenkommt. ln der Mitte steht die 
dampfende Waschbütte, ein Eimer nasser Wäsche da 
neben, auf der Diele hat sich schmutziges Seifenwasser 
angesammelt, ein Haufen bunter, noch ungewaschener 
Wäsche liegt darin und dicht daneben hocken drei 
Kinder an der Erde und vergnügen sich mit ein paar 
Murmeln. 
Ungläubig — entsetzt haftet sein Auge auf den 
Kindern, den beiden kleinen Mädchen und dem Jungen. 
Ist das noch derselbe rosige, kräftige, kleine Bengel — 
dieses elende, schmutzige, kleine Geschöpf mit der 
graubleichen Gesichtsfarbe, den mageren, krummen 
Beinchen, dem struppigen, ungepflegten Haar? Nur 
die grossen, dunklen Augen — seine Augen — die 
neugierig den fremden Mann anstarren, erinnern an 
das Kind von einst. 
Ein eigentümlich würgendes Gefühl steigt in seiner 
Kehle hoch. 
„Herrgott, das Kind sieht ja schrecklich aus, so 
elend und verwahrlost!“ stösst er mühsam hervor. 
„Nanu? Ick halte den Jungen jenau so wie meine 
Kinder. Wie’n Prinz kann so’n armes, verlassenes 
Wurm, das keenen Vater hat, natierlich nich aussehen“. 
Ja wie ihre Kinder hält Frau Berger den Jungen 
entschieden. Das sieht man. Die beiden Mädchen 
sehen um nichts besser aus. 
„Ich meine, es wird doch Kostgeld bezahlt, bekommt 
er denn ordentlich zu essen?“ 
„Kostgeld? Dat ich nich lache! Vor das Bisken 
kann er keene jebratenen Tauben un Spargel un sowat 
kriegen. Er bekommt, was meine och kriegen, er 
wird woll davon nicht sterben, wenn er detselbe isst 
wie wir. Der Junge ist och janz jesund, den fehlt 
nischt. Besser wär’s ja, so’n armes Wurm stürbe, je 
eher, je besser, det is doch kenen Menschen zur Freude 
da un muss sich später och man blos über die Schulter 
ansehn lassen. 
Un wenn die Marie nu heiratet un den Jungen zu 
sich nimmt, da wird er woll erst recht nich’ uff Rosen 
gebettet sind — wie so’n Stiefvater zu so’n armes zu- 
gebrachtet Kind is, det weess man“. — 
„Will Mia — — will die Mutter das Kind dann 
von Ihnen fortnehmen?“ 
„Nu natierlich, woher soll se denn nachher det 
Kostgeld bezahlen? For det Bisken, wat se von ihren 
nobeln Liebhaber — sie blickt ihn höhnisch an, vor 
det Kind gekriegt hat, wird se sich nu woll ne Aus 
steuer kaufen, sparen kann sich doch so’n armes 
Mädchen nichts, wenn se so’n Klotz an’s Bein hat un 
ganz blank und bloss nimmt se doch och keener, zu 
mal mit det Anhängsel“. 
Er hat genug gehört. Er giebt den Kindern die 
Düte, die er vorhin gekauft hat und über die sie gierig 
herfallen, drückt der Frau ein Goldstück in die Fland 
und will fort. Er ist nicht imstande mit dem Kinde 
zu sprechen oder zu scherzen vor den Augen der Frau. 
Ais er zu Hause ankommt tönt ihm lustiges Lachen 
und Tosen aus dem Kinderzimmer entgegen, aber ganz 
gegen seine Gewohnheit geht er nicht hinein — er 
kann das frische, gepflegte Mädelchen jetzt nicht sehn. 
Er geht in sein Zimmer. Dort sitzt er lange, lange 
im Dunkeln, den Kopf in den Händen vergraben 
Er überhört das leise Klopfen an seiner Tür und zuckt 
heftig zusammen, als ihn zwei zarte Arme zärtlich um 
fangen. 
„Aber Schatz, so ganz im Dunkelte? Fehlt Dir 
etwas?“ fragte die sanfte Stimme seiner Frau. 
Er drückt sie fest an sich. 
„Ich habe in dieser Stunde Jugendsünden abgebiisst 
Ingeborg“, sagt er weich, noch ganz im Banne der 
Erschütterung der letzten Stunden. 
Sie lässt nicht nach mit Fragen und Bitten — „Und 
haben wir uns nicht geschworen uns alles zu sagen 
Fritz? Glaubst Du, ich bin so klein, dass ich nicht 
verstehen, nicht vergeben kann?“ sagt sie flehend. 
Da erzählt er ihr Alles. 
Den Kopf an seiner Schulter geborgen, sitzt sie 
lange schweigend, während Träne auf Träne von ihren 
Wimpern tropft. Endlich richtet sie sich entschlossen 
in die Höhe. 
„Wir wollen den Jungen zu uns nehmen, Fritz“, 
sagt sie fest. 
Die Idee seiner Frau erscheint ihm im ersten 
Augenblick so ungeheuerlich, dass er kein Wort der 
Erwiderung findet. 
„Hilde wird kein Brüderchen mehr bekommen und 
dieser Junge — es ist doch Dein Kind, Fritz — und 
sieh’, wenn Du schon einmal verheiratet gewesen 
wärest, ich würde doch Deine Kinder mit der gleichen 
Liebe an mein Herz nehmen. Warum soll dies arme, 
unschuldige Kind büssen, dass es in keiner recht 
mässigen Ehe geboren“, fährt sie schnell fort. 
Er schliesst seine Frau fest in seine Arme und 
schämt sich der Träne nicht, die auf ihr Haar fällt. 
„Aber was werden die Leute sagen, Ingeborg?“ 
„O, Fritz, das soll uns doch nicht beeinflussen! 
Lass’ sie doch reden, was sie wollen, sie werden 
bald genug still werden und denke nur. wie glücklich 
Hildchen über den Bruder sein wird. Fritz, ich freue 
mich auch auf den Jungen!“ 
Es ist wenige Wochen später und der kleine Hans 
ist in sein neues Heim übergesiedelt. Nur zu gern 
hat seine Mutter alle Rechte an ihn auf seinen Vater 
übertragen. Ist doch mit ihm jedes Hindernis für ihre 
weitere, wie sie hoffte, sorgenlose Zukunft beseitigt. 
Gewaschen und gekämmt, im hübschen, sauberen 
Kittelchen, wohl zum ersten Mal in seine^p Leben 
ordentlich satt gegessen, sieht der Junge schon ganz 
anders aus. Zwar die bleiche Gesichtsfarbe, die 
krummen Beinchen können nicht gleich beseitigt werden, 
da muss erst sorgfältige Pflege und gute Luft das 
ihre thun. 
Still und schüchtern steht der Junge neben dem 
Stiihlchen der Kleinen. Er ist noch zu benommen von 
all dem Neuen. Kaum wagt er sich zu rühren. 
Hildchen sieht den neuen Bruder ernst und misstrauisch 
an und im Hintergründe des Zimmers sitzen die Eltern 
Hand in Hand und schauen besorgt auf die Kinder 
gruppe. Werden sie sich an einander gewöhnen? 
Da — ein lustiges, lautes Aufjauchzen. Mit beiden 
Händchen ist Hilde dem Bruder in die Haare gefahren 
und zieht seinen Kopf zu sich heran und auf dem 
Gesicht des Jungen zeigt sich ein halb schüchternes, 
halb glückliches Lächeln. — 
„Es wird schon werden“, sagt Ingeborg leise und 
drückt die Hand ihres Mannes. 
Der schüchterne Einjährige. 
Eine Manövergeschichte von Paul Georg Thaler. 
INachdruck verboten! 
Unser Hauptmann der ist gut 
schumheidi heida 
Wenn man seinen Willen tut 
schumheidi heida. 
Hat man aber was verbrochen, 
Wird man gleich ins Loch gestochen, 
schumheidi heidallala 
schumheidi heida. 
Mit fröhlichem Gesang und gutem Humor rückte 
die Kompagnie nach einem sehr beschwerlichen 
Manövergefecht in kühler Abendstunde in ihren 
Quatierungsort Walddorf ein, der Hauptmann hoch 
zu Ross an der Spitze. Jetzt war sie auf dem freien 
Dorfplatz angekommen, der Hauptmann ritt ein wenig 
zur Seite. 
„Bataillon halt! — Gewehr ab! — Rührt euch! 
Ihr habt euch heute wieder brav gehalten, Jungens, 
Jetzt geht in eure Quartiere, reinigt euch und eure 
Sachen und stärkt euch so gut ihr könnt, ln einer 
Stunde — also um l /j9 — ist hier auf dem Platz 
Parole-Appell, dann habt ihr Urlaub bis 2 Uhr früh. 
Ich bitte mir aber aus, dass morgen keiner schlapp 
macht. — Stillgestanden! — Tretet weg!“ 
Die Quartierzettel waren schon eine halbe Stunde 
vor dem Dorfe verteilt worden, jetzt war jeder eifrig 
bemüht seine Hausnummer zu suchen. In der kurzen 
Stunde bis zur Parole gab es ausser dem Abendessen 
noch sehr viel zu tun, und nachher wollte jeder frei 
sein. 
„He, Krüger, auf einen Augenblick! Unser Quartier 
meister, Sergerant Hembsch, sagte mir, er habe Sie 
diesmal mit Knorr zusammen einquartiert, und in dem 
Hause sei ausser einer erwachsenen Tochter ein hüb 
sches, fesches Dienstmädchen. Nun halten Sie, was 
Sie neulich versprochen haben.“ 
„Wird gemacht, Herr von Stapel, ich freue mich ja 
selber riesig auf den Ulk. Aber wenn er mich etwa 
abfassen sollte und mich infolgedessen als Putzer ab- 
lösen Hesse, dann “
        
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