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Full text: Berliner Leben Issue 9.1906

Das Kind. 
Novelette von Ilse-Dorc Tauner. 
Nachdruck verboten l 
Im hohen Norden von Berlin, in der schmutzigen, 
engen Proletarierstrasse mit den hohen Hinterhäusern 
und den unglaublich vielen, elenden verwahrlosten 
Kindern war es eine Seltenheit, wenn gut gekleidete 
„feine Leute“ einmal den Weg hierher fanden. 
Das elegante, hübsche junge Paar, das Arm in 
Arm schnell der hässlichsn Umgebung zu entgehen 
trachtete, erregte daher berechtigtes Aufsehen. Aus 
den Fenstern schauten verarbeitete, vor der Zeit alt 
gewordene Frauengesichter den schnell Dahinschrei 
tenden nach, hörten den ungewohnten Ton, das Frou 
— Frou der seidenen Röcke und atmeten das feine 
Veilchenparfüm ein, das die Beiden umgab. Die Kinder 
auf der Strasse hielten im Spiel ein und schauten ihnen 
nach und aus den finstern Kellerlucken krabbelte und 
kroch noch schnell hier und da ein elendiges Ge- 
schöpfchen hervor, um auch noch den ungewohnten 
Anblick zu haben. 
„Pfui Deibel! — entschuldige das harte Wort, 
Ingeborg — aber das ist ja ein pestilenzialischer Ge 
stank, einfach nicht zum Aushalten. Grässlich, dass 
wir hier durchgehen müssen — hätte ich eine Ahnung 
gehabt, wie’s hier ist, hätte ich mich schönstens 
bedankt.“ 
„Aber Fritz, denk’ doch an die armen Menschen, 
die hier immer wohnen müssen — wie furchtbar das 
sein muss! Man ist noch immer nicht dankbar genug, 
dass es einem so gut geht — und da willst Du böser 
schlechter Mann noch nicht einmal hier durchgehen, 
um dem armen, von Dir überfahrenen Burschen selbst 
ein Schmerzensgeld zu bringen.“ Die junge Frau 
drückte halb zärtlich, halb vorwurfsvoll den Arm des 
Mannes. 
„War auch nicht nötig, Ingeborg,“ brummte der. 
„Du weisst, ich bin, weiss Grtt, nicht hartherzig, aber 
diese modernen Beglückungsideen von Euch jungen 
Weiberchen sind wirklich höchst unbequem für unser- 
einen! Einfach das Geld per Post geschickt und damit 
basta. Im Uebrigen habe ich den Bengel garnicht 
überfahren sondern nur angerempelt und er war selbst 
schuld daran und wird jetzt wahrscheinlich das An 
rempelnlassen als einträglichen Nebenerwerb ergreifen.“ 
Ein Zug von Traurigkeit breitete sich über das 
hübsche Gesicht der jungen Frau. 
„Wie hässlich Du manchmal redest, Fritz — wenn 
ich nicht wüsste, wie gut Du bist Ach sieh’ 
nur, das arme, arme Kind!“ entsetzt bleibt sie stehen 
und ihre Augen füllen sich mit Tränen — an der Erde 
vor einer Kellertüre hockt ein blasses, elendes kleines 
Mädchen, starrend vor Schmutz, die dünnen Beinchen 
ganz verkrümmt, die Augen rot entzündet. Mit einem 
jammervoll hilflosen, klagenden Blick sieht es zu den 
Beiden empor. „Ach, Fritz, wie furchtbar, wie schreck 
lich, so verwahrlost, so elend das arme, arme Ge- 
schöpfchen — wenn ich dagegen an unser süsses, 
dickes, gepflegtes Mädelchen zu Hause denke — und 
dies ist doch auch ein Kindchen, das Anrecht auf ein 
Bischen Glück und Sonne hat. Ich will hineingehen 
und — heftig hält der Mann sie zurück. „Bist 
Du toll, Ingeborg? Willst Du vielleicht hier einen 
Menschenauflauf veranlassen? Er drückt dem schmut 
zigen vergrämten Weibe, das neugierig die Kellerstufen 
in die Höhe gekommen ist, ein Geldstück in die Hand 
und zieht seine Frau heftig weiter. 
„Ingeborg, um Himmels Willen, ich bitte Dich, sei 
doch nur nicht so schrecklich impulsiv und unklug, Du 
Die Seldoms 
Plastische Darstellungen antiker und moderner Meister. 
(Apollo-Theater, Berlin). 
bringst uns hier in Teufels Küche damit, Du glaubst 
garnicht, wie grässlich gemein diese Leute sind.“ 
„Aber Fritz, das arme Würmchen und unser 
„Du machst mich wirklich böse, Ingeborg, wie kannst 
Du das blos vergleichen? Wenn solche verkommenen, 
schmutzigen, kranken Menschen heiraten, dann können 
sie sich auch nicht wundern, wenn sie solche Kinder 
haben.“ 
„Ach Fritz, das ist doch nicht immer Schuld, das 
Meiste tut doch die schreckliche Armut der Leute und 
dann denk mal an die vielen unehelichen Kinder, die 
gewiss oft sehr reiche Väter haben und dann werden 
sie zu solch’ einem armen Weibe in „Pflege“ gegeben 
und die will natürlich noch an dem armen Wurm was 
verdienen. Ich weiss es, ich habe in der Kinderkrippe, 
wo ich doch vor meiner Verheiratung eine Zeit lang 
geholfen habe, so manches gehört.“ 
Auf dem Gesicht des jungen Mannes zeigt sich 
lebhaftes Unbehagen, Verlegenheit und Missbilligung. 
„Das ist auch ein so moderner Unsinn, dass die jungen 
Mädchen jetzt alles Mögliche zu hören bekommen, 
was nicht für ihre Ohren taugt. Die unehelichen Kinder 
kommen zu ordentlichen Bürgerleuten in Pflege und 
ausserdem gibt es ja extra Leute, die diese Pflegeeltern 
kontrollieren. Du brauchst Dich wirklich nicht über 
solche Dinge aufzuregen, Ingeborg. Du wirst die Welt 
nicht besser machen!“ 
Die junge Frau seufzt: „Es ist sehr bequem, wenn 
man sich garnicht erst mit solchen Gedanken abgibt, 
Fritz, aber ich — ich kann das nicht, daran wirst Du 
Dich gewöhnen müssen,“ sagt sie fest. Ich bin modern 
in dieser Beziehung. — Gott sei Dank — meine Eltern 
haben mich daran gewöhnt mit offenen Augen durch’s 
Leben zu gehen und gerade was Kinder anbetrifft, in 
teressiert mich alles — ich habe ja Kinder so furcht 
bar lieb.“ 
Der Zug des Missbehagens auf seinem Gesicht 
verschärft sich noch, trotzdem drückt er ihren Arm 
zärtlich an sich. „Du bist ein gutherziges kleines 
Frauchen, Ingeborg, dass weiss ich, ich bin gewiss der 
letzte, der Dich in Deinen menschenfreundlichen Be 
strebungen hindern will, aber — jedes zu seiner Zeit'“ 
Sie presst die Lippen zusammen und schweigt. Sie 
hätte gern noch vieles gesagt, aber sie weiss, dass es 
jetzt keinen Zweck hat. — 
Er kann den Gedanken an das Gespräch, das er 
mit seiner jnngen Frau geführt, nicht los werden Wie 
hat Ingeborg doch gesagt? „Sie haben oft reiche Väter 
und kommen dann zu so einem Weib in Pflege, das 
noch an dem Wurm verdienen will.“ Es ist ja Unsinn 
— purer Blödsinn, dass er dabei an „den“ Jungen 
denken muss, an das Kind, das die hübsche, blonde 
Marie von ihm hat — ausgeschlossen, dass es dem 
Kind schlecht geht, er hat ja sein Möglichstes getan 
— und doch — immer und immer wieder peinigt ihn 
die Idee: es wäre doch eigentlich scheusslich, wenn 
das Kind so verkommen würde — es ist doch schliess 
lich sein Kind, sein Fleisch und Blut und war, weiss 
Gott, ein Staatsbengel. Rosig, frisch und dick mit 
blonden Löckchen und grossen dunklen Augen. Fast 
mit Stolz muss er an ihn denken. Gross war die Ab 
findungssumme nicht, die er der blonden Marie ge 
geben — er hatte ja damals noch keine reiche Frau, 
— aber für solch Wurm — — freilich, wenn er 
so denkt, was die Pflege und Wartung der süssen, 
kleinen Hilde kostet! 
Zu komisch, wie er sich geändert hat, seit er ver 
heiratet ist — ordentlich sentimental, wie ein Backfisch 
kommt er sich manchmal vor. — Und was gar so ein 
Paar kleine Kinderhändchen, so ein liebes, kleines, 
dummes Dingelchen vermag — fast Interesse hat er 
jetzt manchmal für andere Kinder, seit er Vater ist! 
— Das heisst — hm — Vater ist er ja eigentlich 
schon lange. 
Drei Jahre muss der Junge jetzt sein, gerade zwei 
Jahre älter wie Hildchen ist er. 
Schade, dass Ingeborg kein Kind mehr haben 
wird, — Hildchen wird kein Brüderchen bekommen. 
Ja, ja, das Schicksal spielt manchmal merkwürdige 
Streiche. 
Was hindert ihn übrigens mal zu Mariens Tante 
zu gehn und sich nach dem Verbleib und Ergehen 
des Jungen zu erkundigen, schliesslich hat er doch 
das Recht dazu und eigentlich — ja eigentlich sogar 
die Pflicht. 
Kurz entschlossen greift er nach dem Paletot und 
Hut und macht sich auf den Weg nach dem Norden; 
es passt gerade gut, dass Ingeborg den ganzen Nach 
mittag bei Verwandten bleibt. 
Bei Frau Mudrick, Mariens Tante, wird er nicht 
gerade freundlich empfangen. — — Was er denn 
eigentlich wolle, er wäre doch verheiratet und ihre 
Nichte hätte eine sehr feine Stellung nnd würde auch 
bald heiraten — was Jediegenes — nich einer von die, 
die ’n junges Mädel in’s Unglück bringen und se denn 
sitzen lassen — en wohlhabender Bäckermeister — 
blos an det Kind stösst sich der natürlich. Er 
wolle sich nach dem Kind erkundigen? Jetzt mit 
enmal? Das Kind wäre gut aufgehoben un kon- 
trolljieren brauchte er nicht — er hätte ihre Nichte
        
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