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Full text: Berliner Leben Issue 9.1906

Unsere Bilder. 
Die Fahne des Königl. Museums für Völkerkunde weht 
auf Halbmast. Nach längerem Leiden ist der Direktor der 
vorgeschichtlichen Abteilung Geh. Regierungsrat Dr. med. 
Albert Voss gestorben. Er wurde bei Camin in Pom 
mern 1837 geboren, hat also ein Alter von (39 Jahren er 
reicht. Ursprünglich Mediziner, wandte er sich später aus 
innerster Neigung ganz der Anthropologie und prähistorischen 
Altertumskunde zu. Im Jahre 1886 trät er als Direktorial 
assistent bei dem Museum für Völkerkunde ein, wo er zwei 
Jahre später bereits zum elatsmässigen Direktor der prä 
historischen Abteilung aufrückte. Mit Bastian zusammen be 
schrieb er in einem Werke die Bronzeschwerter im hiesigen 
Museum. — Der ständige Wechsel im Reiche der Wissen 
schaft und im Kunstlebeu der Metropole ist nicht immer mit 
Negation und Kummer verbunden; sehr oft schafft der 
Wechsel Positionen, die nach allen Seiten hin Genugthuung 
und Freude wecken und auslösen. Das gilt besonders von 
der Wahl des Dr. Ernst Kunwald zum Dirigenten 
des „Philharmonischen Orchesters“. Das Philharmonische 
Orchester verdankt seinen Weltruf eines allerersten Kunst 
ensembles nicht zum Wenigsten seinen hervorragenden 
Dirigenten; Dr Kunwalds Meisterschaft in der Beherrschung 
des klassischen Stils, sein künstlerisches Zartgefühl in der 
Behandlung difticiler Piecen dürften zum förderen Gedeihen 
dieses hervorragenden Kunstinstituts, zu dessen feinerem 
Ruf und Ruhm die notwendige Garantie bieten. —* Auch 
die Ernennung Ludwig Hertzers zum artistischen Leiter 
des „Königl. Schauspielhauses“ in Cassel wird allseitig 
mit Genugthuung begrüsst werden. Ludwig Plertzer, der 
10 Jahre zu den besten Kräften unseres Schauspielhauses in 
jugendlich komischen Rollen gehörte, begiebt sich am 1. Sep 
tember nach Cassel. Das dortige Theater, dessen eigent 
licher Leiter bisher ein Subalternbeamter, Hofrat Zulauf, 
war — der nominelle ist Intendant Baron von Gilsa ge 
wesen — bedarf dringend einer gründlichen Reorganisation 
und Hertzer, der schon hier auch als Regisseur wirkte, 
dürfte in seiner ruhigen, aber doch energischen Art der ge 
eignete Mann sein. Seine Gattin, Marie Plei tzer-Deppe, 
war bis zu ihrer Verheiratung am Königlichen Opernhaus. 
Jetzt gastiert sie nur und gehört auch zu den bekanntesten 
und geschätztesten Konzertsängerinnen. — Die Musik ist ein 
versöhnendes Element. Sie ist nicht nur international und 
darum friedlicher Natur, sie vermag auch innerhalb einer 
Nation Verstimmungen zu beseitigen und Leidenschaften 
zu besänftigen. Als Mittel zum Zweck kann daher unsere 
Militärmusik nicht hoch genug geschätzt werden und ebenso 
unsere Musikdirigenten, die diese Musik pflegen. Ein Kapell 
meister vermag oft mehr als ein General, wenn er mit 
einem alle Lebensgeister weckenden Kriegsmarsch die 
Truppen zum Kampfe anregt und ins Feld führt, aber er 
kann auch mit einem Staatsmann verglichen werden, der 
mit seiner Persönlichkeit und seiner Mission Gegensätze 
überbriiekt. Zur Popularität unseres Militärs trägt jedenfalls 
am meisten der Kapellmeister bei, wenn er mit militärischer 
Sicherheit und musikalischemTalent seinenTaktstock schwingt 
und sei es auf der Strasse oder in Gärten oder in den Innen 
räumlichkeiten grösserer Bicretablissements das Publikum 
fesselnd, musikalische Unterhaltung bietet. So sind die 
Kapellmeister der Berliner Garde-Regimenter, die 
wir hier sämtlich im Bilde folgen lassen, geschätzte Bekannte 
und beliebte Freunde des Berliner Publikums — vielleicht noch 
mehr des Publikums, als der militärischen Welt, der sie 
angehören. — „Die Abtei“, und das Zenner’sche 
Restaurant in Treptow zählen zu den beliebtesten Ziel 
punkten Berliner Ausflügler. Das ist nicht verwunderlich 
für den, der dort die Wunder der Natur empfunden und 
kennen gelernt hat. Die Abtei liegt auf einer in grünen 
Schmuck prangenden Insel der Oberspree, das Zenner'sche 
Lokal wird direkt von der Oberspree begrenzt und bespült. 
Aber von beiden Stätten des ITerrn Gambrinus geniesst 
man zu allen Tageszeiten einen wunderbaren Blick nach 
den bewegten Fluten, des breitbettigen Stromes. Grosse 
Dampfer, die Berliner, nach Freiluft und Freilicht sich 
sehnenden Bürger nach Grünau oder zu den Müggel- 
bergen tragend, wechseln mit den schmalen Schnellbooten 
ab, auf denen Wassersportler ihre Regattas auskämpfen 
oder sich zu Ruderkämpfen trainieren, Schwäne, die wie 
verzauberte Prinzessinnen sich stolz von den Wassern dahin 
tragen, oder, wie wir auf unserem Bilde sehen, friedlich und 
zugänglich aus Kinderhand Futter reichen lassen, machen 
mit den stolz- und weissbellaggten Seegelbooten ein harmo 
nisches Bild aus, die in stimmungsvoller Ruhe des Stromes 
Fläche durchschneiden. Zur Vervollkommnung des bunt 
farbigen Getriebes und zur Ergänzung wassersportlicher Ge 
nüsse tragen noch die Tretboote, die Velocipede des Wassers, 
bei, die kleinen Ruderboote, auf denen der Galan seine Spree 
nixe hinausfährt mit der Beteuerung, er wünsche unbedingt 
einen Bootsunfall, um seine „zeitlich“ Angebetete zu retten — 
und schliesslich noch die kleinen Wasserkähne, die den 
Berliner hinausfahren um echte Spreekarpfen Muttern 
mit nach Hause zu bringen. — Auf Seite 9 bringen 
wir eine Reihe Genrebilder „Berliner Jungens“. Man 
sieht es ihnen an, Vater ist nicht mit ausserordentlichen 
Glücksgütern gesegnet und da er im Frühjahr auch 
nicht das grosse Los gezogen hat, war et wieder 
mal nischt mit die Badereise nach „Swinemünde“ 
oder „Sylt“. Aber unsere Berliner Jungen, bekanntlich die 
schlauesten der Welt, wissen sich schon zu helfen, um die 
Wohltaten des Wassers und die Badeannehmlichkeiten zu 
geniessen. Fährt der Sprengwagen, das Heidelberger Fass 
mit Spreewasser gefüllt, durch die Strassen und lässt hinten 
das kühlende Nass in zahlreichen dünnen Strahlen auf den 
trockenen Boden nieder, so haben auch die Jungens schon 
sich ihrer Schuhe und Strümpfe, im Falle sie zur Sommers 
zeit welche tragen, entledigt und lustig geht es hinter dem 
Sprengwagen her, mit den Füssen eine kalte Douche nehmend. 
Ein reizendes Bildchen gewähren auch die beiden Jungens, 
die in dem kleinen Trog vor einer Berliner Pumpe, aus 
dem sonst die durstigen Pferde Wasser zu schlürfen pflegen, 
ein Fussbad nehmen. — Wir wenden uns jetzt einer Reihe 
von Bildern zu, die uns „Berliner“ draussen in der Provinz, 
in ausländischen Bädern oder an der See zeigen. Berlin 
in Marienbad! Marienbad ist ein herrlicher österreichischer 
Kurort, der im Stande ist, die winterliche Behäbigkeit eines 
mit Sekt und Austern gut ausgefütterten Berliners ohne 
allzu anstrengende Kuren zu beseitigen. Wenn wir nun hier 
bloss meist Gruppenbilder von Künstlern, Künstlerinnen und 
solchen der Kunst sehr nahe stehenden Persönlichkeiten 
bringen, so soll damit nicht gesagt sein, dass diese die 
eifrigsten Sektschlemmer und im Einhalten der Kur die 
besorgtesten Badegäste sind und als solche charakterisiert 
werden müssen, o nein — ob sie kurgemäss leben, mit 
Erfolg belohnt, sind wir diskret genug, nicht auszuforschen — 
aber wir heben sie aus der Masse hervor, weil sie dem 
Bade bis zu einem gewissen Grade das gesellschaftliche 
Relief geben. Von Berlinern sehen wir den Kammersänger 
Nicolaus Rothmtihl, der sich auf dem ersten Bilde mit 
seiner Frau befindet und vier Windspiele bei sich hat, die 
nach ihrem Aussehen auf dem dritten Bilde, die Kur schon 
mit Erfolg gebraucht haben. Ferner Frau Justizrat 
Michaelis, den bekannten und allgemein beliebten Verleger 
dramatischer Werke Theodor Entsch und seine liebens 
würdige Gattin, sowie den Theateragenten Emil Ledner 
mit Gemahlin. Auf dem zweiten Bilde präsentiert sich 
uns auch Direktor Wachsner, der die deutschen 
Theater in Milwaukee und Chicago leitet und jedes Jahr 
mit den Schwalben, wenn sie heimwärts ziehen, zur 
Erholung nach Deutschland oder Oesterreich herüber 
kommt. — Der die beiden folgenden Seiten schmückende 
Bildercyklus des „Berliner Leben“ zeigt uns auch eine 
Reihe Berliner erster Künstler „extra muros Berolinae“, 
aber nicht zur Erholung, zu fröhlichem kurgemässen 
Nichtstun, sondern zu erhöhter Anstrengung und künstle 
rischer Betätigung. Es sind diejenigen Berliner Künstler, 
welche im Zeichen Wagners nach Bayreuth gewallfahrt 
sind, um dort in der Darstellung und Wiedergabe der 
Meisterwerke des grossen Komponisten und Dichters Ehre, 
Reichtümer und Ruhm zu ernten. Unter den zahlreichen 
Persönlichkeiten fallen besonders ins Auge: Plofkapell- 
meister Dr. Muck, Rud. Berger, Paul Knüpfer mit 
Frau und Schwester, welch’ letztere einen grossen Namen 
als Konzertsängerin geniesst, Regisseur Braunschweig 
von der Königl. Oper, der sich mit seiner Familie ebenfalls 
in Wotans Bezirk eingefunden hat, Ernestine Schumann- 
Heink mit ihrem Gatten, dann die berühmte Ellen 
Gulbranson, die Kammersänger Ernst Kraus und 
Theodor Bertram. — Interessant ist auch das fünfte und 
sechste Bild dieser beiden Bayreuther Seiten. Das fünfte 
Bild führt uns „Berliner Jungens“ vom Domchor vor, 
die im Parsifal die hohen Stimmen zum ersten Mal singen, 
das sechste Bild zeigt uns den Berliner Hofopernchor, 
der in Bayreuth die Chorkunst Berlins zur Geltung bringt. — 
Wir wenden uns wieder Berlins Künstlern zu, die nicht im 
Dienste der Muse Berlin verlassen haben, sondern den 
Jüngern Aeskulaps folgend, den Kötper zu pflegen, in die 
Ferne gezogen sind. In Kärnten, an dem herrlichen 
Millstädter See befinden sich momentan im „Badekostüm“ 
das idyllischste Strandleben führend die beiden Sterne des 
Metropol - Theaters Joseph Josephi und Fritzi 
Massary — pardon, auch Frau Josephi ist dabei, 
Welch’ Frische und Übermut leuchtet aus den Augen der 
drei glücklich dem Berliner Leben entronnenen Menschen 
und wie übermütig sentimental sieht das arme Mädchen 
Frl. Massary aus, sich in der Rolle eines vielleicht von 
Liebesschmerzen gequälten „Dirndl“ — gefallend? — 
Auch Berlin in Westerland scheint es nicht schlecht zu 
gehen, freilich befindet sich dort auch einer unter den Strand 
gästen, der Leben und Humor in seine Umgebung zu bringen 
weiss. Das ist unser berühmter Cellist Professor 
Heinrich Grünfeld. Professor Griinfeld besitzt als 
Gesellschafter selten viel Ilumor, Verwandlungsfälligkeit und 
ein hervorragendes Erzählertalent. Er kann sehr ernst und 
würdig sein, siehe das erste Bild, auf dem er Excellenz 
von Szögyeny-Marie h, den österreichisch 
ungarischen Botschafter in Berlin nebst Gemahlin 
und Tochter und den Maler Franz Korwan, ein Bürger 
Sylt’s, in dessen Atelier die Künstler Berlins täglich 
ein- und ausgehen, unterhält — welchen Humor er aber auch 
zum Ausdruck bringen kann, dass zeigt uns das köstliche Bild: 
Professor Heinrich Griinfeld erzählt. Auch unter 
den Skatbrüdern, die zu fröhlichen Thun im Atelier des 
Malers Korwan sich zusammengefunden haben, Herrn Hof 
opernsänger Cronberger,SchauspielerRobert Nhi 1, Ham 
burg, Dr.Hirschfeld, Leipz ig u.a. scheint Griinfeld nicht 
die Rolle eines gesellschaftlichen Aschenbrödels zu spielen. — 
Die Rubrik „Berliner Ansichten“ füllt als Schlusstableau 
„An derJannowitz-Brücke“ aus. Dem I-Iafen an der 
Jannowitz-Brücke gibt die Dampferstalion als eine in ihrer 
Art in Berlin einzig dastehende ihr Relief. Wie viele 
Menschen sich aus Berlin ins Freie begeben, beweisen 
die menschengefüllten Decks der umliegenden Dampfer. 
Unser Bild aber, das diese Dampfer zeigt, retlektiert das 
Leben der Jannowitz-Brücke an den Wochentagen. 
Be niste in-Sawersky. 
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