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Full text: Berliner Leben Issue 9.1906

Ninette Rosen! Beide Sträusse waren gleich gross, 
mit gleicher Eleganz arrangiert und zwei gleichfarbige 
Atlasbänder hielten die Blumen umschlossen. 
Arme Ninon — und arme Ninette! Was sollte 
■daraus noch werden! 
Beide telegraphierten in ihrer Herzensunruhe sofort 
nach Brüssel und liessen sich noch einige bezaubernde 
Toiletten schicken. 
Es ist schrecklich zu erzählen — Ninon und Ninette 
begannen sich recht gründlich zu hassen! 
Beständig verfolgte Ninon der Gedanke: „Wirdes 
Ninette?“ Und Tag und Nacht peinigte es Ninette’s 
Köpfchen: „Ob er Ninon meint?“ 
Die Damen lebten sich in eine recht unangenehme 
Nervenaufregung hinein. Ganz Ostende interessierte 
sich für das elegante Kleeblatt, und laut und leise 
flüsterte man: „Ist es Ninon oder ist es Ninette?“ 
So vergingen wieder eine Reihe schöner Tage. 
Ninon und Ninette hatten soeben eine Reunion in Be 
gleitung des Grafen besucht. 
Der Graf hatte mit Ninon die Frangaise getanzt, 
mit Ninette den Lancier. 
O welch berauschendes Gefühl für Ninon und 
Ninette, nach den Klängen der Musik mit ihrem Grafen 
■dahinzuschweben! 
Es war spät geworden, aber der Graf suchte mit 
den beiden Damen noch die Digue de mer auf. Die 
Wellen rauschten, und hin und wieder erschien das 
Meerleuchten geheimnisvoll aufflammend. Ninon hing 
am rechten Arme des Grafen. Ninette stützte sich 
schmachtend auf seinen linken Arm. 
„Ach!“ seufzte Ninon und „Oh!“ stöhnte Ninette 
leise, auch der Graf schien elegisch gestimmt. Zwölf 
Glockenschläge tönten durch die Sommernacht, nun 
war es doch Zeit sich zu trennen. 
„Gute Nacht! Auf morgen!“ — 
„Nein das kann nicht so fortgehen!“ rief Ninon, 
bebend vor Erregung, als sie mit Ninette ihr gemein 
schaftliches Schlafzimmer betrat. 
„Ja wohl“, schrie Ninette wütend, „Du hast ganz 
recht! Eine von uns beiden muss weichen!“ 
„Soooo —“ sagte Ninon höhnisch, „nun dann reise 
Du nur ab, denn Du passt durchaus nicht zur Gräfin!“ 
„Wie kannst Du es wagen, mich so zu beleidigen, 
Du falsche Katze! rief die andere in vollster Wut. 
„Au! Du hast mich gekratzt, Du Hexe!“ schrie 
Ninon empört. 
„Au!“ Und Du hast mich gebissen! schluchzte 
Ninette. 
Dabei heulte ihr gemeinschaftlicher Seidenspitz vor 
Angst, dass es zum Erbarmen war, denn er konnte sich 
die kriegerische Stimmung seiner Herrinnen garnicht 
erklären, Ninon war jetzt damit beschäftigt, sich ein 
englisches Pflaster auf ihre Kratzwunde zu legen, 
während Ninette an der Waschtoilette stand und ihren 
gebissenen Finger kühlte. 
Beide schauten grimmig vor sich hin. Dann klingelte 
Ninette stürmisch. Die Kammerjungfer erschien. 
„Lass’ mein Bett sogleich in den Salon stellen!“ In 
der Zug, ich muss eilen! Der Weg zum Bahnhofe ist 
sehr lang! Und meinen verbindlichsten Dank für Ihre 
liebenswürdige Gesellschaft!“ 
Mit tadelloser Galanterie drückte er einen Kuss 
auf Ninon’s Händchen und dann auf Ninette’s. „Leben 
Sie wohl, meine Damen, ich werde stets an Ostende 
denken!“ — Eine elegante Verbeugung, ein Schwenken 
des Hutes — der Herr Graf war verschwunden, — 
verschwunden auf Nimmerwiedersehn. 
Und wie aus einem Munde klang es mit höchster 
Enttäuschung: „Ninon! Ninette“! 
„Was sagst Du dazu? Ist es nicht erbärmlich? 
Nein, so was!“ 
„Es ist empörend — himmelschreiend!“ 
Ninon stand auf: „Komm, wir wollen nach Hause 
gehen!“ sagte sie tonlos. 
„Wie Du willst!“ hauchte Ninette matt. 
Beide schritten Ninon’s Wohnung zu. Wie ab 
wesend setzten sie sich nieder, sprachlos über das Un 
erhörte! 
Dann sprang Ninon auf: „O dieser Bösewicht!“ 
„O dieser Barbar!“ schrie Ninette empört, „und wir 
hätten beide so schön zur Gräfin gepasst!“ schluchzte sie. 
Ninon breitete die Arme aus: „Ninette kannst Du 
mir verzeihen?“ 
„Ninon wir wollen uns vertragen!“ 
Die Freundinnen lagen sich in den Armen. 
„Pah, er hat es garnicht verdient, dass wir uns um 
ihn grämen!“ sagte Ninon, ihr Köpfchen stolz in den 
Nacken werfend. 
„O dieser Unmensch, dieses Scheusal, dieser elende 
Wicht, und seinetwegen haben wir uns gekratzt!“ 
setzte sie hinzu. 
„Und gebissen!“ rief Ninette. 
„Zeige doch ist Dein Finger schon geheilt?“ fragte 
Ninon liebevoll. 
„O danke, es geht besser! Aber komm ich lege 
Dir ein frisches Pflaster auf Deine Wange!“ sagte 
Ninette zärtlich die Freundin umarmend. 
Am nächsten Morgen sassen Ninon und Ninette 
schmerzerfüllt in der Eisenbahn und fuhren wieder 
ihrem geliebten Brüssel entgegen. 
Der Erlebnisse in Ostende wurde nie mehr Er 
wähnung getan! 
Ninon leitete ihr „Magasin de modes“ mit noch 
grösserem „chic“ wie vorher, und Ninette war glück 
lich, zwischen ihren Pralines und candierten Melonen 
in gewohnter Weise schalten und walten zu können. 
Ninon und Ninette liebten sich wieder auf das zärt 
lichste, und ihre Freundschaft wurde immer inniger, 
aber — einen Grafen haben sie sich niemals wieder 
gewünscht —! 
% % % 
Geh. Reg. Rat Dr. Albert Voss f 
Direktor der ifrähistorischen Abteilung- des Museums 
für Völkerkunde. 
dieser Nacht schloss Ninon kein Auge, und Ninette 
fieberte heftig. 
Am nächsten Morgen sah Ninon sehr blass aus, und 
Ninette hatte dunkle, blaue Ringe unter den Augen, 
ln aller Frühe Hess letztere ihre Koffer nach einem 
anderen Hotel bringen, und melancholisch schritt sie 
ihrer neuen Wohnung zu. 
Nachmittags erwartete der Graf wie gewöhnlich die 
beiden Damen im Curconcert, aber wie erstaunte er, 
als die unzertrennnlichen Freundinnen nicht zusammen 
kamen, sondern jede einzeln mit süssem Lächeln ihm 
entgegen eilte. 
„Ah, Madame Ninette, Sie kommen aus einem 
anderen Hotel, was hat das zu bedeuten? 
Ninette lächelte gezwungen: „Ich bin so sehr 
nervös, die Seeluft hat mich so fürchterlich angegriffen, 
es ist viel gesünder für mich, allein zu wohnen! 
„Jawohl, es ist gesünder!“ murmelte Ninon grimmig. 
„Gargon, 3 Portionen Vanilleneis!“ besteltte der 
Graf; dann wandte er sich mit tiefem Ernst und im 
Tone grössten Bedauerns an die Damen: 
„Uebrigens, meine Gnädigen, muss ich mich noch 
heute von Ihnen verabschieden, bin untröstlich, auf 
Ehre! Sehr nette Zeit in Ostende gewesen! 
„Aha, da kommt das Eis! Bitte Madame Ninon! 
Bitte Madame Ninette! Also was ich sagen wollte, 
meine Damen — Sie können mir gratulieren — ich 
reise nämlich noch heute Abend nach Berlin zu meiner 
Verlobuung! Bin nämlich von Kindheit auf mit meiner 
kleinen Cousine, Comtesse Adele, versprochen, meine 
Mama wünscht die Sache sehr und ich auch!“ 
Der Graf hatte bei seinen letzten Worten nach der 
Uhr gesehen: „Himmel, in einer halben Stunde geht
        
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