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Full text: Berliner Leben Issue 9.1906

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Ninon oder Ninette? 
Von Olga Görlitz. 
Nachdruck verboten. 
Ninon war eine reizende junge Witwe, sie hatte die 
graziöseste Figur von der Welt und ein Paar Augen 
schwarz wie die Nacht! 
Sie kleidete sich mit einem „chic“, der wahrhaft ent 
zückend war, und wenn ihr kleiner roter Mund lächelte, 
was er fast immer tat, sah sie geradezu bezaubernd 
aus! 
„Eine süsse Frau!“ sagten die Leute, wenn Ninon 
des Sonntags durch die schattigen Alleen des Parks in 
Brüssel mit höchster Eleganz an ihnen vorübertänzelte. 
Ninette war seit drei Jahren geschieden! 
Arme Ninette! 
Aber sie grämte sich nicht sehr deshalb. 
„Wir passten eben nicht zusammen, der gute George 
und ich!“ sagte sie achselzuckend. Ninette war nach 
ihrer Scheidung von Paris nach Brüssel gezogen. 
„Es lebt sich zu nett in Brüssel!“ dachte sie, wenn 
sie ihr blondes Lockenköpfchen aus dem Parterrefenster 
steckte und mit. ihren sanften, braunen Augen, welche 
einen so rührend kindlichen Ausdruck hatten, die Strasse 
hinunterschaute; böse Zungen behaupteten zwar, dass 
diese schönen Augen nicht immer so sanft blickten, 
doch was will die böse Welt nicht alles behaupten! — 
Aber was taten nun eigentlich Ninon und Ninette 
in Brüssel? 
Ninon war die Besitzerin eines grossen Konfektions 
geschäftes und sie leitete dasselbe mit einer solchen 
Geschicklichkeit und Accuratesse, dass ihr „Magasin de 
modes“, welches neben den „Grand Hotel“ lag, sich 
des lebhaftesten Besuches erfreute! Madame Ninon 
fuhr stets einige Male im Jahre nach Paris und London 
um sich über die neuesten Moden zu orientieren, je 
doch erfand ihr capriciöses Köpfchen selbst soviel 
Neues und Pikantes im Bereiche der Mode, dass ihre 
Pariser und Londoner Ausflüge kaum nötig waren. 
Und Ninette? Ninette betrieb mit seltener Grazie 
und Raffinerie ein Confitiirengeschäft, gerade dem 
„Grand Hotel“ gegenüber! 
Ihre Pralines waren weit und breit berühmt und 
wer in Brüssel gewesen und hatte sie nicht gekostet, 
der würde entschieden eben so viel versäumt haben, 
als wenn er das Rathaus von Brüssel nicht gesehen 
hätte! 
Aber es gewährte auch wirklich einen ganz reizenden 
Anblick, wenn man den Laden von Madame Ninette 
betrat! Diese unzähligen Körbe und Körbchen aus 
Gold- oder Silbergeflecht, diese entzückenden Kästchen 
mit rosa und blauer Seide ausgeschlagen, welche mit 
köstlichen Confitüren gefüllt, auf den langen Marmor 
tischen anmutig geordnet standen, mussten dem ver 
wöhntesten Geschmack behagen und dazu strömte dem 
Eintretenden ein Duft von feiner Chokolade, Orangen 
blüten und Rosenwasser entgegen, ein Duft, der etwas 
Berauschendes hatte! 
Vincenzina Faccioli 
Prima ballerina assoluta am Scala-Theater in Mailand 
(Apollo-Theater, Berlin). 
O, Ninette verstand es vortrefflich, mit ihren Kunden 
umzugehen und sie hatte sehr vornehme Kunden! Oft 
standen die Equipagen der Marquise V., der Comtesse 
R. oder der Herzogin von Y. vor dem Laden der 
Madame Ninette, sie suchten dann selbst mit den 
aristokratischen Händchen ihre Pralines und Bonbons 
aus und dabei Hess es sich so angenehm mit Ninette 
ein Viertelstündchen plaudern und sie plauderten alle 
so gern mit der reizenden Ladenbesitzerin! 
Die vornehmen Damen amüsierten sich köstlich bei 
Ninette und — kamen immer wieder, um ihre Confi 
türen dort zu kaufen. 
Aber auch vorNinon’s „Magasin de modes“ standen 
die Equipagen der elegantesten Damen häufig, welche 
dort eines jener entzückenden Kostüme zu kaufen 
kamen und — in welchem Verhältnisse standen eigent 
lich Ninon und Ninette zu einander? Ninon und 
Ninette waren Freundinnen, die innigsten Freundinnen, 
die man sich nur denken kann! Sie hatten sich gelegent 
lich einer Kirmes in einem der rot angestrichenen, mit 
Blumengewinden und goldenen Schmetterlingen be 
malten Wägelchen kennen gelernt, aus welchen, ab 
wechselnd mit bunten, hölzernen Pferden, eins jener 
mit grosser Geschwindigkeit kreisenden Karoussels be 
stand, welche zur Volksbelustigung auf keiner Kirmes 
in Brüssel fehlen dürfen. 
Als sie dem Karoussel, taumelnd von der rasenden 
Fahrt, entstiegen, da fühlten beide, dass ein süsses 
Freundschaftsband ihre Herzen umschlungen hatte! 
Von diesem Tage an waren Ninon und Ninette unzer 
trennlich. 
Der Sommer war gekommen mit all’ seiner Glut. 
In dem Boudoir Ninons sassen hinter den Jalousien 
die beiden Freundinnen in leichten Spitzenmorgenröcken 
auf hellblauer Chaiselongue und seufzten über die Hitze! 
„Weisst Du“, sagte Ninette und schlürfte durch ein 
Röhrchen eine erfrischende Eislimonade, „es ist nicht 
mehr auszuhalten! Wir wollen auf ein paar Wochen 
nach Ostende reisen und uns einmal gründlich erholen, 
was meinst Du dazu?“ 
„Herrlich, köstlich! Ein wundervoller Gedanke!“ 
rief Ninon lebhaft, die Freundin stürmisch umarmend, 
„es wird reizend werden! Vielleicht lernen wir dort 
einen Fürsten kennen! Und vielleicht“, Ninon lachte 
ausgelassen, „feiern wir dann nach unserer Rückkehr 
unsere Doppelhochzeit, ich heirate einen Fürsten, Du 
einen Grafen oder umgekehrt, das ist egal!“ 
„O ganz Brüssel würde uns beneiden!“ 
„Nun jedenfalls werden wir sehr vornehm in Ost 
ende auftreten!“ 
Am nächsten Tage sassen die beiden Freundinnen 
in einem Eisenbahncoupe erster Klasse und flogen 
seelenvergnügt Ostende entgegen; ihre gemeinschaft 
liche Kammerjungfer folgte in einem Coupe zweiter 
Klasse, umgeben von unzähligen Hutkartons, Schirmen, 
Taschen und Täschchen, während in einem der Gepäck 
wagen zwölf stattliche Reisekoffer Aufnahme gefunden 
hatten, deren Inhalt bestimmt war, ganz Ostende in 
Bewunderung und Aufregung zu versetzen. 
Auf der Terasse eines der elegantesten Hotels von 
Ostende sassen Ninon und Ninette und atmeten mit 
köstlichem Behagen die frische Seeluft ein. Vor ihnen 
auf der „Digue de mer“ lustwandelten plaudernd und 
lachend die Bagegäste von Ostende. 
„Ninon, es ist himmlisch hier!“ 
„Ninette, es ist berauschend!“ 
Die Freundinnen drückten sich die zierlich behand 
schuhten Händchen. 
„Aber ich denke, wir wollen jetzt frühstücken, unter 
uns gesagt, ich habe einen kolossalen Hunger!“ rief 
lustig Madame Ninon und ergriff die Speisekarte. 
„Fi donc!“ sagte Ninette verweisend, „wie kann 
man so etwas sagen, vornehme Leute haben niemals 
Hunger!“ 
Sie zog ihre kleine, mit Brillanten besetzte Uhr her 
vor und warf einen Blick darauf: „Ist es möglich? 
Schon ein Uhr! Um diese Zeit essen wir zu Hause 
Mittag!“ 
„Aber Ninette“, flüsterte jetzt Ninon tadelnd, „nicht 
so laut! Wie kann man nur so etwas Plebejisches 
sagen! Die vornehme Gesellschaft diniert um fünf Uhr! 
Ich bitte Dich, wir sitzen ja mitten in der „haute-volee!“
        
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