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Full text: Berliner Leben Issue 9.1906

Unsere Bilder. 
Der Norddeutsche ist im Fond keine musikalische Natur, 
die Superiorität desVerstandes gegenüber der Gemüts weit giebt 
dem Wesen eines Norddeutschen etwas Prosaisch-trocknes, 
etwas Temperementlos-kiihles, etwas Hölzern-monotones, 
wenn aber trotzdem Berlin eine Musikstadt ersten Ranges ist, 
wenn trotzdem aller Nationalitäten musikbeflissene Jünglinge 
gerne nach Berlin wallfahren, um ihren Studien obzuliegen, 
so ist das ganz besonders auf die Bedeutung der Königl. 
Akademischen Hochschule für Musik zurückzuführen. 
Die Bedeutung dieser Kunstlehranstalt ist allerdings für jeden 
des In- und Auslandes eine nicht schwer herauszulindende, 
wenn er sich die Namen der Musiker betrachtet, aus der sich 
das Unterricht erteilende Kollegium zusammensetzt. Der 
Direktor der Königl. Akademischen Hochschule und der Vor 
steher der „Abteilung für Orchester-Instrumente“ ist Prof. 
Dr. Joseph Joachim, im Volksmunde der Musikwelt 
nicht anders als „der Geigenkönig“ genannt. Professor 
Joachim feierte vor einigen Tagen seinen 75. Geburtstag; 
dem seinen Jahren nach greisen, seiner regen Kunstbetäti 
gung nach jugendfrischen Meister wurden aus allen Welt 
gegenden alle erdenklichen Ehrungen zu Teil. — Professor 
Dr. Max Bruch geniesst als Mitglied des Direktoriums der 
Königl. Akademischen Hochschule und als Vorsteher der 
„Abteilung für Komposition und Theorie“ einen grossen 
Ruf. Man rühmt seinen Vorträgen eine das Wesen der 
Kunst treffliche Charakterisierung und bei aller Sparsamkeit 
der Mittel eine seltene Klarheit nach. — Neben seiner Mit 
gliedschaft am Direktorium der Königl. Akademischen Hoch 
schule nimmt Professor Adolf Schulze die Position eines 
Vorstehers der „Abteilung für Gesang“ ein. Professor 
Schulze erfreut sich einer besonders grossen Schülerzahl 
und in der musikalischen Welt des In- und Auslandes 
klingt es wieder, was er dem von der Musikschule schei 
denden Jüngling oder der dahinziehenden Jungfrau von seiner 
Kunst mit auf den Weg gegeben. — Auch Professor 
E Rudorff ist Mitglied des Direktoriums der Königl. 
Akademischen Hochschule für Musik; er steht ausserdem 
der „Abteilung für Klavier und Orgel“ vor. Zu schöner 
Harmonie vereinen sich in dem Meister theoretische Fähig 
keiten und praktische Künste. — Einer vom kunsthistorischen 
Standpunkte aus sehr interessanten Abteilung wenden sich 
Professor Dr. Oskar Fleischer’s Spezialstudien zu; diesem 
Meister und Kunsthistoriker ist die Verwaltung der 
„Abteilung alter Musikinstrumente“ anvertraut. — Der 
als Komponist der Märchenoper „Hänsel und Gretel“ 
bekannte Professor Engelbert Humperdinck ist 
Vorsteher einer Akademischen Meisterschule für 
„musikalische Komposition“. Humperdinck, der kürzlich 
eine Reise nach Amerika unternahm, heimste dort 
grosse Ehren ein; einer besonderen Aufmerksamkeit er 
freute er sich seitens des Pi äsidenten der Vereinigten 
Staaten, der ihn und seine Frau im „weissen Haus“ empfing 
und zur Zeit der Anwesenheit des Komponisten auch einer 
Vorstellung von Hänsel und Gretel beiwohnte. — Als 
hervorragender Sachkenner einer klassischen und auch als 
Komponist einer vertieften, tonreichen und von innerem 
Temperament lebhaft bewegten Musik hat sich Professor 
Friedrich Gernsheim, Vorsteher einer Akademischen 
Meisterschule „für musikalische Kompositionen“ einen 
grossen, weit in der Welt bekannten Namen erworben. 
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Auch anderen Kunstgebieten wendet der Meister sein 
Interesse zu, so hat er dem Ruf als künstlerischer Beirat 
am Schöneberger Sladttheater mit liebenswürdigem Ent 
gegenkommen Folge geleistet. — Auf dem schwersten 
Gebiete der Musik ist Professor Robert Radecke 
zu Hause. Professor Radecke ist Direktor des „Akade 
mischen Instituts für Kirchenmusik“. Einer anderen Kunst 
wenden wir uns zu, die allerdings im Gegensatz zu der 
musikalischen nicht während der Ausübung derselben, 
sondern nach der Ausübung und dann auch nur unter 
besonderen Umständen — nämlich wenn sie mit Erfolg 
gekrönt ist, rechte Genugthuung und Freude bereitet — 
der Kunst am Operationstische. Das ist der Unterschied 
in der Kunst zwischen einem wahren Vertreter der heiteren 
Künste und einem echten Meister am Seziertische — jenem 
bedeutet die Kunst Alles, weniger der Erfolg, diesem die 
Kunst nichts — Alles der Erfolg; ist doch der Arzt nicht 
nur Gelehrter und Künstler, sondern auch Mensch — und 
vor Allem Mensch. Der sorgenvolle Gesichtsausdruck eines 
unserer grössten Gelehrten und Operationskünstler, Sr. 
Exzellenz Prof. Ernst v. Bergmann vor der Operation, 
und das lächelnde Gesicht des Meisters, das er auf dem 
Bilde nach der Operation zeigt, bestätigen diese, unsere 
dahinbezügliche Charakterisierung. Professor von Berg 
mann, der am 16. Dezember 1836 zu Ruyen in Livland 
geboren worden ist und in Dorpat seinen Studien oblag, 
wirkt erst seit dem Jahre 1878 als Professor und Ober 
wundarzt des Würzburger Juliusspitals dauernd in Deutsch 
land. Im Jahre 1882 wurde er als Professor der Chirurgie 
und Direktor der chirurgischen Universitätsklinik nach 
Berlin berufen, wo er zum Generalarzt ernannt wurde. 
Eine ganze Reihe bedeutender, auf wissenschaftlichem Ge 
biete epochemachender Werke gingen aus seiner Feder 
hervor. — Die Rubrik „Berliner Ansichten“ füllt in diesem 
Heft die photographische Aufnahme des seit kurzem fertig 
gestellten, neuen Kriminalgerichts aus. Dieses Gebäude, 
das sich in einfacher Stilform, doch mit architektonischer 
Wucht gen Himmel hebt, steht in Moabit, dem alten 
Justizpalast sich anschliessend, in dessen Räumen die „blinde“ 
Themis so oft über Leben und Tod entschieden. — Wir wenden 
uns wieder den musikalischen Künsten zu und geben den 
Freunden des Hauskomponisten des Metropoltheaters 
Gelegenheit, einen Blick in dessen Heim zu werfen. 
Victor ITollaender, dessen klangvolle Liederkompo 
sitionen in alle Weltteile gedrungen sind, präsentiert sich 
hier in dem einfach-künstlerischen Milieu seiner Studier 
stube sowohl als Künstler, als auch als Vater und treuer 
Gatte. — Wenn die „Lustige Witwe“ zur Zeit im Lessing 
theater, von Erfolg getragen, so unzählige Aufführungen 
erlebt, so ist ein gut Teil des Erfolges auf die Darstellung 
zurückzuführen. Die hervorragendsten Kräfte des mit 
diesem Stück hier gastierenden Monti’schen Hamburger 
Ensembles sind die Herrn Poldi Deutsch, dessen Künste 
wir schon vor Jahren gelegentlich eines Solo-Gastspiels 
hier bewundern durften und Gustav Matzner. — Von 
den Bühnenkünsten Abschied nehmend, wollen wir hier 
nicht versäumen auf unser erstes Porträt, auf Annette 
Savary, die berühmte La Matschiche-Tänzerin hin 
zuweisen, die den pikanten Tanz, aus Brasilien und 
Mexiko importierend, im Apollotheater, unsere Lebe 
männer begeisternd und anregend, zum Besten gibt. — Wie 
Dr. Ludwig Fulda seinem Kollegen der anderen Fakul 
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tät sitzt und der Künstler sich als „Kunstwerk“ auferstehen 
lässt, das zeigt uns unser Bild Eugen Schacher in 
seinem Atelier. Noch einige andere Künstler werden wir 
in dem Atelier gewahr, die in Berlin eine hervorragende 
Rolle spielen, den Hofkapellmeister Dr. C. Muck und die 
Künstlerin am Königl. Opernhause, Frl. Destinn, die 
beide Deutschland verlassen, um ihre Kunst nach Amerika 
zu tragen. Dr. Muck nimmt allerdings nur ein Jahr 
Urlaub, während Frl. Destinn ganz und gar aus dem En 
semble des Königl. Opernhauses scheidet. Seite 12 und 13 
steht im Zeichen des Sportes. Der Berliner Wassersport 
gewinnt von Jahr zu Jahr an Ausdehnung, gedeiht er doch 
unter den Strahlen der Gunst, die ihm ununterbrochen der 
Kaiser, als Protektor aller Sportsfreunde, zuwendet. Und 
auf ihrem Entwicklungsweg haben die Fahrzeuge mancher 
lei Formen angenommen, deren sich der Wassersportsfreund, 
sei es zur Vergnügungsfahrt, sei es zum Wettsegeln bedient. 
Das erste Bild zeigt ein Boot nach englischem Muster, das 
unser Kaiser der Jugend wehr zum Geschenk gemacht hat. 
Eigenartig sind die Tretboote, die nach Art der Velocipede 
fortbewegt weiden. Zweckentsprechend, von einer gewissen 
Schwere, ist das Boot, auf dem der Berliner behaglich-behäbig 
sitzt, die Angel nach Fischen ausgeworfen. Er belindet sich 
auf dem Rummelsburger See, die Sonne leuchtet und in deren 
Strahlen spielen Fische und Wellen. — Einen stets erfreu 
lichen Anblick gewähren die Stimmungsbilder „Aus dem 
Tiergarten“. ITier Reiter und Reiterin, stolz zu Pferde 
in feschem Kostüm lustig dahintrabend, dort im Sande 
spielende Kinder, beschützt von den „niedlichen“ Haus 
geistern, die bisweilen ein ganz beträchtliches Alter auf 
weisen, auf einem anderen Wege wieder Papa, der mit 
seiner Familie im Tiergarten spazieren geht. Vier Kinder 
und die Mama! Die Eskorte scheint dem Vater ein wenig 
zu mächtig und um es mit keinem zu verderben, geht er 
voraus und lässt seine Angehörigen hinterhermarschieren. 
Eine hübsche Szenerie giebt auch die Spreebrücke im Tier 
garten ab, von dessen Gelände Gross und Klein auf die 
Kähne herabschauen, wenn sie hier die Schleuse unter 
gewissen Erschwerungen passieren. — Eine Naturschönheit, 
wie sie ein zweites Mal kaum inmitten des Berliner Häuser 
meeres zu finden sein dürfte, bildet der Wasserfall im 
Viktoria-Park. Und den Zauber dieses Bildes wird man 
noch mehr bewundern müssen, führt man sich vor’s Auge, was 
einst dieser Teil Berlins war und was die Parkdeputation aus ihm 
gemacht hat. Einst war hier nichts weiter als eine öde Sand 
wüste und oben auf der Anhöhe standen ein paar armselige 
Akazien, jetzt grünt dieNatur in prachtvollem Pflanzenschmuck 
und sie klingt in dem lustigen Geplätscher stürzender Wasser. 
Wie stimmungsvolle Genrebilder muten uns die hier photo 
graphisch wiedergegebenen Typen an, die das Berliner 
Strassenleben bietet. Wer hat in der F'riedrichstiasse 
nicht beispielsweise schon Wilhelm mit den jungen Hunden 
gesehen, mit den echten, mit den lebendigen, nicht mit 
den imitierten, die laufen und quieksen, so lange sie der 
Händler feilbietet und dann kein Lebenszeichen mehr von 
sich geben, sobald sie der Käufer übernommen hat? Das 
Schwarzwälder Blumenmädchen, der Gipsfiguren-ITändler, 
der Slovaken-Knabe sind ebenfalls bekannte Erscheinungen 
in den Verkehisstrassen der Metropole. 
ßernstein-Sazversky.
        
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