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Full text: Berliner Leben Issue 9.1906

gegeben hatte, dass er ihr nicht schreiben sollte? 
Unsinn! Wenn es ihm ernst damit war, dann schrieb 
er trotzdem. 
Kurz vor ein Uhr war sie auf dem kleinen Sekun 
därbahnhof; mit wesentlich trüberen Gefühlen fuhr 
sie heut ab, als sie damals gekommen war. Und 
plötzlich waren alle Wolken aus ihrem Herzen weg 
geblasen .... dort stand niemand anders als Herr 
Degener. Strahlend vor Freude eilte er auf sie zu und 
überreichte ihr einen Strauss köstlicher Rosen. 
Nun war sie wieder ganz glückselig. Da fiel ihr 
auf, dass er ebenfalls eine Reisetasche in der Hand 
trug. 
,.Verreisen Sie denn auch?“ fragte Dora verwundert. 
Wieder sah sie das verschmitzte Lächeln um seine 
Mundwinkel spielen. 
„Ja, was soll ich hier noch, nachdem meine Sonne 
untergegangen ist? „Es wäre ein Glück für mich, 
wenn Sie mir gestatten wollten Sie zu begleiten“, 
sagte er. 
„Das wäre! Nein! Sie müssten Ihre Freundlich 
keit ein bischen weit ausdehnen“. 
„Aber das wäre doch kein Opfer für mich. Je 
weiter, desto besser!“ 
„Ja. um auf diese Weise herauszubekommen, wo 
ich wohne, um dann an mich zu schreiben“. 
Er lachte. 
„Mein Fräulein, ein Mann, ein Wort! Ich habe 
Ihnen versprochen, nicht an Sie zu schreiben und so 
wird es sein“. 
„Es ist aber schon sicherer, Sie erfahren meine 
Adresse erst gar nicht“, lachte Dora zurück. 
Nun fuhr der Zug vor und sie stiegen ein. 
„Und dass sage ich Ihnen, . .“ wandte sich Dora 
wieder an den Begleiter, „ich wünsche im Ernst nicht, 
von Ihnen auf meiner Reise begleitet zu werden“. 
„Ich werde mich in jene Wagenecke setzen und 
kein Wort reden. Ich gebe Ihnen mein Wort, dass 
ich keinen Schritt gehen oder fahren werde, den ich 
nicht auch ohne Sie gemacht haben würde“. 
„Nun, wenn Sie schon einmal da sind, können 
wir auch zusammen reden. Ich wünsche nur nicht, 
dass Sie sich an mich heften und mich etwa verfolgen“. 
„Das sei ferne von mir“. 
ln Radebeul angekommen, stieg er ebenfalls in den 
Dresdener Zug und machte sichs wieder in Doras Nähe 
bequem. 
„Aber wollen Sie denn auch nach Dresden?“ 
„Mit Ihrer gütigen Erlaubnis . . . ja“. 
Nun, dachte sie, in Dresden werden sich unsere 
Wege ja trennen; also mag essein. Aber in Dresden 
trennten sich ihre Wege durchaus nicht. Als Dora 
sich ein stilles Winkelchen im Berliner Schnellzuge 
gesichert hatte, steckte er auch schon wieder seinen 
Kopf herein und sah sie lachenden Auges an. 
„Halten Sie so Ihr Versprechen?“ fragte Dora ein 
wenig indignirt. 
„Mein Fräulein, ich habe mein Versprechen ge 
halten; aber ich kann nichts dafür, wenn ich denselben 
Weg habe“. 
Dora Elten fand sich auch damit ab. ln Berlin, 
meinte sie zu sich selber, wird uns der Strudel bald 
auseinander gerissen haben und dann sehen wir uns 
vielleicht niemals wieder. Und ein heisses Verlangen 
ergriff sie, die paar Stunden bis zur Ankunft auf dem 
Anhalter Bahnhof noch nach Kräften auszunutzen. Aber 
die paar Stunden waren entflohen, ohne dass Dora es 
merkte. Unten im Bahnhofe wollte sie sich von ihm 
verabschieden. Er mochte davon nichts wissen. 
„Hat mir das Schicksal gestattet, so lange mit Ihnen 
zusammen zu fahren, so darf ich auch hoffen, dass wir 
noch viel länger beisammen bleiben werden“, sagte er. 
Sie sah ihn verständnislos an. „Darf ich uns beiden 
eine Droschke besorgen?“ fuhr er fort. 
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„Uns beiden? Ich sehe wohl, dass ich mich in 
Ihnen sehr geirrt habe. Uebrigens nehme ich die 
Elektrische. Meine Geduld ist nun zu Ende. Ich 
wünsche Ihre Begleitung nicht länger“. 
„So gestatten Sie, dass ich nun auch nach Hause 
fahre?“ 
„Fahren Sie in Gottes Namen“. 
„Sie tun mir bitter Unrecht, mein Fräulein; aber ich 
hoffe, Sie werden es noch einsehen. Leben Sie wohl!“ 
Damit ging er und war bald ihren Blicken ent 
schwunden. 
Dora war ärgerlich auf sich, auf ihn, auf alle Welt. 
Wenn sie ganz ihrem Herzen hätte folgen dürfen, dann 
hätte sie ihn einfach zurückgerufen; aber das ging doch 
nicht an. So schritt sie hinaus und stieg in die 
Strassenbahn. Kaum sass sie drinnen, als sie Degener 
auf das Trittbrett des Wagens springen sah, der sich 
schon langsam in Bewegung gesetzt hatte. Mit dem 
harmlosesten Gesicht der Welt setzte er sich neben 
sie und tat, als wäre das alles ganz selbstverständlich. 
„Aber Herr Degener . . 
„Fräulein Elten . . .?“ 
„Was treiben Sie denn nun schon wieder?“ 
„Ich? Ich fahre nach Hause. Das haben Sie mir 
doch erlaubt?“ 
„Ja, wo wohnen Sie denn?“ 
„Sehen Sie? Nun fragen Sie mich, und Ihre Adresse 
wollen Sie mir verheimlichen. Wollen Sie mir auch 
sagen, wo Sie wohnen?“ 
„Wissen Sie, Sie sind ein ganz schlechter Mensch. 
Das hatte ich nicht gedacht, als Sie damals im Walde 
so . . . nett waren . . .“ 
„War ich wirklich so nett? O, dann bin ich sicher, 
dass Sie mich auch weiter noch nett finden werden, 
sogar immer netter . .“ 
„Nein jetzt finde ich Sie abscheulich, wortbrüchig, 
zudringlich . . .“ 
,, Nicht doch, halten Sie ein . . .“ 
Dora schien ihn garnicht mehr zu beachten. An 
jeder Ha’testelle erwartete Sie, Degner werde aus 
steigen. 
„Brunnenstrasse!“ rief da der Schaffner. Dora fuhr 
auf und wollte nach ihrer Handtasche greifen; aber sie 
fand diese bereits in Degeners Besitz, der, ihre Habe 
in der Hand, ebenfalls ausstieg, als wäre das die selbst 
verständlichste Sache. 
Auf dem Bürgersteig stand Dora still und sah ihren 
Begleiter gross an. Sie bemühte sich sogar, recht 
zornig auszusehen; aber Degener hielt ihren Blick mit 
solcher Gemütsruhe aus und lächelte ihr so vergnügt 
entgegen, dass ihr das Lachen viel näher stand. 
„Ja, Herr Degener, was soll denn das nun wieder 
heissen ?“ 
„Nun, ich denke, wir werden nicht mehr weit bis 
zu Hause haben“. 
„Wir werden . . .? Ja, wohnen Sie denn auch hier 
oben?“ 
„Auch hier oben“, bestätigte er ernsthaft. Kommen 
Sie nur!“ 
„Aber das wird ja immer schöner! Erst kamen Sie 
mit mir, und nun sagen Sie zu mir: Kommen Sie nur? 
Wo wohnen Sie eigentlich? Heraus mit der Sprache!“ 
„Gleich hier oben, Fräulein Elten . . . wir sind ja 
schon da . . .“ 
„Hier?“ Dora war starr vor Staunen. „Hier? Etwa 
gar auch bei Frau Stiibel?“ 
„Ganz recht, bei Frau Stiibel, dicht neben Ihnen 
Fräulein Elten“. 
„Herrgott, dann sind Sie gar der . . . der . . . 
Sänger . . . der Tenorist . . .“ 
„Konservatorist alleweile, aber nicht mehr lange. 
Einen guten Kontrakt für Köln zum Oktober hab ich 
schon in der Tasche. Wenn Sie also nichts dagegen 
haben, können wir heiraten. Was mich anbetritft, so 
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wäre ich dann der glücklichste Mensch unter der Sonne, 
wie Sie ja schon längst gemerkt haben werden“. 
„Mein Gott“, sagte Dora im Hausflur; „dass Sie 
der Tenorist sein könnten . . . das habe ich nicht ge 
dacht“. 
„Aber das schadet doch auch nichts. Wenn Sie jetzt 
nur wissen, dass ich der rechte bin“. 
„Ach, Sie scherzen doch immer! Nein! Wenn ich 
daran denke ... Da reiss ich vor Ihrer Singerei aus 
und lauf Ihnen direkt in die Finger“. 
„Da sehen Sie, Fräulein Elten, dass es eine Fügung 
gibt, und der soll man sich nicht widersetzen“. Er griff 
im Zwielicht des Hausflurs nach Ihrer Hand und sie 
liess sie ihm. „Wenigsten das eine, . . auf gute Nach 
barschaft und gute Kameradschaft, nicht wahr?“ Ich 
hab Sie ja schon hinter der Gardine beobachtet, als Sie 
hier einzogen. Damals wusste ich schon, dass mein 
Schicksal gesprochen hatte. Und als Sie wieder ab 
reisten, da jagt’ ich Ihnen einfach nach. Frau Stiibel 
liess sich ja so bequem ausfragen. Also Sie sind mir 
nicht böse, nicht wahr? Und auf gute Kameradschaft, 
ja?“ 
„Auf gute Kameradschaft!“ wiederholte sie und 
snehte ihre Hand frei zu bekommen. 
„Und dann vielleicht noch etwas mehr, Fräulein 
Elten, ja?“ 
„Was denn noch?“ 
„Na, wenn ich denn einmal wünschen darf . . . . 
dass Sie meine süsse kleine Frau werden . . .“ 
„Aber Herr Degener . . .“ sie riss ihre Hand ge 
waltsam los; er hatte sehr fest gehalten . . . „das ist 
hier doch kein Ort dazu . . .“ 
Sie huschte an ihm vorbei und jagte die Stufen 
empor. Langsam kam er hinterdrein. In ihrem Zimmer 
angekommen, riegelte Dora sofort hinter sich ab. Aber 
ihre Furcht war unbegründet. Sie hörte ihn nebenan 
mit erregten Schritten auf- und abgehen; dann pochte 
er leise an ihre Tür und flüsterte ebenso leise: „Fräu 
lein Elten . . . ja?“ 
Sie verhielt sich ganz stille; nur ihr Herz klopfte 
so laut, dass sie meinte, er müsse es hören. 
„Fräulein Elten .... ja?“ klang es wieder, aber 
flehend. 
„Gehen Sie doch, Herr Degener“, gab sie endlich 
leise zurück. 
„Aber . . . ja?“ 
Nun kicherte sie still in sich hinein. 
„Vielleicht!“ sagte sie. 
Ein kunstgerechter Jodler scholl so laut durch die 
Wohnung, dass Frau Stiibel erschrocken zusammenfuhr. 
Im nächsten Augenblicke war Degener bei der Frau 
in der Küche und schrie ihr zu, indem er Miene machte, 
sie zu umarmen: „Hurra, ich habe mich soeben ver 
lobt! Diesen Augenblick!“ 
„Verlobt? Hier? Diesen Augenblick? Herr 
Degener . . . “ 
„Mit Fräulein Dora Elten! Hurra! Kommen Sie 
schnell, damit Sie ihr gratulieren können“. 
„Mein Gott, Sie machen am Ende bloss Spass . .“ 
„Nein, nein, kein Spasä. Kommen Sie nur!“ 
Dann sprang er wieder hinaus, riss Doras Tür auf 
und schloss sie kurzer Hand in seine Arme. Viel 
Widerstand hatte er nicht zu überwinden. 
Und nun kam auch Frau Stübel und gratulierte. 
„Aber Herzblatt“, sagte Degener, als sie nachher 
allein waren, „warum bist Du denn nur aus der Meierei 
ausgerissen?“ 
„Vor Dir, Schatz! Ach, ich war meiner ja garnicht 
mehr sicher“, und sie sah glücklich lächelnd zu ihm auf.
        
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