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Full text: Berliner Leben Issue 9.1906

,.Bis ich Sie nicht mehr sehe, mein Herr!“ gab 
Dora mit spöttischem Lächeln zurück. 
„Also etwa bis zu diesem Baume. Wenn ich mich 
dahinterlege, bleibe ich unsichtbar für Sie“. 
„Das könnte Ihnen so gefallen! Nein, gehen Sie 
so weit, bis ich ihre Stimme nicht mehr höre“. 
„Auch gut, mein Fräulein. Ich empfehle mich und 
danke für gnädige Strafe“, sagte er mit übermütigem 
Gesichtsausdruck. Er ging etwa zehn Schritte weiter 
und fing an, das Seil seiner Hängematte um einen 
Baum zu schlingen. 
„Aber was machen Sie denn da?“ rief Dora ihm zu. 
„Meine Hängematte aufspannen, mein Fräulein“. 
„Das ist doch gegen die Verabredung! Da kann 
ich Ihre Stimme doch noch sehr gut hören“. 
„O nein, sehr geehrtes Fräulein; meine Stimme 
können Sie absolut nicht mehr hören. Wollen wirs 
einmal versuchen?“ 
Und er sprach leise etwas vor sich hin. Dann 
wandte er sich lachend zu ihr herüber und fragte: 
„Na? Haben Sie es verstanden?“ 
„Das gilt nicht! Sie müssen schreien!“ 
„Schreien? Ach, ich habe mein Leben lang nicht 
geschrieen. Ich berufe mich auf das Zeugnis meiner 
lieben Mutter. Und nun sollte ichs lernen? Das 
werden Sie nicht von mir verlangen. Uebrigens haben 
wir darüber nichts ausgemacht. 
„So nötigen Sie mich doch noch, mein schönes 
Plätzchen zu verlassen“, erklärte Dora bestimmt. Mit 
komischer Betrübnis drehte er seinen Strick wieder los. 
„Himmel, können Frauen aber hartherzig sein! 
Nun gut, stossen Sie mich nur weiter in die Wildnis 
hinaus. Aber wenn ich nun ganz artig bin . . . ganz 
artig . . . dann werden Sie mir doch erlauben, ein wenig 
näher zu rücken, ganz wenig nur ... so etwa um 
einen oder zwei oder . . .“ 
,,. . . oder drei oder vier .... ich kenne das. Aber 
schön, wenn Sie wirklich so artig sind, soll mirs nicht 
darauf ankommen.“ 
„Ich gehe, Fräulein! Wollen Sie mich nicht lieber 
zurückrufen?“ drehte er sich noch einmal um. 
„Nein, nein; gehen Sie nur!“ Dora lachte in sich 
hinein. Das kleine Erlebnis belustigte sie. 
Degener ging einige Schritt und blieb dann 
wieder stehen. 
„Aber das ist nun weit genug. Hören Sie mal . . . 
können Sie jetzt noch verstehen, was ich jetzt singe?“ 
Und er sang leise vor sich hin: „Ich bete an die 
Macht der Liebe . . .“ 
Trotzdem hatte Dora wohl verstanden; gar so leise 
war sein Gesang nicht gewesen. 
„Das verstehe ich überhaupt nicht;“ antwortete die 
Lehrerin ablehnend. „Gehen Sie nur weiter“. 
Er ging. Ungefähr einen kleinen Steinwurf von 
ihr entfernt wandte er sich wieder um. „Ach wenn 
du wärst mein eigen, — Wie lieb sollst du mir sein!“ 
sang er. 
Sie hatte wirklich nichts verstanden. 
„Lauter!“ rief sie. „Sie müssen schreien“. 
„Ich kann nicht lauter. Ausserdem schreit man so 
was nicht in den Wind hinaus“. 
„So? Ich habe nichts gehört“. 
„Darf ich zu Ihnen herüber kommen und es Ihnen 
sagen?“ 
„Nein, nein, bleiben Sie nur da! Es wird ja nichts 
gescheites gewesen sein“. 
Nun hatte die Unterhaltung der beiden ein Ende; 
sie hätte bei der immerhin nicht kleinen Entfernung 
einige Schwierigkeiten gemacht. Degener spannte 
seine Hängematte auf und legte sich hinein. Dora 
nahm wieder ihr Buch vor und suchte sich darin zu 
vertiefen. Aber es ging nicht recht. Immer wieder 
irrte der Blick über die Seiten hinweg durch die Bäume 
nach der anderen Hängematte. Und dass sie die 
Wahrnehmung machen musste, dass der junge Mann 
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kaum einmal einen flüchtigen Blick von ihr wandte, trug 
auch nicht dazu bei, ihre Gedanken an das Buch zu 
fesseln. Und immer wieder, wenn sie still für sich 
dalag und in die Kronen über sich hinauf starrte, tönte 
ihr die Stimme des Mannes in das Ohr, wie er so 
weich und rein gesungen hatte: Ich bete an die Macht 
der Liebe. Es war wirklich eine prächtige Stimme! 
Sie schmeichelte sich förmlich in die Seele .... 
Wohl eine halbe Stunde verging so in feierlicher 
Stille. Nur das Rauschen der Kronen und das Ge 
zwitscher der Vögel war zu hören. Da drang Degeners 
flehentliche Stimme zu ihr herüber. 
„Gnädiges Fräulein, darf ich nun ein Stückchen 
näher kommen? Ich bin doch so artig gewesen“. 
Dora musste lachen über den Ton. 
„Artig waren sie, das kann ich nicht leugnen; aber 
wer weiss, ob Sie so artig bleiben werden, wenn ich 
Ihnen erlaube, um einen Baum näher zu rücken“. 
„Mein Fräulein, für jedes meiner Versprechen über 
nehme ich unbedingte Garantie“. 
„Auf wie lange? Sind Sie etwa gar Handlungs 
reisender?“ lachte Dora zurück. 
„Das nun gerade nicht. Also ich darf einen Baum 
„rauf“? 
Ohne ihre Antwort abzuwarten, sprang er aus 
seiner Hängematte, knüpfte sie los und rückte dem 
Mädchen um ein erkleckliches Stück näher. Dora sah 
ihm aufmerksam zu und sagte dann: 
„Aber das ist doch mehr als ein Baum! Das ist 
ja schon ein halbes Dutzend“. 
„Wie das täuscht“, meinte der Schalk, indem er 
scheinbar die Bäume zählte. „Zwei hab ich ja freilich 
nehmen wollen“. 
„Zwei? Sie waren doch nur zu einem berechtigt“. 
„Ja, das stimmt schon? aber da ich meine Artig 
keit doch kenne, war ich überzeugt, dass ich in kurzer 
Frist doch wieder Erlaubnis erhalten würde, um einen 
Baum zu avanciren und hab ich mir das der Verein 
fachung der Buchführung wegen gleich mit verrechnet“. 
„Also Vorschuss?“ lachte Dora aufs höchste 
amüsirt. 
„Ganz recht, Vorschuss“! Und Herr Degener lachte 
auch. „Uebrigens sehr reizend, finden Sie nicht? Ich 
komme als wildfremder hierher und erhalte von Ihnen 
Vorschuss . . . ausgezeichnet! Aber nun darf ich den 
erschlichenen Vorschuss auch behalten, nicht wahr?“ 
Nachdem er sich einige Zeit Mühe gegeben hatte, 
seine Lagerstatt an den Bäumen zu befestigen, riss er 
die Schnüre plötzlich wieder herunter und wandte sich 
zu Dora Elten. 
„Ach, wissen Sie, das ist ja garnichts. Man muss 
von hier aus immer so laut sprechen, wenn man sich 
etwas erzählen will. Gestatten Sie mir doch nun in 
Gnaden, näher heran rücken zu dürfen. Nur bis auf 
zehn Schritt, damit man doch etwas Gescheites reden 
kann“. 
Sie fand wirklich keinen Grund mehr, ihn völlig aus 
ihrer Nähe zu verbannen. So hingen denn bald die 
beiden Hängematten, wenn auch in respektvoller Ent 
fernung, friedlich nebeneinander, und ihre Insassen 
lagen wohlig darin und hinüber und herüber flogen 
die fröhlichen Scherzworte. 
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F' Es war mit den vier Wochen in der Sommerfrische 
ganz anders gekommen, als Dora es sich gedacht 
hatte. Ruhig und still wars freilich hier zur genüge; 
und ihre Nerven erholten sich vorzüglich; aber eine 
rechte Einsamkeit kam nicht zustande. Daran war cier 
Herr Degener schuld. Ueberdies konnte sie ihm nicht 
einmal böse dafür sein; denn sie fand, dass solche 
weiten Spaziergänge durch Wald und Feld von wunder 
barem Reiz waren, wenn Herr Degener dabei war, ganz 
anders, als wenn sie allein gewesen wäre. Am Anfang 
hatte sie einigemale ziemlich energisch abgelehnt. Der 
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Mensch musste doch rein denken, dass er sich ihr 
gegenüber alles herausnehmen dürfe. Aber dabei 
waren ihre Gedanken fortwährend mit ihm zusammen, 
und sie führten lange, lustige Zwiegespräche miteinander, 
als ob er neben ihr herginge. Und schliesslich wurde 
sie so voller Unruhe, bis sie einander wiedersahen. 
Da hatte sie dann das nutzlose Sträuben aufgegeben 
und sich seiner angenehmen Gesellschaft erfreut, so 
lange die Sommerferien es erlaubten. Ein paar mal 
ertappte sie ihre Gedanken dabei, wie sie sich ausmalten, 
wie es sein müsste, wenn er sie eines schönen Tages 
bäte, ob sie nicht seine Frau werden wolle. Aber da 
war sie zornig auf sich selber geworden, und sie gab 
sich redlich Mühe, solche albernen Gedanken ein für 
alle mal mundtot zu machen. 
Eines abends, als sie schon im Bett lag, kam sie 
zu dem festen Entschluss, am nächsten Tage ihre Zelle 
hier abzubrechen und nach Berlin zurückzukehren. Es 
waren ja so wie so nur noch sechs Tage, und dann 
war der Traum zu. Ende. Schade, dass sie die sechs 
Tage nicht noch ausnutzen konnte! Aber Degener trug 
in der letzten Zeit ein so seltsames Benehmen zur Schau, 
war bald zerstreut, bald ausgelassen lustig, bald sehr 
ernst und versuchte sogar zuweilen, das Gespräch auf 
Dinge zu bringen, die sie in lebhafte Unruhe versetzten, 
dass sie jeden Tag fürchten musste, es könnte zwischen 
beiden zu einer Katastrophe kommen. Und nur das 
nicht! Lieber Flucht! Nur ihm nicht Gelegenheit zu 
einer Aussprache geben! Und nun, da sie ihren Ent 
schluss ganz fest halte, musste sie lächeln. War ihre 
Abreise aus Berlin nicht auch schon einer Flucht gleich? 
Damals floh sie vor dem Tenoristen mit seinem ewigen 
do re mi fa sol, und heut’ floh sie vor Degener und 
vor seiner Liebe. 
Am nächsten Morgen ging es ans Packen. Da der 
Sekundärzug erst gegen ein Uhr von der Meierei abfuhr, 
unternahm sie noch einen kleinen Abschieds-Spaziergang 
in die Umgebung. Kaum aber war Dora drausssen, 
als sie auch schon Herrn Degener auf sich zukommen 
sah. Das war ihr fatal, und es musste sie auch wundern ; 
denn sie hatte ihn doch von ihrem Fenster aus vor einer 
guten Stunde in den Wald gehen sehen. Es war kein 
Zweifel ... er hatte hier auf sie gewartet. 
„Fräulein Elten wollen dieses Idyll schon verlassen?“ 
Sein Gesicht sah recht bekümmert aus. 
„Das wissen Sie auch schon wieder?“ fragte Dora 
überrascht. 
„Ich habs unten in der Wirtschaft erfahren“. 
„So, Sie spionieren also . . . ? Da werden Sie ja 
schon alles wissen, was meine Person anbetrifft, wo 
ich wohne . . . “ 
Er sah sie mit pfiffigem Lächeln an. 
„Und es war doch so wunderschön“, meinte Degener, 
ernster werdend. „Es hätte immer so weiter gehen 
können. Dann bleibe ich auch nicht mehr hier. Werden 
Sie mir erlauben, einmal an Sie zu schreiben.?“ 
„Nein, das erlaube ich Ihnen nicht. Ich werde 
keinen Brief annehmen“. 
„Schade!“ sagte er leichthin, und wieder flog ein 
verstecktes Lächeln um seine Züge. „Aber dann er 
lauben Sie mir, dass ich diese letzten Stunden in Ihrer 
Gegenwart geniesse“. 
Eine Weile schwieg Dora. Ein heftiger Groll stieg 
in ihr auf. Schade hatte er zu ihrer Ablehnung gesagt; 
nichts weiter, als ob es sich um eine grosse Gering 
fügigkeit handelte. Hatte sie sich am Ende doch ge 
täuscht und war sie ihm nichts weiter als eine ange 
nehme Ferienzerstreuuug gewesen? Sie lehnte seine 
Begleitung mit dem Hinweis ab, dass sie allein sein 
wolle und schritt den lauschigen Grundpfad nach der 
Mühle zu ein. Auf einer Bank musste sie sich nieder 
lassen. Sie spürte, wie ihre Glieder leise zitterten. 
Eine rabenschwarze Stimmung war plötzlich über sie 
gekommen. Das Weinen war ihr sehr nahe. Und 
warum denn? Weil er sich schnell damit ‘rieden
        
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