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Full text: Berliner Leben Issue 9.1906

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Sein Meisterschuss. 
Skizze von Frnuziskn Lepn. 
Nachdruck verboten. 
Ein schwüler Sommerabend in dem reizenden bekannten 
Badeorte Pyrmont. 
Inmitten der bewaldeten Berge liegt es da wie ein 
kleines Paradies. Schon so vielen Tausenden hat es nach 
dem anstrengenden und aufregenden Grossstadtleben Er 
holung geboten. Meist sind es Frauen und junge Mädchen, 
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die zur Stärkung ihrer Nerven dieses entzückende Fleckchen 
Erde aufsuchen; die Herrenwelt schickt nur wenige Ver 
treter nach hier. 
Auf der Kurpromenade herrscht jetzt lautes Leben und 
Treiben. Das elektrische Licht fällt durch die Zweige der 
grünen Bäume und über Hütet ein farbenreiches, prächtiges 
Bild. Es flüstert und wispert von tausend frischen jungen 
Lippen und die Augen strahlen von Lebenslust und Freude, 
als gingen sie alle dem Glücke entgegen. Sorge und Elend 
sind von hier verbannt; wohin man sieht, nur Reichtum 
und Eleganz. 
Durch die Reihen der geputzten Damen huscht Amor 
auf flinken Füsschen umher. 
Sein sonst so übermütiges Gesichtchen ist heute in 
ernste Falten gelegt. Er scheint bekümmert. Ab und zu 
greift er in seinen Köcher und will einen Pfeil hervor 
ziehen. Doch geschwind steckt er ihn wieder ein. Es 
will sich heute nichts Rechtes bieten. Vor dem reizenden 
kleinen Kurtheater macht er überlegend Rast. Er weilt 
gern, wo die Kunst gepilegt wird, denn er findet an ihr 
eine grosse Stütze. Eilig verschwindet er durch die soeben 
geöffneten Pforten in den Musentempel. Ob er wohl dort 
das Gesuchte findet? 
Das Theater, das sonst wegen seiner guten Vorstellungen 
stets ausverkauft ist, will sich heute nicht recht füllen. 
Ein Konzert von einem ausländischen Trio ist angekündigt 
worden. Dafür interessiert sich aber die junge Welt weniger. 
Sie will lebensfrohe Gestalten auf der Bühne sehen und 
darüber lachen können. Ernste Stücke sind natürlich der 
Aufregung wegen vom Arzt verboten, und gegen die Kur 
vorschrift darf doch niemand handeln. Die wenigen Zu 
hörer aber, die sich im Theater eingefunden haben, sind 
wirkliche Kunstfreunde und versprechen sich einen grossen 
Genuss davon. 
In einer der vorderen Parquet-Reihen sitzt einsam eine 
junge elegante Frau. Sie sieht ernst und blass aus, ihre 
Augen sind umflort — sie scheint viel geweint zu haben. 
An Geld und Gut fehlt es ihr nicht, und doch hat sie wohl 
nicht das Glück gefunden, das sie suchte. 
Der Vorhang geht hoch, das Licht erlischt. ITell und 
jubelnd klingt die Stimme der Primadonna durch das Haus 
und mit reichem Beifall wird sie belohnt. Ein junger 
Künstler entlockt seiner Geige wehmütige Töne. Er spielt 
das Andante religioso von Thome. Ruhig und weich ziehen 
die ernsten Weisen durch den Raum, wie ein Ermahnen 
an Gottes unendliche Liebe. 
Unwillkürlich falten sich die TIände der jungen Frau 
und ein Gebet steigt aus ihrem Herzen zu Gott empor. 
Es breitet sich eine erlösende wohltuende Ruhe über sie 
aus. Die ernsten Weisen sind ihr zum Trost geworden. 
Inzwischen wurde eine Logentür geöffnet. Eine grosse 
elegante Männergestalt war eingetreten. Trotzdem in dem 
Halbdunkel nur sehr wenig zu erkennen, scheint er nicht 
mehr sehr jung. Seine Augen überlliegen ruhig die Reihen 
der Zuhörer, bis sein Blick endlich auf der jungen andäch 
tigen Frauenerscheinung haften bleibt. 
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Immer weicher und leise klingt das Andante, um endlich 
wie der letzte Seufzer eines Sterbenden zu verstummen. Es 
liegt wie ein Bann auf der Menge; kein schallender 
Applaus stört die Weihe, die diese Töne hier verbreitet 
haben. Die Hände der jungen Frau lösen sich wieder aus 
einander, ein Seufzer der. Befreiung hebt ihre Brust. Plötz 
lich begegnen ihre Blicke denen jenes ernsten Mannes. 
Wie mit magischer Gewalt bleibt auch ihr Blick an ihm 
hängen und fortwährend fühlt sie die dunklen Augen auf 
sich ruhen. Heiss steigt ihr das Blut zu Kopf. Wenn sie 
sich unbeobachtet glaubt, sieht sie flüchtig einmal nach 
jener Loge hinüber. 
Ein Sänger mit prachtvoller Bassstimme singt Schubert- 
sche Lieder. Wie stets, so üben auch hier wieder die alten 
Weisen ihren Zauber aus. Immer noch einmal wird er 
hervorgerufen. Ein Lied will er noch zugeben. 
„Ein kleines Lied. Wie geht’s nur an, 
Dass man so lieb es haben kann“! 
Weich und sanft klingt es, wie ein Traum und immer 
fester schlingt sich das Band um zwei gleichgestimmte 
Seelen. — 
Auf der Logenbrüstung sitzt Amor. Sein Gesicht hat 
sich wieder aufgeklärt, er schaut nicht mehr so bekümmert 
drein. Seine winzigen kleinen Händchen halten schon 
einen Pfeil bereit, Er legt den Bogen an und zielt. — 
Plötzlich besinnt er sich wieder, steckt den Pfeil in seinen 
goldenen Köcher und huscht durch die soeben geöffnete 
Tür hinaus. 
Die Loge ist leer 
Noch einmal erschallt lautes Beifallsklatschen. Das 
Konzert ist zu Ende. Die Zuhörer verlassen befriedigt das 
Theater. 
Die junge Frau erwacht wie aus einem Traum. Ihr 
wird plötzlich so schwer um’s Herz, eine Träne zittert in 
ihren Augen. Warum sie wohl geweint? 
Da plötzlich, als s : e in den Vorraum tritt, stockt ihr 
Atem, das Herz beginnt ihr heftig zu klopfen. Eine hohe 
Männergestalt steht vor ihr und ein dunkles ernstes Augen 
paar begegnet schweigend dem ihn n. Sie zuckt zusammen 
unter dem Blick; bis ins Herz war er ihr gedrungen. 
Eilig tritt sie auf die Promenade hinaus. Wie befreit 
atmet sie auf, als ihr die kühle Abendluft um die Stirne 
weht. Und doch fühlt sie sich jetzt so glücklich und froh. 
Ist ihr das Glück begegnet? 
Da steht Amor vor ihr und lacht sein glücklichstes 
Lachen. So froh hat er lange nicht ausgeschaut! Befrie 
digt hängt er seinen Bogen über die Schulter und eilt 
davon. 
Es war sein Meisterschuss! 
Der sitzt für alle Zeiten! 
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