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Full text: Berliner Leben Issue 9.1906

Die Insel Sachalin. 
Nach dem Französischen von Heitny Bock-Neumann. 
Nachdruck verboten. 
Das ausländische Publikum hat sich gefragt, wes 
halb Russland und Japan soviel Gewicht auf den Besitz 
von Sachalin legte, das bisher dem Ausland kaum dem 
Namen nach bekannt war. Man las mit Erstaunen 
über die tiefe Indignation der Zeitungen von St. Peters 
burg und Moskau. Ein russischer Schriftsteller schrieb 
sogar in einem Pariser Blatt, dass er nicht begreife, 
weshalb man soviel von einer Insel rede, die nach 
seiner Meinung keinerlei Bedeutung habe, die un 
kultiviert und wüst sei, öde und wertlos; er meinte, 
auch Japan würde wegen dieser Errungenschaft bald 
in Verlegenheit geraten, und dass Sachalin in nächster 
Zukunft — und nun kommt die ganz unerwartete 
Schlussfolgerung — das Elsass-Lothringendesäussersten 
Orients werden würde. 
Das sind freilich Alles nur Worte! In Wahrheit 
wird Sachalin für Japan von weit grösserem Nutzen 
sein, als es jemals für Russland war. Die Russen 
wussten nur ein Gefängnis daraus zu machen; die 
Japaner werden den südlichen Teil, den ihnen der 
Friedensvertrag abtritt, transformieren, und eine Riesen 
fischerei daraus machen, die ihr ganzes Land ernähren 
wird. Der Besitz dieser Hälfte Sachalins ist für das 
ökonomische Leben Japans von unschätzbarer Wichtigkeit. 
Die Insel Sachalin ist in der Tat das Land der 
Wunder-Fischzüge; unzählige Lachse bevölkern die 
Flüsse: sie schwimmen zur Laichzeit stromaufwärts in 
so dichten Reihen, dass ich selber gesehen habe, wie 
die Eingeborenen sie mit den Händen fingen; mehr 
als eine Barke wird in solchen Zeiten von den die 
Buchten durchschwimmenden Fischzügen umgeschlagen. 
Der Fisch ist, wie man weiss, ein Lieblingsgericht der 
Japaner. Aber die Fische von Sachalin dienen ihnen 
nicht nur als Nahrungsmittel, sie haben eine noch 
grössere Bedeutung als Dünger, und schon seit Jahren 
verbringen tausende von japanischen Seglern die Fisch 
zeit in den Meeren von Sachalin. 
In früheren Jahren Hessen die Japaner den für ihr 
Land notwendigen Dung aus China und Korea kommen; 
sie machten ihn aus Bohnenhülsen. Die Erfahrung 
lehrte sie, dass der aus Fischen bereitete Dünger, ob 
schon fünffach so teuer wie der erstere, eine mindestens 
zehnfach stärkere chemische Wirkung habe. Man 
benutzt die Heringe zu dieser Dungbereitung. 
Die Heringe kommen zweimal jährlich nach Sachalin; 
sie schwimmen in dichten Reihen und bleiben einen 
Monat an den Küsten. Zur Zeit der Flut werden oft 
ganze Massen ans Ufer geworfen, die Fiscjier schaufeln 
sie dann manchmal noch lebend in Körbe und füllen 
ganze Wagen damit an. Die Heringe werden schliess 
lich in grosse Kessel zum Kochen geworfen, dann, 
werden sie in Pressen gelegt. Das Wasser und das 
Fett wird bis zum letzten Tropfen ausgepresst, dann 
breitet man die auf diese Art gewonnene Masse aus, 
und lässt sie auf Reisstrohmatten in der Sonne trocknen, 
füllt sie in Säcke, die auch aus Reisstroh gemacht 
werden, und schickt sie per Schiff nach Japan. 
Die Menge der jährlich nach Japan transportierten 
Heringe — in Gestalt von Konserven oder Dünger 
beträgt 5 Millionen Kilogramm. Während der russischen 
Herrschaft gab es im Süden von Sachalin eine ameri 
kanische und mehrere russische und japanische Fische 
reien. Die Ausländer bezahlten eine Abgabe je nach 
der Anzahl der Kilogramme von exportierten Fischen. 
Seit 1840 hat sich auch der Walfischfang an den Küsten 
der Insel entwickelt. 
Ausser den Fischen könnten die Japaner an den 
Küsten Sachalins auch Krabben in Masse fischen, und 
was noch lukrativer ist — den Meerkohl — dessen 
Export durch die Chinesen gesichert ist, die ihn als 
Leckerbissen essen. Das sind lange Algen von dunkel 
grüner Farbe, die man nahe an der Küste an wenig 
tiefen Stellen mit Heugabeln fischt. 
Man hat auch wohl von anderen Reichtiimern 
Sachalins gesprochen. Es gibt dort Kohlenlager, aber 
sie sind minderwertig; Petroleum ist auch vorhanden, 
aber vorläufig nicht leicht zu explodieren; endlich gibt 
es auch Gold. Es ist sicher, dass die Japaner, durch 
das Beispiel belehrt, nichts von der Insel fordern 
werden, was sie nicht zu geben vermag, und dass sie 
nicht wie die Russen versuchen werden, Landbau auf 
Sachalin zu treiben. 
Das Land ist dazu faktisch zu kalt; die durch 
schnittliche Temperatur des wärmsten Monats beträgt 
16°, und ein Kältestrom, der über die östliche Küste 
hinstreicht, bringt manchmal im Juli Eis. Ausserdem 
hat die Insel wenig Landungsstellen, wenn der Wind 
weht, ist keine Bucht sicher; im Winter ist das Meer 
eingefroren und selbst im Sommer oft von undurch 
dringlichen Nebeln bedeckt. Man hat aus Sachalin 
das ungastlichste aller Gefängnisse gemacht. Die Ver 
urteilten werden zweimal jährlich auf einem russischen 
Schiff hintransportiert, sie leben zuerst zusammen 
gepfercht in elenden Holzbaracken — die einen werden 
Korrektionshäuser, die anderen Ameliorationshäuser 
genannt. Die Gefängniswärter, denen man manche 
Ausschweifungen vorwarf, und die zuweilen ihrer 
Grausamkeiten wegen verurteilt wurden, dachten nur 
daran Geld zu verdienen, um zu spielen oder um sich 
Renten für die Zukunft zusammen zu scharren. Unter 
den Beamten waren die guten — deren es dennoch 
welche gab — nicht die zahlreichsten. 
Bei den Sträflingen der Insel fanden sich Ein 
geborene ein, diese Unglücklichen waren sehr furcht 
sam und leicht zu erschrecken. Von verschiedener 
Rasse: Ainos oder Gniliaks leben sie doch auf die 
gleiche Art und Weise. Ihre Hütten sind an den 
Ufern der Flüsse erbaut. Es sind übrigens die 
scheuesten und harmlosesten Völkerschaften, denen 
ich im russischen Asien begegnete; sie beginnen mehr 
und mehr zu verschwinden und leben — man kann 
es wohl sagen — wie die Tiere. 
Ihr Reichtum besteht in der grösseren oder kleineren 
Anzahl von Hunden, die sie besitzen. Der Hund 
dient ihnen zur Jagd, er bewacht ihr Lager; wenn er 
alt ist, wird er verzehrt und sein Fell dient zur Kleidung. 
Im Winter spannt man ihn vor den Schlitten. Drei 
zehn Hunde bilden ein komplettes Gespann, die der 
Lenker nur mit der Stimme antreibt, und die mit un 
glaublicher Geschwindigkeit laufen. Der Hund dient 
sogar als Tauschmittel resp. Geld. Wenn ein junger 
Mann sich verheiraten will, bedarf es keiner weiteren 
Zeremonie als dem Schwiegervater eine Morgengabe 
zu spenden; es giebt Frauen die zwei Hunde gelten, 
andere die drei Hunde wert sind — oder eine Barke 
oder einen Kessel. 
Die Frau, die für diese Wilden ein untergeordnetes 
Wesen ist, muss beständig arbeiten und altert immer 
vor der Zeit. 
Dennoch sagte mir einer der Eingeborenen, dass 
sie eine Frau, die fruchtbar, arbeitsam und wenig 
schwatzhaft sei, bei ihrem Tode fast ebenso beweinen 
wie einen Mann. 
Die Eingeborenen, die nun japanische Untertanen 
werden, verlieren und gewinnen bei dem Wechsel 
nichts: sie lieben die Japaner ebenso wenig wie die 
Russen; Herrschaft für Herrschaft, sie werden deshalb 
nicht weniger unglücklich sein als sie es bisher waren. 
Eines Tages fragte ich einen von ihnen, einen Aino, 
Namens Soumari: 
— Magst du lieber die Russen oder die Japaner? 
Sonmari, der ruhig an meiner Seite rauchte, sagte 
ohne die Pfeife aus dem Munde zu nehmen. 
— Ich liebe den am meisten, den ich am wenigsten 
sehe! 
Die russischen Sträflinge haben in der Tat viele 
Wilde verdorben oder misshandelt, und die japanischen 
Fischer haben sie exploitiert und ihnen ansteckende 
Krankheiten gebracht. 
Soumari war dennoch ein Philosoph. Er war in 
seinem Dorf als betrogener Ehemann bekannt: seine 
Frau, ein grosses, ausgelassenes Frauenzimmer war 
sehr liebenswürdig gegen die Japaner. 
— Das erste Mal hat es mich geärgert, — sagte 
er zu mir — aber jetzt passiert es so oft, dass es mir 
schon ganz gleichgültig ist. 
Eines Tages besuchte mich Soumari in einem 
Sträflingshause, wo ich wohnte. In einer Ecke sitzend, 
rauchte er seine Pfeife und sah mir beim Schreiben 
zu. Plötzlich trat ein Soldat, den man mir zur Be 
dienung gegeben hatte, aufgeregt herein und rief ohne 
den Wilden zu sehen: 
— O, sie ist eine schlechte Person! Man erzählt 
sich soviel von Soumaris Frau, dass ich ihr meine 
Liebe erklärte. Sie hat mich mit Faustschlägen vor 
die Tür gesetzt! 
Soumari erhob sich und blieb ganz bewegt stehen, 
als er meinen Soldaten erblickte. Ich glaubte, dass er 
sich nun ärgern würde, aber er blieb ruhig wie ge 
wöhnlich, schüttelte seine Pfeife aus und sagte einfach: 
— Tröste dich, Soldat! Es geht mir oft nicht besser 
als dir: sie liebt nur die Japaner!
        
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