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Full text: Berliner Leben Issue 8.1905

„Ein Lächeln“. 
Novelle von Otto Orth. 
(Nachdruck verboten). 
Soeben — es war um die Mittagszeit — betrat 
Herr von Hosswitz das mit moderner Eleganz aus 
gestattete Zimmer seiner Gattin, die an ihrem Schreib 
tisch sass und schrieb. Infolge der weichen Teppiche 
hatte sie sein Kommen nicht bemerkt. 
»Hast Du vielleicht einen Augenblick Zeit für mich, 
Clara? Ich möchte etwas mit Dir besprechen.« 
Sie erschrak so heftig bei seiner unerwarteten An 
rede, dass sie aufsprang und vor Schrecken die Feder 
fallen Hess. 
»Wie—? Du bist’s? Schon zurück?« Ein ängst 
licher, aber kaum, merkbarer, flüchtiger Blick slreifte 
den Brief auf dem Schreibtisch. Ihr Gesicht war 
leichenblass. 
»Ja, ich bin heute etwas früher fertig geworden. 
Doch warum erschrickst Du so?« 
»Nun — soll ich etwa nicht erschrecken, wenn Du 
mich so unerwartet von hinten anrufst?« entgegnete 
sie unwillig, während sie sich gewaltsam bemühte, 
ihre Fassung wiederzuerlangen. »Ich liebe derartige 
Ueberraschungen nicht gerade.« 
»Ueberrasclningen —? Verzeihe, aber Du scheinst 
nicht bei Laune oder hast sonderbare Auffassungen 
heute. Verlangst Du etwa, dass ich mich vorher an 
melden lasse?« 
Sie erwiderte nichts. Daher wiederholte er seine 
Frage: »Also wie ist’s? Kann ich mit Dir sprechen?« 
»Ich bitte«, antwortete sie kühl. 
Wir müssen uns endlich einmal über die Ein 
ladungen schlüssig werden«, sagte er, »es ist wirklich 
höchste Zeit dazu. Hast Du vielleicht ein Stückchen 
Papier zur Hand?« 
Er wandte sich nach dem Schreibtisch hin, doch 
kaum merkte sie dies, als sie, kurz zusammenzuckend, 
nach ihrer Schreibmappe griff und hastig den Bogen, 
auf dem sie vorhin geschrieben hatte, unter dem Lösch 
blatt zu verstecken suchte. So schnell sie die Bewegung 
ausführte, er sah sie doch. 
Ein hässlicher Argwohn ergriff ihn mit einem Male 
Zuerst ihr heftiges Erschrecken und jetzt dieses Ver 
halten — ? Scharf, prüfend blickte er sie an. Der 
Ausdruck ihres Gesichtes war ruhig, aber kalt. 
»An wen schreibst Du denn da?« fragte er. 
»Das kann Dir doch gleichgiltig sein; ich habe 
mich doch auch nie um Deine Korrespondenz ge 
kümmert.« 
»Das ist etwas anderes und kommt hier nicht in 
Betracht. Mir scheint es jetzt eben notwendig, dass 
ich mich einmal um die Deinige kümmere.« 
»Du bist also misstrauisch?« 
»Vielleicht. Jedenfalls wünsche ich, dass Du mir 
den Brief zeigst.« 
»Ich will aber nicht!« 
»So werde ich mir ihn selbst holen müssen.« 
Er trat an den Schreibtisch heran, um das Lösch 
blatt aufzuheben. Doch ehe er es ausführen konnte, 
hatte sie den Brief an sich gerissen und hielt ihn zu 
sammengeknittert in der fest geschlossenen Hand. 
»Ah!« Er fuhr zurück, als ob sie ihm eine Be 
leidigung ins Gesicht geschleudert hätte, und ballte 
unwillkürlich die Hand. Jetzt wusste er, woran er 
war. Eifersucht und Wut packten ihn. 
»Ich verlange, dass Du mir den Brief giebst«, stiess 
er hervor. Seine Stimme klang hart — scharf. 
»Nein!« 
»Dann zwingst Du mich, ihn Dir mit Gewalt fort 
zunehmen.« 
»Versuche es; freiwillig gebe ich ihn jedenfalls 
nicht.« 
Wie zum Schutz trat sie zurück bis an die Wand, 
während ihre Finger sich fester um das Papier pressten. 
Ihre schönen, grossen, leidenschaftlichen Augen blitzten 
ihn an. 
Durch ihren Widerstand nur noch mehr gereizt, 
begann er ohne Zögern seine Drohung auszuführen. 
Ein kurzes, heftiges Ringen, bei dem sich ihr schlanker 
Körper wie eine Gerte hin und her bog, dann hielt er 
plötzlich den Brief, wenn auch zerrissen, in der Hand. 
Voll höchster Spannung und Erregung glättete er 
hastig die Stücken ein wenig, hielt sie aneinander und 
überflog den kurzen Inhalt. Er lautete: 
Geliebter! 
Ob ich Dich heute noch sehen werde! Ich hoffe 
es, glaube es aber kaum. Daher zur Sicherheit diese 
Zeilen, damit Du morgen nicht vergeblich auf mich 
wartest. Ich bin ganz verzweifelt, dass ich wahrschein 
lich wieder nicht kommen kann, aber mein Mann —! 
Ich fange an, ihn zu hassen, da ich es nicht vertragen 
kann, dass er mich von Dir trennt. O wenn Du es 
doch fühlen könntest, wie ich mich nach Dir sehne . . . 
Hier brach das Schreiben ab. Wie betäubt liess 
er es fallen und presste die Hand an die Stirn. 
Das hatte er nicht erwartet! 
In ihrem Gesicht zeigte sich nicht die Spur von 
Mitleid; mit kalter Ruhe wartete sie ab, was weiter 
geschehen würde. 
»Und das konntest Du mir antun?« sagte er nach 
einer Weile leise, gross und vorwurfsvoll den Blick auf 
sie richtend. 
»Warum nicht? Habe ich Dir etwas anderes getan 
als Du mir auch? Oder bist Du etwa der Ansicht, 
dass es immer nur Euch Männern allein gestattet ist, 
eure Freuden wo anders zu suchen? Wie Du mir, 
so ich Dir! Ich habe mir eben auch nur mein Recht 
genommen.« 
»Dein Recht — ?« wiederholte er langsam, wie aus 
einem Traum aufwachend. »Dein Recht? So also 
nennst Du den Schimpf, den Du mir angetan hast?« 
Die weiche, schmerzliche Stimmung des ersten 
Augenblicks war plötzlich verflogen, Wut, Hass und 
ein brennendes Verlangen, sich an dem Schänder seiner 
Ehre zu rächen, stiegen in ihm auf. 
»An wen ist der Brief gerichtet?« fragte er kurz 
wie im Befehlston, sich aus seiner etwas zusammen 
gesunkenen Haltung aufrichtend und auf die auf dem 
Boden liegenden Stücke deutend. 
»Das sage ich nicht.« 
»Wie —«, fragte er, sich vorbeugend, indes die 
Zornesader auf seiner Stirne anschwoll. »Du weigerst 
Dich auch noch, mir den Namen dessen zu nennen, 
der mein Haus in dieser Weise besudelt hat?« 
»Um ihn Deiner blinden Wut auszuliefern. Nie 
mals! Oder versprich mir auf Dein Wort, dass Du 
ihm nichts antun willst, und —« 
Er lachte höhnisch auf. 
»Du meinst also«, unterbrach er sie, »ich soll mir 
dies einfach gefallen lassen? Denkst, ich soll mit dieser 
Schande beladen umhergehen und mich im stillen von 
jenem auch noch verhöhnen lassen?« 
»Tue, was Du willst; ich nenne ihn unter keinen 
Umständen.« 
»Aber ich will seinen Namen wissen!« 
Sie schwieg. Ratlos stand er (vor ihr. Da kam 
ihm plötzlich ein Gedanke. Nach dem Schreibtisch 
hinstürzend riss er das dort liegende Couvert an sich, 
liess es aber enttäuscht wieder fallen; es war noch 
unbeschrieben. Ein leises Lachen, wie Spott, schlug 
an sein Ohr und brachte ihn fast ausser sich. Drohend 
trat er dicht vor seine Gattin hin. 
»Sage mir, wer es ist.« 
»Nein!« 
»Du sollst mir sagen, wer es ist« wiederholte er 
mit unterdrückter, aber fast zischender Stimme. 
Sie antwortete überhaupt nicht mehr, sondern 
wandte sich mit der Achsel zuckend, ab. Diese Nicht 
achtung seiner Forderung raubte ihm jede Selbstbe 
herrschung. Beinahe sinnlos vor Wut packte er sie 
an den Handgelenken und drückte sie mit einem Ruck 
gewaltsam auf die Knie nieder. 
»Den Namen« stiess er, mit dem Fuss aufstampfend, 
hervor. »Ich will ihn wissen, und sollte ich ihn mit 
Gewalt von Dir erzwingen.« 
Sie wehrte sich nicht, obwohl der feste Griff seiner 
Hände ihr Schmerzen bereitete. Furchtlos, voll Verach 
tung blickte sie ihn an: 
»Du kannst mich töten, aber nicht zwingen, den 
Mann, den ich liebe, zu verraten.« 
Diese Antwort gab ihm die Herrschaft über sich 
zurück; er sah ein, dass er durch Zwang oder Gewalt 
nichts zu erreichen vermochte. Auch schien er sich 
plötzlich eines anderen zu besinnen. Er gab sie frei 
und trat zurück, während sie sich erhob. 
»Verschweige nur den Namen« sagte er; »ich 
werde doch erfahren, wer es ist. Und dann wehe ihm ! 
Bei irgend einer Gelegenheit, auf irgend eine Weise 
wird er sich schon verraten.« 
Sie lächelte.
        
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