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Full text: Berliner Leben Issue 8.1905

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Unsere Bilder. 
Zeitweise wirft die Frühlingssonne schon ihre Strahlen 
auf das HäuserkoDglomerat der Metropole, aber der Winter 
strom des Berliner Lebens rauscht noch in seinen alten 
Formen weiter. Noch ist nicht die „eine“ Schwalbe da, 
die den Sommer machen könnte und unsere reiselustigen 
Patrizier ziehen noch nicht in die Ferne. So wie bisher 
der konvexe Wellenschlag des gesellschaftlichen Lebens, der 
Theateramüsements, der five 6 clocks, der industriellen, so 
zialen und wissenschaftlichen Betätigung und so wie bisher 
die konkave Wellenform des Dahinsterbens, des Todes . . . 
Ein Spiegelbild dieser Variationen ist unsere März 
nummer. Sie führt uns mit dem ersten Bilde die inkarnierte 
Lebenslust vor. Robert Steidl! Die flotte, melodien 
reiche Operette „Das Veilchenmädel“ beherrscht seit einiger 
Zeit das Repertoire des Apollotheaters und prismenartig 
konzentriert sich in Robert Steidl’s Darstellung, der das 
Tanzbein einer spanischen Tänzerin schwingt, der er 
götzliche Uebermut und der lachende Farbenreichtum der 
Komödie. — Von dem schmalen Podium der Bretter be 
geben wir uns auf das alles umfassende Terrain der Philosophie 
und wir begrüssen die Schriftstellerin Ellen Key, die 
vor wenigen Wochen als gefeierter Gast in unseren Mauern 
weilte. Den bedeutenden Ruf, welcher der Philosophin 
durch ihre die tiefsten Probleme der sozialen Erscheinungen 
behandelnden, in gemeinverständige, künstlerische Formen 
gefassten Werke vorausging, war die Dame trotz oder viel 
leicht gerade infolge ihres schlichten Wesens im Stande, 
zu befestigen und zu erhöhen. — Auf Seite 5 bietet das 
Berliner Leben diesmal gleichzeitig den Kunstfreunden und 
den Freundinnen der Bühne ein Vergnügen, das Ileim be 
liebter Bühnengrössen vorfuhrend. Die Augen der Spree 
backtische werden leuchten, Otto Sommerstorff, den 
letzten „klassischen“ Darsteller, Albert Patry, den vor 
züglichen Interpreten moderner Darstellungskunst in ihrer 
Häuslichkeit sehen zu dürfen und die Kunstfreunde kommen 
insofern auf ihre Kosten, als sie in Frau Sommerstorff und 
Frau Patry nicht nur Künstlerfrauen, sondern auch selbst 
die bedeutenden künstlerischen Persönlichkeiten, Frau 
„Gessner“ und Frau „Reisenhofer“ kennen lernen. — 
Engverwandt mit der plastischen Darstellungskunst ist die 
Architektonik; die Tendenzen beider Kunstarten unbeschadet 
des verschiedenartigen Materials nähern sich besonders 
dann, wenn sie in unserem Inneren Illusionen transcenden- 
taler Natur auslösen, paralysieren oder kräftigen wollen. 
Dann schreibt der Dichter einen Faust und der Baumeister 
baut eine Kirche. Mit der Fertigstellung des neuen Domes 
unter den Linden ist Berlin um ein gewaltiges Kunstwerk 
bereichert und der Idee des Evangeliums ist ein herrliches 
Denkmal gesetzt worden. Die drei Baumeister, welche ihre 
grosse Schaffenskraft zu einem Werke vereinten, sind der 
Geheime Regierungsrat Ilr. Ing. Professor J. C. Rasch 
dorff, Ober-Regierungsrat Professor O. Raschdorff und 
Königl. Baurat J. Kleinau. Geheimer Regierungsrat 
J. C. Raschdorff hatte die Oberleitung, Professor 
O. Raschdorff stand der Abteilung I für die Bearbeitung 
der baukünstlerischen Entwürfe, Modelle und dergl. 
vor, die Abteilung II für die spezielle Leitung der Bau 
ausführung, die gesamte Geschäftsführung und das 
Rechnungswesen leitete der Baurat J. Kleinau. — Wir 
gedenken auf dieser [Seite auch der uns in jüngster Zeit 
durch den Tod entrissenen, verdienstvollen Männer. Schon 
in der vorigen Nummer des Berliner Lebens hatten wir 
Gelegenheit gehabt, von der Bedeutung unserer Feuerwehr 
zu sprechen, auch das Sehlussbild in dieser Nummer 
„Unsere Feuerwehr II“, auf dem wir die Mannschaften 
bei der Uebung sehen, mit „Sprungtuch•* und „Rauchhelm“ 
operierend, gibt uns eine Vorstellung von dem idealen, aber 
auch so schweren und verantwortungsvollen Berufe der 
Feuerwehr, allein zur rechten Erkenntnis ihrer Bedeutung 
gelangen wir erst, wenn wir das Lebenswerk des nunmehr 
verstorbenen Branddirektors Giersberg würdigen. 
Denn dessen Lebenswerk ist eben die Berliner Feuerwehr, 
wie sie heute ist. Als er in der Eigenschaft eines Brand 
direktors nach Berlin berufen wurde, ging er mit grösstem 
Eifer an durchgreifende Reformen. Unter seiner Leitung 
wurden sämtliche Löschzüge mit Dampfspritzen versehen, 
um den Ausbau der Feuerwehrwachen machte er sich ver 
dient, einen zweckdienlichen Rauchschutzapparat erfand 
er selbst und führte ihn ein. Als Verwaltungsbeamter ent 
faltete er eine fast ungewöhnliche Arbeitskraft. 
Erst wenige Jahre sind es her, dass „Gustav v. Moser“ 
sich in ein besseres Jenseits zurückgezogen und nun ist ihm 
als treuer Compagnon in verhältnismässig jungen Jahren 
der produktive und erfolgreiche Lustspieldichter Thilo 
v. Trotha in den Tod gefolgt. Ursprünglich Militär, 
quittierte er den Dienst, um sich der schriftstellerischen 
Tätigkeit zu widmen. Der Lustspieldichter hatte einen guten 
Blick für humoristische Situationen des Militär- und Hof 
lebens. Den Haupterfolg erzielte er mit seinem Lustspiel 
„Hofgunst.“ Trotha war als Mensch sehr beliebt und sein 
Tod wird von allen, die ihn kannten, aufrichtig beklagt 
und betrauert. — Eine hervorragende Persönlichkeit im 
Reiche der Wissenschaft war Professor Dr. Adolf Bastian, 
Direktor des Museums für Völkerkunde, dessen gelehrtes 
Auge vor Kurzem erloschen, dessen wissenschaftlichen Be 
strebungen der Tod auf einer Forschungsreise ein Ziel 
gesetzt. In diesem Gelehrten, der noch im 79. Jahre kein 
„otium cum digeitate“ kannte, verliert die deutsche Wissen 
schaft einen ihrer hervorragendsten Vertreter. Seinen Be 
mühungen, auch die geringsten Kulturdenkmale lebender 
oder ausgestorbener Völker zu sammeln, verdanken wir die 
Museen für Völkerkunde. Nun ist er dahingegangen — aus 
der Heimat — in den Tod, möge ihm, tief betrauert von 
seinen Mitbürgern, die fremde Erde leicht werden. — Heinrich 
Heine sagt: „Ein anderes Bild ein neues Bild — ein neues 
Bild ein schön’res!“ Und man wird dem ungezogenen Lieb 
haber der Grazien cum grano salis Recht geben müssen, 
da wir uns den schmerzlichen Betrachtungen über Tod und 
Vergänglichkeit abwenden und dem Festmahle der fröhlich 
gestimmten Liebhabern und Freunden der Grazien zu, die 
sich zum 00 jährigen Jubiläum der Offizier-Tisch 
gesellschaft im Römischen Hof zusammengefunden 
haben. 60 Jahre! Liegen zwischen dem Gründungstag 
dieser Gesellschaft und ihrem Jubiläum nicht der Krieg von 
06 — von 70? Nicht Leiden, Strapazen, bei denen in heissen 
Tagen draussen im F'elde der Trunk aus hohler Hand und 
die vertrocknete Rinde mundete? Was Wunder, wenn jetzt 
beim funkelnden Glase die Augen leuchten und hoffnungs 
froh die dem „Mars“ Geweihten der Zukunft entgegen 
schauen? — Licht und Fröhlichkeit strahlt auch der Bilder- 
cyklus aus, der uns das Ballfest des Vereins der 
Künstlerinnen und das Kinder-Ballfest der „Bösen- 
Buben“ in seinen charakteristischsten Scenen undjinteressan- 
testen Momenten festhält und versinnbildlicht. Unter den 
vielen bekannten Persönlichkeiten fällt besonders der Violin 
virtuose Professor Pleinrich Grünfeld und der Hof- 
kapellmeister Richard Strauss ins Auge. Den Preis als 
„echter böser Bube“ hat sicher anfFestabendHerr Sigismund 
mit dem Fähnchen davongetragen. — „Ziehet Euere Schuhe 
aus, denn der Boden, den Ihr betretet, ist heilig!“ An 
diese biblischen Worte müssen wir in unserem um das 
goldene Kalb tanzenden Zeitalter denken, wenn wir den 
photographischen Aufnahmen „Aus der Reichsbank“ 
unsere Aufmerksamkeit schenken. Und besonders das letzte 
Bild, die „Zählkasse“ wird unserer stummen Bewunderung 
sicher sein. „Dreissig Millionen“ Mark auf einem Tische — ! 
Wie viel seidene Jupons könnte sich nicht die junge Berlinerin 
dafür kaufen und der Cavalier ihr wie viel echte Taits’sche 
Fingerringe das Stück ä 2 Mk. — Das Teilprogramm eines 
vornehmen Festes, das auf Veranlassung der deutschen 
Adelsgenossenschaft zur Unterstützung bedürftiger Witwen 
und Waisen gebildeter Stände im Kroll’schen Etablissement 
arrangiert worden war, bildeten die „sechs lebenden 
Bilder“, welche die hier photographisch wiedergegebenen, von 
„O etken“ gemalten Mosaiken aus der Kemenate der heiligen 
Elisabeth von der Wartburg darstellen. Von hohem 
künstlerischen Reiz wirkten sie und wie aus einer Märchen 
welt herausgeschnitten. — Die Seite 16 ist wieder den 
Erinnerungen teils verstorbener, teils noch lebender Bühnen 
grössen geweiht. Wir sehen die berühmte Crelinger, 
die im Jahre 1865 mit Bürgers „4 Bretter und 4 Brettchen“ 
die Bretter vertauschte, welche die Welt bedeuten, 
wir sehen die bedeutende Mila Roeder und Lina Fuhr; 
der Charakterdarstellungskunst „Friedrich ITaases“, der 
am 14. Januar 1906 das Jubiläum seines ersten Auftretens 
vor 60 Jahren in Weimar feiern kann und hoffentlich 
so rüstig wie heute feiern wird, müssen wir beim Anblick 
seiner herrlichen Köpfe gedenken und neben der berühmten 
Ramm bewundern wir die Gestaltungsfähigkeit der Frau 
Hedwig Niemann Raabe, von der diese Bilder erzählen. 
Leider ist die Künstlerin vor kurzem von einem schweren 
Nervenleiden heimgesucht worden. — In eine exotische 
Stimmung versetzen uns die farbenprächtigen Gemälde des 
bedeutenden Künstlers Max Rabes, dessen Atelier auf 
Seite 15 photographisch wiedergegeben ist. Schiffe, fremde 
Meere, fremde Gestalten — und der Künstler selbst sitzt 
sinnend wie entfremdet dieser Welt und wohnhaft mit seiner 
Seele in anderen Regionen ... „ , . . 
Bemstem-Souversky.
        
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