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Full text: Berliner Leben Issue 8.1905

sagte mir geheimnisvoll: Uebermorgen ist der grosse 
Tag und ganz allein mit Dir will ich ihn feiern, mein 
altes Mütterchen.« 
Kein Mensch war froher als ich. Nachdem er ge 
gangen war lief ich rasch die vier Treppen herunter 
und kaufte die Flasche Sekt, für die ich schon monate 
lang Groschen auf Groschen zurückgelegt hatte. Und 
allerlei andres noch holte ich herbei, was er gern ass 
und trank und Nachmittags hat ich mir eine Spazier 
fahrt ausgedacht; es sollte ein rechter Festtag werden! 
Früher als ich ihn erwartet hatte kam er an, blass 
im Gesicht, mit schwarzen Rändern um die Augen, 
und einem Ausdruck, den ich nicht begriff. Zuerst 
erschrak ich, dann sagte ich mir, das kommt wohl von 
der Arbeit und der Aufregung und muss mit in Kauf 
genommen werden. Ich streichelte ihm das schöne 
volle Haar und fragte ihn: »Alles vorüber mein 
Junge?« »Alles vorüber ja“ sagte er dumpf, mit selt 
samer Betonung. 
Ein plötzlicher Gedanke kam mir: »Du hast doch 
nicht Pech gehabt?« Er lachte laut heraus. »Ich 
Pech? Wo denkst Du hin? Ich hab’ nur Glück im 
Leben.« Und dabei lachte er noch einmal auf, so 
recht bitter und schneidend, dass mir’s durch die Seele 
ging. »Aber hundehin bin ich Mutter und was zu 
trinken möcht ich haben.« 
Da schlich ich in die Küche und holte den 
Pommery aus der Wasserleitung. 
»Wie wärs denn mit dem da? fragte ich, auf ein 
besseres Lachen wartend. Er aber wendete sich ab, 
fährt sich mit der Hand über die Augen, dreht sich 
dann wieder um und küsst mich, wie er mich nicht 
geküsst hat, seit er ein kleiner Bengel mit Kniehosen 
gewesen ist. Dann schneidet er Bindfaden und Draht 
von der Flasche herunter, dass der Stöpsel bis an die 
niedere Stubendecke fliegt, und stürzt den Sekt hin 
unter ein Glas nach dem andern fast ohne zu sprechen, 
nur ansehen tut er mich dabei mit merkwürdigen 
Augen, bald verzweifelt, bald als ob er mir was ab 
zubitten hätte. 
Ich beschwöre ihn das unsinnige Trinken zu lassen, 
wir wollen essen und ein bischen spazieren fahren, 
er hörte gar nicht auf mich. Er sieht mich nur immer 
an, und drängte mich am Ende ein Glas mitzutrinken. 
Wir stossen an, dann schenkt er den Rest der Flasche 
aus und nimmt mich in die Arme. 
»Ich muss fort, ich hab’ noch einen Weg vor, Mutter.» 
»Aber du kommst bald wieder mein Junge?« frag 
ich ihn Todesangst im Herzen. 
Er antwortete nicht und stürzt davon. Ich hab 
ihn niemals wiedergesehn. Ich weiss nicht lebt er, 
oder ist er tot.« 
Der Inspektor trat zu der Alten und streichelt ihr 
unbeholfen den müden, gebeugten Rücken: »Arme 
Frau, arme Frau.« 
Sie nickte stumm und tränenlos. Nach ein paar 
Tagen kam ein Fremder zu mir, einer der es gut mit 
meinem Jungen gemeint haben mochte. Der sagte 
mir, es sei schon lange mit ihm bergab gegangen. 
Er sei in schlechte Gesellschaft in Spiel- und Wechsel 
schulden geraten. Seit einem Jahr und länger habe 
er kein Buch mehr angesehn. Von dem Examen habe 
er nur gesprochen, um mich zu beruhigen, habe wohl 
auch gehofft, er käme noch mal dazu. Die Stunde 
dafür habe er genannt, weil er gewusst, es sei die 
letzte, die er in Berlin habe zubringen dürfen. Sie 
sind ihm auf den Fersen gewesen. Er selbst habe 
ihm den Rat gegeben, über den grossen Teich zu 
gehn, vielleicht, dass er sich jenseits des grossen 
Wassers noch mal auf sich besonne.' 
Er hat sich nicht besonnen. Einmal hat er irgend 
wo krank gelegen,’ wo — weiss ich nicht, es kann in 
Asien gewesen sein; durch ein Mädchen hat er mir 
schreiben lassen. Da hab ich das letzte, was ich besass 
zu Gelde gemacht, eine Antwort ist nie gekommen.» 
Die Alte machte eine kleine Pause und lächelte 
trübe vor sich hin. 
»Ich kann ihm nicht böse sein, wenn er mich auch 
bis hierher gebracht hat, und wenn es auch sündhaft 
ist, ich kann nun mal nicht dafür, lieb haben tu ich 
ihn doch. Und das letzte da, was er vor meinen 
Augen in seinen lieben Händen gehalten, das letzte 
von mir, was ihm Labung gebracht, ihm vielleicht 
seinen schweren Entschluss leichter gemacht hat, das 
soll mir niemand nehmen, und niemand verlachen.« 
Zärtlich hing das Auge der alten Frau an dem 
goldenen Hals der Sektflasche, bis Tränen ihr aufs 
neue den Blick verdunkelten. 
Grand-Cocotte. 
(Nachdruck verboten.) 
In dem hastigen Gedränge des Strassenlebens hält 
vor Kranzier ein elegantes Coupe. Sie steigt aus. 
Die elegante Herbsttoillette schmiegt sich in schönen 
Linien an die graziöse Gestalt. Eine kostbare Pelzboa 
schützt den schneeweissen Hals vor der rauhen Herbst 
luft. Das üppige rote Haar wird von einem chicken 
Hut gekrönt. Stolz und feurig blitzen ein paar Glut 
augen unter dem violetten Schleier. Die Lippen um 
spielt ein sinnbetörendes Lächeln. Selbst ihr Gang 
hat etwas Bezauberndes, Wollüstiges; die Art wie sie 
ihr Kleid rafft zeigt Selbstbewusstsein, Koketterie. 
Aller Augen sind auf sie gerichtet, Jeder spricht 
von ihr. 
»Ein gottvolles Weib« sagt der Lebemann und 
klemmt sein Monokel ein. 
»Wie einfach und doch wie elegant« meint der 
Ehekrüppel, weicht ihr vorsichtig aus; bleibt an der 
Ecke stehen und sieht sich noch einmal mit einem 
tiefen Seufzer um. 
»Ihre linke Hüfte ist ausgestopft, das Haar gefärbt, 
Augenbrauen und Gesicht geschminkt« denkt eine vor 
übergehende junge Ehefrau im stolzen Bewusstsein 
ihrer Ehrbarkeit. 
Wie viel Männer hat diese Schlange schon ruiniert, 
wie viel friedliches Familienglück zerstört« flüstert die 
alte Jungfer ihrer Begleiterin zu. »Ich selbst weiss 
einen Fall « und der Klatsch nimmt 
seinen Lauf. 
»Die kann sich leicht einen Mann verschaffen» 
monologisiert ein junger Backfisch und betrachtet sie 
genau, um sich den Schnitt ihres Kleides die Grazie 
ihres Ganges fest einzuprägen. 
Der Strassenkehrer murmelt ingrimmig in seinen 
Bart: »Von dem Geld was bloss ihr Hut kostet, könnte 
ich meine Familie ein ganzes Monat lang ernähren.« 
Auch ein Boheme erblickt sie. Wie von einer 
magischen Gewalt angezogen versenkt sich sein Blick 
in ihre Augen. Auch sie hat ihn bemerkt. Einen 
Moment stutzt sie, dann blitzt es verständnissvoll in 
ihren Augen auf. 
Und er eilt in seine Mansarde, im Herzen die 
ganzen Wonnen eines neu erwachten Frühlings. 
Oskar von Schönfe/d.
        
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