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Full text: Berliner Leben Issue 8.1905

Der kleinere der Männer schob von hinten an, bis die 
Fuhre in Gang kam, dann ging er seiner Wege, dem 
andern den Namen einer Kaffeeklappe zurufend, in 
der sie sich später wiederfinden wollten. 
Der Weg war nicht weit, über die Hallesche Tor 
brücke in eine der stillen Strassen nahe den Begräbnis 
plätzen. Da stand von altersher ein Altweiberstift 
mitten in einem grossen Garten. An seinen Mauern 
verhallte der Lärm des Tages, sein rastloses Treiben 
und Jagen, seine bunte wirbelnde Lust, sein herz 
brechendes Weinen, sein rohes Lachen. 
Ein Seufzer der Erleichterung kam über die Lippen 
der alten Frau. Die Sektflasche in die Falten ihres 
verschlissenen Kleides gewickelt, betrat sie aas Stift 
und meldete sich beim Pförtner. Der sah kopfschüttelnd 
auf die kleine zerbrochene Gestalt und brummelte Un 
verständliches in seinen stattlichen Schnauzbart, das 
ungefähr heissen mochte: na, die wird uns hier nicht 
lange den Platz fortnehmen. 
»Numero 53«, sagte er dann, »zweiter Stock links.« 
Als der Pförtner bemerkte, dass die alte Frau sich 
unschlüssig nach dem Hundewagen umsah, der vor 
der offengebliebenen Tür hielt, nickte er ihr gutmütig zu. 
»Gehn Sie man Frauchen und machen Sie sichs ein 
bischen bequem. Ich werd’ Ihnen Ihren Kram schon 
raufbesorgen.« 
Die Alte sah den grossen Mann mit dem Schnauz 
bart verwundert an. Dass jemand freundlich mit ihr 
sprach, war ihr ganz etwas neues, lange nicht mehr 
gewohntes. 
Sie dankte höflich und fügte hinzu: »Was der Mann 
zu bekommen hat, ist ihm schon bezahlt.« 
Dann stieg sie langsam, mit gebeugtem Rücken, 
die Sektflasche sorgfältig in den Falten ihres Kleides 
eingewickelt, die weissgescheuerte Treppe hinauf. Bis 
zum zweiten Stock war sie niemandem begegnet. Da 
traf sie auf ein junges Ding, das mit einer Wärmkruke 
und einer dampfenden Kanne an ihr vorüber stürmte. 
Als sie die Alte überholt hatte, drehte sie sich noch 
einmal um. 
»Wir haben eine Kranke hier oben auf 54, die uns 
eine schreckliche Wirtschaft macht. Zweimal am Tage 
kommt der Doktor.« Dann fasste das junge Mädchen 
die alte Frau näher ins Auge. »Ach Sie sind die Neue, 
die heute erwartet wird! Da wo die Tür offen steht, 
ist Ihr Zimmer, gegenüber von der Kranken. Machen 
Sie man recht schnell Ordnung bei sich, Mütterchen. 
Wenn der Inspektor nachher raufkommt und findet 
schon alles an seinem Platz, haben Sie’n Stein bei 
ihm im Brett.« 
Die alte Frau nickte der jungen Ratgeberin freundlich 
zu. Zum Sprechen war sie beim Treppensteigen zu 
sehr ausser Atem gekommen. Dann schritt sie durch 
die offenstehende Tür in das Zimmer, in dem sie vor 
aussichtlich ihre mühsalbeladenen Tage beschliessen 
sollte. 
Es war eng und schmal und dürftig ausgestattet, 
aber es sah nach dem Garten, auf Bäume, die nun 
grünen würden, und der Lärm der Strasse drang nur 
wie ein fernes, dumpfes Rauschen zu dem stillen 
Gemach empor. 
Die Alte liess sich einen Augenblick auf den einzigen 
Stuhl sinken, der unter einen kleinen viereckigen Tisch 
geschoben stand und sah sich im Zimmer um: Ein 
Bettgestell ohne Betten, eine Kommode neben dem 
Fenster, Tisch und Stuhl, ein Kleiderhaken in der Tür, 
das war alles. Etwas wie ein erinnerndes, schmerzliches 
Lächeln ging über das faltige Gesicht der alten Frau. 
Vor der Tür wurden schwere Tritte laut. Da raffte 
sie sich auf, wickelte die Sektflasche zärtlich aus dem 
Kleide und stellte sie auf die Kommode, den Gardinen 
zipfel sorgsam darüber schlagend. 
Der Pförtner und der Hausknecht — die beiden 
einzigen männlichen Bewohner des Stifts, der Inspektor 
wohnte drüben in einem Gartenhäuschen — brachten 
Betten, Lade, Hausgerät, den Vogel und die spillerigen 
Pflanzen. Der gutmütige Schnauzbart half die schweren 
Stücke so gut als tunlich unterzubringen. 
Sobald die Alte wieder allein war, machte sie sich 
daran die Kammer aufzuräumen. Wirklich sah es nach 
einer Stunde wohnlich und beinah zierlich darin aus: 
die Pflanzen auf dem Fensterbrett, der Vogel auf der 
Kommode, die Gardinen nett zurechtgezupft, das Wasch 
gestell mit sauberem Geschirr gefüllt, Zuber, Kiste 
und Wasserkessel von der altertümlichen Kleiderlade 
geschickt verdeckt. Auf dem Tisch brannte die kleine 
Petroleumlampe, die der Pförtner mit heraufgebracht 
hatte. Ihr Strahl liess den goldenen Hals der Sekt 
flasche aufleuchten, die jetzt unverhüllt als Zierstück 
neben dem Vogelbauer auf der Kommode stand. 
Es klopfte an der Tür. Ohne das schwache Herein 
der Frau abzuwarten, trat der Inspektor, ein kleiner 
Mann mit grauem Spitzbart und raschen lebhaften 
Bewegungen, ein. 
»Ei, ei, sieh, sieh« — er entfaltete einen kleinen 
Zettel, den er zusammengeknüllt in der Hand hielt 
und blickte rasch hinein — »Frau Winkler, hier sieht 
es ja schon sehr manierlich aus, das hab’ ich gern. 
Nun, wie fühlen sie sich bei uns?» 
Die Alte hatte dem Inspektor den einzigen Stuhl 
hingeschoben und sich selbst auf den Bettrand gesetzt. 
»Danke der Nachfrage, Herr Inspektor. Es ist 
schön still hier bei Ihnen, eine wahre Wohltat nach 
dem schrecklichen Lärm da draussen.« 
Der kleine bewegliche Mann sah die Frau verwundert 
an. Ihr Organ, Ihre Sprechweise, ihre ganze Art sich 
zu geben, war himmelweit verschieden von dem Ge- 
bahren, der übrigen alten Weiber, die hier im Stift 
ihre letzte Zuflucht suchten. 
Beinahe ein wenig verlegen musterte er die feine 
gebrechliche Gestalt und sah, weil er für den Augen 
blick nicht recht wusste, was er sagen sollte, noch 
einmal über das Zimmer hin, Sein lebhafter Blick 
fiel auf die Sektflasche. Halb erstaunt, halb lachend 
fragte er: «Ei sieh da, schon Einzug gefeiert, Frau 
Winkler? Und wie’s scheint, mit keiner schlechten 
Marke.« 
Er streckte die Hand nach der Sektflasche aus, die 
von seinem Sitz bequem zu erreichen war. Vom Bett 
her kam ein schwacher, weher Laut. 
»Wahrhaftig, Pommery Greno, 10 Mark die Flasche. 
Frauchen, Frauchen, was sind das für Geschichten!« 
Erst jetzt wieder sah er sich nach der Alten um, 
die auf dem Bettrand sass und weinte, weinte, wie 
nur das Alter weint, mit langsamen, schwer tropfenden 
Zähren. 
Der Inspektor stand auf und klopfte sie gutmütig 
auf die Schulter. 
»Nu nu ich habs ja nicht bös gemeint. Jedenfalls 
ein Geschenk, Frau Winkler. Warum sollten Sie sich 
nicht daraus stärken? Ein guter Tropfen schadet 
keinen Menschen was.« 
Die Alte schüttelte den Kopf und fuhr mit dem dritten 
Finger der linken Hand ein paarmal über die tränenden 
Augen. 
»Ich hab heut schon viel Bittres um sie erduldet 
und doch kann ich mich nicht von ihr trennen.« 
Der Inspektor wusste nicht recht, was er dazu 
sagen sollte. Aber die Alte enthob ihn der Antwort, 
indem sie scheinbar unvermittelt fragte. 
»Haben Sie Kinder, Herr Inspektor!« 
Der kleine Mann lächelte stolz. 
»Na ob! Einen Jungen bei der kaiserlichen Marine 
und einen im Steueramt. Und ein Mädel, das auch 
nicht von Pappe ist, das hilft Muttern drüben im 
Haus. Alle gut geraten.« 
Ueberdas Gesicht der Alten zuckte es; siezerdrückte 
eine neu aufsteigende Träne. 
»Ich hatte auch ein Kind, Herr Inspektor, einen 
Jungen, unsern Stolz und unsere Freude. Mein Mann, 
der hat ihn studieren lassen und wir durften uns das 
schon erlauben, denn mein Mann hatte sein gutes 
Auskommen und war ein honoriger Mensch. Das 
sehen Sie mir nicht mehr an Herr Inspektor, dass ich 
mal eine hübsch eingerichtete Wohnung von fünf 
Zimmern und einen Dienstboten gehabt habe?!« 
Sie lächelte schmerzlich und fuhr dann fort ohne 
eine Antwort abzuwarten. 
»Mein Mann starb ganz plötzlich, noch ehe der 
Junge mit dem Studium fertig war. Es war vieles 
anders und nicht besser geworden, aber so viel blieb 
mir doch, um dem Jungen weiter zu helfen; er war 
ja mein Stolz und mein ganzes Glück. Anfangs nach 
Vaters Tode war er denn auch fleissig bei der Arbeit 
und bescheiden und anspruchslos. Oft sagte er mir: 
»Wenn ich erst meinen Doktor gemacht habe, sollst 
du keine Sorgen mehr haben, Mütterchen.« 
Dann — die Frau sprach noch leiser als zuvor — 
wurde auch das anders. Er zog von mir fort und ging 
mich immer häufiger um Geld an und immer schwerer 
wurde es mir zu beschaffen, bis denn am Ende ein 
Stück nach dem andern ins Leihhaus wanderte. Er 
aber blieb guten Muts, lachte und meinte, wenn nur 
erst das Examen vorüber sei, sollt’ ich mal sehn. 
Und ich küsste ihn und glaubte ihm und kein Opfer 
war mir zu schwer. Dann eines Tages kam er und
        
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