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Full text: Berliner Leben Issue 8.1905

Fast stets sah man die beiden Damen in Begleitung 
des Barons, bald im Theater, in Konzerten, auf der 
Siegesallee im Tiergarten oder auf einer gemeinschaft 
lichen Schlittenfahrt auf dem Kurfürstendamm. 
Die Berliner Gesellschaft wurde aufmerksam. Aha! 
Das hatte etwas zu bedeuten! 
Einer der Herren Minister hatte die Güte gehabt, 
mehrere seiner Salons einem Wohltätigkeitskomitee 
zur Verfügung zu stellen, und so war ein Bazar auf 
das glänzendste eröffnet worden. Der Baron hatte, 
um sein Scherflein beizutragen, eine Champagnerbude 
mit dem exquisitesten Inhalt gestiftet und dieselbe so 
reizend ausgestattet, dass der kleine Tempel den Glanz 
punkt des ganzen Bazars bildete. 
Und dass die anmutigen Verkäuferinnen, welche 
hinter diesem Kredenztisch ihres Amtes walteten, Gräfin 
Ilse und Komtesse Edith waren, erstere in weisser 
Seide mit Veilchen, letztere in rosa Seide mit Orangen 
blüten geschmückt, war natürlich selbstverständlich! 
Ebenso selbstverständlich fand man es, dass der Baron 
die Champagnerbude beständig umkreiste, und zwar 
mit siegesstrahlenden Augen, die aller Welt verrieten, 
was nun endlich — 
„ls ja Unsinn! Ich glaub’s noch nicht!“ keuchte 
der dicke Schmettau, vor dem nahen Delikatessenbüffet 
stehend und schlürfte mit Behagen eine Auster nach 
der anderen hinunter. 
„Kommen Sie, meine Herren, wir wollen jetzt 
unseren Wohltäligkeitstribut auch der Champagnerbude 
bringen!“ rief er einigen Offizieren zu, unter denen sich 
auch Kurt befand, welcher seit jenem Abend im Schau 
spielhause auffallend blass geworden war. 
Nun standen die Herren vor der Champagnerbude 
und Hessen sich den schäumenden Trank von den 
zierlichen Händen der beiden Damen kredenzen. 
Die Stimmung wurde immer brillanter. Nur der 
Baron Fritz stand mit leicht gerunzelter Stirn unter 
den andern Herrn. 
Überhaupt war er in der letzten Zeit ein wenig 
nervös geworden; seine Bemühungen um die niedliche 
Komtesse waren doch etwas anstrengend. 
Ihr zur Liebe hatte er das Radeln gelernt! 
Oh! Und wie viele blaue Flecke hatte er davon 
bekommen! 
Es war eigentlich abscheulich! 
Er ritt, er kutschierte, er lief Schlittschuh, er tanzte 
und malte! 
Und das war ihr alles noch nicht genug! 
„Diese tausendwöchigen Damen haben eine be 
wunderungswürdige Kraft und Ausdauer!“ seufzte er 
im stillen. 
„Auf das Wohl der Damen!“ tönte es da neben 
ihm mit Begeisterung. 
Nun musste er natürlich mit anstossen. Er bat 
die Komtesse um ein Glas Champagner. Wie das 
schäumte und perlte! Und wie ihre Augen dabei 
lachten und strahlten voller Lebenslust und Übermut! 
Dicht daneben stand Kurt, keinen Blick von der reizen 
den Cousine verwendend. Nun erhob der Baron das 
Josefine Dora 
als «Knieriem» in «Lumpazivagabundos». 
Glas und wollte mit der ihm eigenenen Eleganz 
und Sicherheit — 
Aber was war denn das? Seine Hand zitterte! 
Wie unangenehm! Ja, warum zitterte sie denn 
eigentlich? 
Er ärgerte sich — über sich selber — über Kom 
tesse Edith — über die ganze Champagnerbude! 
Aber das musste ein Ende nehmen. 
Er fasste im stillen den Entschluss, so bald wie 
möglich nach Baden-Baden zu reisen — natürlich in 
Gesellschaft seiner jungen Frau. 
„Klirr!“ tönte es da. 
Der Baron hatte in seiner Erregung mit dem Cham 
pagnerglase gegen einen Armleuchter gestossen, das 
Glas war seiner Hand entfallen, um es im Fallen zu 
halten, hatte er nur in die Scherben hineingegriffen! 
Dass ihm auch dass noch passieren musste! Und zum 
Überfluss blutete auch noch sein Finger! 
Die Komtesse kam mit einem weissen Tüchelchen 
und einer kleinen Schale voll Wasser, um des Barons 
Finger zu verbinden. 
Der Baron sah triumphierend um sich. 
„Es tut mir immer so leid, wenn einem »alten« 
Herrn ein Malheur passiert!“ sagte Edith unbefangen 
und beugte sich mitleidig über den verwundeten Finger. 
Dem Baron wurde schwül zu Mute. »Alter Herr!« 
gellte es ihm in den Ohren. 
Er war aus allen seinen Himmeln gerissen! 
Die Herren bissen sich auf die Lippen. 
Eine gedrückte Stimmung kam schnell über die 
kleine Gesellschaft. 
Der Baron fuhr nach Hause und verwünschte den 
Champagner und — die jungen Damen von tausend 
Wochen! Aber, vergnügt vor sich hinpfeifend, trat 
Kurt seinen Heimweg an; so leicht war ihm lange 
nicht ums Herz gewesen! Er lächelte. 
Einige Wochen vergingen, der Karneval war vorüber. 
Der Rittmeister von Ellern war mit seiner Gattin 
erst vor kurzem von einer längeren Urlaubsreise zurück- 
gekehrt, und sein erster Besuch galt natürlich dem 
Baron, um sich nach dessen Ergehen zu erkundigen. 
Gedämpften Schrittes ging er durch die wohlbekannten 
Räume, um den Freund zu überraschen; nun klopfte 
er an die Tür, welche zu des Barons Arbeitszimmer 
führte, aber niemand antwortete. 
Er öffnete leise und schlug die blaue Sammetportiere 
zurück. 
„Guten Morgen, Fritz! So in Gedanken? Wie 
geht's? Wir haben uns lange nicht gesehen!“ 
Erschrocken fuhr der Baron herum: „Ach, Du bist's! 
Verzeih 1 ! Ich hatte Dein Kommen überhört! Willkommen 
in Berlin!“ 
„Nun, wie ist es Dir ergangen? Wie steht es mit 
Komtesse Edith?“ 
„Es ist alles anders gekommen! Ich heirate die 
Schwiegermutter!“ 
„Wa — was?“ rief von Ellern aufspringend, um 
sich im nächsten Augenblick kraftlos wieder auf die 
Chaiselongue niedersinken zu lassen. 
„Wie es eigentlich gekommen, weiss ich selber 
nicht, jedenfalls habe ich eingesehen, dass eine Dame 
von „zweitausend“ Wochen doch auch noch sehr 
interessant sein kann. Ja, und dann — weisst Du —“ 
stotterte er etwas verlegen, „die jungen Damen von 
tausend Wochen sind mir doch etwas na, mit einem 
Worte: etwas zu babylike! Weisst Du solch ein Ent 
schluss kommt einem manchmal so plötzlich, und - 
es ist besser so!“ 
„Ja, und was das schönste ist — — “ sagte der 
Baron, „Gräfin Ilse wird nun schliesslich doch noch 
Schwiegermutter!“ 
„Wie ist es möglich? Und wessen denn?“ 
„Edith hat sich mit ihrem Vetter Kurt verlobt. Du 
erinnerst Dich doch des jungen Husarenleutnants?“ 
„Natürlich, natürlich!“ rief der Rittmeister. 
„Auf diese Weise werde ich also Schwiegervater!“ 
sagte der Baron mit einen resignierten Seufzer. 
„Hurra! Es lebe der neue Schwiegerpapa!“ rief 
von Ellern. 
„Hm — weisst Du, Lothar, das einzig Unangenehme 
bei der Sache ist, dass die Komtesse mich beständig 
„Papa“ nennt, und noch dazu vor allen Leuten 
Schauderhaft! 
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