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Full text: Berliner Leben Issue 8.1905

Baron Fritz. 
Humoreske von Olga Görlitz. 
(Nachdruck verboten). 
Ein feiner Cigarettenduft erfüllte die Luft des mit 
höchster Eleganz eingerichteten kleinen Salons, dessen 
weit geöffnete Glastür auf eine herrliche Veranda führte» 
von welcher man über den Rolandbrunnen fort gerade 
die Siegesallee hinunterschauen konnte. Baron Fritz 
wohnte nämlich an der Bellevue- und Victoriastrassen- 
Ecke. Augenblicklich sass er vor einer kunstvoll ge 
schnitzten Staffelei und malte — malte einen Fächer 
Eine graziöse Amorette nach der anderen, schwebend 
und tanzend auf zierlichen Blumenranken, entstand 
unter der schlanken, aristokratischen Hand, welche 
gar geschickt den Pinsel zu führen verstand. 
Jetzt legte er die kleine Porzellanpalette auf das 
neben ihm stehende Tischchen, lehnte sich bequem 
zurück und betrachtete befriedigten Blickes das sich 
seiner Vollendung nahende kleine Kunstwerk. 
Tiefe Stille herrschte um ihn her, nur hin und 
wieder unterbrochen von dem schnarrenden Ruf des 
munteren Papageis im goldglänzenden Käfig: »Guten 
Morrrrgen, Barrron Fritz!« 
Klirrende Schritte ertönten im Nebenzimmer. Ein 
schlanker Dragoneroffizier trat ein. 
„Morgen, lieber Fritz, wie geht’s? Wollte Dich 
nach dem Tattersall abholen, möchte da ein neu an 
gekommenes Pferd besichtigen, eventuell kaufen, aber 
ohne Deinen Rat wollt’ ich nicht wählen!“ 
Baron Fritz reichte seinem Gast eilig die Hand, 
„Sehr gern, lieber Lothar, aber Du musst ein wenig 
warten.“ 
Der Rittmeister lachte. 
„Du, was malst Du denn da?“ 
„Hm — Kleinigkeit! Vielliebchengeschenk!“ 
„Ah! Galant, wie immer! Und für wen ist denn 
diese reizende Kleinigkeit?“ 
„Für Fräulein von Wellau!“ 
„Für die kleine Wellau?“ lachte Rittmeister von 
Ellern, »aber ich bitte Dich, sie ist ja noch ein Kind, 
sechszehn Jahre alt!« 
„O, bitte sehr, sie ist schon ganz lady like!“ 
„Babylike, willst Du wohl sagen!“ erwiderte der 
Rittmeister, indem er ein Glas Sherry mit einem Zuge 
austrank. 
Baron Fritz zog ärgerlich die Augenbrauen in die 
Höhe. 
„Mein lieber Lothar, ich habe nun einmal ein »faible« 
für diese ganz jugendlichen, entzückenden Mädchen 
blüten, diese holden Knospen —“ 
„Wie poetisch!“ murmelte es aus dem Schaukel 
stuhle heraus, auf welchem der Rittmeister auf und 
nieder wippte. 
„Diese holden Knospen von tausend Wochen,“ rief 
der andere mit Ekstase, »machen nun einmal einen 
kolossalen Eindruck auf mich! Während ich den 
Miss May Henderson 
«The dusky Queen 
(Apollo-Theater). 
Damen gegenüber, die über »zwanzig«, nun — sagen 
wir allenfalls über »dreiundzwanzig Jahre« alt sind, 
eine entschiedene Antipathie empfinde! Ja, lache Du 
nur! Jedenfalls bin ich fest entschlossen, falls ich noch 
heiraten sollte, nur ein junges Mädchen zu wählen, 
welches nicht über tausend Wochen alt ist!“ 
Der Rittmeister lachte, dass es dröhnte. 
„Du bist köstlich, Fritz, vergisst aber ganz und gar, 
dass Du neunundvierzig Jahre alt bist!“ 
Der Baron räusperte sich heftig. 
„Erlaube, achtundvierzig einhalb!“ 
ln diesem Augenblick kloplte es an die Tür. Der 
Kammerdiener erschien. 
„Ich wollte dem Herrn Baron nur melden, dass 
das »Eau de lis« von Lohse und die rotseidenen 
Strümpfe von Bister eben angekommen sind.“ 
„Donnerwetter, ich habe Besuch!“ rief Baron Fritz 
ärgerlich, indem er die Asche seiner Cigarette heftig 
an dem Rande eines silbernen Aschbechers abklopfte. 
Der Kammerdiener verschwand lautlos. 
„Nun, meinetwegen brauchst Du Dich nicht zu 
genieren, was das »Eau de lis« anbetrifft,“ sagte 
lächelnd von Ellern, „obgleich ich wirklich finde, dass 
Du es garnicht nötig hast!“ 
Baron Fritz stand jetzt dicht vor seinem Freunde 
und richtete seine stattliche Gestalt straff auf. 
„Ja, ich denke, ich sehe noch ganz gut aus?“ 
„Na, aber vorzüglich! Unter uns gesagt, ich glaube, 
Du könntest noch gefährlich werden! Und dann ab 
gesehen von Deiner eleganten Persönlchkeit, Du hast 
einen vortrefflichen Charakter, bist beliebt bei Hofe 
und überhaupt in der ganzen ersten Gesellschaft, bist 
Majoratsherr „auf, von, zu usw.“, Reserveoffizier beim 
Kürassier-Regiment Königin! Was willst Du noch? 
Jetzt fehlt Dir nur eine reizende junge Frau!“ Der 
Baron hielt sich in scherzhafter Entrüstung beide 
Ohren zu. 
»Ja, ja, ich kenne Deine und Deiner liebenswürdigen 
Frau Lieblingsidee! Das wäre ja schliesslich auch alles 
ganz schön, wenn — nur die Schwiegermütter nicht 
wären! Aber ich habe einen unbeschreiblichen Abscheu 
vor den Schwiegermüttern! Wenn ich mir eine solche 
vorstelle mit dem unvermeidlichen Kapothut, einer 
grossen, steifen Schleife unter dem stattlichen Doppel 
kinn, einem kräftigen Embonpoint, einem Paar runder, 
eigentümlich bestimmt blickender Augen und dazu — 
die bekannte Energie — nein Lothar, das kannst Du 
nicht verlangen!« 
«Aber nun tu’ mir den Gefallen,« fiel der Rittmeister 
ein, und komm’, die Pferde können nicht länger stehen.« 
Vor der Haustür stand längst ein elegantes Tandem 
mit zwei feurigen, hinter einander gespannten Rappen, 
welche der kleine, flotte Groom Mühe hatte, in Ruhe 
zu halten. Endlich erschienen die beiden Herren und 
stiegen auf. 
Baron Fritz kutschierte. Und wie kutschierte er! 
Das war eine Eleganz, eine vornehme Ruhe, welche 
— aha, jetzt lenkte er dem Brandenburger Tor zu. 
Du machst wieder Aufsehen!« flüsterte von Ellern 
sein Monocle fester ins Auge klemmend. 
Baron Fritz verzog keine Miene, nur das übermütige 
Aufleuchten der blauen Augen verriet, dass er die 
Worte des Rittmeisters vernommen hatte. 
Einige Minuten später hielt das Tandem mit 
schneidigem Ruck vor dem Tattersall still. 
Eine Premiere im Schauspielhaus! 
Vor einem Spiegel im Foyer stand Baron Fritz und 
bürstete mit zwei kleinen Bürstchen sein tadellos fri 
siertes Haar flott nach rechts und links! 
Neben ihm stand von Ellern, ebenfalls mit zwei 
Bürstchen beschäftigt. 
»Höre mal, Fritz, Du wirst heute zwei sehr liebens 
würdige Damen kennen lernen, eine Freundin meiner 
Frau, die verwitwete Gräfin Ilse von Dahlen mit ihrer 
Tochter; Komtesse Edith ist die holdeste Knospe von 
noch nicht ganz tausend Wochen, wie Du sie Dir nur 
irgend wünschen kannst! In allem Ernst, sie ist aller 
liebst, und vielleicht —“ 
„Lothar, hör’ auf! Du weisst doch — die Schwie 
germutter!“ 
„Oho, da könntest Du zufrieden sein, Gräfin Ilse 
ist eine sehr liebenswürdige Frau!“ 
Meinetwegen! Aber komm’ jetzt, es hat schon zum 
zweiten Mal geklingelt!“ Lautlos öffnete sich die
        
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