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Full text: Berliner Leben Issue 8.1905

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Er bemerkte niemals, dass so ziemlich immer das Gegen 
teil dessen drinnen stand, was er erzählt hatte. 
Jedenfalls war er am andern Morgen immer sehr stolz, 
wenn er sich lesen durfte.. Manchmal kam auch diese oder 
jene kleine Schauspielerin in den Kreis. Und immer war 
es Herr Salinger, der sie nach Hause bringen durfte. 
Wer sonst hätte das Geld gehabt, den Wagen zu bezahlen? 
Dass Herr Salinger auch für moderne Malerei in aller 
Eile ein inniges Verständnis und eine tiefe Liebe gewann, 
brauche ich kaum zu sagen, das ist ja selbstverständlich. 
Nur mit dem Kaufen sah es in diesem Falle bös aus. 
Bilder sind doch zu teuer. 
Und zu höheren Summen verstieg sich Herr Salinger 
doch nicht. 
Ein bischen Geschäftsmann war er ja doch noch ge 
blieben. Er pflegte in solchen Fällen sich dann doch vor 
zurechnen: wie viel Stoppeln muss ich verkaufen, damit ich 
200 fl. ausgeben kann. . . Meistens waren das so fürchter 
lich viel Stoppeln, dass aus dem Bilderkauf nichts wurde. 
Bei zehn Gulden war die Grenze, bis dahin trug ihn die 
Kunstbegeisterung, weiter nicht; von zehn Gulden aufwärts 
wurde Herr Salinger kalt und berechnend. Immerhin, der 
Kreis hatte ihn weit gebracht und viel aus ihm gemacht. 
Sogar sein Exterieur hatte sich zusehends verbessert. Das 
war allerdings das Hauptverdienst des jungen Windhundes. 
Der Apostel der englischen Mode konnte seinem 
Outfitter nicht so viel schuldig bleiben und ihm gar keine 
Revanche bieten. 
Herr Salinger war die Revanche. Herr Salinger zahlte 
bar und wurde der Stolz, der Elegant, das Ausstattungs 
objekt des Kreises. 
Alle wären mit ihm zufrieden gewesen, wenn nicht 
Eines gestört hätte: Herr Salinger war verlobt. Seit langer 
Zeit schon. Sie war nett, hübsch, lieb, gut, bürgerlich — 
aber halt die grosse Frage brachte sie ins Rollen: Wird 
sie ihm dem Kreis, dem er so Vieles bedeutete, entfremden? 
Wird sie auch zum Kreis passen? 
Der Kreis hätte dem hierin Salinger so gern eine andere 
Frau empfohlen, die schon bewährt war, von der man 
wusste, aber in der Beziehung war nichts zu machen mit 
Herrn Salinger, da hatte nicht einmal der amerikanische 
Windhund, der sein Intimster war, Einfluss. 
Herr Salinger bestand darauf, seine bürgerliche Liebe 
zu heiraten. 
Er behauptete allerdings, dasls er bereits angefangen 
habe, sie modern zu machen. Aber Herr Salinger war 
doch noch selber so neu in der Branche — und überdies, 
man hatte Beispiele, dass junge Damen vor der Hochzeit 
sehr willig und nachher sehr unwillig gewesen sind. Kurz, 
man fürchtete sehr um Salinger. Wie ein Aufschrei der 
Erlösung ging es durch den ganzen Kreis, als Herr Salinger 
eines Abends die Nachricht brachte: „Meine Braut hat ein 
gewilligt, dass ich die Wohnungseinrichtung übernehme — 
natürlich werde ich mich modern einrichten.“ 
Also der Windhund hatte gesiegt, er war eben doch ein 
Draufgänger, ein Tatenmensch, ein Amerikaner. 
Der Windhund wird dem Salinger die Wohnung ein 
richten, wird dem jungen Paar ein modernes Interieur 
schaffen, die junge Frau muss in dem Milieu unwillkürlich 
auch ganz modern werden. Herr Salinger wird dem Kreis 
erhalten bleiben, das stand fest. 
Vielleicht gewinnt der Kreis sogar zu seinen modernen 
Empfindungen, Ansichten und Bedürfnissen endlich auch 
die passende Umgebung und den einzig möglichen Rahmen. 
Der ganze Kreis freute sich kindlich auf die moderne 
Wirkung. 
Der Windhund zeichnete die Entwürfe für die Möbel, 
denn Architekt sein, war eigentlich sein Beruf. 
Alle Skizzen und Pläne wurden im Cafd durchgesprochen, 
kritisiert und erörtert. Salinger durfte zu keinem grossen 
Tischler, zu keiner ersten Firma gehen, die fabrikmässig 
und schienderisch arbeiten. O nein, er musste dem Klein 
gewerbe aufhelfen und den künstlerisch arbeitenden Einzel 
meister unterstützen. 
Alle Augenblicke war irgend Einer bei dem Mann in 
der Werkstatt und sah zu, wachte und förderte und er 
stattete abends Bericht über die werdende Wohnungs 
einrichtung. 
Herr Salinger durfte nichts, gar nichts allein einkaufen; 
man Laute ihm nicht über den Steg; die Wohnung musste 
tadellos werden; Einer oder zwei aus dem Kreise gingen 
immer mit als Sachverständige und Experten und auch als 
Referenten des Stammtisches. Die Wohnungsausstattung 
des Herrn Salinger drängte alle andern abendlichen Ge 
sprächsthemen in den Hintergrund. 
Der ganze Kreis war fieberhaft bewegt. Man sprach 
montelang nichts anderes, als von diesem einen Thema. 
Natürlich sprach man unter einander blos immer von 
unserer Wohnung, denn sie alle liebten diese Wohnung 
wie ein eigenes Kind und betrachteten sie als ureigenste 
Schöpfung. 
Bilder waren dem Plerrn Salinger zu teuer, deshalb 
wurden hauptsächlich Stiche und Radierungen gewählt. 
Der Kreis prüfte streng und behielt nur das Beste. 
Zweimal musste Herr Salinger die Hochzeit verschieben, 
weil die Wohnung nicht fertig wurde, und vor der 
Vollendung erlaubte der Kreis nicht, dass sie bezogen 
wurde .... 
Endlich war das Kunstwerk, an dem ausser den un 
zähligen Professionisten noch sieben Aestheten mitgearbeitet 
hatten, fertig. 
Der amerikanische Windhund, dem das grösste Ver 
dienst zufiel, hatte darauf bestanden, dass zwei Tage lang, 
noch ehe sie bezogen wurde, die Wohnung der allgemeinen 
Besichtigung freigegeben wurde. 
Es war die erste Wohnung, die der Windhund ganz 
nach seinem Geschmack hatte einrichten dürfen; was 
Wunder, dass er sie zeigen wollte, er wollte doch berühmt 
und reich werden, die Leute sollten ihn und seine Leistungs 
fähigkeit kennen lernen. 
Aber die Aestheten, welche mitgeholfen hatten beim 
Wählen und Einrichten, hatten von dieser Wohnung soviel 
erzählt und gesagt, auch die Aestheten brachten ihre Be 
kannten mit. 
Kurz, es gab einen feierlichen, schönen und stark be 
suchten Eröffnungstag. Der Erfolg war grossartig, das 
Brautpaar wurde allseitig beglückwünscht und strahlte vor 
Stolz und Seligkeit. 
Sie hatten so das Gefühl: wir stehen im Mittelpunkt der 
modernen Bewegung. Und weil die Wohnung gar so 
schön war, beschlossen sie, von der Hochzeitsreise ab 
zusehen, und ihre Flitterwochen in der eigenen Wohnung 
zu verbringen. Hundertundsiebenundachtzig Menschen 
hatten diese reizende, moderne, vorbildliche Wohnung be 
sichtigt und waren entzückt gewesen. 
Plundertsiebenundachtzig Menschen zogen in ganz Wien 
herum als Propheten dieses Juwels, ausserdem aber waren 
sechs Aestheten und ein junger ehrgeiziger Architekt an 
dieser Wohnung interessiert. 
Daran hatte das junge Ehepaar vergessen, als es beschloss 
die Flitterwochen in seiner Wohnung zu verleben. Um acht 
Uhr Früh kamen die Leute, welche um neun Uhr in’s Bureau 
mussten, geführt vom Architekten, der bedauerte, ihnen nur 
den Salon und dss Speisezimmer zeigen zu können, weil es 
noch zu früh sei; um 10 Uhr kamen die Professionisten, 
um ihren Kunden zu zeigen, was sie zu leisten im Stande 
sind; um elf Uhr kamen die jungen Frauen, welche gerade 
Einkäufe machten und in der Nähe waren; um zwölf Uhr 
kamen die Aestheten, ausgeschlafen und munter, im Begriffe, 
zum Frühstück zu gehen, und wollten nur einen raschen 
Blick auf ihre geliebte Wohnung werfen; um ein Uhr kam 
eine bekannte Schauspielerin, welche viel von diesem ent 
zückenden Heim gehört hatte, und sich geradeso einrichten 
wollte; um zwei Uhr kam der Architekt nochmals mit einem 
Rat vom Ministerium und zwei bdrühmten Malern, kaum 
dass das junge Paar sich zwischen drei und vier ein bischen 
erholen konnte; um vier Uhr kamen schon wieder Besuche 
von Bekannten und Unbekannten, welche soviel gehört hatten 
und nicht umhin konnten. 
Gegen sechs Uhr rückten aber wieder die Aestheten ein, 
welche neuerdings kaffehausmüde geworden waren, und 
und dieses behagliche Interieur, das sie sich ganz nach 
eigenem Geschmack eingerichtet hatten, jedem anderen Auf 
enthalt vorzogen. Leider mussten sowohl die Aestheten als 
auch Herr und Frau Salinger um sieben Uhr die Wohnung 
verlassen, denn zwischen sieben und neun Uhr wollte ein 
sehr, sehr hoher Herr die Wohnung besichtigen, geführt 
vom Architekten, der dieses Wunderwerk geschaffen. 
Leider war der hohe Herr etwas menschenscheu und 
hatte gebeten, dass sich die Plausleute einstweilen entfernen. 
Erst am fünften Tage schickten Herr Salinger und Frau 
dem jungen Architekten die Schlüssel der Wohnung und 
teilten allen ihren Verwandten und Bekannten ergebungs 
voll mit, sie wären zur Erholung nach Sorrent, gefahren — 
nnd die Wohnung wäre zu besichtigen gegen vorherige 
Meldung bei Herrn Soundso, Architekten, oder bei den 
Herren des Stammtisches im modernen Cafe.
        
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