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Full text: Berliner Leben Issue 8.1905

Die Furcht vor dem Bilde. 
Novellette von Alfred Friedmann. 
(Nachdruck verboten). 
Robert de Warsagh war ein Bewunderer Italiens. Seit 
seinen Jugendtagen — und er stand nun an der Elfenbein- 
piorte der nachdenklich machenden Vierzig : — hatte er das 
Land der Sehnsucht von Genua bis Palermo, von Turin bis 
Rom durchquert, durchwandert, und jeden Lenz überkam 
ihn die Sehnsucht nach dem Lande der Erfüllung neu. 
Das letztemal war er allein an der Azurküste gewesen, 
hatte allen Zauber von Bordighera bis Monaco genossen, 
Krokus in Allassio, Rosen in Mentone, Orangenblüten und 
die Frucht vom selben Baume in Montecarlo pflückend. 
Dort traf er mit seinem uralten Freunde, dem gelehrten 
Doktor Olifus zusammen, der über alle Dinge und noch elf 
andere Dinge Bescheid wusste. Es blieb ungemein an 
regend und belehrend, mit diesem Sonderling zu plaudern, 
der ein feuchter Holländer voll trockenen Humors war, und 
für den es keinen Gegenstand gab, über den er nicht er 
schöpfend zu sprechen gewusst hätte, und keinen, über den 
er es nicht tat. 
„Hüten Sie sich vor dem Spiel und den Frauen! Holla, 
Garcon! Kellner 1 Bringen Sie mir Feuer. Soll diese 
Pfeife aus Haarlem etwa so lange warten, wie der Mensch en- 
kloss, bis Prometheus das Feuer für ihn vom Himmel ge 
holt hatte?“ 
Die Pfeife dampfte. 
„Hüten Sie sich vor den Frauen und dem Spiel! Sehen 
Sie jene Welle. Sie kommt vielleicht von der steilen Küste 
Sorrents, oder, nachdem sie sich mit einer Schwester an 
den Mauern Athens vermählt und die weissen Füsse des 
antiken Syrakus gebadet, ausSikelien, jenem zweiten Griechen 
land . . .“ 
„Ich sehe viele Wellen,“ unterbrach Robert de Warsagh, 
„doch ich weiss nicht, welche Sie meinen!“ — 
Er war jetzt schon ungeduldig. 
Aber Herr Doktor Olifus bewies haarscharf, dass die 
Frauen und die Göttin des Spielglücks so falsch waren, 
seien und blieben, wie jene Welle, die sich eben an den 
Ufern der Condamine brach und die so weit her gereist 
sein sollte. — — — 
Sie besuchten dann zusammen ein Hotel, das einst ein 
altes Fürstenhaus gewesen und mehrere Prachtzimmer mit 
künstlerischen Einrichtungen besass. Diese letzteren hatte 
der Direktor des neuen Palace-Hotels aufgekauft, um damit 
einige wieder fürstliche Gemächer seines eben vollendeten 
Marmorfeenmärchens für Nabobs, Pereires, Vanderbilts, 
Morgans und andere zu füllen. 
Dr. Olifus bewohnte eines der noch nicht ausgeräumten 
Zimmer. 
Sehen Sie sich, kleiner Robert de Warsagh, diese 
Boulemöbel, diese bauchigen, geschweiften Kommoden mit 
den zwei geräumigen Schubladen, bronzebeschlagenen 
Zieraten und Handgriffen an. Diese Konsolen, Supraporten, 
Nipptische von Mahagoni, eingelegt mit seltenen Plölzern und 
Steinen und — bemalt von Watteau, Chardin, Lancret! 
Alles steht auf etwas, nichts in der Luft; alle Künstler haben 
ein Vorbild, setzen etwas, einen oder mehrere, fort. Die 
Italiener beeinflussen Rubens den Niederländer. Die Hol 
Gescliwisler Nansen 
schwedisch-deutsche Sängerinnen, genannt 'die nordischen Nachtigallen« 
(Apollo-Theater). 
länder wieder diese Franzosen, welche hier Wunder von 
Komposition, Form und Farbe geschaffen. Diese Schäfer 
szenen hier sind von Watteau. 
Watteau, par la nature, ornd d'heureux talents, 
Fut trds leconnaissant des dons qu’il requt d’elle: 
Jamais une aure main ne la peignit plus belle, 
Et ne la süt montrer tous des traits si galants! 
(C. Moraine). 
Seine Eleganz ist nicht mehr edel und still, wie die des 
Jahrhunderts Ludwig XIV, aber feiner, subtiler, schmach 
tender, durchgeistigter. Das siebzehnte war klug und intel 
lektuell. Das achtzehnte in seiner Malerei vor allem welt- 
und sinnlich! Watteau wurde zu Valenciennes 1684 ge 
boren. . . . 
Robert de Warsagh hörte nicht mehr, wie Dr. Olifus 
dozierte, dass Watteau die Bekanntschaft mit der italienischen 
Komödie machte und dadurch jene Welt von Pierrots, Scara- 
mouches, Arlequins und Colombinen kennen lernte, die auf 
seinen zahlreichen Bildern und hier auf den Panneaux, 
Kommoden, Ueberhängen von Türen ein etwas ausgelassenes 
und, ohne Uebertreibung, ein wenig dekolletiertes und 
unverfrorenes Tanz- und Liebeswesen trieben. Einige Damen 
waren so ausgeschnitten, wie es die Hofetikette bei uns 
auch den sechzigjährigsten Matronen eines verehrungs 
würdigen Adels vorschreibt. Unter dem Deckmantel länd 
licher Vergnügungen trieben da Nymphen und Schäfer 
vielerlei Scherze. Eine Einschiffung nach der Liebesinsel 
Cythere gab ?u allerhand Enthüllungen Anlass. Ein Vogel 
dieb hielt das gefundene Nest vom erhöhten Standpunkt 
seiner Schäferin unter die Augen und entdeckte selbst wieder 
dabei zwei allerliebste, leider auch ganz unbeschützte zitternde 
bangende Vögelein. Galante Spiele! fötes galantes. 
Ja, Dr. Oiifus dozierte noch immer vom Einfluss von 
Rubens und Rembrandt auf die „Venus bei Vulkan“ von 
Boucher, „auch so einem“, auf die „beiden Vertraulichen“ 
von demselben farbenreichen Schwerenöter — aber Plerr 
Robert de Warsaghe war mittlerweile schon in den Mai 
und Juni geraten, über Gotthard oder Brenner ins kimmerische 
Deutschland zurückgekehrt, wo er so etwas wie Attache ist- 
Und so wenig beachtete er die Mahnung von den wellen 
falschen Frauen, dass er das Jahr darauf mit einem jungen 
scharmanten Weibchen, Elly, wieder in das Land der Sehn 
sucht uod das weisse Feen-Marmormärchen, „Palace-IIotel“ 
des Herrn Luigi Steinschneider genannt, zurückkehrte. Dort 
verbrachte er Honigmondtage, Flitterwochen, Lenzmonate. 
Und zwar gerade in den Watteau-Zimmern, die nun mit den 
Louis .XV.-Möbeln jenes alten Fürstenpalastes ausstaffiert 
waren. Sein junges Weibchen hatte ihre helle Freude an 
den graziösen und grazilen Kolleginnen; ach, Robert musste 
sie erst auf all die Entblösstheitheiten aufmerksam 
machen. Ihr reines, unberührtes Gemüt sah nichts Schlimmes 
da und nirgends auf der Welt; es sah über Watteau, das 
blaue Meer und den Felsen von Monaco hinweg und kehrte 
nur immer zu dem einzigen Punkt auf der Erde zurück, der 
Interesse für sie besass, zu ihrem geliebten Robert. 
Wenn man ihr gesagt hätte: die Welt stürzt ein, deine 
Mutter ist tot, oder sonst etwas Schreckliches, und sie wäre 
gerade im Begriffe gewesen, ihren Neuvermählten zu küssen, 
so würde sie die Antwort gegeben haben des ITerrn von 
Bassompierre, der gerade ein Menuett mit Maria von Medici 
zu tanzen beginnen sollte: „Die Welt stürzt erst ein, oder 
meine Mutter ist erst tot, wenn mein Tanz zu Ende.“ — 
Aber die Rosen blühen nicht ewig und die Lenztage 
an der Riviera sind gezählt. Die Reden des Doktors Olifus, 
so lang, schön und gelehrt sie sein können, müssen einen 
einen Schluss haben, schon aus dem Grunde, weil er selbst 
einen hat. Das junge Ehepaar hatte alle Ausflüge ge 
macht, Geld gewonnen und verloren, Kleider für Elly 
waren bei Redfern bestellt und sogar geliefert worden und 
nun hiess es die Koffer packen. Da klopfte der würdige 
Majordomus in Frack und weisser Binde und bat, Fremden, 
die mieten wollten, die Zimmer zeigen zu dürfen. Elly zog 
die reizenden Lippen unwillig hinauf. Aber in diesen 
letzten, auflackernden Saisontagen ist time money wie überall 
und man gab nach. 
Herein rauschte eine entzückende, schlanke Engländerin 
oder Amerikanerin, in Spitzen, Federn, Diamanten, Perlen. 
Und, mein Liebchen, was willst du noch mehr, zwischen 
zwei Knöpfchen ihres Mieders guckte ein kleines Quistitichen, 
ein Seidenäffchen, in die Welt, so herausfordernd, wie die 
Besitzerin des Mieders selbst. Die Dame war wie Milch 
und Honig, ihr ITaar ein Aehrenfeld im August, auch 
Kornblumen und Cyanen staken auf ihrem Hut, den über 
dies noch ein paar schlohweisse Mövenflügel wie Scheu 
klappen abschlossen. Um ihre Taille wäre der Trauring 
einer Riesendame gegangen. Ueber ihre Füsscheu hätte 
sich Aschenbrödel geärgert, wie nur irgend eine der bösen 
Schwestern über dieses. 
Ihr Begleiter war ein tadelloser Swell. So sahen die 
neuen Mieter aus. Sie verbeugten sich kühl vor den alten 
und die Dame begann zuerst den Plafond und die Tapeten 
zu mustern, als ob sie da ihr Nachtlager aufschlagen sollte. 
Dann den Teppich; sie sah in den Spiegel, nickte dem 
lieben Bekannten darin wohlgefällig zu und — stiess dann
        
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