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Full text: Berliner Leben Issue 8.1905

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Das Wunderkind. 
Skizze von W. Turner-Lcmbcke.f' 
(Nachdruck verboten.) 
„Mausei“ hat Klavierstunde. Mausei ist ein junges 
Fräulein in dem Alter „um sieben Jahr’ herum“. Ihre 
Eltern haben früher bessere Tage gesehen. Das leidige 
„Ueber die Verhätnisse Leben“ hat ihr Vermögen 
verschlungen. Mama kann sich noch immer nicht dem 
neuen Zustand der Dinge anpassen. — Papa kann das 
besser, weil — er muss! Denn schliesslich ist doch er 
es, der „verantwortlich“ für die Familie zeichnet. Er muss 
das heranschaffen, was zum Leben notwendig ist. 
Papa ist, früher’ mal, am Theater gewesen. 
Infolgedessen muss auch Mausei Talent fürs Dramatische 
haben. 
Ein weiterer Beweis für diese kühne Annahme ist dc-m 
plänemachenden Erzeuger die Tatsache, dasr Mausei keinen 
Sinn für alles das zeigt, was sonst die ganze Seeligkeit kleiner 
Mädchen ausmacht. — Spielzeug — Puppenkiam — Neinl 
Dafür hat die Kleine gar kein Inter-sse! 
Sie hat eine ganze Menge Puppen — 
Reizen ie Geschenke der aufmerksamen Freunde des 
Hauses, die, verständig genug, in dem Kind das Kind zu 
wecken trachten, das die Eitelkeit und die Unvernunlt der 
Eltern kalt und rücksichtslos sterben lässt, — 
Welch Zaubergarten ist eine Kinderseele 1 
Es sind kostbare Keime, die dort dr nnen treiben; zarte 
Blumen, die der herzlichsten Pfl ge verständnisvoller Wartung 
bedürfen. 
Wie ganz anders geartet scheinen die Wunderkinder, 
ln Wirklichkeit sind auch sie Kinder, wie alle anderen; 
Kinder, die ebenso lieb unartig, ebenso drollig erheiternd, 
den schweren Ernst des Lebens for’jauchzen könnten, 
wenn — — Ja, wenn sie sich nur getrauten! Sie wag n 
es aber nicht, denn — Mama und Papa haben ja oft genug 
wiederh -H: „Du bist eine Künstlerin!“ Anfangs war das 
wohl tatsächlich nur Scherz gewesen. Aber immer wieder 
sind die Worte von gefälligen Freunden gebraucht worden, 
und ti f, tief haben sie sich in die nach Ersatz suchende 
Kinderseeie eingeprägt Ersatz? 
Trotz ihrer Jugend fühlt und empfindet Mausei doch, 
dass andere Kinder anders geartet sind, oder dass sie anders 
erzogen werden. 
Sie sieht rings um sich die glücklichen Gesichter, sie 
hört ihr Tollen durch Haus und Garten — 
Unwiderstehlich lockt es sie, herzhaft froh zu sein mit 
den Fröhlichen — Auch mal Dummheiten zu machen, so, 
dass alles, was erwachsen ist, aus dem Häuschen gerät ob 
des „unerhörten Unfugs“; wenn sich im stillen auch jeder 
drtiber freut und die naive Schelmerei tüchtig belacht — 
Aber Mausei ist zu korrekt erzogen worden — 
Gleich w 11 sie die andern Kinder meistern und belehren. 
Erst — o, zuerst lachen die die Schulmeistern gründ 
lich aus. Das Lt zwar verletzend, aber ihre kleine Seele 
verträgt es, wenn sich auch die Augen mit Thränen füllen 
und der emste Kindermund weltschmerzlich zuckt. 
Und sie setzt die B kehr mgsversuche solange fort, bis 
— die andern ihr mit Beweisen des Rechts auf Unfug 
und Austoben kommen — — 
Das heisst; Bis sie ein paar Püffe oder Ohrfeigen weg hat. 
Dann schreit, heult und brüllt Mausei zwar auch, wie 
jedes andere Kind, aber — — 
Ihr Schmerz geht tiefer! Der Stolz in ihr bäumt sich 
auf, dass sie, die „Künstlerin“, sich von den „Kindern“ 
gefallen lassen soll. 
Trübselig hat sie sich in ein Eckchen gekauert, und 
dort überlegt sie nun emsig, wie sie diesen Kindern das 
wohl beibringen könne, dass sie selbst eine Künstlerin sei, 
und dass also die Ehre, mit ihr spielen zu dürfen, eine 
g inz ausser- irdentliche sei I ? 
Energisch hat sie sich denn auch die verräterischen 
Tränen aus den Augen gewischt; mit einem gewissen 
Applomb, den sie Mama beim Ausschelten des Dienstmädchens 
abgesehen, nähert sie sich wieder den lustig Spielenden: 
„Dul Weisst Du, wer ich bin?“ Der kleine Junge, den 
sie in ihrem heiligen Eifer am Arm ergriffen hat, dreht 
sich erstaunt um: „Wieso denn?“ feixt er. „Ich bin eine 
Künstlerin!“ Er sieht sie verwundert an; dann meint er, 
mit recht jungenhafter Logik: „Quitschkopf!“ 
Das ärgert sie zwar; aber den heiligen Eifer, ihn eines 
Besseren zu belehren, vermag auch diese Beleidigung nicht 
aufzuhalten: 
Ich kann schon ’ne Sonate von Bethoven aufm Klavier 
ohne Fehler spielen.“ 
Er schnippt mit den Fingern. „Nu, wenn schon]!“ 
Das hat gar keinen Eindruck auf ihn gemacht! 
„Du! — das ist aber sehr schwer! Grosse Leute machen 
rechts und links mit den Händen Fehler — —“ 
Er lässt sie gar nicht weiter reden: 
„Wenn das so schwer ist — na, warum machst Du’s 
denn? Überhaupt — die Klavierklimperei! Zum Geburts 
tag hab’ ich mir ’ne Trompete gewünscht! Dann will ich 
dir ’mal was vorblasen!“ 
„Kannst du denn Trompete blasen?“ 
Er sieht sie furchtbar verächtlich an: 
„Dazu braucht man ’ne tüchtige Puste, und sowas! Und 
die hiben bloss wir Jungens!“ 
„Puste hat das Klavier auch!“ verteidigt sie sich, wenn 
ich das Pedal trete — —“ 
„Das musst du immer machen!“ belehrte er sie, je 
mehr Pus e, je mehr Radau! Und das ist fein!“ 
„Nein! * sie ist vor Eifer rot geworden, „das Pedal muss 
ich nur treten, wenn so ’n rundes Dings unter den Noten 
steht. Das ist aber nur in der Klavierschule immer an- 
gemerkt — — “ 
„Und sonst nicht? Na, da siehst du doch den Quatsch!“ 
„Wieso „Quatsch“?“ 
Na, entweder musst du dann immer mit ’m Fuss drauf 
rumtrampeln; oder — oder gar nicht! 
„Das muss man im Gefühl haben!“ sie verteidigt sich 
noch, a‘-er doch schon s hr kleinla t; denn alle Kraft 
ausdrücke, wie Quatsch“, die sie sonst niehört, imponieren ihr. 
Ja, das imponiert ihr so, dass sie es sich merkt, und bei 
erster Gelegenheit es in Gegenwait der Erwachsenen anbringt. 
Natürlich an ungeeignetster Siel e 
Sodass ihr fein s, helles: Q latsch!“ wie eine Bombe 
in die Unterhaltung der Grossen platzt. Allgemeines Gelächter! 
Dann einzelne heissende Bemerkungen vonTante Euphrosine 
über Kindererziehung uni: wie schwer das doch sei! — 
Früher sei „Derartiges“ unmöglich gewesen! 
Da sie selbst unverheiratet und datier kinderlos ist, darf 
sie sich schon die schroffsten, herbsten Uitele eilauben, 
ohne befürchten zu m ssen, durch eigene verunglückte 
Erziehungsi esultate blamiert zu werden. 
Merkwürdig aber ist es immerhin, dass sich solche, 
durch keinerlei Sachkenntnis getrübte Menschen dann 
gerade stets die schroffsten Urteile erlauben. 
Tante Euphiosine ist das Prototyp der verknöcherten 
Jungfräulicu keit ohne jede fröhliche Jugendreminiszenz. 
Wie so Manche, hat auch sie einst innig geliebt. Aber 
— vorbei! Oder vielmehr: ihr gehe ter Gegenstand ist an 
ihr achtlos vorübergegangen, ohne auf die hund rterlei, 
immer neu und überraschend erfundenen Aufmerksamkeiten 
zu achten, die eine nach einem bestimmten Manne ver 
langende keusche Mädcbenseele sich leisten datf. 
Und eine alternde Jungfrau löst bei so vielen, sonst 
durchaus nicht bösartig Veranlagten Spott aus, der der Be 
troffenen bitter weh tut. 
Mausei hatte natürlich auch von dem, was hinter Tante 
Euphrosine’s Rücken scherzhaft gesprochen ist, mehr aufge 
schnappt,als für ihr begrenzte'Kindergemüt verdau! ich ge wesen. 
Und da ihr das spasshaft erschienen ist, hat sie es, grade 
wieder im ungeeignetsten Augenblick, der ohnehin schon 
durch irgend etwjs empörten Tante, „versetzt“. 
Na, und da ist dann natürlich Spektakel über Spektakel 
entstanden. 
Die beleidigte Tante hat nach der Quelle dieser verletzenden 
Ausdrücke geforscht; Mausei, in ratloser Angst vor der 
Wütenden, ist ehrlich genug gewesen, Namen zu nennen 
Dann hat Tante die „Beleidiger“ zur Rede gestellt und 
ausgezankt — 
Diese haben sich nicht anders helfen können, als dass 
sie die ganze Sache auf ein völliges Nichtverstehen des 
„dummen Kindes“ geschoben haben — 
Ja, und dann ist Alles über Mausei hergefallen! 
Schlusseffekt: Mausei sitzt heulend und schluchzend, in 
ihrem Eckchen, und kommt schliesslich zu dem trost osen 
Resultat ihrer angestrengtesten Ueberlegung: 
Auch die Grossen sind nicht besser wie die Kinder! 
Denn auch sie — wissen nicht, wie ich es ihnen recht 
machen soll! — 
Mausei beginnt nun, zu beobachten. 
Ganz auf eigene Faust — ohne irgend einen Menschen 
um Rat oder Aufklärung zu bitten. 
Nebenbei muss sie stund nlang immer und immer wieder 
dieselben Etüden spielen. Dann kommen Bravourstücke heran. 
Mechanisch spielt sie das Eingepaukte herunter — 
Tadellos, fehlerlos; aber — ohne Seele! 
Die Seele des Menschen i<t sein Empfinden: Seine 
glühende Liebe, sein wild.ir Hass, sein jäher Zorn und sein 
mildes Verzeihen. 
Mattsel kennt und empfindet das Alles nicht! 
Höchstens, dass sie ’mal eine verächtliche „Lippe zieht“, 
wenn der Applaus nach ihrem Abgang weniger dröhnend 
gewesen ist. 
Wie langweilig werden ihr alle Menschen. A le sagen 
ihr ja immer dasselbe. Fast mit denselben Worten, Und 
doch wa tet sie bei Jedem darauf, dass diese Worte fallen. 
Und sie freut sich soger ein wenig darüber, dass bei 
einer Hoffestlichkeit nach ihrem Spiel der st*-i e Hofmarschall 
sie mit „Sie“ und „gnä’ges Fräulein“ angeredet, als er ihr 
„Sr. Durchlaucht allerhöchste Befriedigung über geradezu 
magnitiques Spiel“ ausgedrückt hat 
Aber das waren Minuten des Glücks, die über Stunden 
nachdenklicher Ueberlegung nicht hinwegtäuschen konnten. 
Immer stiller, immer innerlicher wurde das Kind, das 
zur Jungfrau heranreifte, während ihre Seele leer, wie die 
einer Greisin war. 
In ihre weichen Züge hatte sich das Nachtleben deutlich 
mai kiert eingegraben. 
Sie war ja eine Berühmlh it geworden, die junge 
Künstlerin, und in allen tonangebenden Salons der eleganten 
Welt musste sie spielen. 
Abgehetzt kam sie an. Oft schon nach wenigen Stunden 
ging die wilde Jagd weiter. 
Ihre Mutier war gestorhen. Mausei war in Konstantinopel, 
als sie diese Todesnachricht erhielt. Sie weinte ein bischen. 
•“o la ge, bis der Impressario ihr klar gemacht, dass 
verweinte Augen dem Publikum unsymp nhisch seien. Da 
versiegten die Tränen gar schnell. O, Mausei weiss, was 
sie dem Publikum schuldig ist; den Hunderten, die ihr 
schweiet Geld bezahlen, um das virtuosenhafte Spiel zu 
bewundern. 
Lache, Pagode! Lächle uns dankend zu; uns, die wir 
dir die kolossale Ehre erweisen, dich zu bewundern, dich 
mit demselben, von keinerlei Sachkenntnis getrü' ten Urteil 
zu bewundern, wie den „August“ im Zirkus, wenn er sein 
„beiiihmtes“ Seite -Saltomortale exkutiert. — 
Auch Mausei hatte dieses stereotype Lächeln erlernt, 
das voll aus dem danküberströ enden Herzen zu kommen 
scheint, und, mit einem Schritt hinter die schützende Kulisse, 
zu Eis erstarrt. 
Glücklich diejenigen, die nie über dieses Lächeln nach- 
denken. 
Es tut dem so bitter weh, der sich doch ’mal die Zeit 
dazu nimmt. 
Mausei war. als sie kaum zwanzig Jahr alt geworden, 
unvorsichtig genug gewesen, grade, als sie sich vor der 
jubelnd n Menge verneigte, an die fuici.tbare Ironie dieses 
Lächelns zu denken. 
Da war denn urplötzlich das Lächeln erstorben 
Ein weher, jäher Ruck hatte ihr Herz Stillstehen lassen. 
„Schade“! sagten einige Empfindsame, „Sie hat so 
nett gespielt.“
        
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