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Full text: Berliner Leben Issue 8.1905

Unsere Bilder. 
Mit „Hoffmanns- Erzählungen“ von Offenbach hat die 
Komische Oper unter Leitung des Direktors Gregor ihre 
Wirksamkeit begonnen und sich auf Grund des künstlerischen 
Erfolges, der auf einer vertieften Darstellungsform, den 
vorzüglichen Gesangsleistungen des Herrn Bertram, des 
Herrn Nadolovitch, des Fräulein Kauffmann und 
der übrigen Solisten, der Lebendigkeit des Chors und nicht 
zum Wenigsten der prachtvollen und charakteristischen 
Dekoration basierte, den ersten Kunsdnstituten Berlins an- 
gereiht. Geradezu ans Märchenhafte grenzt das Bild des 
zweiten Aktes, der in Venedig spielt. Die südliche 
Lebendigkeit der Natur, das sternenbesäte Azurblau des 
abendlichen Himmels, der Farbenrausch der Kostüme — 
und hierzu der zarte Klang der Barkarole — dies Ensemble 
der verschiedenen Kunstgattungen vereinigt sich zu einem 
Bilde, wie man es bisher wohl noch kaum auf der Bühne 
gesehen hat. — Auf Seite ö bringen wir wieder eine Gruppe 
von Persönlichkeiten, die berufen sind oder waren, im 
Berliner Leben eine grosse Rolle zu spielen. Der bisherige 
Präsident des Oberlandesgerichts zu Breslau, Dr. Beseler, 
der als Nachfolger Dr. Schönstedts zum Justizminister er 
nannt worden ist, begann seine richterliche Tätigkeit Anfang 
der siebziger Jahre beim Amtsgericht Hannover und kam 
am 1. April 1874 als Richter an das Berliner Stadtgericht. 
Nach der Gerichtsreorganisation blieb er bis Mitte 1882 
Landgerichtsrat in Berlin und wurde von hier als Land- 
gerichtsdireklor nach Saarbrücken, 1880 nach Düsseldorf 
vei setzt. Voriges Jahr wurde er als Präsident an das 
Oberlandesgericht in Breslau berufen. In den fünf Jahren, 
während welcher Dr. Beseler an der Spitze des umfang 
reichen und weitverzweigten Amtsgerichts I, Berlin, stand, 
hat er durch sein agitatorisches Geschick verstanden, den 
Geschäftsgang zu einem glatt und schnell funktionierenden 
auszugestalten. — Zur Leitung des Kolonialamtes als Nach 
folger Dr. Stübels ist der Erbprinz Ernst zu Hohenlohe- 
Langenburg berufen worden. Ernst zu Hohenlohe 
ist der älteste Sohn des Fürsten Hermann und im 
Jahre 1863 geboren. Er ist in der Oeffentlichkeit 
besonders als Regent der Herzogtümer Sachsen- 
Koburg und Gotha hervorgetreten, wo er unter 
schwierigen Verhältnissen sich dauernd recht gut zu präsen 
tieren verstand. Der Erbprinz ist nach seiner bisherigen 
amtlichen Stellung Legationsrat a. D. — Eine der populärsten 
Gestalten der Berliner Frauenwelt ist unstreitig Lina 
Morgenstern, die in voller körperlicher und geistiger 
Frische ihren 75. Geburtstag gefeiert hat und anlässlich 
ihres Ehrentages Gegenstand der herzlichsten Ovationen 
wurde. Die Verdienste der Menschenfreundin um die Volks 
ernährung haben ihren Namen in die weitesten Kreise 
getragen und ihre Schöpfung, die Volksküche, haben nicht 
allein in ganz Deutschland Verbreitung gefunden, sondern 
wurden auch vielfach im Auslande nachgeahmt. — Unter 
den Persönlichkeiten dieser Seite befindet sich auch das 
Bild eines unserer hervorragenden Aerzte: leider nicht 
gelegentlich einer Feier, die eine andere Position im Leben 
markiert, nicht zu einem Lebensabschnitt, sondern zu einem 
Abschnitt des Lebens überhaupt. Nach kurzem Kranken 
lager ist Rudolf Ferdinand v. Leuthold durch den 
Tod aus einer glänzenden Stellung gerissen worden, die er 
vielfach seiner gewinnenden Persönlichkeit verdankte. Als 
junger Stabsarzt auf der Traube'scheu Klinik hatte er die 
Aufmerksamkeit Bauers, des damaligen Leibarztes König 
Wilhelms I. auf sich gelenkt. Dem Interesse des Kgl. Leib 
arztes verdankte er es, dass er mühelos zu der Stellung 
eines Leibarztes König Wilhelms I. und des jetzt regierenden 
Königs emporrückte und gleichzeitig auch in der militär 
ärztlichen Rangordnung, um schliesslich nach demTode Colers 
an die Spitze des Sanilätskorps und der Medizinalabteilung des 
Kriegsministerium zu treten. Als ordentlicher Honorarprofessor 
gehörte Leuthold auch der medizinischen Fakultät an der 
Berliner Universität an. — Unser Leben währt 70, wenn 
es hoch kommt 80, sagt der Psalmist und er sagt es zu 
einer Zeit, wo Schnelllebigkcit und Nervosität gewiss noch 
nicht so wie heute die Dauer des Lebens beeinträchtigen. 
Welch ein seltenes Ereignis darum, in unserer Zeit den 
Geburtstag eines Hundertjährigen feiern zu dürfen Und 
es war auch eine selten festliche Stimmung, als sich 
die Bewohner des Hauses Kantstrasse 14.8 zu ihrem Mit 
bewohner, dem Oberstleutnant a. D. Philipp v. Franck 
begaben um dem ergrauten und steinalten doch in voller 
Rüstigkeit sich befindenden Geburtstagskinde, zu gratulieren. 
Auch der Kaiser gedachte des Plundertjährigen, er entsandte 
seinen Flügeladjutanten v. Moltke, der als Angebinde eine 
prächtige Porzellantasse mit dem Bildnis des Monarchen 
überreichle. Eine Deputation des 19. Infanterieregiments, 
bei dem Oberstleutnant v. Franck gedient hatte, überbrachte 
Glückwünsche und einen Lorbeerkranz, ebenso eine Ab 
ordnung des Gendarmeriekorps. Der Greis, dem all die 
Huldigungen galten, hielt tapfer dem Ansturm der Gratu 
lanten stand, bis nach ein Uhr Mittags seine Wirtin ein 
energisches Halt gebot. — Zn den bedeutendsten Künst 
lerinnen des Auslandes, welche periodisch in Berlin gastieren 
und ausserordentlichen Ruhm und Beifall ernten, gehört die 
französische Tragödin Madame Rejane, die in diesen 
Tagen hier wieder gastierte. — Das Debüt der Rejane er 
innert uns an die grossen Erfolge, welche Intendant 
Prasch und dessen Gemahlin Frau Prasch-Grevenberg 
seiner Zeit mit der „Zaza“ am Berliner Theater errangen. 
Intendant Prasch hat nunmehr schon eine Reihe von 
Jahren die Direktion des Theater des Westens inne 
und die künstlerische Höhe, auf die er das Kunstinstitut 
gebracht hat uud die Frequenz, dis es geniesst legen Zeugnis 
davon ab, dass sich da die Leitung in den besten Händen 
betindet. Um die Leistungen zu markieren brauchts nur 
eines I-Iinweises auf die glänzende Erstaufführung der 
„neugierigen Frauen“ des „Opernball “— brauchts nur eines 
Hinweises auf die bedeutenden Gastspiele ausländischer 
Grössen, die Piasch oft unter grossen Mühen heranzieht 
und hier, um bildlich zu sprechen zu „Worte“ kommen 
lässt Auguste Prasch-Grevenberg, die sich besonders 
als Ibsendarstellerin hervorgethan, absolviert mit ausser 
ordentlichem Erfolg jedes Jahr ihre Gastspiele an den ersten 
Theatern Deutschlands. — Unser zweites Bild, das uns 
einen Blick in das Heim eines bedeutenden Künstlers eines 
renommierten Schauspielers Regisseurs und Direktors gewährt 
nimmt sich wie eine stimmungsvolle Familienidylle aus. 
Direktor Hai m, der zukünftige Leiter des Kronprinzen 
theaters, das am Nollendorfplatz errichtet werden soll und 
dessen Bauvorarbeiten schon im vollen Gange sind, hält sein 
Kind auf dem Schosse, auf ein Mannskript sein Auge ge 
richtet, während seine Gemahlin die Rechte auf die Stuhl 
lehne stützt und sinnend die Scene betrachtet. Halm ist ein 
feiner Regisseur, es ist zu hoffen, dass wenn er bei dem 
neuen Unternehmen die nötige Ellbogenfreiheit hat, seine 
Individualitäl zum Nutzen der Berliner Kunst früchtereich zur 
Geltung kommt. — Stimmungsvoll und charakteristisch liegt 
auch das Heim vor uns, das uns einen unseren populärsten 
Lustspieldichter Gustav Kadelburg, mit seiner Frau vors 
Auge führt. „Der Familientag“ hat das Lustspielhaus zur Höhe 
emporgehoben und ihm seine Existenzfähigkeit gegeben, nnn 
wird am ersten Weihnachtsfeiertag Kadelsburgs neuer Schwank 
„Der Weg zur Hölle“ zum ersten Mal gegeben und hoffent 
lich den Ruf des Theaters befestigen und den Ruhm Zickels 
und des Verfassers verbreiten. — Hoffentlich? Man könnte 
von dem Erfolg des neuen Opus Kadelburgs fast mit 
Wahrscheinlichkeit sprechen, wenn man erfährt dass Franz 
Schönfeld wie im Familientag auch in diesem Stück 
die Hauptfigur kreieren wird. Schönfeld, den wir in 
seinem Heim inmitten seiner Familie begrüssen, ist 
einer unserer bedeutenslen Komiker und seinem Humor 
wird sich auch das unwirschste Publikum beugen. — Auf 
Seite 10 und 11 werfen wir ebenfalls einen Blick hinter 
die Koulissen, allerdings nicht der die Welt bedeutenden 
Bretter, sondern eines solchen Instituts, wo lediglich das 
praktische Leben in seiner Vielgestaltigkeit zum Ausdruck 
kommt. Wir sehen in das Innenreich der Post. Wie 
mühelos erscheint dir die Beförderung eines Briefes, wenn 
du ihn in den Kasten wirfst oder empfängst und doch — 
welche Arbeit die Beförderung erfordert, wie viele Menschen 
dein Brief oder deine Stadtkarte, die nur 2 Pfennige kostet, 
oder deine Zeitung in Bewegung setzt, das wird dir hier 
klar, wenn dein Auge vom Drucksachen-Saal über den 
Sortier-Saal, über den Stempel-, über den Briefträger-Saal 
hinweg nach dem Plofe schweift, wo die Postkarriolen 
stehen, um ihre Lasten im Eiltempo den verschiedenen 
Postbezirken zuzuführen. — Aus dem Chaos der musika 
lischen Genüsse sind besonders folgende Persönlichkeiten 
positiv in den Vordergrund der Oeffentlichkeit getreten; die 
beiden bedeutenden Geigerinnen Helene Fürst und Helene 
Ferchland, die Gesangslehrerin Luise Pinoff, die im 
Bechsteinsaal konzertierte, das Waldemar Meyer- 
Quartett, das sich aus den Virtuosen, dem berühmten 
Professor Meyer, dem Herrn Max Heinicke, 
Berthold ITeinze und Albrecht Löffler, zusammen 
setzt, und den stets zusammen konzertierenden Künstlerinnen 
Erika Besserer, einer Schülerin Joachims und der 
Hofpianistin Ida Sothmann. — Eine unserer bedeutendsten 
Gesangslehrerinnen ist Frau Nicklass-Kempner. Schon 
manche Grösse ist aus ihrem Institut hervorgegangen und 
hat siegreich den Weg über die Bühnen genommen. Auf 
unserem Bilde sehen wir unter ihren Schülerinnen u. a. 
Frida I-Iempel, die hervorragende Koloratursängerin, die 
hier am Opernhause mit so grossem Erfolge sang und jetzt 
in Schwerin am Hoftheater wirkt, ferner die bekannte Soubrette 
Paula Worm, die sich gesanglich bei FrauNicklass-Kempuer 
ausbilden lässt, um zur Oper zu gehen, — Die humorvollen 
Genrebilder aus dem Plundasyl, beispielsweise wie 
eine englische Dogge im Mittagsschlafe gestört wird oder wie 
sich ein Pudel das Fell scheeren lassen muss, füllen unsere 
Seite 14 aus und auf Seite 15 betrachten wir die drolligen 
Kunsterzeugnisse der Plastik, die Kinder unter Aufsicht des 
Bildhauers Albert Reimann fabrizieren. Reimanns Be 
strebungen gehen dahin, dem Modellieren als Ausdrucks 
mittel und als Erziehungsmittel zur Kunst Geltung zu ver 
schaffen. Es gilt nicht, die Kleinen etwa zu Bildhauern 
heranzubilden, sondern, das Auge zu schulen, die Hand 
fertigkeit zu üben und die kindliche Phantasie zu be 
schäftigen. — Eine Koryphäenfamilie der circensischen 
Künste ist Direktor Albert Schumann mit Frau und 
Tochter, deren vornehmes Heim wir, wenn auch nur bild 
lich den Freunden des Berliner Lebens erschliessen. Nicht 
zum wenigsten den Leistungen des Direktors und denen 
der Tochter, verdankt der Cirkus Schumann die reichen 
Erfolge und den ausserordentlichen Besuch, dessen sich das 
Institut allabendlich die ganze Saison hindurch erfreut. — 
Als Präludium zu den Karnevalsfesten bringen wir die in 
ihrem grotesken Milieu eigenartig wirkende Sitzung; Der 
kleine Rat des Vereins der Rheinländer im Kar 
neval-Appell der Schlaraffia. Der Vorsitzende des 
kleinen Rats ist Herr Lenssen. — Folies Caprices 
bildet das Schlussbild unseres Bilderzyklus. Wir sehen die 
Portraits der drei Direktoren, deren Leitung sj rasch das 
Budapester Possentheater in der Linienstrasse zu Ruf ge- 
gebracht haben, wir sehen eine Anzahl tüchtiger Mitglieder 
und schliesslich noch eine Szene aus der Posse „Nach dem 
Zapfenstreich“, die bald ihre hundertste Aufführung er 
leben wird. Bemstein-Smversky.
        
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