Path:

Full text: Berliner Leben Issue 8.1905

2 
Ein Traum. 
Von Josef Jelinek, (Berlin). 
(Nachdruck verboten.) 
In der gestrigen Nacht, dem Vorabend zu Schillers 
Geburtstag, bin ich totgeschlagen worden, — denn ich 
war ein Rezensent. — 
Meine kleine Skribentenseele löste sich los, flog 
langsam auf, sah noch einmal mitleidig hinunter auf 
den Körper, von dem sie weiter nichts als eine Mähne, 
einen Klemmer und ein paar Beine liegen sah, und 
stieg dann durch den feuchten Novemberhimmel immer 
höher, über alle Wolken, bis in den Himmel. Dann 
wandelte sie unter prächtigen Regenbogen, durch herr 
liche Blumengärten, bis an eine wundervolle Halle. 
Ringsum schillernder Glanz und zarte Farben! Und 
ein diskreter Duft von Blumen, und Kuchen, und 
Schokolade, und — sonderbar — von faulen Aepfeln. 
Aber meine Seele ahnte sofort, dass im Himmel Geburts 
tag gefeiert wird. 
Sie ging weiter; da gewahrte sie im einer stillen, 
lauschigen Nische einen ehrwürdigen Mann im 
schwarzen Talar, der hatte in seiner Hand eine 
mächtige prachtvolle Bibel, die hielt er zwischen Auf 
gang und Niedergang und blätterte sinnend darin. Da 
trat hervor einer, unendliche Liebe in den Zügen, 
Sehnsucht in seinen Augen. Er trug eine Rolle 
Manuskripte in der Hand; mit der anderen strich er 
sich langsam eine Locke aus der herrlichen Stirne. 
Da erzitterte meine Seele plötzlich vor Freude, denn 
sie erkannte den Mann: es war Friedrich Schiller. 
Er trat auf den ehrwürdigen Herrn zu und sprach: 
»Mein lieber Martin Luther, ich komme Euch zu Eurem 
Geburtstage zu gratulieren.« 
Da legte der ernste Mann die Bibel zur Seite und 
sprach in warmen Worten: »Ich danke Euch! Ich 
habe eben ein Gebet für Euch zu Gott gesandt und 
war gerade im Begriff, Euch meine Wünsche zum 
Geburtstage selbst zu überbringen.« Und wehmütig 
sprach er weiter: »Seht ihr lieber Schiller, am heutigen 
Abend werdet Ihr auf fast allen Theatern im weiten 
Deutschen Reiche gespielt, zum Gedenken Eures 
hundertfünfundvierzigsten Geburtstages; — meiner ge 
dachte man heute weit weniger!« Und resigniert 
fuhr er fort: »Ich gab ja der Menschheit blos die Re 
ligion; Ihr aber, Ihr gabt ihr das Schönheitsideal: Die 
Kunst! — Wenn alle Kirchen, alle Klöster längst ver 
fallen sein werden: Die Tempel der Kunst werden 
die deutschen Stämme einen! Und unter den Propheten, 
0 
0 
0 
0 
0 
0 
> 
0 
0 
0 
0 
0 
0 
0 
0 
0 
0 
0 
0 
0 
0 
0 
0 
0 
0 
0 
0 
0 
0 
0 
0 
0 
0 
0 
Mlle. Deberio 
Chanteuse fantastique Eloile Parisienne 
(Apollo-Theater). 
die der Menschheit die Kunst gebracht haben, wird 
man Euch in allen Festen als Ersten nennen!« 
»Na!« machte Schiller lustig, der die Rührung nur 
mühsam niederkämpfen konnte: »s’ ischt g’rad’ kei 
Seeligkeit, nur wege dem bissle Pietät aufg’fiihrt z’werde! 
Dees halte ja die Leut’ da unte doch blos aus G’wohn- 
heit! Na freilich: schön isch die Pietät wohl und sie 
erweckt in mir die einzige Befriedigung, nicht zweck 
los vor einhundertundsiebenundzwanzig Jahre die 
»Räuber« g’schriebe z’habe. Und’s tut mich auch freue, 
dass viele Theater in den deutschen Landen meinen 
Name trage .... ja sag’ Er, wie kommt Er denn 
herein?!« wandte sich Schiller an meine Seele, die er 
erst jetzt erblickte: »Wer seit er denn? Kollege?« — 
»Na — nein, Excellenz,« stammelte sie, »nicht ganz, 
ich wollte blos — Tierarzt werden.« 
»Mir Scheins aber, er trieb doch Poeterei!« 
Nur als Schüler, . . da tat ich so etwas . . . Aber 
ich . : parodierte blos — Ihre Gedichte. Es freut mich, 
0 
0 
0 
0 
0 
0 
0 
0 
0 
0 
0 
0 
0 
0 
0 
0 
0 
0 
0 
0 
0 
0 
0 
0 
0 
0 
0 
0 
0 
0 
0 
0 
0 
0 
0 
0 
0 
jetzt endlich . . Gelegenheit zu haben, . . Sie deshalb 
um Entschuldigung zu bitten.» 
»Na: beruhige Er sich! Was hat Er aber sein lebe 
lang unten getriebe?« 
»Ich habe in der Literatur nichts leisten können« 
antwortete sie beschämt, »da wurde ich eben, — wie 
so viele, — Kritiker«. Das »Kritiker« brachte sie ganz 
kleinlaut hervor. 
Schiller lachte. 
»Nu höre Se«, sagte er, da könne Se mir aber in 
Ihrer Eigenschaft als Kritiker einen G’fallen tun: Gehe 
Se doch noch einmal runter und schauen Se sich die 
Aufführunge meiner Stücke an und tue Se mir dann 
morge darüber berichte; wolle Se? Ich werd’ schon 
mit Petrus wege dem Aufmache rede.« 
»Ja aber, . . ich kann ja nicht recht gut mehr ins 
Theater gehen, — man hat mich doch gestern totge 
schlagen, weil ich ein Hund, — nein, ein Rezensent 
war«, stotterte meine Seele. 
»Na freilich dürfe Se ins Theater gehe, erseht recht: 
Se sind ja ein Geischt!« 
»O Excellenz!« stammelte sie verzückt, da sie in 
der freudigen Verwirrung nicht gleich begriff, wie das 
»Geist« gemeint war. 
»Und nu lebe Se inzwischen recht wohl!« Schiller 
reichte meiner frohen Seele die Hand. 
Diese versicherte immer wieder und wieder, dass 
sie zu der Erdenfahrt selbstverständlich mit Freuden 
bereit sei und sich glücklich schätze, dem Meister einen 
Dienst erweisen zu können, und das ihr bis jetzt auch 
jede Gelegenheit dazu gefehlt habe. 
Und dann verbeugte sie sich tief, .... noch ein 
mal .... 
»Au! — Was war das?« — Ich taumle zurück, 
fliege herunter »Aha: die Erdenfahrt! 
Au! Donnerwetter nein! — Sowas!« — 
— Heller Morgen um mich. Mein Schädel brummt 
und ich sitze am Boden. — Ich habe geträumt und 
beim Verbeugen mit dem Kopf an die Wand ge 
schlagen. — Dann bin ich wohl zurückgeschnellt und 
aus dem Bett auf die Erde gefallen. — 
»Donnerwetter: wie konnte das nur kommen!? . . 
Ich habe doch gestern Mitternacht zu Ehren Schillers 
Geburtstag zwei Schillerlocken mit Schlagsahne ge 
gessen, . . und dazu zwei Grogs, . . , dann zwei bis 
sieben Cognacs getrunken . . Und dann, zum Schluss, 
blos noch einen Schlummerpunsch . . 
»Ja ja: Träume kommen aus dem Bauch!« 
»Oh! — Und jetzt soll ich noch eine Theaterkritik 
schreiben!« —
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.